„You have to see what she becomes“ – Über den Film „Hidden Figures“

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„You have to see what she becomes.“ Katherine Goble (später Johnson) ist schon in jungen Jahren ein Mathegenie. Doch ihr Talent zu erkennen oder gar zu fördern, ist keine Selbstverständlichkeit. In dem Bezirk, in dem Katherine im Bundesstaat West Virginia aufwächst, ist es für Schwarze Schüler_innen schlicht nicht vorgesehen über die 8. Klasse hinaus die Schule zu besuchen. Engagierte Lehrer_innen erkennen aber was in ihr steckt und ermöglichen es Katherine schließlich auf eine High School für begabte Schwarze Schüler_innen in einem anderen Teil von West Virginia zu kommen. Dort soll sie gefördert werden und einfach weiter zur Schule gehen dürfen. Ihre Eltern (und Katherine selbst), sollen schließlich sehen dürfen, was mal aus ihr werden wird, wenn sie diese Chance erhält.

Katherine, Mary, Dorothy

„Hidden Figures“, das ist das Wortspiel der versteckten Zahlen, die Katherine zum Vorschein bringt. Zugleich beschreibt es die drei (bisher in der Geschichte versteckten) Frauen, die das Mercury– und Apollo-Programm der NASA prägten und dessen Meilensteine überhaupt erst möglich machten.

Dazu steigen wir im Jahr 1961 wieder in Katherines Geschichte ein. Sie (gespielt von der großartigen Taraji P. Henson, aka Cookie Lyon aus „Empire“) ist mittlerweile eine komplett ausgebildete Mathematikerin, das schlaueste Hirn im ganzen Umkreis und steht kurz vor ihrem ersten Arbeitstag bei der NASA. Zusammen mit ihren Freundinnen Mary Jackson (Janelle Monáe, den meisten vermutlich sonst eher bekannt als fantastische Musikerin in makellosen genderbending Outfits) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer, die 2012 einen Oscar und mit ihrer Rede alle Herzen gewonnen hatte), die ebenfalls in der Rechenabteilung der NASA anfangen sollen, sehen wir sie zu Beginn des Films gleich in einer seiner stärksten Szenen.

Hinten im Bus – nope

Das Auto der drei Frauen ist nämlich liegen geblieben und Dorothy schraubt liebevoll daran herum. Die Alternative? Mit dem Bus fahren, wo sie dazu gezwungen wären hinten zu sitzen. Wir befinden uns nämlich auch in der Zeit der so genannten Jim Crow laws, die in den Südstaaten der USA Rassismus institutionalisierten, indem sie in öffentlichen Einrichtungen wie Hotels, Restaurants, Bussen, Zügen, Krankenhäusern und Sanitäranlagen eine strenge „Rassentrennung“ vorgaben. Erst der Civil Rights Act aus dem Jahr 1964 (und später der Voting Rights Act von 1965) löste diesen gesetzlichen Rahmen auf – im Jahr 2014 feierte das wichtige Bürgerrechtsgesetz also gerade mal sein 50-jähriges Jubiläum.

Hinten im Bus zu sitzen, kommt für Katherine, Mary und Dorothy nicht in Frage. Als ein Polizeiauto die einsame Landstraße herauf fährt, müssen sie sich allerdings doch fragen, ob diese Entscheidung nicht ein Fehler war. Denn als Schwarze Frauen können sie an diesem Punkt nicht automatisch mit Hilfe rechnen, sondern müssen angespannt eine Kontrolle über sich ergehen lassen. Mary wird gebeten, bloß nicht aufmüpfig zu werden und sie versichern sich gegenseitig nervös, dass ein abgesoffenes Auto ja wohl noch gegen kein Gesetz verstoßen kann. Zu ihrem Erstaunen können sie allerdings an den Patriotismus des Polizisten appellieren – denn sie helfen mit ihren Jobs ja dabei das Space Race gegen Russland zu gewinnen! – und statt einer Verfolgungsjagd, eskortiert er sie schließlich sogar mit Blaulicht über die Straßen, damit sie pünktlich bei der Arbeit sein können. Ein echtes Wunder, wie auch Mary sehr treffend feststellt.

„Attagirl!“

Bei der NASA fangen Katherine, Mary und Dorothy zwar alle in der Rechenabteilung an, aber bekommen bald schon neue Verantwortungen und suchen sich diese auch selbst.

Als die Space Task Group der NASA durch die Erfolge der russischen Raumfahrt immer weiter unter Druck gerät, braucht es ein Zahlengenie wie Katherine um die Umlaufbahnen der ersten U.S.-Weltraumflüge berechnen und damit überhaupt ermöglichen zu können. So kommt Katherine aus dem Keller in die schicken oberen Büroetagen, wo bisher noch keine Schwarze Person gearbeitet hat und behauptet sich in einem Meer weißer Männer mit weißen Hemden, die ihre Arbeit auch immer wieder sabotieren.

Mary wird als Rechenunterstützung in die Ingenieursabteilung berufen und als ihr Talent dort von einem der Techniker erkannt wird, fragt dieser sie, warum sie sich nicht als Ingenieurin bewirbt. Als sie sich dazu entschließt und den Plan äußert, auch offiziell Ingenieurin zu werden, sind die Bewerbungsbedingungen plötzlich auf „mysteriöse Weise“ erschwert worden – obwohl sie bereits qualifiziert genug gewesen wäre.

Die einzigen Weiterbildungskurse, die sie aber vor Ort besuchen könnte, finden an einem weißen College statt. So macht es sich Mary zur Aufgabe ein Gerichtsurteil zu erwirken, das ihr die Kursteilnahme und damit den notwendigen Abschluss verschafft, um schließlich die erste Schwarze Raumfahrtingenieurin der NASA zu werden. BÄM!

Dorothy hat zwar nicht den Titel, ist aber faktisch Leiterin der Rechenabteilung Schwarzer Frauen. Als riesige IBM-Rechenmaschinen in die Büros einziehen, erkennt Dorothy sofort, dass maschinenbasierte Datenverarbeitung nicht nur ihren Job kosten könnte, sondern auch, dass sie sich wiederum unentbehrlich machen kann, indem sie die Programmiersprache lernt. Am Ende ist sie die einzige, die diese riesigen Rechner zum Laufen bringen kann (mit dem wunderbaren Detail, dass jede funktionierende Maschine ein „Attagirl!“ als Lob bekommt) – das aber auch nur unter der Bedingung, die anderen Frauen aus der Abteilung im wahrsten Sinne des Wortes mit nach oben zu befördern.

Was am Film ebenfalls sehr gut tut, klingt simpel, ist aber leider gar nicht so selbstverständlich: Alle Frauen werden über das, was sie können definiert – nicht über ihre Familien/Kinder/(Ehe-)Männer. Dafür finden ihre Familien als Teil ihrer Geschichte statt und unterstützen das, was Katherine, Mary und Dorothy machen. Und es ist klar, dass dieser Respekt für ihre Arbeit nie verhandelbar sein wird.

Sooo many white guys

Trotz super Geschichte und wirklich umwerfend guter Hauptdarstellerinnen hat der Film allerdings Schwachstellen und nun ja, das liegt dann an den „white guys“, wie auch Cassie da Costa bei Feministing kritisiert. So haben wir zum Beispiel Glen Powell, der den Astronauten John Glenn spielt und dabei eh schon wie der American Posterboy schlechthin wirkt (hier einfach ein Zahnpastalächeln hindenken). Auf magische Weise scheint er Katherines Talent fast als einziger Weißer direkt ohne Vorurteile erkennen zu können – weil er ja nur das Beste für die Weltraummission im Blick hat! Ähnlich sieht es bei Katherines Boss, Al Harrison aus. Der Chef der Space Task Group wird ebenfalls über einen „Ich sehe keine Hautfarben, ich sehe nur Menschen“-Ansatz charakterisiert – laut ihm pinkeln schließlich bei der NASA alle in derselben Farbe (okay, #TMI). Gespielt wird er passenderweise von Kevin Costner, der ja bereits in mehreren Filmen seinen Status als „Ich bin der einzige gute weiße Mann im gesamten Umkreis“ manifestiert hat.

Die tiefe Verwurzelung von Rassismus – die eben auch in den „herzensguten Menschen“ steckt und nicht von heute auf morgen verschwindet – wird also weniger geschickt, wenn überhaupt, thematisiert. Am besten geschieht das noch in den Szenen mit der Vorgesetzten Vivian Mitchell (prima passiv-aggressiv gespielt von Kirsten Dunst), die traurigerweise auch widerspiegeln, was wir beim letzten Wahlergebnis in den USA beobachten konnten, indem 53% der weißen Frauen lieber für Voldemort stimmten.

Nachdem Vivian sich immer wieder dagegen gesträubt hat, Dorothy nicht nur die Verantwortung der „colored“-Abteilungsleitung zu überlassen, sondern ihr auch den dazugehörigen Titel samt Gehaltserhöhung zu verpassen, möchte sie Dorothy vermitteln, dass sie ja eigentlich nichts „gegen euch“ habe. Dorothy dreht sich in der Toilette, die sie erst seit kurzem überhaupt mitbenutzen darf, zu Vivian und sagt: „I know. … I know you probably believe that.“ („Ich weiß. … Ich weiß, dass du das vermutlich sogar glaubst.“)

So wird vieles auch anhand einfacher Alltagssituationen erzählt und greift kleine wie große Ungerechtigkeiten und Abscheulichkeiten gegenüber Schwarzen und insbesondere gegenüber Schwarzen Frauen auf. Das bezieht sich dann zwar auf die Zeiten von Jim Crow, aber vieles davon lässt sich leider auch in die heutige USA übertragen. Als Katherine zum ersten Mal ins Büro der Space Task Group kommt, wird ihr zum Beispiel der ungeleerte Mülleimer förmlich aufgedrückt – denn Schwarze gab es auf dieser Ebene bisher nur als Servicepersonal. Sie erntet feindselige Blicke als sie sich am Bürokaffee bedient und schnell steht eine weitere Kaffeekanne da – die für „colored“ (warum diese Art der Begriffe übrigens auch im Deutschen nicht okay ist, könnt ihr hier gut nachlesen). Und meine Blase litt jedes Mal mit, wenn Katherine zum einzigen „colored“-Klo auf dem Gelände rennen musste (daher auch der Pinkelkommentar ihres Chefs), das natürlich ewig weit weg ist.

Pionierinnenarbeit

Als Katherine bei den superwichtigen Meetings dabei sein möchte um ihre Arbeit einfach besser machen zu können, bekommt sie vom Chefingenieur Paul Stafford (Jim Parsons) ein empörtes „There is no protocol for women attending.“ („Frauen sind da nicht vorgesehen.“) zu hören. Woraufhin sie erwidert: „There is no protocol for men circling the earth either.“ Männer, die in einem winzigen Raumschiff die Erde umrunden, sind bisher auch nicht vorgesehen – und trotzdem arbeiten ganz viele Menschen daran, dass es Realität werden soll.

Diese Szene bringt für mich nicht nur den damaligen Zeitgeist sehr schön auf den Punkt, sondern fasst auch das Problem der mangelnden Vorstellungskraft zusammen, die uns immer noch so oft das volle Potenzial der im Kino erzählten Geschichten vorenthält.

So wunderschön es also ist, drei Schwarze Frauen in den Hauptrollen zu sehen, die wiederum aus dem Leben dreier Schwarzer Frauen erzählen dürfen: Man fragt sich doch, warum selbst im Jahr 2016/2017 solche Storys noch immer nicht selbstverständlich sein dürfen – wir dafür aber, was Filmcharaktere angeht, selbst im vermeintlich freieren Fantasy-Genre eher sämtliche Facetten (zugegeben, wenn auch oft von Stereotypen durchtränkt) eines weißen Mannes sehen werden. Warum die Geschichte, die Frauen geschrieben haben, oft immer noch so unsichtbar ist. Gerade auch wenn klar ist, dass sie so viele Andere, vor allem Mädchen (of Color), inspirieren kann. Das ist den „Hidden Figures“-Darstellerinnen absolut bewusst und im Grunde setzen sie die Pionierinnenarbeit auch abseits der Leinwand fort: Zum Martin Luther King Day buchte Octavia Spencer zum Beispiel ein ganzes Kino, damit bedürftige Familien den Film schauen konnten – sie selbst wuchs mit einer alleinerziehenden Mutter und sechs Geschwistern auf.

Und ja, natürlich weiß ich die Antwort auf all diese seufzenden Fragen schon. Es ist damit eben auch immer noch eine politische Entscheidung ein Ticket für Filme wie „Hidden Figures“ zu kaufen und im besten Fall dafür zu sorgen, dass mehr dieser Geschichten erzählt und vielleicht wirklich mal Normalität werden dürfen. Representation matters.

Ich möchte einfach noch von so vielen großartigen Frauen sehen, „what she becomes.“

In den USA ist der Film schon seit Dezember draußen. Ab 2. Februar 2017 (pssst, morgen!) läuft „Hidden Figures“ auch endlich in Deutschland und ich kann euch nur von Herzen empfehlen, gemeinsam mit Katherine, Mary und Dorothy nach den Sternen zu greifen.

Bei den Screen Actors Guild Awards 2017 (SAG Awards) wurde außerdem jüngst das gesamte Ensemble von „Hidden Figures“ ausgezeichnet und für die Oscars sind der Film, Octavia Spencer als Nebendarstellerin und das Drehbuch im Rennen. Bis dahin gilt es also die Daumen zu drücken und Taraji P. Henson, Octavia Spencer und Janelle Monáe einfach auf Instagram zu folgen, wo sie sich immer wieder gegenseitig auf allerliebste Weise abfeiern. Hidden no more. <3

Hier könnt ihr auch noch mal den deutschen Trailer sehen (oder hier auf Englisch):