Wie öffentlich muss meine Liebe sein?

Foto , by Anneliese Phillips

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Juliane.

Juliane Löffler ist Online-Redakteurin bei der Freitag. Sie ist Fellow von “Reporters in the Field” der Robert Bosch Stiftung, ihre Texte erschienen u.a. beim Guardian und Suhrkamp.


Juliane bei der Freitag @laloeffelstiel Juliane auf Facebook

Dieser Text entstand ursprünglich als Vortrag für das Gesprächsformat „Raki Prinzip“ zum Thema Liebe. Das kommende Event findet am 30.3. zum Thema Wut statt.

Ich habe mich entschieden, von mir persönlich zu schreiben.

Eigentlich mache ich das nicht besonders gerne, über mich selbst zu schreiben, aber es findet gerade eine weltpolitische Verschiebung statt. Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster, sagt der Philosoph Antonio Gramsci. Diese Monster werden seit einiger Zeit sichtbar und sie bedrohen uns, sie bedrohen mich. Sie führen dazu, dass in Orlando 49 Menschen getötet wurden, und sie führen dazu, dass ich an einem kalten Winterabend ein Gespräch geführt habe, ob es vielleicht sinnvoll ist, einen Selbstverteidigungskurs zu machen. Falls mal was passiert, auf der Straße.

Kurz zuvor waren wir durch das Frankfurter Bahnhofsviertel gelaufen und eine Flasche krachte in unser Nähe auf den Asphalt. Es war eine Auseinandersetzung zwischen einigen jungen Männern und hatte wohl mehr mit Drogen oder Geld, als mit Politik zu tun ­– und keinesfalls etwas mit uns. Trotzdem bekamen wir ein Gefühl, unsicher zu sein, ungeschützt. Das ist ein Gedanke, der für mich neu ist und er kommt unabhängig davon, ob ich konkret bedroht bin oder nicht. Eine Veränderung des Klimas im öffentlichen Raum, eine neue Verunsicherung schleicht sich in mein Leben. Der Hass, die Ausgrenzung, eine Verschiebung davon, wer Freund oder Feind ist, welche Liebe akzeptiert wird und welche nicht, werden gerade neu verhandelt.

Und ich wüsste gar nicht, wie ich anders über Liebe sprechen sollte, als über mich selbst. Ich fange also bei mir an. Ich versuche, mich zu erklären.

Ein anderes Menschsein

Als ich 28 wurde, ist mir etwas merkwürdiges passiert. Ich habe mich in eine Frau verliebt, unerwartet und heftig. Ich schreibe nicht merkwürdig, weil sich das merkwürdig angefühlt hat. Das Gefühl, was ich empfunden habe, hat sich in keiner Weise von dem unterschieden, dass ich hatte, als ich mich in Männer verliebt habe. Da war ein Mensch, den ich begehrte und dem ich nah sein wollte. Den ich küssen wollte, mit dem ich auf der Straße Händchen halten wollte, von dem ich meinen Freundinnen erzählen wollte. Dinge, die man eben tut, wenn man liebt. Merkwürdig war, dass da auf einmal große Diskrepanz war zwischen dem, wie ich mich selbst, und wie andere mich wahrgenommen haben. Ich lerne also diese Frau kennen, und wir beginnen uns zu treffen und wir werden ein Paar. Dann erzähle ich einem Freund davon, und er fängt an zu lachen. “Bist du jetzt lesbisch oder was?”, fragt er. “Nein, ich bin Jule”, sage ich. Ich war wütend und ich war verletzt. Julesein, dass war auf einmal etwas anderes, als ich es kannte. Da wurden mir Rollen zugeschrieben, oder Worte, für die ich mich so nie entschieden hatte.

„Normen als Normen fallen uns nur auf, wenn wir ihnen nicht entsprechen, wenn wir nicht hineinpassen, ob wir es wollen oder nicht“, sagt die Schriftstellerin Carolin Emcke. Was neu war, ist dass ich mich plötzlich erklären musste. Wenn ich zum Beispiel beim Abendessen sitze, und alle übers Heiraten reden. Sage ich dann: Das interessiert mich nicht, weil ich im Zweifelsfall gar nicht heiraten darf? Warum, fragen dann die Leute, darfst du nicht heiraten? Und dann wird mein privates Begehren sofort politisch, dann ist meine Sexualität auf einmal ein Thema. Die Norm wird dir schmerzlich bewusst, wenn du plötzlich vor der Frage stehst, ob du dein Begehren thematisieren sollst oder nicht. Weil ich weniger Rechte habe, als ihr, muss ich dann sagen. Weil der Staat entschieden hat, dass mein Menschsein ein anderes Menschsein ist, als eures. Dass meine Verliebtheit eine andere ist, als eure, egal, ob sich das für mich genauso anfühlt wie immer oder nicht.

Es gibt Sätze, die Heterosexuelle nicht zu hören bekommen. Sätze wie: Und wie macht ihr das so, mit dem Sex? Oder: Und wissen deine Eltern, dass du heterosexuell bist? Oder: Du, ich finde es überhaupt kein Problem, dass du heterosexuell bist. Ich bin da ganz offen. Ich aber höre diese Sätze. Auf einmal ist es kein Problem, wie ich liebe. Davor war es eine Selbstverständlichkeit. Das ist ein großer Unterschied. Das fühlt sich merkwürdig an, und ich muss mir überlegen, was ich mit dieser Merkwürdigkeit mache. Ob ich darüber spreche, oder ob ich so tue, als gäbe es sie nicht. Dass ist das, was sich verändert hat und was mich von diesen anderen Menschen beim Abendessen unterscheidet.

Mindestens eine Überraschung

“Wer liebt, will sich nicht erklären müssen. Jedes einzelne Argument, jeder einzelne Verweis auf diese oder jene Eigenschaft wirkt für die Liebenden, als ob es die Liebe schmälerte.” Auch das sagt Carolin Emcke. Sich erklären zu müssen, schmälert nicht nur. Es macht mich verletzbar. Weil meine Art zu lieben wieder mehr als zuvor Hass hervorruft. In der Türkei, in Polen, in Russland, in den USA, und auch in Deutschland, direkt und indirekt. Wie sehr unsere Freiheit, wie wir lieben, zu einer politischen Verhandlung wird, werden wir vielleicht erst richtig spüren, wenn die AfD in der nächsten Bundestagswahl über zwanzig Prozent holt. Eine Partei, die nicht möchte, dass andere Formen als Heterosexualität in der Schule thematisiert werden und die in Thüringen vorgeschlagen hat, Homosexuelle zählen zu lassen. Die Idee, die dahinter steckt ist: Meine Art zu lieben ist nicht relevant. Sie ist nicht erwünscht. Sie soll unsichtbar bleiben.

Die Sache ist: Wird das Queere, die Abweichung von der heterosexuellen und binären Norm zu lieben und zu sein, nicht von Queers, Homo- und bisexuellen, Trans- und Intersexuellen selbst thematisiert, passiert genau das: sie bleibt unsichtbar. Heterosexualität wird erwartet. Homosexualität ist mindestens eine Überraschung. “Achso, das hätte ich jetzt aber nicht von dir gedacht”, sagen mir dann Leute. Es gibt also einen Grund jenseits der Normabweichung, warum ich meine Art zu lieben, öffentlich machen muss. Um sichtbar zu werden. Um eine politische Haltung zu artikulieren, nämlich: Ich habe ein Recht auf meine Art zu lieben. Das heißt nicht, dass ich mir jetzt einen Button an die Jacke heften möchte. Aber es heißt, dass ich in Situationen über meine Art zu lieben spreche oder darüber schreibe, auch wenn ich dazu nicht unbedingt Lust habe. Etwa bei einem Abendessen, bei dem es ums Heiraten geht.

Muss ich Lobbyarbeit machen?

Es ist eine Standardfrage, die sich alle geouteten Menschen stellen, über die immer wieder diskutiert wird: Wie sehr sollte ich mich mit Fragen und Haltungen auseinandersetzen, die mich nicht verstehen? Oder die mich diskriminieren? Muss ich für mich und andere Lobbyarbeit machen? Oder darf ich mich zurückziehen und sagen: Das diskutiere ich nicht, ich erwarte einfach, dass du mich respektierst. Oder verstehst. Der Hass, der sich gegen alle Formen nicht-heternormativer Beziehungen richtet, bewertet diese Frage neu. Wenn ich meine Art zu lieben verteidigen möchte, werde ich mich erklären müssen. Mehr als zuvor.

Das kann nerven und unangenehm sein, aber es kann auch eine Chance sein, über Anschlussfähigkeit nachzudenken.Über Brückenbauen. Ich möchte nicht darüber nachdenken, was mich von Menschen, die anders lieben, unterscheidet. Ich möchte darüber nachdenken, was wir gemeinsam haben. Ich möchte mit meiner Mitbewohnerin darüber sprechen, wie meine Art von Liebeskummer ihrer Art von Liebeskummer ähnelt. Oder wie meine Art Lust zu empfinden, ihrer Art Lust zu empfinden ähnelt. Ich möchte mit meiner Mutter darüber sprechen, wie meine Art, sich eine Familie zu wünschen, ihrer Art sich eine Familie zu wünschen ähnelt. Ich habe die Merkwürdigkeit erwähnt, mich erklären zu müssen. Diese Irritation. Warum schaust du mich komisch an, weil ich eine Frau auf der Straße küsse? Ein Gedanke dazu: Vielleicht unterscheidet sich meine Irritation gar nicht so sehr von der Irritation derjenigen, die befremdet sind von meiner Art zu lieben. Vielleicht können wir darüber sprechen?

Ich suche also eine Strategie, eine Technik, mich nicht ausgeschlossen zu fühlen. Ich versuche weniger wütend zu werden, oder verletzt zu sein, wenn Leute auf mich irritiert reagieren. Ich versuche, nicht genervt zu sein, wenn sie Fragen stellen, weil sie mich nicht verstehen oder Dinge nicht wissen. Die Standardfrage zum Beispiel, die ich immer wieder gestellt bekomme: Kannst du dir vorstellen, irgendwann wieder mit einem Mann zusammen zu sein? Ich höre aus dieser Frage eine Erwartungshaltung heraus. “Okay, du kannst das jetzt ausprobieren, aber dann wirst du wieder normal, ja?” Und ich möchte nicht immer darauf antworten, weil es eine komplizierte Frage ist, und eine sehr intime. Ich frage ja auch nicht ständig meine heterosexuellen Freundinnen, ob sie sich vorstellen könnten, sich irgendwann mal in eine Frau zu verlieben. Andererseits steckt in dieser Frage ja auch Neugier und Nicht-Wissen. Sie kann ein Gesprächsanfang sein.

Deine Erwartungen sind mir scheißegal

All das erklärt übrigens auch, warum Safe Spaces so wichtig sind, Orte an denen “Andersliebende” zusammenfinden. Weil man sich dort wie die Norm fühlen kann, weil man sich nicht erklären muss, weil dort niemand sagt: Das hätte ich jetzt gar nicht von dir erwartet. An manchen Tage denke ich: Deine Erwartungen sind mir scheißegal, es geht auch gar nicht um dich – vielleicht weil ich gerade müde bin, oder erschöpft. In diesen Safe Spaces kann man Kraft tanken, Pause machen, man kann aufhören über die Erwartungshaltung der andere nachzudenken, und es ist extrem bedrohlich, wenn sie geschlossen werden, oder angegriffen. Ich glaube deshalb auch nicht, dass sich diese Orte öffnen müssen. Aber sich in das Refugium der geschützten Milieus zurückzuziehen, reicht nicht. Sie werden ja ohnehin angegriffen.

Ich möchte Beistand einfordern, Verständnis, das Recht der Gewohnheit. Ich bin bereit mich zu erklären und ich wünsche mir im Gegenzug, dass dafür etwas zurückkommt. Unterstützung von denen, die mich verstehen. Die Bereitschaft zuzuhören und mitzudenken von jenen, die es nicht tun. Nicht-heterosexuellen Menschen wird oft vorgeworfen, ihre eigene “Andersartigkeit” zu thematisieren. “Warum muss das überhaupt ein Thema sein?”, wird dann gefragt. Es ist ganz einfach: Es müsste kein Thema sein, wenn meine Sexualität gleichwertig wäre. Zur Thematisierung gehören ja schließlich immer zwei Seiten und ich könnte mir eine Menge schönerer Dinge vorstellen, als mich öffentlich mit meiner Sexualiät auseinanderzusetzen. Mich auseinandersetzen zu lassen. Ich wünsche mir, dass Unterstützung von denen kommt, die das nicht selbst erleben. Dass auch sie die Schutzräume für LSBTTIQ* verteidigen. Es geht darum, welcher Mensch welche Rechte hat. Vielleicht wird es in der Zukunft sogar darum gehen, wer sich überhaupt als menschlich definieren darf. Das sind Grenzverschiebungen, die für alle gefährlich werden können, wenn sie in Bewegung geraten. Ich wünsche mir eine Verteidigung für das Recht auf meine eigene Definition von Liebe. Für alle Menschen. Dafür braucht es eine Auseinandersetzung, auch wenn sie unbequem ist.

“Vielleicht ist die wichtigste Bewegung die aus sich heraus”, sagt Carolin Emcke.

Dieser kleine Text ist im besten Fall so eine Bewegung.

  • Dorina

    Wow. Ein toller Text, der mich bewegt und beeindruckt. Und so viele meiner eigenen Gedanken so treffend und auf den Punkt ausdrückt.
    Vielen, vielen Dank für diesen Text.