15 Dinge, die ich als Poetry Slammerin nicht mehr hören kann

Foto , © , by Anna-Lisa Konrad

Ich stehe seit knapp sechs Jahren regelmäßig auf Poetry Slam-Bühnen. Meistens ist das cool – über einige Sprüche und Fragen dazu kann man sich allerdings auch ziemlich aufregen.

1. Vor dem Slam: »Poetry Slam ist Sprech-Comedy, alles improvisiert und spontan!«

Es gibt zwar Slammer_innen, die tatsächlich auf der Bühne improvisieren. Die sind meist Improtheater- oder Rap-erprobt. Die allermeisten Slammer_innen schreiben ihre Texte aber vorher, lustige genauso wie ernste, und wählen dann aus ihrem Repertoire.

2. »Ich bin total gespannt, ich hab’s im Internet gesehen. Diese Julia… Dings, hier,… Julia Engelmann!«

Ach ja, der YouTube-Hit. Super für Julia. Aber sie repräsentiert nicht die komplette Slam-Szene und sie ist auch nicht die einzige Akteurin.

3. Backstage: »Ich schreibe nie fürs Publikum. Ich schreib nur für mich.«

Ach, komm schon!

4. »Ist jetzt schon mein 1000. Slam, 995 davon hab ich gewonnen, manchmal muss ich Autogramme geben und überhaupt bin ich extrem krass.«

5. Auf der Bühne: »Und jetzt die einzige Frau des Abends, begrüßt die wunderschöne/einzigartige/zauberhafte… !«

Mhm. Danke, dass ich trotzdem hier sein darf. Eigentlich hab ich ja noch ’ne Ladung Bügelwäsche zuhause liegen, also pssst!

6. Nach dem Slam: »Für ’ne Frau wirklich sehr witzig.«

Seriously?!


7. »Wie schafft man es bloß, diese Texte auswendig zu lernen?«

Solche Leute fragen vermutlich auch die Musiker_innen ihrer Lieblingsband, wie um alles in der Welt sie sich die ganzen Akkorde merken können?

8. »Ich hab’ letztens was total Abgefahrenes erlebt, schreib doch DA mal nen Slam drüber!«

Nein. Einfach nein. Und nochmal für alle: man schreibt keinen Slam. Man schreibt einen Text. Oder einen Slam-Text. Oder Slam Poetry, wenn’s denn sein muss. Ein Slam ist die Veranstaltung.

9. »Und dann fährst du einfach fünfhundert Kilometer für diesen einen Auftritt. Das ist ja unfassbar. Warum tut man sich sowas?«

Slam ist professioneller als man womöglich denkt. Veranstalter_innen und Slammer_innen sind eng vernetzt, es gibt regelmäßige Touren, zu denen man eingeladen wird. Man bekommt einen Schlafplatz –

10. »–da geht’s dann sicher immer wild zu! Orgien, Partys, Drogen, zerstörte Hotelzimmer…«

Nope. Natürlich sitzt man nach der Veranstaltung oft noch zusammen und quatscht. Das ist schön, da man weitgereiste Kolleg_innen ja nicht ständig trifft. Manchmal geht man sogar noch feiern, manchmal legt man sich gleich ins Hostelbett und schläft. Weiter also: Man bekommt einen Schlafplatz, die Fahrtkosten werden erstattet…

11. »… man wird damit reich und berühmt?«

Nein. Auch wenn es einige Slams gibt, die eine Gage zahlen können oder man mit Schul-Workshops etwas dazuverdient: Slam kann eher als Sprungbrett betrachtet werden. Einige gehen mit einem Solo-Programm auf Tour, machen Kabarett, schreiben Romane oder fürs Theater.

12. »Wie kommst du bloß auf deine Texte?«

13. »Möchtest du bei unserem Event auftreten? Wir sind ein hippes Start-Up, können dir zwar keine Gage zahlen – aber es wäre doch ne tipptopp Werbung für dich!«

Liebe_r Vermieter_in, lass mich in deinem Haus wohnen! Ich bin ein netter Mensch, kann zwar keine Miete zahlen – aber es wäre doch auch eine super Werbung für dich!

14. In der Presse: »Eine Ansammlung pseudo-deeper Möchtegern-Literat_innen und witzloser Proleten. Nä, echt mal, Poetry Slam ist nur was für Lehramtsstudierende im ersten Semester! Außerdem funktioniert der Quatsch wirklich nur vorgelesen.«

Gut, nicht jeder Text ist ein Meisterwerk. Slam ist ein offenes Format, in dem sich auch mal Anfänger_innen ausprobieren und bessere und schlechtere Texte auf die Bühne gebracht werden. Übrigens, ja richtig, Bühne. Bühnenliteratur. Das ist schon so gewollt, dass die Performance auch einen Teil der Texte ausmacht. Ich wüsste außerdem nicht, wo ich anfangen sollte, tolle Texte aufzuzählen. Egal ob urkomisch, tiefsinnig, literarisch oder lyrisch. Und on top: We got Nora Gomringer.

15. »Beim Poetry Slam treten nur Typen an und der witzigste Text gewinnt.«

Stimmt nicht. Mal davon abgesehen, dass der Gewinnertext nicht zwangsläufig der beste des Abends sein muss: Es ist nicht immer der witzigste Text. Und manchmal gewinnt sogar eine Frau mit einem – Obacht! – lustigen Text. Es gibt wahnsinnig viele großartige, talentierte Frauen in der Slam-Szene, im Bereich der unter 20jährigen kommen sogar noch mehr nach. Empfehlungen? Klar, gerne. Meine Lieblings-Girlgang zum Beispiel. Pauline Füg, Ninia LaGrande, Katja Hofmann und Leonie Warnke.

[Auf Hinweis eines_einer Leser_in hat die Autorin im Text zweimal das Wort „verr*ckt“ (ableistische Sprache) ausgetauscht.]