Astrid, ich und … das Monster in ihr – ihre Essstörung

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Inhaltshinweis: Essstörung, psychische Krankheit, Suizidversuch, Selbstverletzung

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Antje.

Antje ist eine Designerin und Strategin für Kommunikation. Sie leitet The Create Labs, ein digitales Designstudio, mit und fasst gerade wieder Fuss in Berlin nach fünf Jahren in Indien. Sie liebt Hunde, Yoga, liest viel und twittert gern. Sie mag es total, wenn sie Personen, die ihr nahestehen, beim Weiterkommen helfen kann – ob beruflich oder privat. Ohne ihr Mobiltelefon geht nichts. Sie mag Technik und mit Apps organisiert sie ihr Leben.
Der Text wurde zuerst auf Englisch veröffentlicht.


Blog von Antje @antjepfahl

Astrid und ich sind beste Freundinnen. Wir kennen uns in- und auswendig. Mittlerweile. Das war nicht immer so.

Vor sechs Jahren begann sie anders zu essen. Weniger. Irgendwann war es nur noch ein Brot mit Käse und eine Diet Coke. Zuerst dachte ich, dass sie nur etwas abnehmen wollte. Daher sprach ich es nicht an. Nach ein paar Monaten fing sie an Andeutungen darüber zu machen, was eigentlich mit ihr los war. Vorsichtig fragte ich immer mehr nach. Manchmal kamen ein paar Sätze von ihr und manchmal kam überhaupt keine Antwort. Und ich sagte nichts weiter… Nach einer Weile dachte ich, wie schlimm kann es schon werden? Damals hatte ich keine Ahnung, dass dieses Monster  — ihre Krankheit, die Essstörung  — sie töten kann. Wenn ich gewusst hätte, was ihr noch bevorstand, hätte ich sofort gehandelt.

Heute fühle ich mich schuldig nichts getan zu haben, als ich schon eine vage Vermutung hatte was mit ihr los ist. Vor allem, weil ich – kurz nachdem ihre Krankheit noch schlimmer wurde – 6000 Kilometer weit weg zog. Ich war total damit beschäftigt mir ein Leben in einem neuen Land aufzubauen. Ich konnte nicht für sie da sein. Konnte nicht ihre Hand halten als sie so sehr mit ihrem Innersten kämpfte. Ich konnte sie nicht zu einem Arzt bringen. Damals ahnte ich, dass das jemand tun sollte. Ich spürte es tief in mir. Aber da war niemand. Zu diesem Zeitpunkt hatte Astrid bereits eine komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter. Von der hatte ich nicht mal eine Telefonnummer. Dann starb ihr geliebter Onkel. Lebenspartner kamen und gingen und verschlimmerten die Krankheit sogar oft noch. Freundinnen machten mit ihrem Leben weiter. Da Astrid allen eine perfekte Rolle vorspielte, erkannten sie ihre Probleme einfach nicht.

Ich kann ja niemandem die Schuld dafür geben, dass er*sie mit dem eigenen Leben beschäftigt ist. Sie tat vor allen immer so, als sei sie vollkommen glücklich. Auf Social Media erzählte sie mit augenzwinkernden Bildern von den guten Zeiten die sie hatte. Nach ein paar Jahren konnte ich in diesen Bildern sehen, dass sie schauspielerte, dass die Bilder nicht zeigten, wie sie sich in Wahrheit fühlte. Ich erkannte es, weil ich sie so gut kannte. Doch es dauerte bis ich das begriff. Der Ausdruck ihrer Augen verrät sie auch heute immer noch. Es stimmt, unsere Augen sind die Fenster zu unseren Seelen.

Warum tut sie sich das an?

Im Laufe der Jahre sprachen wir, während ich im Ausland war, auf WhatsApp oder Skype. Manchmal gab es Monate des Schweigens. In denen wartete ich dann geduldig darauf etwas von ihr zu hören. Ich schrieb ihr eine Nachricht, aber: nichts. In dieser Zeit des Schweigens versuchte Astrid sich das Leben zu nehmen, sie war schließlich in Kliniken, um Hilfe zu bekommen. Ich konnte das alles kaum verarbeiten und oft wusste ich einfach gar nicht was los war. Erst später, als sie sich mir endlich öffnete, erfuhr ich davon – als sie mir direkt sagte, dies ist mir passiert und so fühle ich mich mit dieser Krankheit. Als sie den Selbstmordversuch erwähnte, war das der Moment als ich anfing, mehr über ihr Problem zu lesen und zu recherchieren. Ich dachte nur, warum zum Teufel bringt sie das von Innen um? Warum tut sie sich das an? Ich konnte es einfach nicht verstehen und kann das bis heute nicht ganz. Aber ich versuche es.

Ich teile hier meine tiefsten Gedanken und Eindrücke, denn ich möchte, dass alle Menschen verstehen, dass diese Krankheit kein „Modetrend“ oder eine „Luxus-Krankheit“ ist. Nichts, was in einem einzigen „ELLE“-Artikel erklärt werden kann. Das Thema Essstörung muss mit viel mehr Sensibilität behandelt werden. Die Wurzel dafür ist der Mangel an Selbstvertrauen. Etwas, das wir unseren Kindern nicht in der Schule beibringen. Es sollte ein Hauptfach sein, dass wir eben nicht die ganze Zeit immer perfekt und gut aussehen müssen. Es spielt einfach keine Rolle, wie du aussiehst, aber viel mehr wie du dich von innen fühlst. Und dieses Gefühl sollte glücklich sein – wenn auch nicht ständig. Natürlich können wir schlechte Tage haben, aber sie sollten nicht darin enden unseren Willen zum Leben zu verlieren. Wir sollten in der Schule lernen, uns so gut wie möglich zu behandeln. Und das habe ich auch durch Astrid und ihre Krankheit gelernt: behandle dich so gut wie möglich.

Harte Arbeit

Und was hat sich vor einem Jahr zwischen Astrid und mir geändert? Sie fing an mehr mit mir zu reden, ehrlich und offen. Ich hörte einfach zu und stellte Fragen. Auch wenn ich anfangs nur sehr vorsichtig nachfragte. Astrid, die sich einer Freundin zum ersten Mal öffnete, erzählte mir schonungslos ihre Gefühle, ihre verwirrten Gedanken und ihre schlechten Erfahrungen im Leben. Es gab keine Maske mehr zwischen uns. Unsere Gespräche waren wie eine Schlange, die sich häutete. Sie ließ eine Schicht nach der anderen fallen und so tat ich es auch. Heute gibt es nichts, was wir nicht über einander wissen. Sogar über unsere Körper. Ich machte Fotos von ihr für ihren Blog, den sie schreibt, seit ihre Essstörung begonnen hat. Sie will Bewusstsein schaffen und andere ermutigen, die wie sie kämpfen. Während der Aufnahmen zog ich mein Oberteil ebenso aus, um ihr das Ganze leichter zu machen, als ich ihre Gedanken auf ihren nackten Körper schrieb. Astrid versicherte mir, daß ihr Körper keine Zeichen mehr von ihrer Krankheit tragen würde. Tut er aber. Viele sogar. Sie sieht sich immer noch nicht genau genug im Spiegel an um das zu erkennen. Für mich sieht sie verletzlich aus. Sie ist sehr dünn. Aber sie hat bereits Gewicht zugelegt, was für ihre Genesung sehr wichtig ist.

Ich freue mich, dass sie sich öffnet und gleichzeitig macht es mich manchmal traurig. Warum? Weil es weh tut, eine enge Freundin die dir so viel bedeutet, in einer Krankheit gefangen zu sehen, die sich mit Worten oder Taten nicht vergraulen lässt. Es ist ein Kampf, den sie alleine kämpfen muss. Sie wird nur gewinnen, wenn sie es will und daran arbeitet. Jeden einzelnen Tag. Ich kann lediglich eine unterstützende Rolle spielen und sie von der Seitenlinie aus anfeuern. Sie macht die ganze harte Arbeit – wieder sie selbst zu sein, ihr Selbstwertgefühl zu finden und darauf zu vertrauen, geliebt zu werden. Die Rolle hinter sich zu lassen, in der sie immer so tat, als wäre alles in Ordnung mit ihr. Darüber zu reden wie es ihr wirklich geht – auf der Arbeit, mit ihrem Chef, ihren Kolleg*en, mit ihrem neuen Freund, Freund*innen und mir.

Gedanken kommen und gehen,
sie eilen durch sie hindurch wie ein Zug

Wie ist es, eine Freundin mit einer Essstörung zu haben? Hier folgt eine Erklärung darüber, wie ich die Krankheit sehe und ein Versuch, zu erklären, wie Astrid sich fühlt.

Ihre Essstörung ist für mich wie eine dritte Person, die immer mit dabei ist. Ein ungebetener Gast, der sich einfach aufdrängt. Es ist wie ein Monster mit Sonnenbrille, das immer hinter uns in einer Ecke sitzt und uns ständig zu beobachten scheint. Warum mit Sonnenbrille? Weil ich sein Gesicht nicht klar identifizieren kann. Selbst an den fröhlichsten Tagen, die wir miteinander teilen, kann ich seine Gegenwart spüren; wenn sie nicht mehr als einen Kaffee bestellt oder sagt, dass sie später zu Hause essen wird und das Essen ganz genau beschreibt, damit ich ihr glaube (heute weiß ich, sie isst, was jedoch nicht immer der Fall war) oder wenn sie einfach mitten im Gespräch anfängt über ihre Krankheit zu sprechen.

Ich bin froh, dass sie sich endlich so bestimmt dazu äußert. An diesen Punkt zu kommen, hat lang für sie gedauert. Aber es bedeutet auch, dass wir an jedem beliebigen Tag aus heiterem Himmel überrascht werden können und schließlich über dieses Monster reden. Monster ist das richtige Wort dafür – eine haarige, beängstigende Sache, hinter der sie sich versteckte. Mit der Zeit wurde es immer größer – auch als sie selbst – und es flüsterte ihr ständig ein, dass sie nichts wert sei, ja nicht einmal wert zu leben. Dieses Monster baute sich ein Haus in ihrem Kopf und sitzt dort unverhohlen, macht sich breit und nimmt den ganzen Raum und ihre Gedanken ein. Es entscheidet, was in ihrem Geist und in ihrem Körper passiert. So wie ich es verstehe, geht die Krankheit tief unter ihre Haut und verursacht von dort aus immer wieder Leidensphasen. Phasen, in denen Astrid sich in den schlimmsten Zeiten sogar ihre Haare oder Nägel rausriss. Heute kann sie ihre Gefühle akzeptieren und die meiste Zeit gut verarbeiten. Es geht in ihrem Kopf zu wie auf einem Bahnhof. Ihr Geist ist so überaktiv: Gedanken kommen und gehen, sie eilen durch sie hindurch wie ein Zug.

In ihrem Kopf läuft ständig ein komplettes Kopfkino ab, gegen das sie immerzu ankämpft. Diese Filme, die durch ihren Kopf laufen, bestehen aus verwirrten Gedanken, sie haben keinen eigenen Wert und haben nichts mit echten Tatsachen über sie selbst, ihren Körper oder ihr Leben zu tun. Das Kopfkino hält sie davon ab in der Gegenwart zu leben. Diese negativen und wirklich beunruhigenden Gedanken mit positiven Selbstgesprächen zu ersetzen, um sich zu beruhigen und sich Zuspruch zu begeben: das ist der wirklich harte und schwierige Teil der Krankheit.

Diese positiven Selbstgespräche können nur bis zu einem bestimmten Grad von mir, ihrer Freundin, kommen. Sie muss lernen, sich selbst anzunehmen, sich selbst zu lieben und sich als den wunderbaren Menschen zu akzeptieren, der sie ist und den ich in ihr sehe. Ziel ist der Aufbau einer bewussten, positiven Beziehung zu ihrem Körper. Die Betonung liegt auf Self-Care – sich um sich selbst zu kümmern – die reicht vom Schlaf (der am schwierigsten gelingt, wenn das Kopfkino ständig läuft), über Bewegung bis hin zu medizinischen Untersuchungen oder auch einfach toxische Gedanken zu vermeiden. Den Terror in ihrem Kopf zu überwinden, diesen Krieg mit sich selbst, die Abwertung ihres eigenen Körpers und das “Alles-oder-nichts”-Denken, das ist ihr oberstes Ziel. Sich zufrieden zu fühlen, statt sich runterzumachen. Einfach zu essen, sich mit Essen befassen zu können, auch wenn man nicht hungrig ist und sich vor allem von Mut und nachsichtiger Sorge um sich selbst erfüllen zu lassen, statt sich zu überfressen oder auszumergeln.

Das Monster schrumpft

Sie kann es eventuell noch nicht sehen, aber die Panik, die Erschöpfung, die Bewältigung – das alles ist Besserung. Das ist der Weg zur Besserung. Es geht darum, es durch jeden verdammten Tag zu schaffen. Einen Tag nach dem anderen. Auch mit kleinen Schritten kommt man voran. Für sie ist es nicht immer ein liebevolles Leben. Manchmal heißt es nur sich reinzuhängen und das zu tun, was getan werden muss. Aber dahin zu kommen, das zu leben, ist der wichtige Schritt vorwärts, Richtung Selbstheilung .

Nach vielen Rückschlägen nahm Astrid eine Kehrtwende. Das Monster in ihr schrumpft allmählich. Könnte vielleicht sogar verschwinden. Ich hoffe es sehr. Die Krankheit hinterließ Spuren an ihrem Körper und ihrer Seele, aber sie ging daraus mit dem Willen hervor, zu leben und ihr Leben zu genießen. Das ist der größte Fortschritt und nach so vielen Jahren des Terrors in ihrem Kopf, höre ich immer öfter auch gute Neuigkeiten von ihr. Ein normales Leben ist ihr noch nicht möglich. Wenn ich könnte, würde ich dieses Monster verprügeln und es in den Hintern treten und ihm sagen, ihren Kopf endgültig zu verlassen – meine Freundin endlich in Ruhe zu lassen. Es anschreien, dass ich sie zurück möchte, so wie sie einst war – sorglos und in sich ruhend. Sie wird so nicht mehr sein. Aber sie ist auf einem guten Weg ihr Leben zurückzubekommen – und das ist alles, was ich für sie will. Zu leben.

Ein paar Tipps

Ich kann und will hier absolut keinen medizinischen Rat geben, aber hier sind ein paar Tipps aus meiner eigenen Erfahrung heraus für Nahestehende, die versuchen mit einer betroffenen Person umzugehen:

1. Ermutige die Person dazu sich professionelle Hilfe zu suchen

Wenn du vermutest, dass dein*e Freund*in, Tochter oder dein Sohn eine Essstörung hat, stimmt das höchstwahrscheinlich. Du musst dich dem genauso stellen wie die betroffene Person selbst. Krankhafte Essgewohnheiten sind nicht normal und betroffene Menschen brauchen Hilfe. Bring sie zu einem*einer Arzt*Ärztin. Konfrontiere sie. Schau nicht weg oder glaube, dass es irgendwie schon wieder besser wird. Das wird es nicht. Die betroffene Person braucht deine Hilfe und du bist vielleicht die*der einzige, die*der das sieht. Lass sie nicht allein, wenn sie dich anschreit oder versucht, sich von dir abzuwenden. Ermutige sie dazu, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ohne professionelle Hilfe kann es fast unmöglich werden diese Krankheit zu überwinden. Das ist das erste wichtige Ziel.

2. Sprich mit der betroffenen Person und ermutige sie, ihr Können und ihre Eigenschaften zu erkennen

Du kennst die Person am besten. Kommuniziere mit ihr in einer positiven und offenen Weise. Nimm dir Zeit zum Reden. Nicht über WhatsApp oder Facebook Messenger. Nimm dir Zeit für einen Kaffee oder einen Spaziergang – Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Hol die Person aus der stressigen Umgebung heraus, die zugleich ihre Wohnung und ihr Kopf ist. Einige Menschen mit Essstörung wenden sich von ihrem Freundeskreis ab und nehmen keine Einladungen zu Abendessen mehr an. Sie ziehen sich aus geselligem Beisammensein zurück. Schnapp dir die Person für ein Gespräch und gib ihr positives Feedback über sie.

3. Nutze Lachen als Mittel der Kommunikation

Zusammen lachen ist die beste Medizin. So kriegt ihr beide einen positiven Schub davon und das Monster wird für einen Moment weit weg in eine Ecke des Raums verdrängt. Lachen lässt deinen geliebten Menschen wieder die Leichtigkeit des Lebens spüren und leert dessen Kopf für einen Augenblick.

4. Nimm den Fokus von Essen und Gewicht

Ja, du musst über den schwierigen Teil sprechen – die Essstörung und wie es sich für die betroffene Person anfühlt und was sie durchmacht. Aber auch nicht ständig. Die betroffene Person ist bereits übermäßig auf Nahrungsaufnahme und Gewichtsprobleme fixiert, also sprecht auch über alle anderen Dinge wie Filme, Arbeit, gemeinsame Freundschaften, internationale Ereignisse, Hobbys – alles außer Nahrung und das Körperbild der betroffenen Person.

5. Essenszeiten sollten nicht zum Schlachtfeld werden

Esst zusammen. Geht gemeinsam in Restaurants oder zum Abendessen. Dabei entstehende Frustrationen und eventuelle Gefühle müssen ausgedrückt werden, aber nicht während der Mahlzeiten; für die betroffenene Person ist das höchstwahrscheinlich bereits eine anstrengende Zeit. Wenn sie nicht mit dir essen will, dann ist das so. Aber setzt euch zusammen hin. Lass die Person sehen, dass es normal ist zu essen und dass es sogar Freude bringen kann. Im besten Fall esst ihr dann gemeinsam etwas. Biete an, das Essen zu teilen. Aber zwing niemals zum Essen oder meckere deswegen. Es ist eine Krankheit – das hat sich die betroffene Person nicht ausgesucht. Niemand will leiden.

6. Akzeptiere die Grenzen deiner Verantwortung

Das ist wieder nicht so leicht. Ich fühle mich immer noch schlecht, weil ich nicht da war als Astrids Essstörung ihr den Boden unter den Füßen wegzog, ihr das Leben langsam entglitt und es für sie am schlimmsten war. Ich weiß, ich hätte sie ins Krankenhaus gebracht. Deine Unterstützung und Ermutigung ist unverzichtbar. Allerdings kannst du die betroffene Person nur aufmuntern und ihre Hand halten. Die Genesung liegt wiederum in ihrer Hand, genauso wie die Verantwortung, die dafür notwendigen Schritte dafür zu gehen.

7. Setze Grenzen

Wir alle sind mit unseren eigenen Herausforderungen des Lebens beschäftigt. Wir alle haben unsere eigenen Baustellen. Wenn sich die betroffene Person also schwierig verhält, ist es in Ordnung sie wissen zu lassen, dass ihr Verhalten nicht akzeptabel ist. Stecke nur Grenzen, die du auch wirklich umsetzen kannst.

8. Mach alles so wie du es normalerweise tun würdest

Das ist auch wieder schwieriger durchzuziehen. Die Person mit der Essstörung muss lernen mit Nahrung und anderen Menschen zu koexistieren, statt dass Andere lernen müssen mit der Essstörung zu koexistieren. Ändere also nicht deine Essenszeiten, deine Lebensmitteleinkäufe, dein Ausgehverhalten, deine Gesprächsthemen oder dergleichen. Ich lernte das erst, nachdem ich mehr über Astrids Krankheit gelesen hatte. Davor ging ich immer übervorsichtig mit meiner Freundin um und versuchte alles, was ihr nur ansatzweise hätte unangenehm sein können, zu umgehen.

9. Trenne die Person von ihrer Störung

Dein*e Freund*in ist nicht die Krankheit. Sie*Er ist hinter diesem Monster versteckt. Ihr*Sein Verhalten ist ein Symptom der Krankheit, nicht eine Widerspiegelung ihres*seines Charakters. Daran musst du dich immer wieder erinnern.

10. Macht schöne Dinge zusammen

Es ist wichtig, die Essstörung nicht zum Mittelpunkt eurer Beziehung zu machen. Genießt weiter die Dinge, die ihr schon immer zusammen und gerne gemacht habt.

11. Bau das Selbstwertgefühl der betroffenen Person auf

Die betroffene Person läuft einen Marathon und du kannst sie von der Seitenlinie aus anfeuern. Also konzentriere dich auf ihre positiven Eigenschaften und ihr positives Verhalten. Nicht die zerstörerischen. Verbreite Licht und Zuversicht.

12. Verbringe Zeit mit Anderen

Die Person mit der Essstörung ist wichtig, aber nicht mehr als andere Menschen in deinem Freundes- und Familienkreis. Versuche zu vermeiden, dass Andere sich vernachlässigt fühlen.

13. Akzeptiere deine Grenzen als Freund*in/Vater/Mutter etc.

Du kannst nicht alle Problemen im Zusammenhang mit der Störung angehen. Es sind zu viele. Es gibt Dinge, die die betroffene Person mit professioneller Hilfe angehen muss. Deine Rolle als Freund*in/Mutter/Vater etc. ist einzigartig und etwas, das ein*e Therapeut*in nicht leisten kann, genauso wie die Rolle des*der Therapeut*in etwas ist, das ein*e Freund*in/Vater/Mutter etc. nicht leisten kann.

14. Informiere dich

Informationen über Essstörungen, Genesungsgeschichten, die Entwicklung von Bewältigungsstrategien oder sogar die Teilnahme an Gruppen zur Unterstützung Nahestehender können nützlich sein. Es gibt viele Ressourcen und Bücher darüber. Ich habe so vieles gegoogelt und gelesen wie ich nur konnte. Einige Geschichten sind ermutigend, andere gehen ans Herz, aber es hat mir geholfen. Du musst selbst sehen, wie viel Informationen dir gut tun.

15. Achte auf dich selbst

Sich um sich selbst zu kümmern, ist ebenso wichtig wie die Betreuung der betroffenen Person. Hol dir so viel Unterstützung und Informationen, wie du benötigst. Unterstützungsgruppen, Verwandte, Freund*innen, Berater*innen, Telefon-Hotlines und andere Fachleute können nützlich sein. Aber vergiss dich selbst dabei nie.

16. Sei geduldig

Essstörungen sind kompliziert und eine Genesung braucht Zeit. Wobei es wahrscheinlich nie eine vollständige Genesung gibt, darüber muss man sich auch klar sein. Aber es kann Betroffenen besser, deutlich besser gehen. Sei dir bewusst, dass dein*e Freund*in/Tochter/Sohn etc. nicht zu der Person wird, die er*sie vor der Krankheit war. Aber es wird besser. Und wenn es nicht besser ist, ist es nicht das Ende. Die betroffenen Person will nicht in diesem Zustand bleiben und ihr ganzes Leben lang leiden. Aber es fehlt ihr womöglich die Fähigkeit, die Krankheit bald zu überwinden. Für eine Genesung gibt es aber keinen bestimmten Zeitrahmen.

Meine Botschaft an alle, betroffen oder nicht:

Halte durch. Kämpfe für dich. Und behandle dich immer so gut wie möglich.

Und meine Botschaft an alle, die an einer Essstörung leiden:

Der Teufel flüsterte mir ins Ohr: „Du bist nicht stark genug, um dem Sturm standzuhalten.“

Heute flüsterte ich in des Teufels Ohr: „Ich bin der Sturm.“