Mein lieber Feminismus

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Mein lieber Feminismus*,

ich schreibe dir heute, am 8. März 2016, um dir einfach mal zu sagen, wie toll ich dich finde und wie froh ich bin, dass es dich gibt! So oft, wie du grundlos auf die Mütze kriegst, ist doch der Frauenkampftag ein passender Anlass, um dir einfach mal Danke zu sagen.

Denn ausgerechnet jedes Jahr zum Weltfrauentag wirst du ja regelmäßig für tot erklärt. Wahlweise wirst du auch für zu humorlos befunden. Eine anderes Mal bist du mal zu eklig. Angeblich gehörst du auch nur umgestylt und umbenannt. Auf jeden Fall bist du aber immer zu wütend. Gerne auch alles auf einmal. Und zack, geht es schon wieder nicht um Geschlechtergerechtigkeit…

Es ist ja fast so, als wärst du eine Frau, die – egal was sie macht – es eben nie recht machen kann?! Als würde man sich lediglich an Äußerlichkeiten hochziehen und sie absichtlich negativ interpretieren, um sich nicht mit den Inhalten befassen zu müssen, auf die du immer wieder beharrst.

Aber keine Angst, wenn ich solche Abgesangstexte lese, verfalle ich nicht in Sorge. Ermüdung trifft es viel eher. Die vermeintliche Kritik soll halt irgendwie neu sein („Endlich sagt’s mal jemand!1!!“), ist es aber keineswegs. Da fällt mir ein: Grüß doch mal die Hedwig Dohm von mir, ja?

Ich frage mich halt außerdem jedes Mal, wo diese Menschen hingucken, die dich abschreiben. Schließlich weiß ich allein aufgrund der wundervollen Menschen in meinem Umfeld, dass du absolut quietschfidel bist. Und da habe ich all die feministischen Menschen, die ich regelmäßig bei Veranstaltungen im ganzen Land treffe oder die sich per Mail/Twitter/Facebook/undsoweiter bei mir melden, noch nicht mal dazu gerechnet.

Wie machst du das eigentlich, wenn du solche Rumbehauptungsschlagzeilen liest? Schüttelst du lachend den Kopf und fühlst erst mal deinen Puls, bestehend aus all den Menschen, die dir jeden Tag beherzt Leben einhauchen?

Deshalb an dieser Stelle einfach mal:

Danke, dass ich durch dich gecheckt habe, wie fies verinnerlichter Sexismus ist. Dieses ekelhafte Gefühl, das am Selbstbewusstsein nagt und viel zu lange dafür sorgte, dass ich mich nicht einfach für andere Frauen freuen konnte, sondern sie als Konkurrenz empfand. Klar, so etwas tief Verinnerlichtes ist nichts, was du von heute auf morgen ablegst, aber kaum etwas hat mich so sehr befreit wie die Erkenntnis, dass ich nicht auf andere Frauen scheißen muss, um mich besser zu fühlen und ich selbst wiederum nicht weniger wert bin, wenn andere Frauen erfolgreich sind. (Hierzu kannst du dir jetzt im Hintergrund einen Chor vorstellen, der „Let it go“ schmettert.)

Danke dafür, dass du mir die großartigsten Herzensmenschen überall auf der Welt beschert hast. (Mit extra Shout-Out ans Internet!) Und, dass wir gemeinsam nicht nur kämpfen, sondern immer auch lachen können.

Danke, dass du mir gezeigt hast, dass es nicht nur einen Weg gibt, um zu dir zu finden und dass es auch nicht nur einen (oder gar den einen) Weg gibt, Feministin zu sein.

Danke dafür, dass du mir immer wieder klar machst, dass ich nicht perfekt sein muss. Auch nicht als Feministin. Dass ich Fehler machen darf und aus ihnen lernen werde.

Danke dafür, dass ich durch dich verstanden habe, nicht schuld daran zu sein, wenn ich sexualisierte Gewalt erfahre. Von dir höre ich keinen Mist wie „Was hattest du an? Warst du betrunken? War es nicht bloß ein Kompliment?“ Nein, du sagst einfach nur „Ich glaube dir. Was für eine Scheiße. Lass uns dafür sorgen, dass niemand mehr so etwas erleben und gar hinnehmen muss!“

Danke, dass du mir Wut nicht absprichst, sondern in ihr eine absolut angemessene Reaktion auf unterdrückenden Bullshit siehst – allein, weil Weglächeln eben auch nicht hilft, um Probleme zu lösen.

Danke, dass du mir gezeigt hast, dass meine Stimme zählt und dass du mich immer wieder ermunterst, sie auch einzubringen.

Danke, dass du mich die Gesellschaft und ihre vorherrschende „Ist halt so“-Haltung immer wieder mit einem „Aber muss es auch so bleiben?“ hinterfragen lässt.

Danke dafür, dass du dich konsequent um die Probleme der Care-Arbeit sorgst (pun intended) und sie wertschätzt, während sie unserer Gesellschaft weiterhin komplett am Arsch vorbeigeht.

Danke dafür, dass du kein zynisches Arschloch bist, sondern einfach solidarisch. Dass du mir gezeigt hast, dass es eben nicht nur um mich geht, sondern um Freiheiten für uns alle. Dass unsere Kämpfe dabei nicht alle identisch sind, aber der Wunsch sie nicht mehr führen zu müssen, uns eint.

Danke dafür, dass du unermüdlich eine geschlechtergerechte Zukunft entwirfst und einforderst, statt in der Vergangenheit zu kleben und Fred-Feuerstein-Geschlechterbilder heraufzubeschwören, die es noch nicht mal zu Steinzeiten gab.

Danke, dass du dich dabei um die (vermeintlich) kleinen Dinge genauso kümmerst, wie um die großen und sie nicht gegeneinander ausspielst.

Danke, dass ich immer wieder Kraft und Hoffnung aus dir schöpfen kann. Besonders, wenn die Welt sie mir sonst überall raubt.

Es gibt so vieles zu sagen, aber das Wichtigste ist wohl tatsächlich: Danke, dass es dich gibt!

<3

Deine Anne

* Ja, ich weiß, den einen Feminismus gibt es nicht, aber du bist eben meiner.

  • Martin Gommel

    Danke, liebe Anne. Du weißt, wie sehr ich Deinen und den Einsatz von so vielen Feminist*innen bewundere. Auch ich brauche den Feminismus, gerade weil ich ein Mann bin und mir vieler Dinge vor Eurem Engagement überhaupt nicht bewusst war. Vor allem aber bin ich froh über Menschen wie Du, die entspannt und trotzdem klar sagen, was sie denken. Die mutig sind, zu sich stehen und weiterkämpfen – wohl in dem wissen, dass es immer Leute geben wird, die von der Tribüne herunter schreien »Das hätte ich besser gekonnt!«. Menschen wir Du und so viele andere haben es mir ermöglicht, einen positiven Zugang zum Feminismus zu gewinnen. Macht weiter so.