Lebe wohl!

Foto , CC BY 2.0 , by davidd

Alles fing damit an, dass eine Waage kaputt ging und endet mit einem Aufruf zu einer Revolution.
(TW: Dieser Beitrag berichtet unter anderem auch von einer Ess-Störung und erwähnt Gewichtszahlen)

Ich twitterte, ich wolle mir keine neue Waage mehr kaufen. Andere Twitterinnen fanden meinen Schritt sehr mutig. Sie berichteten von eigenen Erfahrungen mit der Waage und weil wir schnell merkten, dass das ein emotionales Thema ist – die Sache mit dem Wiegen und dem Gewicht – beschlossen wir, eine Aktion ins Leben zu rufen: Wir erzählen von unserem #waagnis und setzen unsere Waagen in die Wildnis aus!

Macht mit! Bloggt, fotografiert eure ausgesetzten Waagen und erzählt uns davon. Wir fangen an und berichten euch von unserem #waagnis, keiner von uns ist das leicht gefallen und deshalb freuen wir uns umso mehr, wenn ihr mitmacht: auf eurem Blog, per Mail oder auf Twitter mit dem Hashtag #waagnis.
Wir sammeln eure Fotos und hoffen auf eine große Galerie der ausgesetzten Waagen. Unter allen, die dort bis zum 31. Juni dieses Jahres mitmachen, verlosen wir dieses wundervolle Bild, das Nicole extra für uns gestickt hat. Denn die einzige Waage, die man für ein gutes Leben braucht, ist eine Küchenwaage.

Mein #waagnis

Als ich mich am 13. Mai wiegen wollte, erschienen auf dem Display meiner Digitalwaage lediglich kryptische Zeichen, die kurz darauf erloschen. Da ich die Batterie erst vor ein paar Tagen gewechselt hatte, ging ich davon aus, dass die Waage kaputt sei und entschied, erst einmal keine neue zu kaufen, um herauszufinden, ob dies mein Körper- und Lebensgefühl positiv verändern würde. Bereits ein paar Stunden später wurde mir das Ausmaß dieser Entscheidung bewusst: Ständig huschte mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich mich ja noch wiegen müsse und je länger der Tag sich hinzog, desto schlimmer wurde es damit. Ich war abhängig von meiner Waage.

Seit ich denken kann, wiege ich mich regelmäßig. Dabei hatte ich in meiner Jugend nie Probleme damit, dick zu sein. Ich konnte essen, was ich wollte, ich blieb immer schlank. Aber ich wuchs in einer Welt auf, in der schlecht über dicke Menschen gesprochen wurde und so wollte ich deshalb auf keinen Fall werden. Also musste ich mich täglich kontrollieren, es gab schließlich schon genügend andere körperliche Nachteile, die ich laut meiner Mutter mit mir herumtrug. Meine hässlichen Beine zum Beispiel, die ich mit meiner unmöglichen Schuhauswahl auch noch unterstrich und meine fehlende Taille, die in den Röcken, die ich trug, noch mehr zur Geltung kam. Ohnehin war meine ganze Erscheinung schrecklich und veranlasste die Menschen im Ort angeblich bereits zu Getuschel. (Mein großes Vorbild war seinerzeit Madonna.)

Mit zwanzig war ich als Au-Pair in Rom, kompensierte Heimweh und Unzufriedenheit mit Essen, nahm in dieser Zeit zehn Kilo zu und kam als ‚die Fette‘ wieder zurück nach Deutschland. Ich fühlte mich furchtbar, obwohl ich mit 1,74m Köpergröße gerade mal 70 Kilogramm wog. Mein Gewicht wurde natürlich überall kommentiert und so nahm ich – es war ja meine erste Diät – ziemlich schnell wieder ab und schwor mir, nie wieder ‚dick‘ zu werden.

Störung

Mitte der Neunziger Jahre ging ich fast jedes Wochenende auf Technopartys. Wir tanzten stundenlang und ich wog nur noch 55 Kilogramm. Meine Mutter sorgte sich bei unseren seltenen Begegnungen, ich könnte magersüchtig sein und Arbeitskolleginnen sagten mir oft, ich sei viel zu dünn. Ich mochte meine Silhouette, wenn ich mich von der Seite im Spiegel betrachtete, mochte es, auf dem Rücken zu liegen und mit den Händen die hervorstehenden Beckenknochen zu spüren und wog mich ständig, um mich dieses Dünnseins zu vergewissern.
Männer machten mir beim Sex Komplimente für meinen Körper und später, als ich ein paar Kilo zunahm, legte mir mein Freund dringend nahe, eine Diät zu machen – ich wog damals gerade einmal 60 Kilogramm.

Als ich diesem hedonistischen, oberflächlichen Leben den Rücken zukehrte, trafen mich meine bis dahin mit Spaß und Musik verdrängten Probleme mit voller Wucht und ich begann, wie schon damals in Rom, meine Unzufriedenheit mit Essen zu kompensieren und nahm zu. Ich hasste meinen Körper, weil ich nach wie vor der Meinung war, dass Menschen mit Übergewicht gesellschaftlich nicht akzeptiert seien und ich so vor allem nie wieder begehrt würde.

Hier begann jenes Leben in ständiger Diät – oder ich brach gerade eine und aß umso mehr und immer mit schlechtem Gewissen. Ich war nie bulimisch, ich habe immer nur gegessen und den Zustand danach ertragen und diesen im schlimmsten Fall versucht mit noch mehr Essen zu kompensieren. Aber irgendwann habe ich dennoch für mich festgestellt, dass ich eine Ess-Störung hatte. Ich wog mich morgens und abends oder hatte Angst vor der Waage und mied sie tagelang wie eine Feindin. Ich dachte ständig übers Essen nach, anstatt herauszufinden, warum ich das tat und warum ich es nach wie vor verurteilte, dick zu sein. Niemand signalisierte mir, dass ich okay sei, so wie ich war. Stattdessen erhielt ich schon mal Ratschläge wie, das Essen vor dem Runterschlucken wieder auszuspucken, wenn ich nicht davon lassen könne. Ich aß Kohlsuppen, verzichtete auf Dinge, die ich gerne aß, fastete und einmal gelang es mir mit Hilfe von viel Sport wieder dünn zu werden. Der Preis dafür war, dass ich mindestens drei Mal in der Woche ins Fitness-Studio gehen musste. Aber ich wurde gelobt für meinen durchtrainierten Körper. Glücklich war ich nicht. Ich stellte mich nach wie vor jeden Tag auf die Waage und als ich mit dem Sport aufhörte, ging alles wieder von vorne los.

Sei gut zu dir

Vor drei Jahren wog ich mit 80 Kilogramm so viel wie nie zuvor und beschloss, eine Hypnosetherapie zu machen, um abzunehmen. Es fing auf meinen Wunsch hin tatsächlich damit an, Bedürfnisse nach Lebensmitteln, die ich kopflos aß, wenn ich besonders schlecht gelaunt oder traurig war, zu löschen. Erst vor kurzem habe ich es deshalb geschafft, mir nach langer Abstinenz und einem zehnminütigen Kampf vor dem Regal wider diese Umprogrammierung eine 300-Gramm-Tafel Milka Noisette zu kaufen.
Doch die Therapie schlug Dank der großartigen Therapeutin zum Glück schon bald eine ganz andere Richtung ein: Es ging darum, mich bewusst zu ernähren, Freude am Essen zu haben und mir auch darüber hinaus Gutes zu tun. Dass ich dabei abnahm, war eher eine Begleiterscheinung und geschah ohne Anstrengung. Rückblickend kann ich sagen, dass ich in dieser Zeit so zufrieden mit mir war, wie nie zuvor. Ich habe mich nur noch selten gewogen, ich mochte meinen Körper so wie er war, und ich kümmerte mich vor allem nicht mehr darum, wie andere Menschen ihn beurteilten.

Ich habe nach wie vor nicht mein ‚Wohlfühlgewicht‘, aber ich bin mit mir ziemlich okay, solange ich einen bestimmten Wert auf der Waage nicht überschreite. Und genau hier liegt mein Problem: In den letzten Monaten passierte dies ständig. Und um dies zu kontrollieren, wog ich mich mittlerweile wieder jeden Tag. Erst nachdem am 13. Mai die Waage kaputt ging, fiel mir auf, dass ich dies oft sogar morgens und abends machte. Eine schrecklicher Zustand, von dem ich mich gerne befreien möchte. Ebenso wie von dem Druck, schlank sein zu müssen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden und begehrenswert zu sein. Mehrere Jahrzehnte falsche Sozialisation können mit Hilfe einer intellektuellen Herangehensweise leider nicht einfach so umgeschrieben werden. Stattdessen bedarf es eines liebevollen Blicks nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst und neuer positiver Erfahrungen in einem Leben ohne oberflächliche Urteile – und ohne Waage.

Rückfall

Als ich vor über einer Woche meine kaputte Waage bis zum Beginn der Aktion wenigstens aus meinem Blickfeld schaffen wollte, habe ich ’spaßeshalber mal kurz‘ eine andere Batterie ausprobiert. Um festzustellen, dass die Waage gar nicht kaputt war. Dabei hatte ich ohne sie begonnen, mich endlich wieder häufiger und wohlwollender im Spiegel zu betrachten. Das Gewicht, das die Waage mir nun anzeigte, passte jedoch überhaupt nicht zu dem guten Körpergefühl, das ich hatte. Anstatt die Waage nun erst recht fortwerfen zu wollen, fällt es mir nach diesem Rückfall nun besonders schwer, sie auszusetzen. Mir ist aufgefallen, dass ich insgeheim immer noch davon träume, wieder meine Beckenknochen spüren zu können. Ich hatte einst einen Kollegen, der fast 200 Kilogramm wog und irgendwann sagte er zu mir: „Ich war ja nicht immer so. In mir gibt es nach wie vor eine dünne Version von mir. Ich schaffe es nur nicht, sie wieder zum Vorschein zu bringen.“

Ich möchte mich von meiner dünnen Version in mir verabschieden. Die gibt es nicht mehr, ich bin längst eine andere. In meinem Schrank befanden sich bis vor kurzem immer noch Kleider, die mir seit Jahren nicht mehr passen. Zwei davon habe an liebe Freundinnen verschenkt. Ciao, Waage!

Die Beiträge meiner Gefährtinnen:
Weg mit der Waage, her mit dem Körpergefühl
Die räudige Straßenwaage – bitte nicht mitnehmen
Zehn Jahre ohne… und im Kopf immer da
Vom Wiegen und Körperwaagen

  • doro

    Toller Bericht und super Idee! Habe mich in Vielem wiedererkannt! danke!!

  • Barbapapa

    Am besten die Waage gleich in den Müll werfen, das schützt vor Rückfällen.

  • Annika

    Wie du einfach das Gefühl mit dem Nagel auf den Kopf haust! Danke für den Artikel, liebste Maike! Ich hab mich seit gefühlten 5 Jahre nicht mehr gewogen. Für ein gutes Körpergefühl braucht man die nicht. Dazu gehört gutes Essen, Yoga oder Tanzen und sich einfach mal ne Runde so lieb haben wie man ist. Mit jeder Delle die an einem dran ist! <3

  • Félin

    Ich kann das gut verstehen. Bei uns im Haushalt steht eine Waage, allerdings nicht in der Wohnung, sondern draußen vor der Tür. Und da ist sie auch ganz gut aufgehoben. Ich fühl mich in meinem Körper wohl, weiß aber aus Erfahrung, dass ich auch den Zahlen zuviel Wert beimesse und verzichte deshalb lieber darauf, mich zu wiegen.

    Wir hatten jetzt einige Zeit lang eine Mitbewohnerin, die sich ständig gewogen hat und dazu halt mit Maßband Umfang gemessen hat, das finde ich deutlich zuviel Fixierung auf den Körper.

  • tons

    Alles Gute für das Waagnis! Bin gespannt, wie viele obdachlosen Waagen es bald geben wird.

  • Aris

    Bei mir ist es eher umgekehrt. Ich fühle mich wohl, nur andere sind der Meinung, ich sei dick.

    Also werft nicht nur die Waage für euch selbst weg sondern versucht dieses Maß auch mal bei anderen nicht mehr gelten zu lassen. Nehmt einen dicken schwitzenden Menschen einfach mal hin anstatt sich vor ihr/ihm zu ekeln. Manchmal kann die Erkenntnis, dass dicke Mensche glücklich leben, auch hilfreich bei der Selbsterkenntnis sein

    • ruhepuls

      Ja, auf jeden Fall. Deshalb schrieb ich oben auch, dass ich mich von dem Druck der Gesellschaft befreien möchte und mir einen liebevollen Blick auf alle Menschen wünsche – egal wie sie aussehen.

  • larojatraviata

    Danke, Liebe! Sehr schön geschrieben! Ich erkenne mich wieder in Kommentaren meiner Mutter – die die Einzige ist, die mich aufgrund meines Körpers kritisiert – aber es trifft so sehr, ganz besonders von ihr! und den Essanfällen, auch wenn es bei mir nie eine Waage gab… nur den Blick in den Spiegel und das schreckliche Gefühl, mich überhaupt nicht wohl in meinem Körper zu fühlen. Das Problem hat nicht mit den Essanfällen agefangen, sondern viel früher. Mit meiner ersten ‚Diät‘, weil ich mit 12,13 nicht mehr in meine Jeans passte (wer sagte mir, dass sei normal zu Beginn der Pubertät und überhaupt, dass sich der Körper immer wieder verändert? Sicher nicht meine Mam, die meist nur Salat zu Abend aß oder meine Familie, in der jede_r dünn war/ist/…); Freundinnen, die mich beglückwünschten, als ich einige Tage am See weniger aß, weil wir nichts dabei hatten und keinen „Bauch“ mehr hatte; andere, die mir sagten, ich solle modeln gehen und meine Versuch in dem Bereich, Vergleich mit Maßen und wieder von einer Fotografin dieses „für ein Model hast du aber zu viel Bauch“… Ich hoffe, es wird wieder und ich lerne früher als meine Mutter, nein, sehr bald, mit zu befreien von diesem Blick von außen auf meinen eigenen Körper und mich wieder wohl zu fühlen in und mit mir.

  • susanna14

    Viel Glück mit eurem Projekt! Ich meide Personenwaagen schon seit langem. Das beendet war nicht alle Sorgen um meine eigene Figur – ich merke schließlich, ob welche Kleidungsgröße mir passt – aber ich glaube, es geht mir deutlich besser als wenn ich eine Waage hätte.

    • ruhepuls

      Danke. Nein, das Wegwerfen beseitigt nicht automatisch alle Sorgen, die man mit sich und seinem Körper hat. Es ist ein nur ein Anfang.

  • Pterry

    die Waage erscheint als der „ball and chain“ der modernen Frau – aber die steigende Zahl Essgestörter spricht da auch eine sehr deutliche Sprache, was unser Körperbild betrifft (und mittlerweile wohl auch immer mehr Männer) bzw welche Ansprüche wir an andere stellen (erster Eindruck und so)

  • Solvejg

    Wie wäre es, wenn ihr zu verstehen versucht, dass nicht die Waagen das Problem sind, sondern ihr selbst und Eure verinnerlichten Normen? Waage weg – Problem beseitigt? Wohl kaum. Vielleicht solltet ihr im Innersten einen angemessenen Umgang mit Eurem Körper und eine gesunde Selbstwahrnehmung lernen und womöglich „sogar“ den Umgang mit einem stinknormalen Haushaltsgegenstand wie einer Waage? Wegwerfen müsstet ihr wohl eher fehlgeleitete und zwanghafte innere Maßstäbe…viel Erfolg!

    • ruhepuls

      Liebe Solvejg,

      bestimmt hast du folgenden Abschnitt überlesen:

      “ Eine schrecklicher Zustand, von dem ich mich gerne befreien möchte. Ebenso wie von dem Druck, schlank sein zu müssen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden und begehrenswert zu sein. Mehrere Jahrzehnte falsche Sozialisation können mit Hilfe einer intellektuellen Herangehensweise leider nicht einfach so umgeschrieben werden. Stattdessen bedarf es eines liebevollen Blicks nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst und neuer positiver Erfahrungen in einem Leben ohne oberflächliche Urteile – und ohne Waage.“

      Natürlich ist die Waage nicht das eigentliche Problem. Deshalb habe ich auch meine Sozialisation aufgeschrieben. Vermutlich hat das nicht gereicht, wenn nun gerne gelesen wird, dass ausschließlich das Wegwerfen der Waage genügt und dann ist alles gut. Ich habe in den letzten Jahren bereits viel dazugelernt. Ich esse mittlerweile meistens mit Freude (ja, auch Dinge, die „ungesund“ und sehr kalorienreich sind, das ging früher nicht), ich achte besser auf mich (damit meine ich, dass ich Dinge tue, die mir gut tun, nicht, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr esse). Ich habe viel weniger Fress-Attacken als früher. Aber der Prozess ist langwierig. Das Wegwerfen der Waage hilft mir dabei, mich von einem Zwang zu befreien. Das ist alles. Es ist nicht so einfach, wie es klingt, sich von einem Gegenstand zu lösen, der Teil im Gefüge eines gestörten Verhältnisses zum Essen und zum Körper ist. Bloß, weil für dich da alles okay ist und du das alles offenbar gut kannst, heißt es nicht, dass es für andere Menschen auch so ist. Wie ich bereits schrieb, ist es mit einer intellektuellen Herangehensweise nicht automatisch getan.

      Ich habe mich vor der Aktion mit einigen Menschen unterhalten. Es waren einige darunter, die sagten, sie könnten es nicht, die Waage wegwerfen. Dass sich hier keine zu Wort melden, wundert mich nicht, denn dafür bekämen sie ganz schön was zu hören. Leider. Ich wollte nie, dass sich die Menschen mit den Waagen schlecht fühlen, weil sie sie ggf. brauchen und sie behalten wollen. Das mit der Waage ist mein bzw. unser Weg. Dass er nicht reicht, zeigt zB auch der Text von Ninia, die schon ganz lange ohne Waage lebt und immer noch das Gefühl hat, körperlich unzulänglich zu sein. Es ist ein weiter Weg und wir alle kämen bestimmt besser voran, wenn wir uns gegenseitig unterstützen, anstatt Vorwürfe zu machen, wo wir wen wie ausgeschlossen zu haben und wer wie wo falsch denkt.

      Viele Grüße
      Maike

  • Simone Happel

    Liebe Maike,

    danke für diesen mutigen und ehrlichen Artikel! Als ehemals Betroffene bin ich seit Jahren der Meinung, dass die Zahl der essgestörten Frauen (und Männer) sehr viel höher ist, als gemeinhin angenommen. Essstörungen beginnen doch schon viel früher, Magersucht, Bulimie und Binge Eating sind nur die Spitze des Eisbergs. Und das Problem ist weder das Essen, noch das Gewicht, es ist „im Kopf“. Frauen mit Essstörungen definieren sich nahezu ausschließlich über ihr Gewicht: „2 kg weniger und das Leben ist toll, 2 kg mehr und der Selbsthass ist groß.“ Auf meiner Seite lebenshungrig.de begegne ich jeden Tag hunderten von wunderbaren Frauen, alle „funktionieren“ sie scheinbar nach Außen hin, aber in ihrem Inneren tob ein Krieg. Der Krieg gegen sich selbst. Für mich sind Essstörungen Beziehungsstörungen, in erster Linie ist die Beziehung zu der eigenen Person gestört. Es mangelt an Selbst-bewusst-sein.
    Natürlich hilft es nicht alleine, die Waage zu verbannen. Aber ich finde, es ist ein sehr guter „symbolischer Akt“. Und die Aktion führt dazu, dass dieses enorm wichtige Thema Raum im Netz bekommt. Ich selbst habe übrigens seit über 15 Jahren keine Waage mehr und seit dem ich das Thema Essen wieder dem zurück gegeben habe, der dafür zuständig ist, nämlich meinem Körper, halte ich mein Gewicht ohne Probleme…

    LG Simone

  • Alltagsheldin

    Eine tolle Aktion und mutig obendrein. Ich bewundere alle, die teilnehmen!
    Dein Bericht ist auch ganz klasse geschrieben, aber das, was sich zwischen den Zeilen ließt, klingt weniger schön. Das tut mir unheimlich leid. :(

    Wenn ich so darüber nachdenke, so muss ich wohl zugeben ebenfalls ein Problem diesbezüglich zu haben. Mit 13 machte ich die erste Diät, die Folge war ein Krankenhausaufenthalt. Nun – 14 Jahre später – bin ich mal wieder auf Diät. Eine Andere, als die in all den Jahren gemachte und hoffe, mein Wohlfühlgewicht bald erreichen zu können.
    Ich finde es wirklich mutig sagen zu können „Mir ist das egal, was ich wiege. Mir geht es gut, so wie ich bin.“ Ich bewundere alle, die das schaffen. Ich für mich kann es mir nicht nur nicht vorstellen, das wäre für mich wohl der absolute Horror. Seit ich 13 war gab es noch nie eine Zeit, in der ich mich in meiner Haut wohlfühlte und das… nun… möchte ich erreichen. Sich nicht angestarrt fühlen, nur weil ich nicht der Norm entspreche, sich nicht ausgegrenzt fühlen, weil ich mehr drauf hat. Es sind Blicke, das Shoppengehen und viele viele andere Dinge, die mich mal wieder zu einer Diät motivieren.
    Naja… Lange Rede, kurzer Sinn:
    Viel Erfolg allen!!!

    Liebe Grüße,
    die Alltagsheldin

  • Susann

    Ein Moment, der mich selbst sehr schockiert hat:

    In einem Blog las ich einen Kommentar mit der ungefähren Aussage: „Auch mit Größe 36 kann man unglücklich sein.“

    Ich las das und dachte mir – ernsthaft – WAS? Größe 36 und NICHT glücklich? Aber…das gibt’s ja gar nicht!

    die Idee, dass man schlank sein könnte und unglücklich, die erschien mir als völlig abwegig.

    Die Idee, dass man schlank sein MUSS, um glücklich zu sein, die sitzt verdammt tief.

    Weitere Erlebnisse, die mich sehr getroffen haben:

    Ich nahm 10 kg ab. Worauf Kolleginnen, die ich vielleicht 1x im Monat sehe, mich mit Komplimenten und Begeisterung überschütteten, als hätte ich eigenhändig den Syrienkonflikt beigelegt. Dass ich ein summa cum laude-Studium hatte, Keats auswendig konnte, ehrenamtlich in der Flüchtlingsbetreuung tätig war, ein Kind allein zu einem ordentlichen Menschen erzog, jeden Tag hilfsbereit, motiviert und tüchtig war…völlig schnuppe. Hat keinen interessiert. Aber 10 kg weniger, das fanden alle toll, das ist ne Leistung, die zählt.

    Und wer mich angeredet hat, das waren nur und ausschließlich Frauen.

    Die Sozialkontrolle unter Frauen ist ziemlich unerbittlich und gnadenlos, und sie dreht sich wahrscheinlich zu 50% um’s Aussehen und Gewicht.

    Und noch was:

    Der Kampf gegen das Zunehmen (oder für das Abnehmen), der bindet so viel Energie. Ich muss aufpassen, was ich esse, ich muss 3x in der Woche Sport machen…und im Prinzip ist das auch bis jetzt kein riesiges Problem für mich, denn ich hab keine Lust darauf, wieder dick zu werden. Das perfide ist ja nur, wie schwierig es ist, Gewichtsverluste zu halten – viele schaffen das einfach gar nicht, selbst, wenn sie sehr darum kämpfen, ihr Gewicht zu stabilisieren. Der Frust muss unendlich sein, ständige Selbstkasteiung, die nichts nutzt, und trotzdem von der Umgebung für undizipliniert gehalten und verachtet zu werden.

    Ich werde sicherlich meine Waage nicht rausschmeißen – das ist für mich nur Symptombekämpfung. Völlig egal,ob ich eine Waage habe oder nicht, ich werde mein Gewicht belauern wie eine Katze das Mauseloch. Und wenn ich nicht auf der Waage stehe, werde ich aufpassen, ob der Hosenbund zwickt oder die Hose am Hintern spannt…es ist egal, ob eine Waage in meiner Wohnung steht oder nicht, mein Gewicht ist mir wichtig – weil ich mir besser gefalle, wenn ich weniger wiege.

    Aber worauf ich sehr achten werde, ist, niemandem das Gefühl zu geben, dass dünne Menschen in irgendeiner Weise „besser“ sind und mehr Liebe und Respekt verdienen als dicke.

    • julianeleopold

      Amen! Genau so hab ichs auch erlebt, die Lobe fürs „Gut sein“ und das Übersehen anderer Erfolge.

  • Eva

    Ich habe ebenfalls vor einigen Monaten entschlossen, mich nicht mehr zu wiegen. Als Ex-Bulimikerin sind meine Monster im Kopf mal stärker, mal schwächer. Seit ich die Waage meide, sind sie definitiv schwächer ;)

  • Chica

    Maike, ich kenne das genauso, dass man mir als jüngeres Mädel „Fettarsch“ hinterhergerufen hat, obwohl ich mit 1,74cm Größe 50 Kilo gewogen habe. Heute denke ich, es hakt. Was für Maßstäbe sind das denn? Dann kam ich in Kur und die Ärzte wollten, dass ich 2 Kilo zunehme. Die fanden mich zu dünn und ich fand mich fett. Nicht magersüchtig fett, ich war davon überzeugt, weil es mir alle, inklusive Mutter gesagt hatten.

  • Pingback: Valeska. Und die Sache mit dem Röckchenmut. | ringelmiez()

  • Thalia

    ich hatte bis vor wenigen jahren immer ein problem mit meinem Gewicht und meiner Figur. nicht weil ich zu dick war, sondern weil ich mich immer ein bisschen zu dick fühlte. ich hatte freundinnen, die waren dünner und größer als ich und ich hatte das gefühl neben ihnen nicht aufzufallen. ich habe viel energie und zeit damit verschwendet, darauf zu achten was ich esse und mir ein schlechtes gewissen zu machen, wenn es nicht „das richtige“ war.
    heute, mit anfang 20, kann ich sagen, dass ich einiges dazu gelernt habe.
    ich habe schon lange keine Waage mehr, weil es unwichtig ist, was sie mir sagt. das einzige was zählt, ist wie ich mich fühle. ich ernähre mich sehr bewusst. damit meine ich nicht kalorienbewusst, ich achte nur halt sehr darauf, dass ich mich besonders ausgewogen und gesund ernähre. und schon allein das gibt mir ein viel besseres körpergefühl. ich habe mehr Energie und das essen macht mir richtig spaß. ich hab gelernt, dass es nicht um gewicht geht, sondern ums gesund sein. ich esse weniger fastfood, nicht weil es „dick macht“, sondern weil es mir nicht gut tut.
    ich liebe meinen Körper, auch wenn er nicht perfekt ist und deswegen möchte ich ihn mit respekt behandeln.