A steht für Antisemitismus

Foto , by Franz Spitaler

Inhaltshinweis: Antisemitismus, Gewalt gegen Schwangere, Leugnung des Holocaust

Man kann das Leben nicht immer in vollen Zügen genießen. Vor allem in Regionalzügen nicht. Im Zug zu sitzen – und das tue ich mehrfach in der Woche – scheint die beste Gelegenheit für einen Juden (als solcher bin ich durch meine Kippah auf dem Kopf stets zu erkennen) zu sein, um in seltsame und/oder schlimme Gespräche mit verkappten oder offenen Antisemit_innen verwickelt zu werden. Mal wird man direkt kurz und bündig vulgär beschimpft, mal soll man perfide missioniert werden und dem vermeintlich archaischen jüdischen Glauben abschwören. Mal beginnt es als freundliche Unterhaltung, in der das Gegenüber dann leider gut oder böse gemeinte Klischees offenbart, oder aber es ist von vornherein ein unangenehmes oder gar bedrohliches Gespräch, bei dem man sich im Abteil schon nach Zeug_innen oder potenzielle zu Hilfe eilende Personen umschaut und in dem das Gegenüber offen antisemitische Stereotype zelebriert, dabei vielleicht vom Juden als eine Art Geständnis deren Wahrhaftigkeit attestiert hören will oder ihm einfach nur Angst machen will.

Leider erwarte ich schon seit geraumer Zeit bei jeder Fahrt eines jener Szenarien. Es geschieht eher selten, dass nichts geschieht. Ein Beispiel aus dem August:

Ein alter Mann beginnt gegenüber von mir am Tisch im Zug ein Gespräch:

Eines muss ich Ihnen ja wirklich lassen…

(Ich schaue nicht von meinem Laptop auf, weil ich mir sicher bin, dass er den Herrn neben mir anspricht.)

Er: Entschuldigung!

(Ich schaue nun doch auf.)

Er: Ja, Sie. Man muss Ihnen ja eine Sache wirklich lassen.
Ich: Mir?
Er: Dem Juden.

(Oh weh, denke ich, das kann doch nur Müll werden. Warum habe ich nur aufgeschaut? Warum fahre ich nicht einfach mit dem Taxi überall hin?)

Er: Man muss den Juden wirklich lassen, dass Sie den Krieg gewonnen haben. Sah nicht gut aus und jetzt sitzen Sie doch hier.
Ich: Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll. Ihre Aussage ist… obskur und auf verschiedenen Eben misslich und falsch, auch stereotyp.

(Ich wollte nicht „antisemitisch“ sagen. Der alte Mann schaut mich auffordernd an und macht eine läppische Handbewegung, die mir bedeuten soll, dass ich mich erklären möge. Ich hole tief Luft.)

Ich: Von Gewinnen oder Verlieren von einem Krieg zu sprechen, funktioniert nur soweit, wie man an fixe Kriegsparteien glaubt, bei denen dann die Partei mit den wenigsten Verlusten am Ende „gewonnen“ haben soll. Das gesagt, waren Juden keine Kriegspartei im Zweiten Weltkrieg. Es gab jüdische Deutsche, Italiener, Franzosen, Briten, Amerikaner, Polen, Russen und so weiter, die sich in unterschiedlichen Situationen im Krieg wiederfanden: vor allem jüdische Frauen, Kinder und Männer, die man in KZs ermordet, vor ihren Haustüren erschossen oder in ihren Dörfern lebendig verbrannt hat, polnisch-jüdische Partisanen, oder russisch-jüdische, amerikanisch-jüdische und britisch-jüdische Soldaten, die später dann gegen die Deutschen gekämpft haben und später dann die besagten KZs mit befreit haben und sahen, was man ihren Glaubensgeschwistern angetan hatte.
Sechs Millionen Jüdinnen und Juden waren ermordet worden – da von einem Sieg zu sprechen ist zynisch. Da Zweidrittel aller jüdischen Europäer ermordet wurden, müsste man eher sagen, dass wir am stärksten verloren haben. Und von völlig zerstörter, untergegangener jüdischer Kultur in den meisten Ländern Europas spreche ich da noch gar nicht. Wofür soll ich, der ich Ihnen gegenübersitze, nun also ein Beweis sein? Höchstens, dass einige Menschen eben doch überlebt hatten und Nachkommen bekommen haben.

Er: Aber es ist ja nicht so, als hätten die Juden nicht auch aktiv und bewusst den Krieg gelenkt!
Ich: Tut Ihnen das gut, so etwas zu glauben? Wenn Juden den Krieg so wunderbar für sich gelenkt hätten, wie kommt es dann, dass sechs Millionen von ihnen industriell ermordet wurden?
Er: Die Deutschen waren ja dahintergekommen, dass die Juden die Völker lenken.
Ich: Oh so viel Macht! Und deshalb haben die Deutschen dann Frauen und Kinder erschossen, mit Krankheiten infiziert, verhungern lassen oder verbrannt? Ich habe einmal einen Überlebenden mit zwei Eheringen kennenlernen dürfen. Der eine Ring stammte aus seiner ersten Ehe, die er kurz vor Ausbruch des Krieges geschlossen hatte. Seine Frau war hochschwanger, als die Deutschen in ihr Dorf kamen, das heute ein Teil von Rumänien ist. Zwei deutsche Wehrmachtssoldaten hielten seine Frau fest, während ein weiterer Soldat mit einem Messer immer wieder in ihren Bauch einstach. Die Deutschen zwangen ihren Mann, das alles mit anzusehen. Klingt nicht gerade nach einem Völkerlenker, oder?
Er: Wehrmacht?
Ich: Wehrmacht.

(Der alte Mann schweigt und schaut aus dem Fenster. Ihm kommen die Tränen.)

Ich: Ja, weinen Sie nur. Ich habe ja gesagt, dass es im Krieg nicht um Gewinnen und Verlieren geht. Ein berühmter Rabbiner schrieb einmal: „Im Krieg gibt es immer nur einen Sieger – den Tod.“ Also freuen Sie sich, dass Sie den Krieg überlebt haben und in diesem Zug sitzen können. Aber gratulieren Sie in Zukunft keiner jüdischen Person sarkastisch, dass sie Ihnen trotz allem gegenübersitzen kann. Es könnte sein, dass Sie dann jemanden mit einem solchen Unsinn mehr verletzen als mich.

(Der alte Mann schaut noch immer aus dem Fenster und nickt zaghaft.)

Die Wut „wegschreiben“

Die Begebenheit hatte ich im August direkt, nachdem sie geschehen war, aufgeschrieben. Wenn mir Dinge wie diese widerfahren, muss ich sie auf- oder wie ich sage „wegschreiben“. Es ist meine Methode, mit diesen Situationen umzugehen. Ich schreibe sie auf, teile sie mit anderen, mache auf solche Erfahrungen aufmerksam und lasse andere darauf reagieren, damit ich selbst etwas weniger wütend oder traurig sein muss.

Und gerade schreibe ich diese Worte nicht ohne Wut, denn ich sitze in einem Abteil mit drei AfD-Anhänger_innen, die auf einem Viererplatz sitzen. Zwei von ihnen sitzen mit dem Rücken zu mir. Der Dritte wiederum starrt mich konsequent zuerst misstrauisch, dann demonstrativ verachtend an und beginnt, den beiden mir abgewandten Personen zu übersetzen, wen er einige Plätze weiter schräg vor sich im Blickfeld hat: einen echten Juden, der da schamlos sitzt, als wäre er einfach ein unschuldiger Reisender im Zug. „Leute wie die kennen wir mittlerweile ja ziemlich genau. So ein Goldman-Sachs-Jude oder Israeli, der hierherkommt und in großem Stil deutsche Firmen einkauft, um sie zu ruinieren, und uns Mahnmale in deutsche Städte baut, damit wir uns schlecht fühlen und alles mitmachen, was der Jude von uns will. Das hat der Björn Höcke schon richtig entlarvt wie es läuft“, stimmt der Mann, der mich weiterhin anstarrt, ein, während seine Mitreisenden ihm bei jedem dritten Wort laut beipflichten.

Streichung der Erinnerungskultur

Björn Höcke ist der Fraktionsvorsitzende der AfD im Thüringer Landtag und hatte im Januar das Shoah-Mahnmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas in Berlin als „Denkmal der Schande“ und die deutsche Erinnerungskultur als „dämliche Bewältigungspolitik“ bezeichnet. Daher solle Deutschland eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad vollziehen“, also aufhören, an die Verbrechen der Nazis zu erinnern resp. womöglich sogar aus deutschen Täter_innen Opfer machen.

Björn Höcke gehört zu einer großen Gruppe innerhalb der AfD, die aus Geschichtsrevisionist_innen, Holocaust-Leugner_innen, Antisemit_innen und Rassist_innen gehört. Dazu zählen auch viele andere prominente und einflussreiche Politiker_innen der AfD. Ihr Bundessprecher Jörg Meuthen etwa unterstützte nicht nur die Aussagen seines Parteifreundes Höcke, sondern forderte zusammen mit seiner Fraktion im baden-württembergischen Landtag, die finanzielle Unterstützung für die KZ-Gedenkstätte Gurs zu streichen und dass deutsche Schüler_innen nie wieder Exkursionen nach KZ-Gedenkstätten unternehmen sollten, denn sie sollten ausschließlich „bedeutsame[n] Stätten der deutschen Geschichte“ besuchen dürfen, wozu er die Konzentrationslager, in denen die nationalsozialistischen Deutschen mehr als sechs Millionen Jüdinnen und Juden, sowie Angehörige vieler weiterer Gruppen ermordet hatten, nicht zählt.

Offene Arme in der AfD für Holocaustleugnung

Offene Holocaust-Leugner_innen und Antisemit_innen sind seit der Bundestagswahl nun auch im deutschen Bundestag zu finden. Beinahe hätte sogar ein notorischer Holocaust-Leugner, Wilhelm von Gottberg, aufgrund seines hohen Alters als Alterspräsident den neuen Bundestag eröffnen dürfen – hätte man nicht vor der Sommerpause noch fix die Regularien so verändert, dass nun nicht die älteste, sondern die dienstälteste Person die erste Sitzung eröffnen darf. Von Gottberg hatte über die Shoah 2001 im Ostpreußenblatt Folgendes geschrieben: „Die Propaganda-Dampfwalze wird mit den Jahren nicht etwa schwächer, sondern stärker, und in immer mehr Staaten wird die jüdische ›Wahrheit‹ über den Holocaust unter gesetzlichen Schutz gestellt.“ Und ferner beklagte er darin: „Der Holocaust muss ein Mythos bleiben, ein Dogma, das jeder freien Geschichtsforschung entzogen bleibt.“ Die Shoah als Mythos zu bezeichnen und ihre historische Wahrheit durch Anführungszeichen in Abrede zu stellen ist nicht nur völlig absurd, weil kein Verbrechen der Menschheitsgeschichte so akribisch dokumentiert wurde wie es der industrielle Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden von den bürokratieverliebten Nazis wurde. Sondern es ist auch das große Mantra aller Holocaust-Leugner_innen, die nicht wahrhaben wollen, wozu die Deutschen fähig gewesen waren: den größten, minutiösesten und grausamsten Völkermord der Menschheitsgeschichte zu begehen.

Auch Martin Hohmann, der nun für die AfD im Bundestag sitzt, erträgt diese Wahrheit nicht. Deshalb relativierte er die deutsche Schuld an der Shoah 2003 in einer Rede als damaliger CDU-Bundestagsabgeordneter ausgerechnet am Tag der deutschen Einheit, indem er in seiner zutiefst antisemitischen widerwärtigen Rede (gespickt mit Zitaten aus dem antisemitischen Standardwerk „Der internationale Jude“) behauptete, dass Jüdinnen und Juden sich genauso wie die Nazis in der Geschichte als mordende Täter_innen erwiesen hätten und man deshalb nicht mehr von Deutschen als Volk von Täter_innen sprechen solle, so wie man es ja auch nicht beim jüdischen Volk tue. Für diese Rede wurde Hohmann damals zunächst aus der CDU-Fraktion geworfen und etwas später auch aus seiner Partei. Letztes Jahr traf er dann auf die offenen Arme der AfD.

Ich möchte mir noch gar nicht ausmalen, welche Gesinnungen die übrigen 92 Bundestagsabgeordneten der AfD in den kommenden Wochen und Monaten noch offenbaren werden. Und ich muss gestehen, dass ich geschockt war, wie viele Wähler_innen aus Wut oder Frust oder Perspektivlosigkeit oder Hass diese Partei gewählt haben und damit in Kauf genommen haben, dass mit ihren Stimmen für die AfD eben auch Antisemit_innen und Rassist_innen in den Bundestag gewählt werden. Vielleicht wollten das einige Wähler_innen aber auch explizit so.

Von der Geschichtsvergessenheit
der Mehrheitsgesellschaft als Erste gefressen

Am Tag nach der Wahl hatte ich mit meiner nunmehr 83-jährigen Großmutter telefoniert, die äußerst bestürzt war ob des Einzugs der AfD ins deutsche Parlament. Sie klang sehr nachdenklich und besorgt, als sie mir sagte: „Ich dachte schon, dass es in einer fernen Zukunft sein kann oder sein wird, dass in den Bundestag wieder Antisemiten einziehen werden. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich auch das noch erleben und mitansehen muss, wie Leute mit diesem schlimmen Gedankengut über meine Kinder und Enkel bestimmen wollen. Das bricht mir das Herz.“ Danach schwieg sie. Ich hatte sie bei diesem Gespräch nicht mehr beruhigen, ihre Sorgen nicht zerstreuen können.

Ich machte mir ja selbst viel zu große Sorgen. Da waren nun also wieder mehr oder minder offene, implizit/explizit erklärte Antisemit_innen gewählt worden, von denen man vor der Wahl z.T. sogar gewusst hatte, welchen Hass sie hegen. Und bald können sie die höchste Politik mit ihrer Ideologie beeinflussen: wichtige Ausschüsse und andere Gremien wie die Rundfunkräte. Werden sie im Kulturausschuss des Bundestags, in dem womöglich ein AfD-Abgeordneter den Vorsitz erhalten wird, dafür sorgen, dass weniger Geld in Projekte gegen Rechtsextremismus oder in die Gedenkinstitutionen fließen wird? Werden sie die Agenda der verschiedenen Rundfunkräte nach rechts rücken können, so wie sie schon jetzt die Sprache und Programmatik einiger Parteien nach rechts bewegen? Und ist nicht Letzteres das größte Problem? Die Bewegung von größeren Parteien, Verbände, Medien, ganzen Gesellschaftsteilen nach rechts? Wird dieses Land dann nationalistischer, engstirniger und misstrauischer gegenüber Menschengruppen, die erneut als fremd begriffen werden könnten?

Die Demokratie selbst und die einst hart erkämpften demokratischen Werte wie freie Meinungsäußerung, das freie Bekenntnis, Pressfreiheit, Versammlungsfreiheit etc. sind nicht selbstverständlich, auch wenn bereits drei Generationen in diesem Land mit ihnen aufwachsen durften. Doch diese Errungenschaften sind leicht wieder zu verlieren.

Demokratische Werte sind fragil, wie Vergangenheit und Gegenwart mannigfaltig demonstrieren. Trotzdem geben Menschen sie leichtfertig her. Einfach so. Kaum leben sie eine Generation mit jenen Werten, setzt die nächste Generation sie geschichtsvergessen aufs Spiel.

Oft wird gefragt, warum gerade Jüdinnen und Juden öffentlich als Mahnende auftreten, nicht die Geschichte zu vergessen – Shoah-Überlebende etwa oder Vertreter_innen von jüdischen Institutionen wie dem Zentralrat der Juden in Deutschland.

Es ist kein Eigennutz, sondern die Erfahrung der eigenen Familien über Zeiten, Orte und soziopolitische Kontexte hinweg, dass Jüdinnen und Juden bitterer Weise dazu neigen, von der Geschichtsvergessenheit der Mehrheitsgesellschaft als Erste gefressen zu werden. Und ist man ihren Folgen gerade noch so mit dem Leben davongekommen, so vergisst man es nicht und lässt es auch die Kinder und Kindeskinder nicht vergessen. Das ist anders, wenn man nie verfolgt wurde. Dann muss man keine Verfolgungserfahrung zum Überleben der nächsten Generation weitertragen.

Sichtbarbleiben für die Freiheit

Wie fragil demokratische Werte, Rechte und Freiheiten sind, zeigt bereits der Alltag. Ich werde häufig gefragt, warum ich eigentlich stets meine Kippah trage, auch wenn sie sich doch immer wieder als Magnet für Antisemit_innen und allerlei (weitere) schlimme Menschen erweist. Ich könnte doch einen wesentlich ruhigeren Alltag haben, würde ich doch nur auf die Kippah als Zeichen meiner Herkunft, meines Glaubens und meiner Verbundenheit mit meiner Kultur und Gemeinschaft verzichten und darüber einen Hut oder eine Mütze tragen.

Ich versuche, mich nicht fahrlässig bedrohlichen Situationen auszusetzen; jede_r Freund_in von mir weiß das. Doch obwohl meine Kippah die Schlechtigkeit vieler Menschen aufdeckt und sie mir dann auch gefährlich wurden in der Vergangenheit und gewiss mir auch in Zukunft gefährlich werden können, gebe ich nicht einfach mein Recht auf Bekenntnisfreiheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit her und verstecke mich oder unterlasse es, den Teil meiner Identität öffentlich zu zeigen, der mich am meisten ausmacht.

Wenn ich auch unsichtbar wäre, würde ich diese Freiheiten aushöhlen und es für alle, die nach mir kommen, schwerer machen, sie noch zu erhalten. Wir sind in diesem Land qua Geburt mit derart vielen demokratischen Privilegien ausgestattet, dass ich sehr wohl etwas zu ihrem Erhalt, ihrer Verteidigung beitragen kann, selbst wenn es mir Schwierigkeiten bereiten kann. Ich trage gern meine Kippah, ich fühle mich mit ihr geborgen, wohl, vollständig; sie erinnert mich daran ein guter Mensch zu sein. Und zu weitaus schlimmeren Zeiten haben Juden noch ihre Kippah getragen; wer bin ich, dass ich das heute einfach aufgebe, um einem Problem aus dem Weg zu gehen?

„Sie wollten uns umbringen,
wir haben überlebt, lasst uns essen!“

Und so werde ich auch weiterhin meine Kippah tragen, wenn ich im Zug unterwegs bin. Deshalb trage ich sie auch gerade in diesem Regionalzug, während diese drei Menschen auf dem Viererplatz vor mir weiterhin über den vermeintlichen Einfluss jüdischer Amerikaner_innen auf deutsche Politik, der hoffentlich bald durch die Politik der AfD unterbunden würde, schwadronieren und sich die beiden mir ansonsten Abgewandten ab und zu mir umdrehen, um mir einschüchternde Blicke zuzuwerfen. Trüge ich meine Kippah jetzt nicht, könnte ich in Ruhe meinen mitgebrachten Apfel essen. Stattdessen sehe ich dem Mann direkt in die Augen, der nun schon fast eine Stunde hasserfüllt und stumpf über seine Rache an den Jüdinnen und Juden schwatzt.

Ich beginne, ihn anzulächeln, als mich ein Gedanke ergreift: das glorreiche Alte Ägypten – heute Sand und Steine; das triumphale riesige Römische Reich – genau wie das Alte Griechenland bloß noch Ruinen; das Zarenreich wie so viele europäische Königreiche von Revolutionen geschluckt, das Dritte Reich mit seiner Kriegsindustrie vom eigenen Weltkrieg zerstört, die Sowjetunion kollabiert. Sie alle, die unsere Kultur zerstören, unseren Glauben verbieten wollten, alles, was uns auszubeuten, zu versklaven, morden und auszurotten versuchte, ist untergegangen. Es gibt die übermächtigen Babylonier und Römer und die mörderischen Nazis nicht mehr. Sie sind alle Geschichte. Aber uns Jüdinnen und Juden, unser kleines großes Volk, gibt es nach 4000 Jahren noch immer. Wir haben bisher alles überstanden. Sogar einen Völkermord. In spätestens zwei Generationen wird wohl nichts mehr an die AfD erinnern. Aber uns wird es dann noch geben. Wir haben den längeren Atem.

Der Mann schaut verunsichert, dass ich ihn noch immer anlächle. Plötzlich wendet er seinen Blick ab. Ich habe Leute wie ihn so satt. Und ich hatte es lang schon zuvor satt, mich vor Leuten wie ihm zu fürchten. Ich habe es irgendwann vor Müdigkeit einfach gelassen.

Seit einigen Generationen bringt man in jüdischen Familien Kindern augenzwinkernd bei, dass man den historischen Hintergrund der jeweiligen jüdischen Feiertage immer in denselben zehn Worten zusammenfassen könne: „Sie wollten uns umbringen, wir haben überlebt, lasst uns essen!“. Womöglich, so dachte ich im Zug, fasst das auch viele Erfahrungen der jüdischen Geschichte zusammen.

Und dann biss ich entspannt aus dem Fenster schauend in meinen Apfel.