Redefining Realness – Frauen zum Frauenkampftag

Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by Drew Herron

Am 8. März ist der Internationale Frauentag – von vielen Aktivist_innen wird er als Frauenkampftag begangen.

Kämpfen, das tun wir auf viele verschiedene Weisen. Wir kämpfen für eine gerechtere Gesellschaft oder manchmal einfach dafür, durch den Tag zu kommen und so zu sein, wie wir gerne sein wollen. Was uns dabei unterstützt, inspiriert, antreibt und hilft, sind oft andere Menschen: durch das, was sie selbst getan haben, was sie (uns) gesagt haben und wie sie für uns da waren. Ob sie als reale Person in unserem Leben sind (oder waren), aus einem Geschichtsbuch oder aus der Lieblingsserie stammen, ist dabei eigentlich egal.

Zum Weltfrauentag wird oft wichtigen Frauen aus der Geschichte und von Heute gedacht, Politiker_innen oder Aktivist_innen. Wir wollen uns dem gerne auf unsere Weise anschließen mit einem Blick auf weniger berühmte und/oder weniger reale Personen, die uns wichtig sind, die uns bewegt haben, oder die wir einfach spannend finden und gerne mit Euch teilen.

Mindy Kaling

Wenn ich an eine Frau denke, der ich zum Frauentag das Prädikat “Heldin meines Alltags” verleihen soll, dann ist das die lustigste Frau, die das US-Fernsehen derzeit zu bieten hat: Vera Mindy Chokalingam, besser bekannt als Mindy Kaling, Produzentin und Hauptdarstellerin der US-Serie “The Mindy Project”. Die in Massachusetts geborene Tochter eines indischen Architekten und einer indischen Gynäkologin ist nicht nur die erste südasiatisch-stämmige Headlinerin einer US-Sitcom. Sie zeigt auch Widerstand gegen die Schlankheitsnorm von Schauspielerinnen, die mitunter in obskuren Dünnheitswettbewerben mündet – siehe „Ally McBeal”.

anigif_enhanced-buzz-12423-1372791836-6
 

Mindy Kalings besonderer Verdienst erscheint mir dabei, dass in ihren Rollen ihre Kleidergröße keine Punchline ist und sie sich nicht damit begnügt, das Klischee der “komischen Dicken” zu befriedigen. Ihr Aussehen gehört zu ihr. Ob im “Mindy Project” oder in “The Office”, der Serie, bei der sie vorher Autorin (bei „The Office“ die erste Frau im Writers staff!) und Darstellerin war: Mindy schreibt Frauenrollen, die ihren Wert nicht an der Zahl im Kleidungsetikett messen. Das bedeutet nicht, dass sie die emanzipiertesten Menschen der Welt sind: Mindys Heldinnen sind neurotisch, investieren in die Interpretation von Textnachrichten mehr Zeit als in das Lesen von Büchern und lernen mühsam, dass die Suche nach dem perfekten Mann nicht das erstrebenswerteste aller Lebensziele ist. Aber während sie das machen, zeigen sie erfreulich wenig Probleme mit einem Körper, der nicht Size Zero ist.

– Juliane

Alanna, Ritterin

Alanna von Trebond ist 10 Jahre alt und soll in eine Klosterschule gehen, um danach am Hof des Königs einen Mann zu finden und als Edelfrau ihre Tage zu beschließen. Alanna treibt die Aussicht auf dieses scheinbar unausweichliche Schicksal zur Weißglut – viel lieber würde sie wie ihr Zwillingsbruder Thom als Page an den Hof des Königs gehen, um zum Ritter ausgebildet zu werden. Reiten, Pfeile schießen und kämpfen: im Gegensatz zu ihrem Bruder macht Alanna das alles Spaß, und sie ist auch viel besser darin als er. Also schreitet Alanna zur Tat. Sie fälscht die Unterlagen, schneidet sich die Haare ab und wir zu “Alan”: bis zu ihrem 18. Geburtstag will sie als Junge verkleidet am Königshof leben, um ihren Ritterschild zu erlangen.

So beginnt das Buch “Die schwarze Stadt”, der erste Band einer vierteiligen Fantasy-Reihe (im Original “The Song of the Lioness”) rund um die Abenteuer von Alanna, die mich durch meine kompletten Jugendjahre mit x-fach wiederholtem Durchlesen begleitet hat. Alanna ist zäh und zielstrebig, aber oft auch unsicher und voller Ängste, anlehnungsbedürftig oder zu Albernheiten aufgelegt – eine Romanfigur wie eine beste Freundin und der einzige Coming-of-Age-Roman, den ich je hatte oder brauchte. Sie steht zu sich und ihren Überzeugungen, wird die erste Ritterin ihres Königreichs, tritt damit eine mittlere emanzipatorische Revolution los und erntet erwartungsgemäß nicht nur Bewunderung. Am Ende ist Alanna eine Berühmtheit, über die Lieder gedichtet werden – ein Gedanke, der ihr selbst ziemlich albern und absurd vorkommt. Eine gesunde Skepsis vor zu viel Held_inneverehrung liefert sie also gleich mit.

Sicher gibt es Dinge, die ich in den Romanen rund um Alanna heute kritisch(er) sehen würde. Die vielen ermutigenden Stunden an ihrer Seite möchte ich aber auf keinen Fall missen, und nach wie vor scheinen mir jugendliche Romanheldinnen wie sie viel zu rar gesät.

– Lucie

Olympe de Gouges

“Mann, bist du fähig gerecht zu sein?” In der 7. Klasse hielt ich ein Referat über Olympe de Gouges (lest den Comic!). Dieser Satz, aus ihrer “Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin” liegt immer noch wie ein Band aufgefädelter Perlen auf meiner Zunge. Es war das erste Mal, dass ich in der Schule etwas vorstellte, das offiziell mit Frauenrechten zu tun hat; ich hatte mir das ausgesucht und es war eine Offenbarung. Abgesehen von “das ist nicht fair!” waren meine Zugänge zu einem Sprechen über geschlechtsbezogene Ungerechtigkeit beschränkt. Mit ihr konnte ich üben, ihre Sätze konnte ich gedanklich auf meine Gegenwart anwenden. “De Gouges forderte soziale Maßnahmen für die ärmsten Teile der Bevölkerung, zu deren Finanzierung sie die Einführung einer Luxus- und Glücksspielsteuer vorschlug. Sie forderte Bildung für alle Bevölkerungsschichten und für Frauen, sie setzte sich für die Trennung von Kirche und Staat ein, regte eine Strafrechtsreform an und kämpfte gegen die Todesstrafe. Sie forderte politische Kontrolle und Rechenschaftspflicht, freie Wahlen, eine Verfassung, die Abschaffung der Sklaverei und vor allen Dingen die Gleichberechtigung der Frauen.“ Während ich das Referat vorbereitete, entwickelte ich zärtliche Gefühle für sie, Olympe de Gouges ist wahrscheinlich mein erstes feministisches Vorbild. “[D]ie Frau hat das Recht auf das Schafott zu steigen; sie muss gleichermaßen das haben, ein Podium zu besteigen” *dropsthemic*

– Nicole

Nichelle Nichols

Natürlich ist die Schauspielerin von Lt. Nyota Uhura aus der originalen Star Trek-Fernsehserie keine Unbekannte – im Gegenteil! Fans wissen vermutlich auch, dass sie die erste Afroamerikanerin in einer großen Primetime-TV-Serie war, die nicht bloß ein Dienstmädchen spielen durfte. Ihre Vorbildfunktion war so wichtig, das Martin Luther King selbst sie dazu überredete, bei der Serie zu bleiben, als sie ans Aufhören dachte. Aber ihre Inspirationskraft ging, wie ich erst vor kurzem realisierte, noch weiter: in den 70ern kritisierte sie in einer Rede die NASA dafür, Frauen und People of Color bei der Rekrutierung von Astronaut_innen nicht ausreichend zu berücksichtigen – woraufhin die NASA sie als Werbepartnerin für ihr Nachwuchsprogramm einstellte (so geht zumindest die Legende).

tumblr_mxb3puN1EX1qmtfp8o1_1280
 

Dass Whoopi Goldberg in Nichols als Uhura ein Vorbild fand, um ihren Weg in Schauspielerei und Entertainment zu gehen, konnte man inzwischen schon oft lesen. Im Zusammenhang mit ihrem NASA-Engagement muss aber unbedingt auch Mae Caroll Jemison als mindestens ebenso großartige Nachfolgerin genannt werden: sie flog 1992 als erste afroamerikanische Astronautin ins All, inspiriert durch Nichelle Nichols.

– Lucie

Meine Klassenlehrerin

In der siebten Klasse bekamen wir eine neue Klassenlehrerin. Sie hatte gerade erst an unserer Schule angefangen und unterrichtete uns in Deutsch. Ich hatte damals großen Ärger mit Mitschüler_innen und eine sehr schlechte Zeit in der Schule. Nach einigen Monaten fasste ich mir ein Herz und sprach mit mir. Sie nahm sich viel Zeit für mich, nahm meine Sorgen und Nöte ernst und schaffte es schließlich, in mehreren Gesprächen mit allen Beteiligten eine wirklich gute Lösung zu finden. Ich fühlte mich bei ihr sehr aufgehoben und ernstgenommen – nicht nur mit meinen Schwierigkeiten, sondern auch mit meinen Stärken.

Sie war es, die mich in meinem Wunsch zu schreiben bestärkte, mir lange, ausführliche Kommentare unter meine Texte schrieb und mich immer wieder daran erinnerte, auch zuhause möglichst viel zu schreiben, mir Geschichten auszudenken und ihr meine Entwürfe zur Durchsicht zu geben. Ihrer Unterstützung wegen habe ich angefangen viel mehr an meinen Texten zu arbeiten, und ich habe gelernt wie man Geschichten erzählt.

Sie liebte das, was sie tat. Dieses Schulfach Deutsch war für sie nicht ein Schulfach – ihr lagen gute Grammatik und Zeichensetzung, aber ganz besonders schöne Sprache und Literatur sehr am Herzen. Und sie hat es geschafft, diese Begeisterung an mich weiterzugeben. Sie las mit uns Texte über Frauen aus verschiedenen Jahrhunderten, wir setzten einige davon als kleine Theaterszenen um und führten sie aus. Ich fing daraufhin an, mich mit anderen Frauen und ihren Rollen in der Geschichte auseinanderzusetzen, mehr und andere Bücher zu lesen und ein Gespür für gute Sprache zu entwickeln. Für mich ging eine neue Welt auf.

Ein paar Jahre später verließ sie unsere Schule, um in die Forschung zu gehen. Auch als sie längst weg war, blieb sie mir in Erinnerung: mit dem, was sie gesagt und getan hatte und besonders ihrer Art. Ich war sehr beeindruckt von ihrer Offenheit und Warmherzigkeit. Sie gab mir immer das Gefühl, auf Augenhöhe mit ihr sprechen zu können, und gleichzeitig hatte ich großen Respekt vor ihr. Ihre Meinung war mir sehr wichtig, sie konnte kritisieren und aufbauen und mir gleichzeitig Mut machen in dem, was ich schon tat. Sie vermittelte mir Stärke und Aufrichtigkeit und zeigte mir, wie es ist, das zum Beruf zu machen, was man liebt. Was ich von ihr mitnahm, war das Bild einer unabhängigen, starken Frau, die eine große Ruhe in sich trug, die ihren Weg ging. Einer Frau, die mir half zu wachsen und mich darin bestärkte herauszufinden was ich möchte und dem nachzugehen. Mit alledem ist sie mir bis heute ein Vorbild geblieben.

– Lena

Janet Mock

Gif: Janet Mock ist von Kopf bis zu Hüfte gefilmt, trägt ein schwarzes Kleid und steht in eine, Zimmer. An einem Bücherstapel im Hintergrund lehnt ihr Buch. Sie fächert sich mit dem Rockteil ihres Kleides Luft zu, streicht zwei Strähnen aus ihrem Gesicht. Die eingeblendete Schrift lautet: Janet Mock: Author of Redefining Realness
 

Janet Mock ist eine Trans-Aktivistin und Autorin aus den USA. Ihr Buch /Redefining Realness: My Path to Womanhood, Identity, Love & So Much More ist ein Wunschlistenbuch. Es gibt einige Menschen, von denen ich mir wünsche, Andrea, meine Trans-Mutter hätte sie kennengelernt und Janet Mock gehört dazu. So ist Janet vor allem für mich eine Heldin, weil unter anderem ihre Arbeit und ihr Vorbild möglich machen, dass ich präzise über meine Familie sprechen kann. Dass ich nicht auf Konzepte wie “im falschen Körper geboren” oder “als Mann geboren” zurückgreifen muss, um zu erklären, warum ich zwei Mütter habe. Und dass ich zwei Mütter habe. Dass ich nicht vorauseilend auf die Annahmen anderer Leute reagieren muss, sondern die Bedingungen selbst setzen kann.

Gif: Janet Mocks Gesicht ist zu sehen, sie spricht. Der eingeblendete Text lautet: I was born a baby who was assigned male at birth. I did not identify or live my life as a boy.
 

Dass ich ohne Unsicherheit sagen kann, dass Andrea immer ein Mädchen/eine Frau war und verlangen kann, dass Menschen das akzeptieren. Das braucht Übung, wenn die anderen Narrative so stark sind. Ich bin Janet Mock dankbar, dass sie sie verändert.

– Nicole

Die “ENIAC Girls”

Letztes Jahr war ich im “Computer History Museum”. Sehr beeindruckend und alles – aber trotz der unzähligen Exponate blieb mir vor allem eine Gruppe Frauen im Gedächtnis. Denn, während bestimmte (wenn auch wenige) Programmierinnen mittlerweile vielen geläufig sind, hatte ich von den “ENIAC-Frauen” noch nie gehört. Und tatsächlich (und nicht sehr überraschend, leider) wurde die Arbeit, die sie geleistet haben, für viele Jahre nicht entsprechend anerkannt. Dies musste auch die Informatikerin Kathy Kleiman feststellen, als sie sich während ihres Studiums Mitte der 80er Jahre auf die Suche nach weiblichen Vorbildern machte. Auf einem alten Foto sah sie Männer und Frauen den ENIAC bedienen, in der Bildunterschrift jedoch nur die Männer namentlich benannt. Die Frauen, sagte man ihr auf Nachfrage, seien jedoch nur “Refrigerator Girls” gewesen – Models, die wie in Küchenwerbung nur dabei stünden, um hübsch auszusehen.

Nichts hätte ferner von der Wahrheit sein können. Bereits im 2. Weltkrieg rekrutierte die US Army über 100 Frauen als “Computer”, um komplizierte ballistische Tabellen zu berechnen. Da dies nicht schnell genug ging, wurde der ENIAC (Electronic Numerical Integrator And Computer) entwickelt – der erste rein elektronische Universalrechner. Er füllte einen kompletten Raum. Sechs Frauen wurden ausgewählt – Kathleen Antonelli, Jean Jennings Bartok, Frances Snyder Holberton, Marlyn Wescoff Meltzer, Frances Bilas Spence, Ruth Lichterman Teitelbaum – ihn für die ballistischen Berechnungen zu programmieren. Es gab keine Programmiersprache dafür, kein Betriebssystem oder Compiler – die Frauen mussten sich einen komplett eigenen Weg erarbeiten, um der Maschine die erforderlichen Rechenschritte zu kommunizieren und diese manuell über tausende Schalter, Drähte und Borde einzuprogrammieren. Pionierinnenarbeit im wahrsten Sinne des Wortes also.

Betty Jean Jennings (rechts) und Fran Bilas (links) bedienen das Hauptkontrollpanel des ENIAC (U. S. Army Photo).

Als der ENIAC 1946 mit großem Tamtam vorgestellt wurde, wurde keine der Programmiererinnen erwähnt. Zu einem historischen Foto in der Wikipedia heißt es in der Bildunterschrift gar: “This photo has been artificially darkened, obscuring details such as the women who were present”. Heute erhalten die sechs Frauen nachträglich noch ein wenig der Anerkennung, die sie bereits damals verdient gehabt hätten – z.B. durch Kathy Kleimanns Projekt eniacprogrammers.com oder ihren Platz in der “Women in Technology International Hall of Fame”. Auf dass die Tage, in denen Programmiererinnen für Kühlschrank-Models gehalten werden, immer weiter in die Vergangenheit rücken.

– Lucie

Veranstaltungshinweise zum Frauenkampftag findet Ihr z.B. beim Mädchenblog und bei der Mädchenmannschaft.