Die Weltfilter (6)

© Judith Sombray 2016

Dies ist der sechste Beitrag unserer Reihe „Gedichte lesen“, in der über Lyrik nachgedacht wird. Heute kommt er von Judith.

Judith schreibt und zeichnet in Hamburg, 5. Stock. Unter @sincerelyjurs twittert sie über die umständliche Landung der Graureiher und alles andere.

Die Lyrik, was verdarb mir die Lyrik? Nichts. Die Schule nicht, das Auswendiglernen nicht, vielleicht half auch das Glück, nie eine Gedichtinterpretation schreiben zu müssen. Das mit den Gedichten ging ungefähr so los: Ich war vier und ein Marienkäfer. Nein, anders: Ich war vier, im Kindergarten und es fiel auf, dass ich mir Texte schnell merken konnte. Liedtexte, Reime, alles blieb hängen und kam dann immer wieder. (Ich habe die große Befürchtung, als alter Mensch nur noch in Kindheitsgedichten zu sprechen, aber das ist ein Nebengleis, auf das ich nur im Vorbeifahren kurz zeige, es rauscht schon vorbei, während )

Die Kindergärtnerin bat meine Mutter, mit mir ein paar gereimte Zeilen einzuüben. Die ich dann, als Marienkäferin verkleidet, vortrug. In der Grundschule tat ich dasselbe in einem Birnenkostüm, neben mir stand ein runder Apfel namens Johann; den Anfang des Erntedankgedichts, das wir aufsagten, kann ich noch immer. Es war in bayrischer Mundart verfasst. Ungefähr von dort kam ich über Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz, die meine Mutter mir zu lesen gab, zu Rainer Maria Rilke und Joseph von Eichendorff. Von denen ich damals dachte, dass sie mein Seelenleben ausdrücken.

VERSCHWINDSUCHT

Die Gedichte, Texte überhaupt, waren eines der wenigen Gebiete, auf denen ich mir sehr sicher war, als Kind, als jugendlicher Mensch. Abseits davon konnte ich nicht besonders viel, fiel in Ohnmacht, rannte zu langsam, übergab mich auf den Pausenhof, war desinteressiert an den meisten Fächern, alles nicht auf die coole Art, nicht auf eine romantische Schwindsuchtart. Auch nicht auf eine, bei der klar war: Aus der Person wird mal was. Das war aber alles egal, wenn ich nur lesen konnte. Und schreiben. Ich fing früh an, mehr oder weniger schwülstige Texte zu verfassen (und habe nicht wieder damit aufgehört) und mehr oder weniger düster-dräuende Gedichte. Mit jedem Lebensalter wechselten dabei die Dichter*innen, die ich las. Nelly Sachs kam dazu, Georg Trakl, Gottfried Benn, wie sich das so gehörte für eine Junggoth, „Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern“ sagen und nachts auf dem Friedhof spazieren gehen, Sarah Kirsch „Auf den Aschenkübeln im Hof Darling flüstert die Amsel“, Ingeborg Bachmann, schließlich eine große Liebe für lange Zeit: Paul Celan.

Zähle die Mandeln,
zähle, was bitter war und dich wachhielt,
zähl mich dazu

Ich lief in Celans Gedichte hinein und wollte nicht wieder aus ihnen heraus. Nicht in alle, ich hatte so eine Art „Best of“, das ich immer wieder und wieder las und dabei dachte: „Die Rhythmen! Die Themen! Die Worte! Selbdritt!“ Dann fiel ich meistens ein bisschen in Ohnmacht.

UMBRÜCHE

Als ich wieder zu mir kam, ging ich zu Zeitgenössischerem über, Albert Ostermaier, von dessen Mehrfachwortdeutungen durch Zeilenumbruch ich mit Anfang 20 sehr beeindruckt war. Mit den Jahren habe ich mich an diesem Stilmittel ganz allgemein etwas müdegelesen (und -geschrieben), aber zu Beginn war es eine faszinierende Inspirations- und Freudenquelle, die ich auch heute noch manchmal mag. Irgendwann zu der Zeit kam ich über eine Seite, die es mittlerweile nicht mehr gibt (textdiebe.de) mit jüngeren Autoren in Kontakt. Ich las mich durch Herbert Hindringers erstes Buch, ich las Christian Schloyer, ich las von da ausgehend immer weiter, ein paar Jahre vergingen, ich arbeitete im falschen Umfeld, ich war nach einem Umzug damit beschäftigt, die Großstadt zu verstehen, das falsche Umfeld, und stieg aus den Gedichten aus. Ich las sie nicht mehr. Und schrieb sie nicht mehr.

DIE LYRIKERINNEN

Schließlich verliebte ich mich in einen Menschen, der Lyrik schrieb, und kam dadurch zurück zu den Gedichten. Und die Gedichte kamen zurück zu mir. Sie kamen relativ ungefiltert; gut und beschissen und in Massen, ich schrieb während des Einkaufs im Supermarkt, neben den Karotten stehend, morgens um vier weckte mich das Gehirn mit einem Einfall, ich murmelte ihn ins Aufnahmegerät, das für diesen Zweck neben dem Bett lag. Ich begann wieder zu lesen:

Nadja Küchenmeister, Lydia Daher, Julietta Fix, Sylvia Geist. Es gibt Zeiten, so wie jetzt gerade, während ich diesen Text schreibe, da erscheint mir Lyrik, als das einzig Folgerichtige, was man lesen und schreiben kann. Die Welt, gefiltert durch ein Gehirn, dessen Ergebnisse nachvollziehbar sind, die im eigenen Kopf beim Lesen aufleuchten. Die Wortketten machen mich dann so glücklich, als wäre ich ein Baum, der in Massen Chlorophyll bildet, Blätter auffaltet, ein bisschen mit dem Stamm knarrt, von oben Sonne und Regen. In so einer Zeit las ich zum ersten Mal Farhad Showghi, nein, ich hörte ihn lesen. In Hamburg gibt es (im Gegensatz zu Berlin, wie immer wieder beklagt wird) nicht so viele Lyrikveranstaltungen. Eine besuchte ich sehr regelmäßig. Die Reihe „Lyrik im Café“, folgerichtig in Chavis Kulturcafé beheimatet, jeden dritten Mittwoch im Monat.

BÄUME

Jedenfalls saß ich dort und wusste nicht, dass ich gleich einen Celanmoment haben würde, oder einen Chlorophyllmoment. Vielleicht auch beides auf einmal. Farhad Showghi, der ebenfalls sehr rhythmisch schreibt (und liest), Prosagedichte, wie sie immer wieder genannt werden, las unter anderem „Wohnblock mit Birken“, hier les- und hörbar. Und in diesem Moment glaubte ich an die Lyrik. Ich glaube an sie wie jemand, der in einem Birnenkostüm sehr ernsthaft ein Gedicht vorträgt. Ich glaubte an sie wie ein Baum.

Oft zweifle ich an ihr. Oft lese ich sie und sie ist mir vollkommen fremd, verschlossen, ich finde den Eingang nicht, ich lese meine eigenen Gedichte und denke, dass sie keinen Sinn ergeben, dazu schlecht sind, unerträglich, ich lese fremde Gedichte und finde sie zu chiffriert, zu überbordend, ich wende mich für eine Weile ab. Vielleicht ist dann kurz Herbst. Und ich muss das Chlorophyll einlagern und überwintern. Abwarten. Mit nasser Rinde herumstehen. Nur die Krähen sind noch da. Bis alles wieder zu leuchten beginnt. Bis Inger Christensen kommt und in ihrer feinen Stimme sagt:

abrikostræerne findes, abrikostræerne findes

Sie schrieb das „alfabet“ in Form einer Fibonacci-Folge, eine Zeile, zwei, drei, fünf, acht, … 14 Strophen, die 14 ersten Buchstaben des Alphabets, die letzte Strophe (Buchstabe N) ist 377 Zeilen lang. Angeblich begann sie es als Beobachtung zu schreiben, auf der Suche nach etwas, nach Worten, als keine kamen.

die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es

die farne gibt es; und brombeeren, brombeeren
und brom gibt es; und den wasserstoff, den wasserstoff

die zikaden gibt es; wegwarte, chrom
und zitronenbäume gibt es; die zikaden gibt es;
die zikaden, zeder, zypresse, cerebellum

Ich kann mir kein besseres Schlusswort vorstellen als Cerebellum. Und höre deshalb an dieser Stelle einfach auf. Cerebellum.

  • Flormelis

    SO ein schöner Text. Danke dafür <3