Von Rampensäuen und Bühnenperformance

Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by Friutz

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Ninia LaGrande.

@NiniaLaGrande Ninia LaGrande – Wo Superhelden und Paranoia zu Hause sind. Ninia auf Facebook Ninia auf Instagram

Als ich das erste Mal im Publikum saß und diese schreienden, flüsternden, fuchtelnden, still stehenden Menschen allein vor ihrem Mikrofon auf der Bühne sah, dachte ich: „Na, so schwer kann das ja nicht sein, das will ich auch.“ Und beim nächsten Mal stand ich selbst da. Schrie und flüsterte, schnappte nach Luft und bildete mir ein, dass jeder, wirklich jeder Mensch sehen könnte, wie ich zitterte und schwitzte. Poetry Slam. Für meine Poetenfamilie und mich ist das nicht nur eine Veranstaltung, sondern Lebensinhalt.

Was 1986 in Chicago als viel gerühmtes Gegenteil der langweiligen Wasserglaslesungen entstand, ist heute weltweit ein anerkanntes Veranstaltungskonzept. Aber ist Slam tatsächlich nur das Gegenteil der Wasserglaslesungen? Nein. Poetry Slam ist Wortkunst in allen Formen – vorgetragen vor einem Publikum, das darüber entscheiden darf, was ihnen an diesem Abend, genau zu dieser Minute am besten gefallen hat. Oder, wie ein Freund mal sagte: „Die denken, sie sind wichtig, um einen Gewinner zu bestimmen. In Wirklichkeit gaukeln wir das doch nur vor, damit überhaupt jemand kommt.“ Wobei, dass überhaupt jemand kommt, ist heutzutage gar keine Frage mehr. Vielmehr muss sich Slam oft den Vorwurf des Ausverkaufs und der Kommerzialisierung gefallen lassen. Die Veranstaltungen füllen nicht mehr nur Kleinkunst- und Kneipenbühnen, sondern ganze Hörsäle, Festivals, große Theaterbühnen und sogar Kirchen. Selbst Unternehmen lassen es sich nicht nehmen, zur Weihnachtsfeier oder Sommerfest einen Poetry Slam auszurichten. Unter den PoetInnen gibt es verschiedene Meinungen dazu. Von „Völlig egal, Hauptsache, wir können auftreten“ bis zu „Ich verkauf’ denen doch nicht meine Seele“ ist alles dabei. Am Ende entscheidet jede/r für sich selbst, wo er/sie auftreten möchte. Meistens ist „Wer ist noch dabei?“ nämlich viel wichtiger als „Wo bin ich hier eigentlich?“.

Denn bei jedem Auftritt trifft man Menschen wieder, die man im Laufe der Jahre ins Herz geschlossen hat und am liebsten nie mehr missen möchte. Das Beste, was einem dann mit diesen Leuten passieren kann, ist eine Tour – also mehrere Tage am Stück abends in verschiedenen Städten auftreten. Das ist als PoetIn dann auch gleich mal das Ungesündeste, was man machen kann. Fünf Tage kaum Schlaf, viel Bier, zu viel Schnaps und keine Bewegung. Aber: Was ungesund ist, macht Spaß. Und das trifft hier absolut zu. Wenn man Glück hat: Fünf Tage gemeinsam Hotels und Hostels unsicher machen. Wenn man nicht so viel Glück hat: Fünf Tage gemeinsame Schlaflager aus Matrazen, Sonnenliegen und Isomatten. Alles, was ihr übrigens jemals über diese Groupie-Sache gehört habt, stimmt.

Gibt es eigentlich auch viele Frauen, die das machen? Jawoll, die gibt’s. Und sie werden immer mehr. Jeder Slam hat durchschnittlich einen Frauenanteil von etwa dreißig Prozent (eine völlig unwissenschaftliche Einschätzung von mir). Und das Vorurteil, Frauen würden immer nur Liebesgeschichten machen, ist inzwischen so veraltet, dass nur noch Deppen so denken. Generell ist natürlich sowieso egal, wer da oben auf der Bühne steht, denn es soll in der Hauptsache um Text und Performance gehen. Trotzdem ist es natürlich schön zu sehen, dass im Laufe der Zeit immer mehr Frauen dazu gekommen sind. Beispiele? Frauen wie Pauline Füg oder Theresa Hahl, die Worte geschickt und kunstvoll in Lyrik verpacken. Frauen wie Hazel Brugger, Annika Blanke und Sabrina Schauer, die mit Witz und Intelligenz Prosageschichten verfassen. Oder Frauen wie Fatima Moumouni und das Team Le Poonie, bestehend aus Carmen Wegge und Bente Varlemann, deren Vorträge ein Gesamtkunstwerk aus Text, Rhythmus und Performance sind. Für Poetinnen, die lieber erst einmal unter sich bleiben wollen, gibt es immer wieder Lady Slams in verschiedenen Städten. Für die, die sich nicht gleich in den Wettbewerb mit Allen trauen, eine gute Gelegenheit, sich einmal auszuprobieren.

Über Eindrücke wie „Lustig gewinnt sowieso“ und „mit Lyrik hat man gleich verloren“ lässt sich streiten. Zuallererst sollte es beim Slam nicht ausschließlich ums Gewinnen gehen. „The point is not the points, the point is poetry“ sagte einst Allan Wolf, Autor und Poet aus den USA. Sein Landsmann Taylor Mali antwortete allerdings augenzwinkernd mit: „The points are not the point; the point is to get more points than anyone else.“ Gewinnen ist eine schöne Nebensache, die einem beim Slammen ab und an passiert. Ob nun mit lustigen Texten, ernsten Geschichten oder guter Lyrik ist am Ende gar nicht mehr wichtig. Der Erfolg eines Auftritts hängt sowieso von so viel mehr Faktoren ab als nur die Gattung der eigenen Texte. Hinzu kommen die Geschmäcker des Publikums, die eigene Laune genau zum Zeitpunkt des auf-der-Bühne-Stehens und die Performance. Ich habe inzwischen sogar festgestellt, dass es Regionen in Deutschland gibt, die komplett auf meine Texte abfahren und dass ich in anderen Gegenden wiederum niemals eine Flasche Schampus gewinnen werde, egal welchen Text ich vortrage.

Ich stehe auf der Opernbühne in Hannover, 1.200 Menschen schauen mich an und hören mir zu. Ich erzähle von meinem Leben, setze Pausen, da, wo welche hingehören und werde lauter, wenn es sein muss. Die Menschen im Theater lachen an Stellen, an denen vorher niemand gelacht hat. Sie applaudieren zwischendurch und am Schluss und sobald der Text zu Ende ist, stehe ich da und weiß nicht, wohin mit mir. Und trotzdem: Wenn das Slam ist, dann finde ich es genau jetzt genau richtig.