„Das Mädchen Wadjda“ – Auf dem Fahrrad in die Freiheit

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Wenn sie doch nur ein Fahrrad hätte! Dann könnte Wadjda (Waad Mohammed) es dem Nachbarsjungen Abdullah (Abdullrahman Al Gohani) endlich zeigen und ihn in einem Wettrennen schlagen! Dass Mädchen in Saudi-Arabien gar kein Fahrrad fahren dürfen und sie auch keine Kohle hat, um ein solches überhaupt zu bezahlen, ist für die 11-Jährige dabei erst mal Nebensache.

Trotzdem (oder erst recht deswegen) ist es Liebe auf den ersten Blick, als Wadjda sieht, wie ein neues Fahrrad an den Spielzeugladen geliefert wird. Versonnen streichelt sie über den Lenker dieses grünweißen Traums und sieht sich quasi schon durch Riad cruisen, als der Verkäufer vorbeikommt und die Realität einschlägt: „800 Rial. Kannst du dir nicht leisten.“

Das Land ohne Kinos

„Das Mädchen Wadjda“ gewinnt eindeutig im Awesomeness Bingo. Es ist der erste Spielfilm aus Saudi-Arabien und damit (unterstützt von einer deutschen Produktionsfirma) in einem Land entstanden, wo es keine Kinos gibt, weil sie verboten sind – stattdessen müssen filmliebhabende Menschen bis nach Bahrain oder Kuwait fahren, um vor bewegten Leinwandbildern sitzen zu können.

Mit Haifaa Al Mansour führte außerdem erstmals eine saudi-arabische Frau Regie. Und die macht dann mit ihrem Drehbuch auch noch das, was noch nicht mal an Orten wie Hollywood & Co. selbstverständlich ist, indem sie weibliche Figuren ganz in den Mittelpunkt ihrer Geschichte stellt. Jepp, eindeutig volle Punktzahl!

Dabei war das Projekt trotz offizieller Drehgenehmigung von einigen Schwierigkeiten gebeutelt und Haifaa Al Mansour, die in Kairo und Sydney ihr Handwerk studierte, hatte beim Dreh an den Originalschauplätzen in Riad damit zu kämpfen, dass Konservative oder auch die Religionspolizei sie von ihrer Arbeit abhalten und diese abbrechen wollten.

In Saudi-Arabien herrscht Geschlechtertrennung und Frauen ist es zum Beispiel nicht erlaubt, ohne einen Mahram (einen nahstehenden männlichen Verwandten und Vormund) mit anderen Männern zu interagieren bzw. das ansonsten bis aufs Minimalste zu beschränken. Da Al Mansours Crew aus Männern bestand, wurde sie dafür in der Öffentlichkeit entsprechend angegangen. Wenn es ganz kompliziert oder auch gefährlich wurde, versteckte Al Mansour sich daher zum Beispiel auch in einem Auto und leitete die Dreharbeiten von dort aus mit dem Walkie-Talkie und Monitor weiter.

Zwischen Tradition und Bauchgefühl

Al Mansours Wadjda ist anders als die meisten Mädchen in ihrem Umfeld, weil sie mehr Freiheiten erfährt. Immer wieder stellt sie Regeln in Frage, die sie in ihren Wünschen einschränken. Sie tut das mal mit einer großen Klappe und mal mit simplen kleinen Ungehorsamkeiten.

Wadjda ist die mit den Chucks und lilafarbenen Schnürsenkeln – alle anderen Mädchen in der Schule tragen dagegen schicke schwarze Riemchenschuhe.

Wadjda spielt weiter Hopse im Schulhof, auch wenn Männer sie dabei beobachten können – „anständige Mädchen“ haben sich nämlich diesen männlichen Blicken zu entziehen, indem sie nach drinnen gehen.

Wadjda trägt Jeans unter ihrer Abaya, hört westliche Musik, ist nicht wirklich Koran-fest, hat dafür aber einen umso ausgeprägteren (und charmanten) Geschäftssinn. Ihre Verkaufsideen: Selbstgemachte Armbänder und Mixtapes. Durch die hat sie zwar schon einiges zusammengespart, von einem eigenen Fahrrad ist sie aber eben doch noch weit entfernt. Als ihre strenge Direktorin Frau Hussa (Ahd) von dem Schulhofgeschäftsmodell erfährt, ist sowieso erst mal alles gestorben, doch Wadjda wäre auch nicht Wadjda, würde sie nicht bald mit einem Plan B um die Ecke kommen.

Obwohl Wadjda aber durch ihr Zuhause schon weniger Einschränkungen erlebt als ihre Mitschülerinnen, zeigt sich an ihrer eigenen Mutter (Reem Abdullah) auch die Zerrissenheit zwischen traditionellen Regeln und eigenem Bauchgefühl. Zum Beispiel wenn diese eigentlich gerne zum Spaß mit ihrer Tochter in der Küche singt, diese Leichtigkeit aber sofort verfliegt, sobald der Vater einfach nur Gäste im Haus hat.

Wadjdas Fahrradträume kann die Mutter allerdings ebenso wenig nachvollziehen, denn das gehört sich nun mal nicht für ein Mädchen! Dabei erlebt die nicht gerade auf den Mund gefallene Mama am eigenen Leib, wie solch ein Fahrverbot das Leben beeinträchtigt. Jeden Tag muss sie 3 Stunden zur Arbeit zurücklegen und ist dabei auf einen Fahrer angewiesen, der nicht nur einen eher riskanten Fahrstil aufweist, sondern seine Kundinnen auch noch regelmäßig wegen aller möglicher Kleinigkeiten anmotzt. Ändern muss er sich nicht. Er weiß schließlich, dass sie alle auf ihn angewiesen sind.

Denn obwohl es kein offizielles Gesetz gibt, dürfen Frauen in Saudi-Arabien keine (motorisierten) Fahrzeuge bewegen. Wenn eine Frau also von A nach B kommen will, muss sie entweder laufen oder sich einen Fahrer organisieren, da der öffentliche Verkehr wiederum bedeuten würde, dass frau für längere Zeit mit unbekannten Männern auf einem Raum zusammensäße.

Da Ehemann, Bruder & Co. aber nicht immer greifbar sind, geht bis gut die Hälfte des Einkommens meist für Taxifahrten und private Fahrer drauf. Hier ist das Zusammensitzen mit Fremden plötzlich „akzeptiert“, aber es ist eben auch ein Kostenfaktor, der für viele Frauen bedeutet, dass sie gleich ganz daheim bleiben müssen – und spätestens wenn es um Notfälle geht, wird das Fahrverbot so richtig zum Problem. Widersetzen sich Frauen dem Fahrverbot und werden erwischt, müssen sie mit unterschiedlichen Bestrafungen bis hin zur Kündigung ihres Jobs und Gefängnis rechnen.

Im Jahr 2011 griffen Aktivistinnen wie Manal al-Sharif die bereits in den 90er Jahren entstandene „Women to drive“-Kampagne wieder auf, bei der Frauen dazu animiert werden, sich einfach hinter das Steuer zu setzen. Vor allem über Social Media wurden 2011 so zum Beispiel Videos verbreitet, in denen Frauen beim Autofahren zu sehen sind und zeigen, dass eine Frau am Steuer nicht auch immer gleich von der Polizei angehalten wird. Eine der erfolgreichsten Aktionen dazu fand am 17. Juni 2011 statt und ich kann mich nur zu gut an all die bewegenden Tweets erinnern, die an diesem Tag zu lesen waren.

Der Alltag als Erzählmittel

„Das Mädchen Wadjda“ knüpft für mich an dieses Gefühl an. Er ist ein äußerst liebevoller und liebevoll gemachter Film, der die gesellschaftlichen Konventionen Saudi-Arabiens anerkennt und zugleich meist subtil in Frage stellt. Er ist nicht beschönigend und trotzdem durchaus optimistisch für ein Land, in dem es Frauen quasi wortwörtlich untersagt ist, ihre Stimme zu erheben, da sie etwas intimes sei. Schließlich ist es auch ein Land, in dem sich Haifaa Al Mansours eigene Träume dank einer unterstützenden Familie überhaupt erst entwickeln durften. Was das Radfahren angeht, hat sich immerhin in diesem Jahr etwas mehr geregt und Frauen dürfen nun in Vollverschleierung zum Spaß in Parks unterwegs sein – allerdings auch wieder nur mit einem Mahram.

Das Leben von Mädchen und Frauen in Saudi-Arabien wird in diesem Film, freilich nicht in allen, aber doch in sehr vielen Facetten angerissen und erzählt. Sie sind die Protagonistinnen des Films und über viele kleine Alltagssituationen wird das Gesamtbild ihrer unterschiedlichen Lebenssituationen gezeichnet.

Während Wadjdas Mutter zum Beispiel immer wieder betont, dass sie nicht vorhat, ihre Tochter jung zu verheiraten, zeigt Wadjdas Klassenkameradin Salma (Dana Abdullilah) verunsichert Fotos von ihrer Hochzeit mit einem 20-jährigen Mann herum. Ein anderes Mädchen aus Wadjdas Schule soll wiederum schnurstracks verheiratet werden, nachdem sie mit einem jungen Mann zusammen gesehen wurde, der kein Verwandter von ihr ist. Selbst die unglaublich strenge und überkorrekte Direktorin Frau Hussa gibt an einem Punkt zu, auch einmal aufmüpfig wie Wadjda gewesen zu sein – und es geht sicher nicht umsonst das Gerücht um, sie wäre von einem „Einbrecher“ (lies: Liebhaber) besucht worden.

Grenzgänger_innen

Jungen und Männer sind in diesem Film zwar eher in Nebenrollen zu finden, dafür wirken sie jedoch meist lebensbestimmend auf die Mädchen und Frauen ein. Ob es nun besagter Fahrer der Mutter ist, ein Bauarbeiter, der Wadjda auf der Straße sexuell belästigt oder Wadjdas kaum anwesender Vater mit seiner geplanten Zweithochzeit, die der Mutter nicht nur das Herz bricht, sondern sie auch aufs gesellschaftliche Abstellgleis schiebt.

Trotzdem gibt es genauso Orte, an denen die traditionellen Grenzen bzw. zugewiesenen Rollen zwischen Jungen und Mädchen, Frauen und Männern aufweichen.

Wenn Wadjda dem Spielzeugladenbesitzer zum Beispiel ein Mixtape macht, damit der auch endlich mal in den Genuss technischen Fortschritts kommt (er hört immer noch Vinyl) und im Gegenzug dafür ihr anvisiertes Fahrrad reservieren soll, anstatt es einem interessierten Jungen zu verkaufen. Oder im Krankenhaus, wo Leila (Sara Aljaber), die beste Freundin der Mutter, gutes Geld verdient, sich nicht wie sonst verschleiert und Seite an Seite mit Männern zusammenarbeitet.

Allem voran aber steht die Freundschaft zwischen Wadja und Abdullah dafür. Denn obwohl er ihr zunächst stets sagt, dass ihre Wünsche nicht zu realisieren sind, staunt er schließlich nur über Wadjdas Ehrgeiz, hilft ihr und setzt sogar seinen politisch wichtigen „Schnurrbartonkel“ („Schnurrbärte müssen so groß sein, dass ein Falke drauf landen kann!“) als ultimatives Druckmittel ein. Sein eigenes Rad gibt er zu Übungszwecken her und schenkt Wadjda sogar einen Fahrradhelm.

Dass dieser schließlich trotz aller Widrigkeiten sogar zum Einsatz kommen darf, verdankt Wadjda allerdings noch mal jemand anderem und ich kann an dieser Stelle nur allerwärmstens empfehlen, dass ihr selbst anschaut, wie diese wunderbare Geschichte (vorerst) endet.