Frauen und Tattoos (2) – Matroschkas und Entwaffnungszauber

In dieser Portraitreihe wollen wir alles rund um Frauen und Tattoos erzählen. Geschichten hinter den Tattoos, was sie bedeuten und wie sie entstanden sind. Wir werden euch Tätowiererinnen, Künstlerinnen und Frauen mit Tattoos vorstellen. Heute lernt ihr Silvia kennen, eine waschechte Hamburgerin, die auf ihrem eigenen Blog über Musik und Konzerte schreibt.

Ich treffe mich mit Silvia bei Streuselkuchen und Kaffee im Frau Honig in Berlin. Eine Freundin hatte sie per Mail für dieses Interview vorgeschlagen. Silvia ist für ein Tele-Konzert zu Besuch. Normalerweise arbeitet sie in Hamburg in der Abteilung eines Medienunternehmens, die Dokus und Reportagen fürs Fernsehen macht.


“Wir machen auch Tier-Dokus,” erzählt sie mir. “Ja, und auch so Reise-Reportagen. Das ist manchmal ganz lustig, weil uns nämlich Leute einfach ihre Reisevideos zuschicken, die sie aufgenommen und auf DVD gebrannt haben. Die fragen dann, ob wir das nicht ausstrahlen können. Die Leute sind so zwischen 65-75. Da kriegen wir dann so Videos von Hildegard und Eberhard an der Ostsee, wo Eberhard filmt und immer ruft “Hildegard wink doch mal!” Das ist schon süß.”

Hier folgen auf meiner Audio-Aufnahme einige Momente Gelächter meinerseits. Auch heute, mehrere Wochen nach dem Interview, ist die herzige Vorstellung wie Hildegard und Eberhard ihre wackelig gedrehte Ostseeaufnahmen ans Fernsehen schicken, immer noch eine meiner liebsten Anekdoten. Als der Kaffee kommt, sind wir dann auch bei Silvias Tattoos angelangt.

“Also angefangen habe ich wie viele andere auch,” erzählt Silvia, “mit Sternchen auf dem Arm. Drei Stück, erstmal nur die Umrisse. Da war ich Anfang Zwanzig. Ich hatte nicht so viel Ahnung von Tattos und dachte, man kann ja bei so kleinen Sachen nicht so viel verkehrt machen. Ich war dann in so einem Tattoostudio, was da halt gerade war, und die haben das leider echt nicht gut gestochen.”

Wieso? Ist das schiefgegangen?

Ich habe super empfindliche Haut und die haben das viel zu tief gestochen, sodass das nach einem Jahr schon ganz doll ausgefranst war und auch vernarbt ist. Damit bin ich dann später in ein richtig gutes Tattoostudio gegangen und die haben das dann ausgebessert und den Schriftzug hinzugefügt.

 

Was sind das für Worte, ‘and It just is’?

Das ist aus einem Text von Rilo Kiley. Das ist eine meiner Lieblingsbands und das ist ein Song, der mir durch schwere Zeiten geholfen hat und mir Mut gemacht. Sachen, die man nicht vergessen möchte, sollte man sich in die Haut schreiben.

Der Song heißt genau so: It just is. Es geht um Tod und Verlust und auch um Akzeptanz. Das ist es für mich auch: Dass man im übertragenden Sinne Sachen einfach akzeptieren muss. It just is. Ob das nun alltägliche Ärgernisse sind oder schlimme Schicksalsschläge oder Todesfälle – ich kann es nicht ändern. Ich darf mich natürlich drüber ärgern, man darf auch traurig sein, aber am Ende muss ich es eben akzeptieren.

 

Hast du die Tattoos selbst designt, oder macht das deine Tätowiererin?

Das ist unterschiedlich. Das auf dem Rücken, das sind Schriften, die ich mir im Internet rausgesucht habe, deren Stil ich toll fand, und meine Tätowiererin hat das dann selbst gezeichnet und ausgearbeitet. Aber in der Armbeuge rechts (“Expelliarmus” steht da), und auch am Rippenbogen (“Expecto Patronum”), das ist meine eigene Handschrift.

Für alle, denen das nichts sagt: Die Ausdrücke sind Zaubersprüche, die bei Harry Potter vorkommen. Ziemlich wichtige sogar. “Expelliarmus” wird zum Entwaffnen gebraucht und “Expecto Patronum” lässt ein wichtiges Schutztier erscheinen, das aus Glück gemacht ist und dich vor Bösem beschützt.

 

Oh! Wie toll! Ich bin auch so riesiger Harry Potter Fan. (Anmerkung: Wie auch Map, der das hier sehr schön beschreibt)

Ja, ich fand Harry Potter auch schon immer toll. Diese Vorstellung, dass eines Tages jemand zu dir kommt und sagt, eigentlich bist du gar nicht das Kind deiner Eltern, sondern Zauberin und darfst jetzt auf eine Zauberschule. Hach!

Zu dem Spruch, Expecto Patronum –  was meinst du, welche Form würde dein Schutzpatron annehmen?

Das wäre bestimmt ein Kaninchen. (lacht) Ich hab immer Kaninchen gehabt als Haustiere. Ich hab auch jetzt eins, das ist ein Wildkaninchen, ein Findelkind. Das wurde von der Katze einer Freundin angeschleppt und verletzt auf ihrer Fußmatte abgelegt. Ich habe es dann adoptiert und aufgepäppelt und jetzt wohnt es bei mir.

Wie geht das eigentlich, dass du deine eigene Handschrift für die Wörter benutzt hast?

Das ist wie ein Abziehtattoo. Die haben so einen speziellen Drucker, mit dem das ausgedruckt wird und dann mit einer Fettcreme auf die Haut aufgetragen. Dann kann das nachgestochen werden.

Ich fand das am Anfang ganz komisch, weil das in meiner eigenen Handschrift ist, aber auf meinem rechten Arm. Das hätte ich ja gar nicht selbst schreiben können, weil ich Rechtshänderin bin. Das fand ich echt irritierend am Anfang, aber ich hab mich dran gewöhnt.

Die Tätowiererin zu der du gehst, ist immer die selbe?

Ja genau, das ist Carmen von Burning Needles in Hamburg. Die hat alle meine Tattoos gemacht – außer die allerersten natürlich. Da sage ich nicht, wo die her sind. (lacht)

Hinterher gibt es gute Geschichten

Ja lustig, dass der erste Versuch manchmal so schief geht. Das meinte Rebecca ja auch, dass sie zuallererst in irgendein Studio gegangen ist und erst später angefangen hatte, das vorher besser zu recherchieren.

Du weißt am Anfang, wenn du noch nicht tätowiert bist, ja auch gar nicht so richtig, worauf du achten sollst. Das lernst du erst mit der Zeit. Ich hab auch oft drüber nachgedacht, ob ich mir, wie Rebecca, verschiedene Künstler_innen für verschiedene Stile aussuchen soll. Ich hab das bisher aber nicht gemacht und werde das auch wahrscheinlich nicht machen, weil ich einfach so spezielle Haut habe, dass ich Angst habe, dass das schief geht. Meine Tätowiererin kennt meine Haut und weiß, was funktioniert und was nicht. Welche Farben z.B. nicht gut gehen.

Ach was!! Das wusste ich gar nicht. Das ist von der Haut abhängig, welche Farben du verträgst?

Ja, bei mir funktioniert Grün zum Beispiel überhaupt nicht. Das geht gar nicht erst richtig in die Haut. Ich habe ein Kleeblatt am rechten inneren Oberarm und das ist bis heute noch nicht fertig. Wir haben es einfach nicht gut hinbekommen, weil die Farbe nicht rein wollte in die Haut – das ist beim Tätowieren alles sofort dick angeschwollen, hat auch doll geblutet und gebrannt. Da muss in der Farbe irgendwas drin sein, was ich nicht vertrage. Wir haben auch unterschiedliche Hersteller ausprobiert, aber nichts hat funktioniert. Jetzt haben wir das erstmal ruhen lassen und überlegen uns nochmal was.

Wie gehst du eigentlich mit dem Schmerz um? Ist das ein Faktor, den du vorher einberechnest ?

Eigentlich gar nicht. Ich hab zwar empfindliche Haut, bin aber komischerweise nicht so schmerzempfindlich. Meine Haut wird zwar jedes mal sehr rot und es blutet auch, aber ich habe das nie als wirklich schlimm empfunden. Klar, das Kleeblatt tat schon weh, weil die Haut so angeschwollen ist.

Es gibt natürlich auch Stellen am Körper, die schlimmer sind als andere. Das am Rippenbogen fand ich zum Beispiel sehr unangenehm – nicht weil die Haut so dünn ist oder weil es auf dem Knochen ist, sondern einfach, weil ich während des Tätowierens nicht atmen mochte. Ich wollte möglichst still halten und musste aufpassen, dass ich nicht husten muss und so. Ich weiß nicht, ob ich das nochmal machen würde. Zum Glück hat der Schriftzug nicht lange gedauert – nur so 30 Minuten.

Mensch toll, dass du den Schmerz nicht so spürst. Da bin ich ja ganz neidisch. Das hält mich immer vom nächsten Tattoo ab. Wenn der Schmerz nicht wäre, wär ich wahrscheinlich schon über und über tätowiert. Daher bis jetzt bei mir erstmal nur das erste Tattoo. Welche Tattoos kamen dann bei dir nach dem ersten?

Da kamen dann die Zaubersprüche und das “more adventurous” auf dem Rücken. Das ist auch aus einem Rilo Kiley-Song, in dem es darum geht, dass man mit jedem gebrochenem Herzen abenteuerlicher werden sollte.

Und nicht verhuscht oder ängstlicher, stimmt. Wie kam das?

Ich bin irgendwie immer wieder an komische Menschen geraten im Leben und wurde oft verletzt. Das ist in dem Moment traurig, aber hinterher gibt es meist wenigstens gute Geschichten zu erzählen. Comedy’s just tragedy plus time. Ich bin natürlich nicht jedes mal sofort abenteuerlicher, nachdem mein Herz gebrochen wurde, das dauert eine Weile – aber grundsätzlich ist das eine Richtlinie, an die ich mich halten möchte. Die Leute, die ich danach kennenlerne, können ja sicherlich nichts dafür. Manchmal gehe ich durch die Welt und denke es gibt so viele kaputte Menschen, weil einfach alle so viel Quatsch erlebt haben und verletzt worden sind. Man sollte sich davon nicht so beeinflussen lassen und trotzdem immer noch mutig sein. Genau darum geht es es eben auch in dem Song.

Beim deinem Rückentattoo sind auch noch so Schwalben über dem Schriftzug? Gehören die dazu?

Och, nö, eigentlich nicht. Die hab ich mir machen lassen, weil ich sie so schön fand, kein tieferer Sinn, keine Bedeutung. Dummerweise hab ich mir das machen lassen, kurz bevor das Casper-Album damals rauskam, auf dem die Zeile “Schwalben an den Hals, dass jeder sieht wie frei wir sind vorkam, und ich musste unglaublich viel mit Leuten diskutieren, ob ich mir das nur wegen dieses Liedes habe stechen lassen. Und darüber, wie ich die Platte finde. Ich war nach einigen Monaten einfach so genervt. Ich wollte nie wieder über Casper reden.

Das kannste dir ja noch daneben tätowieren lassen, so als Erklärung. (lacht)

Ich hab’s kurz überlegt, ob ich es mit Edding daneben schreiben soll. (lacht)

Zu den Matroschkas – da meintest du, das wäre das größte Projekt gewesen.

Ja, und das war so eigentlich nicht geplant. Das Motiv kommt von einer Kaffeetasse, die ich von einer alten Freundin geschenkt bekommen habe. Die Tasse hatte draußen eine große und drinnen am Rand drei kleinere Matroschkas aufgedruckt. Und diese drei kleinen Matroschkas wollte ich gern unters Schlüsselbein tätowiert haben. Ich bin dann zu meiner Tätowiererin gegangen damit, aber die meinte, dass ich da ein bisschen zu klein für bin und dass es da zuwenig Platz gibt unter meinem Schlüsselbein. Dann haben wir einfach eine größere unters Schlüsselbein gemacht und die anderen auf den Rücken – und dann war auf einmal der halbe Rücken voll. Und es war eine gute Entscheidung.

Hat das auch eine emotionale Bedeutung für dich? Also so als Verbindung zu deiner Freundin oder so?

Nee, gar nicht. Ich fand es wirklich einfach nur hübsch. Mir glaubt das auch immer keine_r, wenn ich sage, das ist einfach nur das Motiv von einer Kaffeetasse. Gerade Leute, die nicht tätowiert sind, denken ja immer es muss irgendwas ganz tiefsinniges bedeuten. Ich sag dann immer ‘Nein. Ich fands einfach schön!! Oder bedeutet dein Haarschnitt zum Beispiel etwas besonderes?‘. (lacht)

Und jetzt nimm bitte deine Finger
aus meinem Dekolleté

Das kommt auf die Liste der Sachen, die man auf doofe Tattoo-Fragen antworten kann.

Manchmal ist das echt nervig. Gerade, wenn mich beim Ausgehen irgendwelche besoffenen Menschen darauf ansprechen. Die fummeln mir dann auch gern im Ausschnitt rum, so von wegen ‘Zeig mal!’ Das ist echt doof. Nur weil ich tätowiert bin, muss ich mich nicht anfassen lassen.


Den Satz drucke ich mir aus! Ja! Als ob das Tattoo eine Einladung wäre. Ebenso wie ein kurzer Rock oder was. Merkst du einen Unterschied, wie du als Frau mit Tattoos behandelt wirst im Gegensatz zu Männer mit Tattoos?

Hm ja, also die besoffenen Menschen, die mir im Ausschnitt rumgrabbeln, würden wahrscheinlich einem Mann nicht sein Arschgeweih unter dem Shirt herauspulen. Tattoos sind halt leider ein gutes Thema, um ein Gespräch auf dem Weg zum Klo anzufangen. Gerade diese Menschen, die man vor Toiletten trifft: Furchtbar. Die bestehen immer darauf, das muss doch ne Bedeutung haben, du willst sie mir bloß nicht erzählen. Bäh. Und jetzt nimm bitte deine Finger aus meinem Dekolleté.

Dann sind alle faltig und bunt

Was war denn die schönste Reaktion, die du auf deine Tattoos bekommen hast?

Als meine Mutter sich irgendwann damit angefreundet hat, dass ich tätowiert bin. Am Anfang fand sie das ganz, ganz furchtbar und hat erstmal nicht mehr mit mir geredet. Über die Jahre hat sie sich dann damit abgefunden. Irgendwann meinte sie sogar, dass sie im Urlaub auch immer wieder tätowierte Frauen sieht, am Stand, bei denen das ganz hässlich aussieht, und dass meine Tattoos doch schon sehr schön gemacht sind und hübsch aussehen. Als sie meine Tattoos doof fand, hat das natürlich auch nichts daran geändert, wie ich sie selbst finde, aber es ist trotzdem toll, dass sie das nach Jahren endlich akzeptiert und auch zugeben kann, dass sie es doch ganz schön findet eigentlich.

Meine Oma fand die Tattoos übrigens von Anfang an total super, aber sie ist auch die lockerste Oma auf der ganzen Welt. Die ist gerade 90 geworden, werkelt noch in ihrem Garten rum und züchtet dort Tomaten. Die sagt immer: Lasst doch die jungen Leute machen, wenn sie das schön findet, soll sie doch. Die ist super entspannt.

Sind dir deine Tattoos jemals auf die Füße gefallen? Das hört man ja immer wieder von wegen oh mein Gott, jetzt kriegst du nie wieder einen Job oder eine_n Partner_in oder was weiß ich.

Also am Anfang hab ich da auch schon drauf aufgepasst, dass man es gut bedecken kann mit Kleidung, aber mittlerweile ist mir das egal. Ich werde ja auch nie in einer Bank arbeiten oder so. Nur manchmal, wenn im Büro wichtiger Besuch kommt, dann ziehe ich mir eine Strickjacke drüber. Manchmal sind es dann doch ältere, konservative Menschen, mit denen ich zu tun habe, auch im Medienbereich.

Ach, auch so ein doofer Satz, der immer kommt: Wenn du alt und faltig bist, dann sieht das doch voll hässlich aus. Aber das ist dann in meiner Generation einfach so. Dann sind alle faltig und bunt.

 

Fotos: Michael Berger, Flexaret V, Film Kodak Portra 160.

Silvias Tattoos:  Alle von Carmen von Burning Needles in Hamburg.


Mehr Folgen dieser Reihe:
Twin Peaks, Füchse und Banditinnen (1)

 

Wenn ihr selbst Lust habt, fotografiert und interviewt zu werden oder eine tolle Frau mit Tattoos oder eine Tätowiererin empfehlen könnt, schickt gern eine Email an: wirsindkleinerdrei(at)googlemail.com.