Männer sind also egoistischer, und Frauen können sich einfühlen

Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by Quinn Dombrowski

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Sascha Verlan.

Sascha Verlan lebt und arbeitet als freier Autor und Hörfunkregisseur in Bonn. Er schreibt unter anderem über Selbstermächtigung und Respekt, über die kreativen Potentiale und sozialen Hintergründe von HipHop, Street Art und Spoken Word. Im Februar erschien im Verlag Antje Kunstmann das Buch ‚Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees‘, das er gemeinsam mit Almut Schnerring geschrieben hat: wir wollen unseren Kindern nicht zwei Möglichkeiten bieten, sondern tausend, wie es Artikel 2 des Grundgesetzes eigentlich allen garantieren möchte, die freie Entfaltung der Persönlichkeit.

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Frauen können sich auch in Stresssituationen noch gut in andere Menschen hineinversetzen, Männer dagegen handeln unter Stress selbstbezogener, egoistischer, weniger empathisch – Stereotypenforschung von Livia Tomova und Claus Lamm von der Universität Wien. Die Zeit berichtet darüber und packt den Artikel unter die Kategorie ‚Geschlechterunterschiede‘. Ob es dort auch eine Kategorie ‚Geschlechtergemeinsamkeiten‘ gibt? Rhetorische Frage, natürlich nicht. Grund dafür ist der so genannte publication bias, die verzerrte öffentliche Darstellung von wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es schon immer mehr Aufmerksamkeit, Gelder und Medienberichte, weil ‚keine Unterschiede‘ kein Forschungsergebnis ist, schließlich hieße das: Kein Befund. „Wieder keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gefunden“, darüber lohnt sich nicht zu reden oder zu schreiben. Wer darauf abzielt, dessen Forschungsprojekt wird nicht Ernst genommen und stirbt noch vor dem ersten Förderungsantrag. Also reden wir fortwährend über Geschlechterunterschiede auf emotionaler, körperlicher, neurologischer, hormoneller Ebene, was auch immer, und vergessen dabei, wie ähnlich wir doch eigentlich sind oder wie ähnlicher wir sein könnten.

Zur Ehrenrettung der Wiener Wissenschaftler*innen sei hier gesagt, dass die Studie selbst das Thema wesentlich differenzierter angeht und auch die vielen noch nicht geklärten Aspekte anspricht. Aber die Frage bleibt: Was will uns die Studie lehren? Was wollen uns die Berichte darüber vermitteln? Dass wir anders sind und es einen männlichen Zwang gibt, weniger sozial, weniger empathisch zu sein, weil wir gar nicht anders können?

Von Männern erwartet die Gesellschaft keine Empathie
– also zeigen sie keine

Das mit der Empathie bei Männern ist ein alter Hut: Immer und immer wieder wird darüber berichtet, immer und immer wieder werden die alten und oft schon widerlegten Studien zitiert. Dabei konnten zum Beispiel Kristi Klein und Sara Hodges von der University of Oregon mit ihrer Studie ‚When it pays to understand‘ folgendes belegen: wenn es eine Belohnung gibt für empathisches Verhalten, wenn also Geld oder Punkte für die Lösung einer Aufgabe vergeben werden, dann schneiden Männer in Empathietests genauso gut ab wie Frauen. Und Frauen sind besonders empathisch, wenn vorher betont wird, wie empathisch Frauen ja im Allgemeinen seien. Das ist im Ungefähren auch die Grundlage, auf der Simon Baron Cohen seine Thesen vom sogenannten „weiblichen Gehirn“ verbreitet: er hat Frauen und Männer selbst einschätzen lassen, wie empathisch sie sind. Nun trägt er mit seinen Veröffentlichungen dazu bei, dass in Diskussionen über Geschlechterklischees auf diese angeblich natürlichen Unterschiede verwiesen wird. Dabei werden doch auch keine Studienergebnisse verbreitet, bei denen Menschen selbst einschätzen und angeben sollen, ob sie gut in Wahrscheinlichkeitsrechnen sind, ohne dass dies gegen geprüft wird. Das Ergebnis solcher Studien, die auf Selbsteinschätzung basieren, taugt meiner Meinung nach rein gar nichts.

Nun handeln Männer im alltäglichen Leben tatsächlich oft weniger empathisch als Frauen. Doch Kristi Klein und Sara Hodges haben gezeigt, dass der Grund dafür nicht im grundsätzlichen Empathievermögen der Geschlechter liegt. Für Männer lohnt es sich im Alltag einfach nicht, sich einfühlend zu verhalten, weil es nicht von ihnen erwartet wird. Meine eigene Kindheit ist ein klassisches Beispiel dafür. Mein Vater war selbständig, das Büro war im Haus, in dem wir zu viert wohnten. Meine Mutter hat ihm ein Berufsleben lang den Rücken frei gehalten. Wenn es viel zu tun gab, sahen wir ihn selten und sollten Rücksicht nehmen. Dann war er ungeduldig, gestresst und ganz bestimmt weniger empathisch als sonst, aber er musste es auch nicht sein, weil niemand es von ihm erwartet hat. Meine Mutter nicht, wir Kinder irgendwann irgendwie auch nicht mehr, sein sonstiges Umfeld sicher auch nicht. Er sollte, konnte und durfte sich auf die, ja was eigentlich … auf die wichtigen Dinge konzentrieren.

Heute, wenn es bei uns hoch hergeht im Büro, wir kaum zum Schlafen kommen, weil zu viele Projekte gleichzeitig fertig werden müssen, Elternabende und kranke Kinder, Schulwechsel, Handwerker*innen, Vermieter*innen uns in Anspruch nehmen – der tägliche Wahnsinn eben – wenn alles zu viel wird, dann wächst in mir der Wunsch, dass da jemand wäre, die mir den Rücken freihält, die es mir einfach abnimmt, mich empathisch um meine Kinder zu kümmern, um deren Freunde und Freundinnen, Lehrerinnen und Nachbarn, andere Eltern. Weil das anstrengend ist, weil es Selbstbeherrschung verlangt, Geduld und Genügsamkeit. Ich vermute allerdings, dass es für meine Frau nicht anders ist und wäre.

Jede(r) kann empathisch sein, man muss es nur wollen

Ich aber habe einen Vorteil: Ich könnte mich nun auf die Wiener Studie berufen, gewissermaßen auf ein hormonell bedingtes, genetisches Naturrecht, dass ich in Stresssituationen einfach egoistisch und selbstbezogen werden muss. Ich kann aber auch ehrlich bleiben und mir bewusst machen, dass ich damit nur auf einem Privileg beharren würde, das die Gesellschaft uns Männern allzu bereitwillig gewährt, auch heute noch. Ein Privileg, das nicht hinterfragt wird, das noch nicht einmal als solches erkannt wird und als gesellschaftliche Übereinkunft, die Frauen benachteiligt. Empathie ist eine Haltung, und selbst wenn es da eine genetisch-hormonelle Disposition geben sollte, berechtigt uns Männer das nicht, uns im familiären Umfeld nicht einfühlsam zu verhalten. Empathie hat auch mit Wollen zu tun.

Die Ergebnisse der Wiener Forschergruppe sind plausibel: Natürlich handeln Männer unter Stress weniger einfühlsam als Frauen. Aber nicht, weil ihnen das in den Genen steckt, sondern weil es niemand von ihnen erwartet, auch sie selbst nicht. Weil es sich nicht lohnt, denn Freude und Anerkennung bringt das nur in den seltensten Fällen, schon gar nicht unter Stress. Unter den Artikel zum Thema schreibt dann irgendein Schlaukopf ins Forum und argumentiert mit der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern in der Steinzeit. Schon damals hätten sich die Frauen mit ihren Kindern in der sicheren Höhle versteckt, sie hätten ein paar Beeren gesammelt, sein Heim verschönert, schon mal gekocht und sonst nur darauf gewartet, dass die Männer von der gefahrvollen Jagd nach Großwild zurückkamen. Abgesehen davon, dass es für diese Meinung keine, aber auch gar keine archäologischen Hinweise, gar Beweise gibt, warum sind wir eigentlich in diesem speziellen Fall, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht, so stolz auf unser steinzeitliches Erbe? Warum glauben wir, uns nicht weiterentwickeln zu können?

Er redet sich raus, sie entschuldigt ihn

Statt seitenweise weiter zu argumentieren, gehe ich lieber zu meinen Kindern, die gerade verdächtig still geworden sind, obwohl ich ihnen doch deutlich gesagt habe, dass ich noch ein paar Minuten im Büro brauche. Wo bleibt die Rücksicht? Ich könnte selbstbezogen und egoistisch sitzen bleiben und warten, bis meine Frau ihrem Erziehungsauftrag nachkommt, bis sie runter geht und wie so oft schneller ist als ich. Aber ich mache es anders. Ich gehe und halte meiner Frau den Rücken frei, weil sie bestimmt gerade gestresster ist und ihre Ruhe braucht, wahrscheinlich ist sie heute nicht so gut drauf. Allerdings stimmt das gar nicht wirklich und ich schreibe das nur, damit eine solche Entschuldigung auch einmal gegenüber Frauen formuliert wurde.

Wie oft habe ich Frauen zugehört, die das Verhalten oder die emotionale und körperliche Abwesenheit ihrer Männer entschuldigten – „auf seiner Arbeit ist eben zur Zeit viel los – Frauen, die mir erklären, wie Männer eben so sind – „er braucht dann einfach seine Ruhe“ . Offensichtlich vergessen diese Frauen, dass sie gerade mit einem Mann darüber sprechen, wie Männer im Allgemeinen so sind. Dann packt mich die Fremdscham, dann bin ich mit meiner Empathie am Ende und breche das Gespräch ab, schiebe irgendwas vor und ziehe mit meinen Kindern ab, die sich das alles mit staunendem Blick angesehen haben.

Vielleicht wäre es ein Schritt zu echter Gleichberechtigung in der Familie, wenn wir einmal den Spieß umdrehen und Männer ihre Frauen entschuldigen, dass sie sich gerade nicht um die gemeinsamen Kinder kümmern können. Wenn Männer davon sprechen, dass ihre Frau jetzt gerade keinen Nerv hat, nicht wickeln will, nicht mit gemeinsam am Tisch sitzen, weil es da immer so laut wird, was auch immer. Ich hab jetzt mal einen Anfang gemacht und meine Frau entschuldigt, die gerade Wichtigeres zu tun hat, als sich um unsere Kinder zu kümmern. Das ist okay, so sind Frauen nun einmal, immer nur dann empathisch, wenn es sich lohnt – wechseln wir einfach mal die Perspektive auf Empathie.

Wie wäre es, beispielsweise Elternschaft in die Forschung zum Thema einzubeziehen? Möglicherweise kommt dann heraus, dass Väter empathischer sind als kinderlose Frauen? Das ist an dieser Stelle nur eine Behauptung, ich weiß es nicht. Ich würde mir nur wünschen, dass wir nicht mit Studien zu erklären versuchen, warum Männer heute anscheinend weniger empathisch sind und Männern einfach keine Empathie abverlangen, sondern uns Gedanken machen über gesellschaftliche Verhältnisse, in denen Männer fürsorgend sein dürfen und können. Der Großteil der Männer, die in Deutschland in Elternzeit gehen, machen das für zwei Monate – auch aus Angst vor sozialem Druck am Arbeitsplatz. Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, wenn wir ihnen diesen Druck nehmen?

24 Antworten zu “Männer sind also egoistischer, und Frauen können sich einfühlen”

  1. Kathi sagt:

    <3

  2. Giliell sagt:

    Meiner Erfahrung nach zeigen viele Männer* ganz viel Einfühlungsvermögen:
    Immer dann, wenn eine Frau es wagt das Verhalten eines anderen Mannes zu kritisieren, besonders im Internet.
    Ganz egal wie daneben das Verhalten des Typen auch war**, es dauert keine 3 Minuten bis irgendein anderer Mann auftaucht und erklärt, wie gemein die Frau denn gerade zu dem armen Mann ist. Der ist nur schüchtern. Und unbeholfen. Und ob sie überhaupt eine Ahnung davon hat wie schwer das ist?
    Empathie ist schon da, aber immer nur mit den eigenen, nie mit den anderen.

    *Also genau genommen die Sorte Männer die angeblich sowas gar nicht hat.
    **Beim letzten Fall, an den ich mich gerade erinnere war der Mann ein Spambot auf Facebook

    Übrigens, ich wende gerne mal die umgekehrte Taktik an: Die Tatsache dass die Kinder gerade akut erziehungsbedürftig sind bewusst ignorieren, schließlich ist ihr Papa ja gerade auch da.
    Auch ich musste das lernen und die soziale Konditionierung, verstärkt durch den Status der Teilzeit-Alleinerziehenden zu überwinden und mal nicht sofort zu springen.

    • Kinch sagt:

      Empathie ist schon da, aber immer nur mit den eigenen, nie mit den anderen.

      Das ist doch naheliegend und nicht auf Männer beschränkt. Jedem Menschen fällt es leichter, sich in die Lage eines anderes Menschen zu versetzen, in die er selbst schonmal steckte. Dazu braucht man kaum Empathie, sondern nur ein Erinnerungsvermögen.

  3. tina sagt:

    Eine weitere Entwicklungslinie ist Empathie als überlebensstrategie für marginalisierte Menschen. Siehe z.b. Zitat hier:http://www.identitaetskritik.de/psychiatrisch-patriarchale-kontrolle-teil-3-erschreckende-kontinuitatslinien/.

  4. Frank sagt:

    Als Psychologe u.a. auch für Familien muss ich da sagen: Da fehlts klar an Tiefe. Die meisten kennen nicht mal den Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid, fordern aber Empathie. So funktioniert das nicht. Auch erlebe ich übrigens viele Mütter die sich ihrem Kind aufopfern dabei aber ihren Partner vergessen. Weder die Aufopferung noch die Gleichgültigkeit ist Empathie! Genau genommen ist Fürsorge auch etwas anderes als Achtsamkeit. Das Wort Für-sorge, ist kein natürlicher Zustand, denn du bist „für“ die „Sorge“. Das Dilemma liegt daran das immer noch zahlreiche Männer und Frauen den missverstandenen Rollen hinterherlaufen, in der die Frau das mitleidensfähige emotionale Wesen sein soll und der Mann der gleichgültige Rationalist. Beides! ist unnatürlich. Solche „wissenschaftlichen“ Studien arbeiten mit einem Teil der Normalität, also einem Teil der Regel der Gesellschaft, welche psychisch enorm konditioniert ist und sich der Natur entfremdet hat, daher ist es nicht im mindesten „natürlich“. Wenn man von Empathie redet, sollte desweiteren auch unterschieden werden zwischen Emotionen und Gefühlen, sonst wird das komplette Thema eine pauschal Reise. Viele Frauen stehen in punkto mangelnde Empathie, vielen Männern in nichts nach. Zum einen weil zahlreiche dem System folgen was mehr auf Karriere und Kapital als auf Familie ausgelegt ist und der bei vielen damit verbundenen gleichgültigen Haltung gegenüber Mitmenschen, zum anderen ist aber auch Mitleid kein Mitgefühl mehr! Selbstlosigkeit und Egoismus haben eine große Gemeinsamkeit: Mangelnde Selbstliebe. Das hier aber genau zu erklären würde zu lange gehen. Für jeden der psychologisch mal ein bisschen tiefer schürfen mag, dem ist spontan mal das Buch hier zu empfehlen: http://www.amazon.de/Die-allt%C3%A4gliche-Trance-Heilungsans%C3%A4tze-Quantenpsychologie/dp/3925898174/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1403884891&sr=1-1

    • Giliell sagt:

      „Auch erlebe ich übrigens viele Mütter die sich ihrem Kind aufopfern dabei aber ihren Partner vergessen.“
      Oh verdammt, ich wusste doch, wie ich’s mache ist es falsch.
      Ganz ehrlich, die Wortwahl zeugt für mich schon von nem Problem: Die Frau wird auf ihre Rollen reduziert. Sie ist Mutter, sie ist Partnerin und sie muss bitte schön beiden Rollen gerecht werden und wehe einer kommt dabei zu kurz, als wäre der Mann auch noch ein quengelndes Kind dessen Bedürfnisse sie befriedigen muss.
      Der gesellschaftliche Druck sich für das Kind aufzuopfern, der wird mal kurz ausgeblendet.
      Dass viele Paare vergessen neben Eltern auch noch Partner zu sein will ich ja gar nicht bestreiten, aber die Weise, wie das hier dargestellt wird entspricht genau jenen alten Rollenklischees die weiter unten angeprangert werden. Nur dass es offensichtlich wieder mal allein der Job der Frau ist das alles zu beenden. Morgens toll im Job, mittags die liebende Frau, abends die verführerische Geliebte und all das bitte ohne andere Leute mit „ihren“ Sorgen (Küche, Kinder, Haushalt) zu belasten .

      • Frank sagt:

        Interessant wohin das Bewusstsein gelenkt wird :) . Wenn man auf den comment eingeht, dann bitte auch genau lesen und verstehen und nicht irgendwas pauschal interpretieren. Es geht nicht um „Reduzierung“, sondern um das, was missverstandene Empathie ist. Klar gibts vergessene Partnerschaft und Aufopferung genauso auch bei Männern, macht die Sache aber nicht besser. Auch ist „der gesellschaftliche Druck“, eine typische Ausrede um das eigene Bewusstsein (gleich ob Mann oder Frau) nicht autark aufrecht erhalten zu müssen. Da fällts vielen leicht, die Schuld einfach mal dem System zu geben, ist aber ein klassischer Manipulationsversuch um der Eigenmanipulation (Manipulation aus dem lat. = „Handhabung“), aus dem Wege zu gehen. Kurz, um eigentlich wieder zurück zum Thema zu kommen.: Das was ich sagen will ist, dass gleich ob Frau oder Mann, viele Menschen generell nicht wirklich wissen was Mitgefühl eigentlich ist. Da unterscheiden sich beide Geschlechter nicht. Frauen machen es nicht besser als Männer. Das ists auch schon was ich hier als Ergänzung nur mal reinwerfen wollte, da in dem Artikel relativ einseitig auf „Mann“ geschaut wird. Das Buch oben ist eine Empfehlung für jeden, der mal ein bisschen tiefer gehen möchte, anstatt nur auf die gesellschaftlich genormten Geschlechter zu schauen. Auch oder gerade für die, dessen Bewusstsein sehr flott auf konditionierte Rollen lenkt und anfällig auf diese reagieren ;)

        • Giliell sagt:

          Wenn es das bei Männern genau so gibt, warum dann nur von Frauen reden?
          “ Auch ist „der gesellschaftliche Druck“, eine typische Ausrede um das
          eigene Bewusstsein (gleich ob Mann oder Frau) nicht autark aufrecht
          erhalten zu müssen. “
          Ich wusste doch, ich bin schuld. Warum über gesellschaftliche Probleme reden wenn man die Sache doch auch einfach individualisieren kann. Bewusstsein entsteht nicht von selbst. Es formt sich nicht spontan ohne äußere Ursachen. Die Gesellschaft bringt Mädchen von der ersten Babypuppe an bei, dass DAS der Job ihres Lebens ist, aber wehe sie versuchen es dann tatsächlich gemäß dessen, was man ihnen da so vermittelt hat umzusetzen…
          „Manipulation aus dem lat. = „Handhabung““
          Danke, ich habe tatsächlich selbst das Latinum.
          Ich weiß auch, was ein etymologischer Trugschluss ist
          “ Auch oder gerade für die, dessen Bewusstsein sehr flott auf konditionierte Rollen lenkt und anfällig auf diese reagieren ;)“
          Den Satz verstehe ich nicht. Es fehlt die grammatische Kongruenz. Vielleicht auch die semantische, aber das kann ich jetzt noch nicht sagen.

  5. Pippilotta sagt:

    „Jede(r) kann empathisch sein, man muss es nur wollen“So einfach ist das?
    Na dann: Nicht warten auf „gesellschaftliche Verhältnisse, in denen Männer fürsorgend sein dürfen und können“, nicht fragen, ob es sich lohnt und ob es Anerkennung bringt, sondern einfach mal machen! Empathisch sein! Denn man muss es nur wollen!

  6. almut sagt:

    @tina
    Danke für den Link. Das ist ja erschreckend aber logisch:
    „Empathie, die Einfühlung in die anderen, immer notwendige Überlebensstrategie machtloser Gruppen gewesen […], um sich auf die Launen der Herrschenden einstellen zu können. Die anderen stehen im Vordergrund. Das eigene Selbst nicht so wichtig zu nehmen. Selbstlosigkeit ist auch Bedeutungslosigkeit. Aus der Not verweigerter Lebensmöglichkeiten wird dann die Tugend der Fürsorge.“11

    Damit wäre ja die Hypothese im Tweet von @nichtschubsen bestätigt: „Hypothese: in asymmetrischen Beziehungen/Verhältnissen sind tendenziell die Nicht-Herrschenden empathischer“
    https://twitter.com/nichtschubsen/status/482476372989075456

    • Tina sagt:

      Jep. Hardcore-Variante davon ist das Stockholm-Syndrom…
      Ich meinte aber auch, dass durch die Sozialisation in einer weniger machtvollen Position Frauen* ,mehr Empathie lernen (müssen), weil es eben wichtig ist, sich in die mächtigeren Menschen einfühlen zu können, um sicher zu bleiben und sonstwie vorwärts zu kommen. Mächtige Menschen brauchen das weniger, weil sie weniger auf andere angewiesen sind.

  7. Sandra sagt:

    Sehr guter Artikel. Das ganze wird auch nochmal sehr detailliert auseinander genommen im Buch „Delusions of Gender“, von Cordelia Fine. Kann ich nur empfehlen. Insbesondere Herr Baron-Cohen und seine Forschung kriegt darin einiges an (verdienter!) Kritik ab :)

  8. Stephan Fleischhauer sagt:

    Für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es schon immer mehr Aufmerksamkeit, Gelder und Medienberichte, weil ‘keine Unterschiede’ kein Forschungsergebnis ist, schließlich hieße das: Kein Befund.

    Was würde es bringen, über Geschlechtergemeinsamkeiten zu berichten? Wenn man weibliche mit männnlichen Amseln vergleicht, wäre es ebenso unsinnig, die Gemeinsamkeiten besonders herauszustellen. Die ergeben sich ja bereits durch die Eigenschaften der Art. Es wäre auch wenig hilfreich, die Gemeinsamkeiten von Schwarzeiß- und Farbfotographie gesondert aufzuführen. Oder die Gemeinsamkeiten von Koedukation und geschlechtergetrenntem Unterricht. Die Herausstellung von Unterschieden ist eine völlig normale und sinnvolle Herangehensweise. Es gibt bestimmte Eigenschaften des Menschen, und es gibt – angeboren oder nicht – Unterschiede zwischen den Geschlechtern – weshalb soll diese Betrachtungsweise ein Problem sein?

    immer und immer wieder werden die alten und oft schon widerlegten Studien zitiert

    Der Nachweis angeborener Geschlechterunterschiede ist prinzipiell genauso schwierig wie die Widerlegung. Laut Klein & Hodges gibt es z.B. immer noch einen Unterschied bezüglich der Notwendigkeit einer Belohnung (Geld oder Punkte). Es dürfte kaum möglich sein, biologische Einflüsse auf Verhaltensstereotypien gänzlich auszuschließen.

  9. Stephan Fleischhauer sagt:

    Nun handeln Männer im alltäglichen Leben tatsächlich oft weniger empathisch als Frauen.
    […]
    Natürlich handeln Männer unter Stress weniger einfühlsam als Frauen.
    […]
    Dann war er ungeduldig, gestresst und ganz bestimmt weniger empathisch als sonst

    Was du leider überhaupt nicht thematisierst: Was ist überhaupt der Richtige Grad an Empathie? Es könnte ja auch sein, dass manche Menschen überempathisch sind. Und noch viel wichtiger: Welcher Stresslevel ist überhaupt erlaubt, wenn Stress die Empathiefähigkeit so sehr beeinträchtigt? Wie aus dem Artikel hervorgeht, ist ja das berufliche Eingespanntsein ganz entscheidend. Statt ein Mehr an männlicher Empathie könnte man ja auch die Verminderung von Berufstress fordern. Selbst wenn Frauen auch unter Stress mehr Empathie zeigen, müsste man eigentlich durch konkrete Beispiele angeben, welche „Dosis“ Empathie eigentlich die richtige ist. Denn es gibt ja auch sehr empathische Männer und weniger empathische Frauen.

    Anders gefragt: Wer muss sich durch deinen Artikel überhaupt angesprochen fühlen.

    Ich persönlich halte mich z.B. je nach Situation für empathisch oder unempathisch. Ich habe da vielleicht einen komplizierten Charakter, aber ich kann mich da einfach nicht in eine der beiden Schubladen schieben. Wer soll das jetzt bewerten, ob ich mit meiner Familie oder anderen Menschen richtig umgehe?

    Der Aufruf zu mehr Empathie wirkt da etwas pauschal.

    Ist die männliche Empathie überhaupt so schlecht? Wie siehst du dich selbst? Du scheinst mit dir selbst unzufrieden zu sein, aber ich habe keine Ahnung, was es konkret bedeutet. Wenn du deinen Kinder sagst, dass du noch ein paar Minuten im Büro brauchst – ist das bereits ein Zeichen mangelnder Empathie?

    Noch eine Verständnisfrage:
    Ich gehe und halte meiner Frau den Rücken frei, weil sie bestimmt gerade gestresster ist und ihre Ruhe braucht, wahrscheinlich ist sie heute nicht so gut drauf. Allerdings stimmt das gar nicht wirklich

    Was stimmt nicht? Der Bezug ist unklar.

  10. sascha verlan sagt:

    @Stephan Fleischauer

    >>Statt ein Mehr an männlicher Empathie könnte man ja auch die Verminderung von Berufstress fordern.
    Das dachte ich, sei mit dem letzten Satz deutlich geworden, dass ich genau darin eine mögliche Lösung sehe.

    >>Der Aufruf zu mehr Empathie wirkt da etwas pauschal.
    Es war nicht mein Anliegen, pauschal mehr Empathie zu fordern, sondern die wiederholte Zuordnung zu Mann/Frau in Frage zu stellen. Wenn es nicht immer wieder Studien gäbe, die darauf hinweisen, dass Männer weniger empathisch seien als Frauen, bis hin zum Alltagsmythos, Intuition sei etwas Weibliches (weiterverbreitet von Autor*innen wie z.B. Louann Brizendine), dann hätte sowohl *Mann als auch *Frau die Chance, empathisches Verhalten als etwas individuelles zu erleben, das mal der/die eine, mal die/der andere deutlicher zeigt, aber eben unabhängig vom Geschlecht.

    >>Du scheinst mit dir selbst unzufrieden zu sein …
    Freut mich, dass Du Unzufriedenheit erkennst! Anstatt Angeberei, die andere zwischen den Zeilen gefunden haben wollten.

    >>Was würde es bringen, über Geschlechtergemeinsamkeiten zu berichten?

    Vermutlich nichts, aber ist deshalb die Umkehrung die Lösung? Warum wird eigentlich die Kategorie Geschlecht über andere gestellt. Es wäre ja auch eine Studie denkbar, die Eltern mit Kinderlosen vergleicht, Alte mit Jungen, Radfahrer*innen mit Autofahrer*innen, Tierbesitzer*innen… EGAL! Ich wünsche mir einfach weniger Geschlechtertrennung in der Forschung wie auch in der Alltagsorganisation!

    • Pippilotta sagt:

      „Wenn es nicht immer wieder Studien gäbe, die darauf hinweisen, dass
      Männer weniger empathisch seien als Frauen … dann hätte sowohl *Mann
      als auch *Frau die Chance, empathisches Verhalten als etwas
      individuelles zu erleben, das mal der/die eine, mal
      die/der andere deutlicher zeigt, aber eben unabhängig vom Geschlecht.“

      Ich glaube, hier liegt ein grundlegendes Missverständnis zur Funktion
      empirischer Studien vor. Eine Studie, die einen _statistischen
      Zusammenhang_ zwischen zwei Merkmalen feststellt, sagt wenig über
      individuelles Verhalten aus, und nichts darüber, wie jemand sein
      darf oder nicht.

      Ergebnisse solcher Studien zu Verhaltensstrukuren und -mustern, zu Zusammenhängen und deren Ursachen können aber durchaus wichtig sein, um gesellschaftliche Strategien für gewünschte Veränderungen zu entwickeln. Weil man nämlich erst so weiß, an welchen Stellen man sinnvollerweise ansetzen kann und muss.

      Natürlich ist (empathisches) Verhalten letztlich individuell, das ändert aber nichts daran, dass es (vermutlich) durch gesellschaftliche Strukturen, Kultur, Normen, Vorbilder, Erziehung, und ja, auch genetische Hintergrundfaktoren, geformt wird. Dies zu leugnen wäre nicht hilfreich, gerade, wenn man Veränderungen bewirken möchte.

      Zur grundsätzlichen, allgemeinen Empathiefähigkeit oder -bereitschaft von Männern
      sagt zumindest die hier zitierte Studie übrigens gar nichts aus, sie sagt nur,
      dass _unter Stress_ bei Männer die Empathie ab-, bei Frauen dagegen zunimmt.

      „Ich wünsche mir einfach weniger Geschlechtertrennung in der Forschung wie auch in der Alltagsorganisation!“

      In der Alltagsorganisation: o.k. Das wäre dann sozusagen normativ, also eine (in diesem Fall subjektive) Aussage darüber, wie es im realen gesellschaftliche Zusammenleben sein sollte, der vermutlich die meisten hier zustimmen könnten.

      Aber in der (soziologischen und psychologischen) Forschung ist Geschlecht schlicht eine Strukturkategorie, die standardmäßig kontrolliert wird, ähnlich wie Alter, Bildung usw.. U.a. dient die Konrolle solcher Merkmale der Aufdeckung von Scheinzusammenhängen oder, wie hier geschehen, dem Finden von entgegengesetzten Zusammenhängen in Untergruppen. Hätte man hier nicht nach Geschlecht differenziert, wäre möglicherweise der Eindruck entstanden, Stress hätte _keinen_ Einfluss auf Empathie, weil sich die Effekte von Männern und Frauen in der Gesamtgruppe ausgeglichen hätten.

      Das kann man vorher vermuten, genau weiß man es aber erst hinterher. So ist die entgegengesetzte Wirkung von Stress auf Empathie in der Studie, an der sich der Text hier aufhängt, wohl auch eher ein Zufallsbefund gewesen, der auch die Forscherinnen überrascht hat. „Unsere Ausgangshypothese war daher, dass Personen unter akutem
      psychosozialem Stress aufgrund der Schutzfunktion von Stress
      egozentrischer werden…“ (Pressemitteilung zur Studie). Von Geschlecht ist hier nicht die Rede. Der Vorwurf, hier werde aufmerksamkeitsheischende Geschlechterforschung betrieben, tut der Studie unrecht.

      Die Ursachen sollen im nächsten Schritt untersucht werden: „Neben möglichen erziehungsbedingten und kulturellen Einflüssen müssen auch biologische Erklärungen berücksichtigt werden.“ (Pressemitteilung zur Studie)
      Die Studie sagt also weder etwas über grundsätzlich geringere Empathie von Männern, noch behauptet sie deren alleinige biologische Ursache, sie bietet damit auch keineswegs Männern eine Entschuldigung für weniger empathisches Verhalten, wie im Text suggeriert.

      Ob es aber wirklich so einfach ist, dass man „Empathie ja nur wollen muss“, und wenn ja, warum wir es alle dann nicht einfach sind, ist noch mal eine andere Frage.

  11. Stephan Fleischauer sagt:

    Ganz allgemein ist ja die Frage berührt, was gute Eltern ausmacht. Der Empathie-Begriff scheint mir in diesem Zusammenhang schwierig, da er in eine moralische Richtung fehlgedeutet werden kann: Wer nicht empathisch genug ist, empfindet zu wenig Liebe für seine Kinder, sieht deren Bedürfnisse nicht usw.

    Wie ich schon meinte: Auch Empathie ist eine Frage des Maßes, eine Frage der jeweiligen Situation, natürlich auch eine Frage der zur Verfügung stehenden Zeit. Alles nicht so leicht zu fassen.

    Was ich in diesem Zusammenhang aber interessant finde: An Schulen gibt es ja meist beliebtere und unbeliebtere Lehrkräfte. Schülerinnen und Schüler haben natürlich individuelle Vorlieben, aber es gibt da durchaus Lehrkräfte, wo sich die meisten Schülerinnen und Schüler einig sind.

    Sind es nun eher weibliche Lehrkräfte, die besonders beliebt sind? Oder von den männlichen die mit besonderem Einfühlungsvermögen? hängt es vom Alter der Schüler ab? Frappierenderweise wird beliebten Lehrkräften gern eine „natürliche Autorität“ zugesprochen. Eine Person, die – wie man sagt – für den Lehrberuf „geboren“ ist, hat ihre Klasse „im Griff“, und zwar nicht im negativen Sinn.

    Gibt es dementsprechend auch „geborene“ Eltern? (Im sprichwörtlichen Sinne gemeint.) Wenn ja, was ist deren entscheidende Eigenschaft? Empathie?

  12. sascha verlan sagt:

    @pippilotta
    „sagt wenig über individuelles Verhalten aus, und nichts darüber, wie jemand sein darf oder nicht.“

    Nein, Studien verbieten Männern nicht, empathisch zu sein, ihre Veröffentlichung und populärwissenschaftliche Verbreitung (s.Themenkategorie der Zeit: ‚Geschlechterunterschiede‘) tragen aber zu unserer Vorstellung von „richtigen“ Männern/Frauen bei.

    Sie sagen nicht explizit, wie Mann/Frau „sein darf oder nicht“, sie vermitteln aber implizit, was „normal“, oder verbreitet ist, und diese ständig reproduzierte Botschaft zu überhören, ist nicht gerade einfach, für Kinder schon gleich gar nicht, denen wir unsere Erwartungshaltung von „richtig“ und „falsch“ weitergeben (auch wenn das den wenigsten im Alltag bewusst ist). Studien und Nachrichten sind da „nur“ eins von vielen Puzzleteilen, aber gerade die populärwissenschaftliche Verkürzung führt dazu, dass sich viele Eltern bestätigt fühlen: Ja, da sind einfach grundlegende Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Und dann wird eben nicht mehr hinterfragt, wie diese statistischen Unterschiede zustande kamen, was da in der Fragestellung begründet liegt, was Biologie ist und was soziale Prägung: „We are a hundred percent nature and nurture!“

    @Stephan Fleischauer
    Es gibt eine Studie (ich glaube von Barbara Koch-Priewe, TU Dortmund), die ergab, dass Schülern und Schülerinnen das Geschlecht tatsächlich egal ist, wichtiger ist ihnen eine Lehrkraft, die zuhört und sich empathisch zeigt (nur so aus der Erinnerung). Ihre Interesse, auch hier nach dem Geschlecht der Lieblingslehrer*innen zu unterscheiden, ist genau das, was ich in Frage stellen möchte. Nicht weil ich Recht haben möchte, sondern weil ich bei meinen eigenen Kindern sehe, wie sie bestimmte liebgewonnene Dinge (die eine Tochter Mathematik, unser Sohn das Tanzen) plötzlich aufgeben, weil ihnen die Reaktionen von außen zeigen, dass das ja eher ungewöhnlich, überraschend, nicht wirklich angebracht ist.

    Eltern wollen ja vor allem das Eine, dass es ihren Kindern gut geht. Und wenn dann zum wiederholten Mal darüber berichtet wird, dass Frauen empathischer sind und damit – auch wenn das ein populärpsychologischer Kurzschluss sein mag – besser geeignet sind für erzieherische, fürsorgende, für Care-Aufgaben, dann hat das eben Auswirkungen auf die Arbeitsteilung in den Familien, in den Kitas und Grundschulen, dann hat das aber vor allem Auswirkungen auf das Heranwachsen unserer Söhne, die lernen, dass von ihnen weniger empathisches Verhalten gefordert wird als von Mädchen, weil sie es biologistisch angeblich einfach nicht mitbringen.

  13. Pippilotta sagt:

    @sascha verlan
    „Studien und Nachrichten sind da „nur“ eins von vielen Puzzleteilen, aber gerade die populärwissenschaftliche Verkürzung führt dazu, dass sich viele Eltern bestätigt fühlen: Ja, da sind einfach grundlegende Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Und dann wird eben
    nicht mehr hinterfragt, wie diese statistischen Unterschiede zustande kamen…“

    Ich kenne sowohl die journalistische als auch die wissenschaftliche Seite und kann mich einem Plädoyer für einen sorgfältigen Umgang der Medien mit Forschungsergebnissen absolut anschließen. Gerade weil immer mehr Entscheidungen auf Daten und Statistiken beruhen halte ich es für sehr wichtig, dass empirische Studien (Fragestellung, Methodik, Ergebnisse), in den Medien – und dazu gehören auch Blogs wie dieser – korrekt dargestellt werden.
    Eine populärwissenschaftliche Verkürzung kann ich aber weder in der PM zur Wiener Studie noch im Zeit-Arktikel dazu erkennen (wobei ich zugegebenermaßen die Kategorie „Geschlechterdifferenzen“ in der Zeit auch etwas seltsam finde). Dagegen finde ich die
    Darstellung der Studie bzw. ihre Instrumentalisierung für die eigene Argumentation hier im Blog-Text schon sehr, nun ja, kreativ. Anders als hier suggeriert hatte die Studie laut Pressemitteilung nämlich weder eine dezidierte Geschlechterfragestellung noch sagt sie etwas über grundsätzliche Empathie von Männern und Frauen außerhalb von Stress-Situationen, und sie behauptet auch keine rein biologischen Ursachen von Geschlechterunterschieden.
    Damit fördert der Blog-Text meiner Meinung nach genau das, was er eigentlich beklagt.

    Nicht nur falsch, sondern sogar gefährlich finde ich aber die hier gezogene Schlussfolgerung, den Faktor „Geschlecht“ in wissenschaftlichen Studien am besten gar nicht mehr zu untersuchen oder deren Ergebnisse nicht mehr zu veröffentlichen. Denn zunächst einmal beschreiben solche Studien ja einfach ein Faktum, einen Ist-Zustand. Den kann man nicht dadurch auslöschen, dass man ihn negiert oder unterschlägt. Dass jemand die Ergebnisse falsch verstehen könnte, kann doch kein Argument dafür sein, nicht mehr zu forschen. Letztlich liefe das auf ein Denkverbot hinaus. Und im besten Fall tragen genau solche Studien ja dazu bei, zu verstehen, welche Mechanismen dahinter stecken, wenn Menschen empathisch handeln oder Jungen das Tanzen und Mädchen die Mathematik aufgeben.

  14. Kinch sagt:

    Bezugnehmen auf die Aussage: „JEDE(R) KANN EMPATHISCH SEIN, MAN MUSS ES NUR WOLLEN“.

    Da ich sehr unter meinem Mangel an Empathie leide und es auch gar nicht als Privileg wahrnehme nicht empathisch zu sein, sondern im Gegenteil, als soziales Defizit, welches meine Beziehungen belastet, würde ich gerne wissen: Wie genau stelle ich das an, mit dem Wollen, so, dass es auch klappt mit dem Sein?

  15. sascha verlan sagt:

    @pippilotta
    @stephan fleischhauer

    Wir müssen uns gar nicht einig werden über den aktuellen Status Quo. ich bin Vater von drei Kindern und möchte mit ihnen in die Zukunft blicken, möchte nicht erklären, warum was wie ist, sondern darüber nachdenken, was es braucht, damit Kinder sich frei entfalten können als individuelle Persönlichkeiten.

    An dieser Stelle möchte ich deshalb auf mein Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“ verweisen, in dem die von Ihnen genannten Einwände und weitere Punkte zu dieser Debatte ausführlicher beschrieben sind, nicht als „Eindruck“ sondern durch viele Studien belegt, so dass der Zusammenhang zwischen Rollenklischees im Kinderalltag und Gender Care Gap, Pay Cap, #aufschrei, Lebenserwartung … deutlich werden sollte – Empathie ist da ja nur ein Aspekt unter vielen.

  16. Túrin Turambar sagt:

    Ich lese hier nur: Confirmation Bias.

  17. […] kleinergast-Artikel von Sascha Verlan über falsche Männlichkeitstereotype – „Männer sind also egoistischer, und Frauen können sich einfühlen“ […]