Lagerromantik – Migration durch Kinderaugen

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Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Alwina.

Alwina lebt in Berlin und hat Kunstwissenschaft, Psychologie und Soziologie studiert. Sie taucht in Abgründe und mag das Tragisch-komische.


@alwinamai

Meinen siebten Geburtstag feiernd sitze ich im Mai 1991 auf einer Tischtennisplatte inmitten einer deutschen Betonlandschaft. Grau in Grau, kenn ich schon aus der Sowjetunion. Seit einer Woche ist meine Familie in diesem ominösen Deutschland, in einem Erstaufnahmelager in Rastatt. Bis auf die graue Kulisse ist in meinem Wahrnehmungssystem alles durcheinander. Ich habe mehrere Fragen: Warum habe ich keine Geburtstagstorte? Wo sind meine Geschenke? Warum heiße ich plötzlich Alwina, statt wie sonst Alja? Was bedeuten diese Zischlaute? Wann fahren wir wieder nach Hause?

Wir bleiben. Als Russlanddeutsche emigrieren wir aus Kasachstan nach Deutschland. Ich bin kognitiv massiv herausgefordert zu begreifen, dass mein Geburtstag nicht aus Böswilligkeit ausfällt. Was gerade passiert, scheint enorm wichtig zu sein, das spüre ich an der mangelnden Aufmerksamkeit meiner Eltern. Sie wirken gehetzt und eingespannt, aber so lange sie in meiner Nähe sind, ist alles ok.

Einige Wochen später werden wir nach Koblenz versetzt, eine mittelgroße Stadt in Rheinland-Pfalz. Wir ziehen dort in eine Einrichtung für postsowjetische Migrant_innen, ein Wohnheim. Unser neues Zuhause nennen wir liebevoll „Lager“. Dort bleiben wir überdurchschnittlich lange: zwei Jahre. Unser Lager liegt in der Koblenzer Südstadt, ein schöner Bezirk mit guten Quoten bezüglich Einkommen, Bildungsstand und Gesundheit seiner Bewohner. Später wird unsere erste eigene Wohnung in Deutschland im sogenannten „sozialen Brennpunkt“ liegen.

Bis dahin leben wir, das sind damals meine Oma, mein Vater, meine Mutter, meine ein Jahr ältere Schwester und ich, im Lager. Zu fünft teilen wir uns ein Zimmer mit 3 Hochbetten. Meine Schwester und ich schlafen oben, alle anderen unten. Weiter ist unser Zimmer mit einem Esstisch, einem Kühlschrank und einem Waschbecken ausgestattet. In den langen, beige gekachelten Fluren des Wohnheims befinden sich auf jeder Etage drei Gemeinschaftsbadezimmer beziehungsweise Toiletten, eine Gemeinschaftsküche und ein Aufenthaltsraum. Der Zusammenhalt unter den Bewohner_innen ist stark.

Unter Schlecker-Aliens gelandet

Während das Lager meiner Schwester und mir schnell vertraut ist, platzen wir vor Neugierde auf Deutschlands Straßenleben. Der Forschungsdrang gewinnt gegen die Angst. So schleichen wir uns eines Tages auf die belebte Straße vor der Tür. Vorausschauend bitten wir unsere Oma einen Zettel mit „Wir sprechen kein Deutsch“ zu beschriften, den wir zeigen können, sollte uns jemand ansprechen. Das Papier fest in die Faust gepresst, beschließen wir sogar ein Geschäft zu betreten, den Schlecker. Wir brauchen das Adrenalin.

Bumm, wir sind in einem Raumschiff gelandet. Münder auf, fassungslos, schreckgeweitete Augen. Unsere Synapsen verheddern sich, während Lou Bega im Drogerieradio verkündet: „Ladies and Gentleman, this is Mambo No. 5.“ Alles so bunt, viel und glitzernd hier. Weltfremd untersuchen wir noch nie gesehene Waren, riechen wie hungrige Wolfskinder daran. Als wären wir in einer neuen Bewusstseinsebene gelandet laufen wir die Regale entlang, während die Zeit stehen bleibt.

Stunden oder Tage später kommt ein Alien auf uns zu und spricht in fremden Zungen. Es scheint die Verkäuferin zu sein. Vorbereitet kramen wir unseren Zettel hervor. Die exotische Frau fängt verzweifelt an, lauter und langsamer zu sprechen. Ebenfalls verzweifelt deuten wir erneut auf unseren Zettel. Ein Teufelskreis. Sie fuchtelt nervös mit ihren Armen und läuft im Kreis um uns. Vielleicht ein ritueller Tanz aus Deutschland? Dann ruft sie eine Kollegin herbei. Ihre Münder bewegen sich und erzeugen merkwürdige Laute. Unbeholfen warten meine Schwester und ich auf das Ende dieser Geschichte.

Eine der beiden greift schließlich entschieden nach unserem Rucksack und öffnet ihn. Jetzt verstehen wir, was hier los ist. Die beiden haben Angst, dass wir ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen – äh – etwas geklaut haben. Engelsrein und verunsichert zeigen wir den Verkäuferinnen sämtlichen Inhalt unseres Rucksacks: eine Flasche Wasser und Obst. Selbstredend haben wir nichts aus der Drogerie geklaut, wir sind sieben und acht Jahre alt, Mann. Mit Klauen fangen wir erst in der Pubertät an, wenn wir uns in dem sozialen Brennpunkt akklimatisiert haben, in den wir später ziehen werden.

Kinder die bellen, beißen nicht

Auf das Polizeipräsidium schaffe ich es aber schon im Grundschulalter. Gemeinsam mit anderen Migrantenkindern hänge ich in der Gemeinschaftsküche des Lagers ab. Gelangweilt schauen wir durch das Fenster in das verregnete Grau des Hinterhofs, bis ein Hundebellen von draußen uns aus der Tristesse reißt. Yeah, da bellt ein Hund, denken wir und möchten durch imitierende Belllaute mit ihm in Kontakt treten. Der Hund reagiert, wir sind im Gespräch. So ein Spaß.

Bis eine wütend krächzende Frauenstimme hinein grätscht. „RUSSEN, RUSSEN, RUSSEN“, flucht sie erzürnt in Kombination mit Unverstandenem. Doch es bedarf keiner Sprache, um zu verstehen, dass sie richtig angepisst ist, sodass alle Kinder auf der Stelle verstummen und vom Fenster abhauen. Bei Hunden hört´s einfach auf.

Als zwei Polizisten mit der zu der krächzenden Stimme gehörenden Frau unsere Gemeinschaftsküche betreten, sind nur noch ein Mädchen und ich spielenderweise im Raum. Auweiha, die Polizei folgt uns jetzt jeweils zu unseren Zimmern, um unseren Eltern zu erklären, dass sie wegen Ruhestörung angezeigt werden. Die Mütter werden mit ihren Problemkindern auf das Revier gebeten.

Dreißig Minuten später sitzen das andere Mädchen und ich Beine baumelnd jeweils auf dem Schoß unserer Mutter in einem Polizeibüro. Zwei Polizeibeamte erklären den beiden Frauen wild gestikulierend, wie man Kinder erzieht. Durch die Sprachbarriere dauert das Gespräch dreimal länger, als es müsste. Meine Mutter schwankt zwischen Fassungslosigkeit über die Situation und freundlicher Kooperation. Schließlich sagt der Good Cop der beiden: „Wenn sie schon mal hier sind, vielleicht haben die Kinder ja Lust auf eine Führung durch das Polizeipräsidium?“ Zehn Minuten später sitze ich mit viel zu großer Polizeimütze überm Gesicht im Fahrersitz eines Polizeiwagens und darf die Hupe drücken. Was für ein aufregender Tag.

There’s So Much Beauty in Dirt

Im Lager herrschen für uns Kinder paradiesische Verhältnisse. Immer sind Kinder da und von morgens bis abends wird gespielt. Zum Glück bemerken wir die Enge gar nicht, mit der die Erwachsenen sich herumplagen. Wir machen eine Party daraus. Wir funktionieren das Lager zum Abenteuerspielplatz um. Schreiend laufen wir durch die langen Flure des Wohnheims, denken uns Tänze aus und veranstalten Kartoffelschälwettbewerbe. Jeder gehört irgendwie dazu. Der Aufenthaltsraum gehört uns. Er ist mit Teppich ausgelegt und hat eine große Kreidetafel wie in der Schule. Wir machen darin allen möglichen Quatsch. Eines Tages entstehen diese von Kinderhand geknipsten Bilder dabei.

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Ich erinnere mich an die Geborgenheit und den Spaß, den wir hatten.
Und, dass es mir das Herz herausriss, wenn die Familie eines anderen Kindes eine Wohnung fand und auszog.
Ich erinnere mich auch an das schutzlose Gefühl außerhalb des Lagers.
Ich konnte schnell zwischen mir wohlgesonnenen Menschen und den anderen unterscheiden.
Draußen war es immer ein bisschen gefährlich, drinnen ein nie endender Kindergeburtstag.

Bloß nicht auffallen

Kurze Zeit später. Ich bin geknickt, weil mir niemand diese überwältigende Schönheit von Schultüte besorgt hat, die ich bei den anderen Kindern sehe, mit denen ich eingeschult werde. Keiner wusste, dass die Schultüte hierzulande Brauch ist. Meine Mutter ist ähnlich orientierungslos wie meine Schwester und ich. Wie drei kopflose Hühner laufen wir durch das Schulgelände, bis wir Kinder unseren Klassen zugeteilt und uns selbst überlassen werden. Ich gehe mit sieben Jahren in die erste Klasse, meine Schwester wird mit acht in die zweite Klasse eingestuft.

Der Unterricht ist eine entsetzliche Qual, denn ich verstehe kein Wort. Akribisch achte ich auf Gestik und Mimik der mich umgebenden Menschen, um deren Intentionen zu erraten. Bei den Hausaufgaben hilft mir meine Oma. Wie ich am nächsten Schultag immer feststelle, füllt sie alle Arbeitsblätter falsch aus. Ich spreche sie nie darauf an, weil ich ihre Gefühle nicht verletzen will.

Ich bewege mich möglichst unsichtbar durch das Klassenzimmer. Ich spreche kein Wort. Mein Job ist beobachten und mich möglichst konform zu verhalten. Es vergehen Monate bis zu meiner ersten unaufgeforderten Wortmeldung. Kinder und Lehrerin sitzen im Kreis und unterhalten sich über Haustiere. Da fällt mir doch diese verrückte Geschichte einer netten Nachbarin aus dem Lager ein. Sie hatte früher einen Papagei, der, wenn sie ihre Wohnung putzte, immer auf ihre Schulter wollte, weil er die schaukelnde Bewegung so mochte. Das fand ich als Kind irre lustig. Da tat mir der Bauch weh vor Lachen (Kinderhumor). Das muss ich erzählen, denke ich.

Nach einer halben Stunde des um Mut Ringens geht mein Finger im fünften Anlauf nach oben. Jetzt oder nie. Freudig ruft die Lehrerin mich auf, während ich langsam erröte. Aus mir heraus platzt auf Deutsch mit heftigen russischen Akzent: „Nachbarin Papagei, auf Rücken, sie Putzen, wie Schaukel… Papagei auf Rücken.“ Schiefe, mich angaffende Kinderaugenpaare von überall wie im Horrorfilm. Niemand versteht den Witz. Auch die Lehrerin wirkt betreten. Sie versucht mein Gesagtes zu wiederholen, nur in vollen Sätzen. Ich bestätige aufgeregt: „Ja, ja.“ Sie antwortet fröhlich: „Das ist klasse, Alwina, Danke.“ Und lenkt die Aufmerksamkeit von mir weg. Ich kann wieder atmen.

Überlebensstrategie: Mariah Carey und Sprücheklopfen

Manchmal komme ich mit solchen Fragen von der Schule: „Mama, warum nennen mich die Kinder russisches Schwein?“ Das berichten mir heute elterliche Erzählungen. Meiner aus Selbstschutz verklärten Erinnerung nach waren die Kinder aus meiner ersten Grundschule sehr lieb. Das ändert sich schlagartig, als ich zur dritten Klasse auf eine Grundschule im „sozialen Brennpunkt“ wechsele, da wir dort eine Wohnung finden. Hier weht ein rauer Wind und meine Überlebensstrategie ist: „Assi“ werden – so sprechen und so tun, als sei ich ungehobelt. Dabei steht es um mein Deutsch jetzt besser und ich schreibe gute Noten in Aufsätzen und Diktaten.

Weil es in der ehemaligen Sowjetunion kaum Schokolade gab, verliere ich vor den ALDI-Süßigkeitenregalen oft die Beherrschung und nehme schnell stark zu. So biete ich meinen neuen Klassenkameraden viel Angriffsfläche. Ich bin gut im Futter, habe gute Noten und bin Ausländerin. Die Pausen verbringe ich mit einsamen Spaziergängen durch den Schulhof. Zur Ablenkung singe ich dabei Songs meines Kindheitsidols Mariah Carey im Geiste (alle Oktaven). Eines Tages spricht mich ein Engel – äh – ein Mädchen aus Polen an. Sie geht in die Parallelklasse und wohnt im Nachbarhaus. Wir sind bis heute befreundet.

In der vierten Klasse freunde ich mich unverhofft mit dem beliebtesten Mädchen der Klasse, Linda, an. Die Freundschaft geht von ihr aus und kommt aus heiterem Himmel. Ich weiß nicht wie mir geschieht, sie nennt mich liebevoll „Moppelsche“. Es verschafft mir ein wohliges Gefühl des Dazugehörens, statt mich zu verletzen. Vorbei die Zeit des sentimentalen Mariah Carey-Geheuls, nun bestehen die Schulpausen aus Sprücheklopfen. Ich lerne schnell. Die Schlagfertigkeit schaue ich mir einfach ab. Als ein Mädchen, ein Kopf größer als ich, mir schubsend mit Schlägen droht, blähe ich mich mit angstbeschleunigtem Herzschlag vor ihr auf und versuche es mit den Worten: „Ey, dau krisse gleich.“ Das Überraschungsmoment funktioniert. Sie ist stärker als ich, doch damit hat sie nicht gerechnet. Von da an werde ich allgemein respektiert. Eine Katastrophe ist, als ich schließlich eine Gymnasialempfehlung bekomme, denn ich will zu meinen Freund_innen auf die Hauptschule. Wie viele Abschiede denn noch? Ich weine und flehe meine Mutter an auf die Hauptschule oder zumindest auf die Realschule zu dürfen. Erlaubt die böse Frau aber nicht.

Im ersten Jahr des Gymnasiums hänge ich viel mit meinen Freund_innen aus der Grundschule rum, aber sie respektieren mich nicht mehr. Sie nennen mich jetzt „Streber“. Ich behaupte dann, dass ich so schlecht in der Schule bin, dass ich im nächsten Jahr bestimmt sitzen bleibe. Das imponiert ihnen.

Obwohl ich meine gesamte Jugend den Wohnort nicht wechsele, leben wir uns mit der Zeit auseinander. Irgendwann verlerne ich auch den auf dem Grundschulhof gelernten Slang. Jahre später stolpere ich über einen Grundschulbekannten von früher und wir small-talken ein wenig. „Ey, kumma wie die red?“, lacht er mich nun aus.

  • Andreas

    Witzig, bin in der Nähe von Koblenz aufgewachsen und ebenfalls aus der ehemaligen Sowjetunion. Habe ähnliche und doch ganz andere Erfahrungen gemacht …

  • Sabrina Nell

    Danke für diesen Beitrag! In den meisten Texten wirken Wohnheime wie furchterregende Menschenmassenverwahranstalten – hier eines als Ort zu lesen, der voller Freunde ist Geborgenheit vermittelt und vor der furchterregenden Außenwelt beschützt, fand ich einen tollen Perspektivwechsel.