Warum ihr alle Tig Notaro kennen solltet

Foto , CC BY-NC-ND 2.0 , by .melanie

Tig Notaro ist für mich die beste Comedy-Entdeckung seit langem. Und weil Lachen gesund ist, zusammen aber noch viel mehr Spaß macht, sollt ihr sie nun auch alle kennenlernen.

Als ich mich in Tig Notaros trockenen Humor verliebte, wusste ich noch nicht einmal wie sie heißt. Unser Blind Date fand statt, während ich den Abwasch machte und das tat, womit ich mir diese zweitschlimmste der häuslichen Arbeiten – Disclosure: Es kommt in meiner Rangordnung direkt nach Bügeln – meist versüße: Ich hörte meinen Lieblingspodcast, „This American Life“, der ja auch andere kleinerdreis regelmäßig begeistert. Teller schrubbend lauschte ich da ihrer Geschichte namens „Groundhog Dayne“ und verfolgte prustend wie sie erzählte, immer wieder der Sängerin Taylor Dayne über den Weg zu laufen. Taylor Dayne kennt ihr nicht (mehr)? Macht nichts. Die in den 80er-Jahren bekannt gewordene Sängerin wird euch nach Notaros Schilderung jedenfalls auf besondere Weise ans Herz wachsen. Teile der kleinerdrei-Redaktion vermuten jedenfalls, sie seitdem immer wieder regelmäßig zu sichten. True story.

Nach dieser herzlichen Bekanntmachung mit der, in jenem Moment für mich immer noch Namenlosen Tig, fiel mir allerdings auf, dass ich ihre Stimme irgendwo schon mal gehört hatte. Eine kurze, mit Spülhänden getippte Recherche in meinen Bookmarks ergab schnell: Sie stammte aus dieser Zusammenstellung gelungener rape jokes, wo Tig mit ihrer persönlichen, aber dennoch punktgenauen Interpretation der spanischen Wendung „No Moleste“ vertreten war. Die Autorin Kate Harding hatte die Liste erstellt, nachdem der Comedian Daniel Tosh für seine Verwendung von Vergewaltigungswitzen zu Recht heftig kritisiert und zugleich diskutiert wurde, ob sich denn über solche Witze überhaupt lachen ließe.

Ich war spätestens danach jedenfalls Fan und wie es sich für frisch entdeckte Lieblinge gehört, wollte ich natürlich auch gleich alles von ihr hören, sehen, kaufen! So stieß ich direkt auf ihre damals jüngste Veröffentlichung, „Live“, die sich schließlich als ganz besonderes Bühnenprogramm entpuppte. Laut Comedy-Kollege Louis C.K. – den ich persönlich mal so und mal so finde – war es nämlich das Beste, was er in seiner gesamten Stand-Up-Zeit zu sehen bekam, weswegen er Tig Notaro dazu überredete, den Mitschnitt ihres wahrhaftig einmaligen Auftritts im Largo Club in Los Angeles über seine Seite zu vertreiben. C.K. war selbst an jenem Abend dabei gewesen, stand in Ehrfurcht hinter der Bühne und fasst dies so zusammen:

The show was an amazing example of what comedy can be. A way to visit your worst fears and laugh at them. Tig took us to a scary place and made us laugh there. Not by distracting us from the terror but by looking right at it and just turning to us and saying „Wow. Right?“.

Worum es bei „Live“ eigentlich geht? Nun, dass erklärt Tig Notaro am besten selbst, wie zum Beispiel hier, während eines Besuchs bei Conan:

Jepp. In einem Zeitraum von nur 4 Monaten kam Tig zuerst mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus, fing sich dort C. diff.-Bakterien ein, musste entsprechend länger bleiben und leiden, um nur kurze Zeit nach ihrer Krankenhausentlassung zu erfahren, dass ihre Mutter durch einen Unfall ums Leben kam, um dann schließlich von ihrer Lebensgefährtin verlassen zu werden und obendrauf auch noch die Diagnose Brustkrebs zu erhalten. In beiden Brüsten, versteht sich. In einer Brust sogar bösartig.

(Durchatmen.)

Die Diagnose hatte sie gerade erst bekommen, doch da sie ihren schon länger geplanten Auftritt im Largo Club nicht absagen und auch nicht so tun wollte, als wäre alles in Ordnung, machte sie genau das zum Thema ihrer Show. An einem Punkt, wo es ihr wirklich niemand übel genommen hätte, hätte sie sich einfach nur noch zu Hause unter der Bettdecke verkrochen, ging sie raus auf die Bühne und teilte mit dem Publikum, was in ihrem Kopf vor sich ging. Die Ohnmacht genau so wie den Galgenhumor – too soon trifft auf absurdes Theater.

Tig beschreibt in ihrer unvergleichlich trockenen Art, wie sich Menschen im Wissen um ihre Krankheit nun seltsam gegenüber ihr benehmen. Wie sie selbst mit Weiblichkeit umgeht, weil diese sich für viele Menschen so sehr über Brüste definiert. Wie sie Komplimente für ihren, durch eine Krankheit verursachten, Gewichtsverlust bekommt und was sie davon hält, ihr Schicksal als gottgegeben zu betrachten. Das Publikum ist irritiert, fühlt und leidet mit, lacht und spendet Trost.

Ich habe das Material nun schon mehrere Male gehört, allein weil ich es natürlich mit allen Lieblingsmenschen teilen musste. Doch mir fehlen immer noch ein bisschen die Worte, um zu beschreiben, was da eigentlich beim Hören passiert. Wenn mit den Tränen das glucksende Lachen hochkommt, sich der Magen in Mitleid windet und schlicht alles auf einmal passiert. Es steht für Leben und was es bedeutet, Mensch zu sein. Unter dem Label „Comedy“ habe ich es zumindest noch nie so intensiv erlebt und es ist unwahrscheinlich, dass es in solch einer Form überhaupt noch mal zustande kommen wird. Es ist auf mehreren Ebenen einmalig.

Tig Notaro hat sich mittlerweile einer Mastektomie unterzogen und somit beide Brüste abnehmen lassen. Ihre Chancen endgültig krebsfrei zu sein, sind laut ärztlicher Aussage enorm gut. Bei „This American Life“ sprach sie noch einmal auf eindrückliche Weise darüber, weshalb sie sich für den Auftritt entschied und wie sie sich dabei fühlte. Zusammen mit ihren Freunden Kyle Dunnigan und David Huntsberger produziert sie den Podcast „Professor Blastoff“, der euch in seiner charmant nerdigen Verschwurbelung hiermit ebenso empfohlen sein soll. Ihre Taylor-Dayne-Geschichte bei „This American Life“ zu platzieren, bedeutete bereits einen großen Karriereschritt für Tig Notaro, doch mit „Live“ enstand noch mehr Aufmerksamkeit und ich gönne sie dieser schlauen, witzigen und beeindruckenden Frau von ganzem Herzen.

Tja und da ich Tig hierdurch kennen- und lieben lernte und weil es nach solch einer Huldigung ihrer Person einfach unvermeidlich ist, werdet ihr nun sicher niemals erraten, wer uns zum Abschluss ein Ständchen bringt:


Verlinkt und auf einen Blick:

Tig Notaros Webseite
Tig Notaro auf Facebook
Tig Notaros „Live“ bei iTunes
Webseite von Professor Blastoff
Informationen zum Thema Brustkrebs

  • die_krabbe

    Ich bin auf Tig Notaro auch durch This American Life gestoßen, nur später als du, nämlich als dort ein Ausschnitt ihres „Cancer Stand-Ups“ gespielt wurde (This American Life Episode 476: What Doesn’t Kill You).

    Mir ging es dabei ähnlich wie dir. Unter Tränen auf einmal prustend loszulachen ist mir vorher auch noch nicht passiert. Ein unglaublich kraftvolles, komisches und trauriges Set, das man als Comedy-Fan unbedingt in seiner Sammlung haben sollte, allein um zu sehen, bis wohin Comedy gehen kann. Auch wenn das nicht Jedermanns Sache ist.

    In eine ähnliche Richtung geht Louis CK in seiner Serie Louie auch immer wieder und soll an dieser Stelle, sollte man traurigen/deprimierende Comedy mögen, auch eine Empfehlung sein.

  • auch Anne

    Was für ein schöner Text. Ich bin irgendwann durch ein Conan-Set auf youtube auf sie gestoßen und mir ging es ähnlich wie dir beim Hören von „Live“. Tolle Frau.

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