Monster, UFOs, Ironie: „Akte X“ ist zurück und es ist großartig

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Spoiler Alert: Dies ist Artikel, der zum Teil die Handlung der neuen Staffel von “Akte X”, welche seit 24. Januar in den USA und seit 8. Februar in Deutschland ausgestrahlt wird, verrät.

Wenn eine Fernsehserie 12 Jahre nach der letzten Episode im exakten Moment ihrer Wiederauflage in den deutschen Twittertrends auftaucht, kann das nur eine Bedeutung haben: Die Leute haben nur drauf gewartet, dass sie zurückkehrt. Für “Akte X” trifft genau das zu.

Vor nicht ganz einem Jahr verkündete der Sender hinter der Serie, FOX, die Rückkehr der Sendung in einer Ministaffel von sechs Episoden. Seit 24. Januar wird diese 10. Staffel in den USA ausgestrahlt und seit Montag auch bei uns auf ProSieben.

Ein Fest für alle Kinder der 90er

Während es einfach ist, die Aufregung um die neuen Folgen zu beschreiben, ist es schwierig, exakt in Worte zu fassen, was diese Welle der Begeisterung auslöst und was beispielsweise mich dazu brachte, als Teenie mein gesamtes Zimmer mit Postern der Serie zuzupflastern (natürlich gleichberechtigt mit meinen Star Trek-Postern – da war genug Platz für beides in meinem Nerd-Herzen). Das fängt schon damit an, dass es schwierig ist, die Serie selbst exakt zu beschreiben. “Krimi” greift zu kurz. Die Schöpfung des US-Amerikanischen Autoren Chris Carter, die 1993 Premiere hatte, ist mehr als “Whodunit”, eine schlichte Suche nach Täter und Mordmotiv. Denn die Täter bei “Akte X” sind gerne einmal mysteriöse Wesen wie der Teufel von Jersey, eine Kreatur, die in der Evolution vor dem Menschen kam und sich, unpraktischerweise für Menschen, von ihnen ernährt. Oder der Parasit, der durch in Tschernobyl ausgetretene radioaktive Strahlung entstanden ist, aussieht, als sei er halb Mensch, halb Mumie, und natürlich auch am liebsten Menschen frisst. Die Mörder bei “Akte X” sind also oft etwas anders als die üblichen Verdächtigen anderswo – genau deswegen sind sie ja ein Fall für Agent Mulder und Agent Scully, die Chefermittler des FBI in Sachen Übersinnliches.

THE X-FILES: L-R: Mitch Pileggi, David Duchovny, Gillian Anderson and William B. Davis. The next mind-bending chapter of THE X-FILES debuts with a special two-night event beginning Sunday, Jan. 24 (10:00-11:00 PM ET/7:00-8:00 PM PT), following the NFC CHAMPIONSHIP GAME, and continuing with its time period premiere on Monday, Jan. 25 (8:00-9:00 PM ET/PT). ©2015 Fox Broadcasting Co. Cr: Frank Ockenfels/FOX

Eine hochgezogene Augenbraue sagt mehr
als 50 Pistolenkugeln

Meiner Meinung nach sind es genau diese beiden Figuren, die die Faszination der Serie bis zum heutigen Tag erklären – nicht nur die Komplexität der erzählerischen Basis der Serie. Die Fans, welche auch mehr als 10 Jahre nach dem Ende der Serie noch treu mitfiebern, wenn Fox Mulder dem “Monster der Woche” auf die Spur kommt, macht das maßgeblich, weil sie Mulder und Scully zusehen wollen – die Monster sind nur Dekoration.

Das liegt maßgeblich am Set Up der Charaktere und ihrer Entwicklung: Während zu Beginn der Serie 1993 Dana Scully als rationale, kühle und logisch denkende Ärztin eingeführt wird, die ihrem neuen Partner Fox Mulder seine Leidenschaft für den Glauben an Übersinnliches und UFOs austreiben soll, verkehren sich diese Rollen im Lauf der Jahre: Mulder wird zum Skeptiker und Scully wird diejenige, die offen für Unerklärliches ist. Diese Situation finden wir zu Beginn der neuen 10. Staffel vor, als Mulder und Scully von ihrem alten Chef Skinner den Hinweis erhalten, dass ein TV-Moderator, der aus Verschwörungstheorien eine erfolgreiche Show im Stil sensationslüsterner TV-Magazine gemacht hat, sich mit seinen persönlichen Helden der paranormalen Ermittlungen treffen will. Er führt sie zu einer jungen Frau, die behauptet, von Aliens entführt worden zu sein. Zunächst werden wir Anlässe finden, dieser Theorie zu glauben – nur, um kurz darauf das Gegenteil zu denken. In traditioneller “Akte X”-Art ist der wahre Übeltäter eine mysteriöse Gruppe, welche die Kontrolle über die Menschheit (in Gestalt der Vereinigten Staaten von Amerika – natürlich) erlangen will.

Same procedure as every year
– und wir lieben es (meistens)

Schon so früh in der Neuauflage der Serie steckt alles, was Fans an „Akte X“ geliebt haben: Trockender Humor, tiefere Freundschaft und subtile Anziehungskraft zwischen Mulder und Scully. Endlose Gespräche als Weg zur Erkenntnis anstatt blutiger Showdowns und in die Luft gesprengter Übeltäter. Keine zu schnellen Schnitte und ein Erzähltempo, bei dem man sich auch noch mal ein Glas Wein aus der Küche holen kann, ohne etwas zu verpassen – am besten, wenn Mulder und Scully mal wieder zu Skinner ins Büro bestellt werden und eine kleine pro Forma Standpauke von anderen (stets als überflüssig und inkompetent dargestellten) Regierungsorganen erhalten – die sie alsbald ignorieren.

Aber Carter hat eben auch alles mitgenommen, was die Serie zäh und am Ende ihrer ursprünglichen neun Staffeln fast überflüssig machte (David Duchonys war bereits nach sieben Staffeln ausgestiegen, weil man sich nicht mehr über das Geld einig wurde): Ein undurchsichtiger Plot, der vielleicht mit UFOs zu tun hat, vielleicht auch mit einer Regierungsverschwörung oder aber sogar einer dritten Gruppe. Endlose Hin und Hers in den Auflösungen. Opfer, die verschwinden und am Ende eine große Attacke, die alle Beweise vernichtet – es ist frustrierend zu sehen, wie leichtfertig die Neuauflage mit der Geduld ihrer Fans spielt und nicht das macht, was sie am besten kann – Kriminalfälle erzählen, die durch den Intellekt von Ermittlern gelöst werden und sich den Abgründen der menschlichen Psyche und all der glorreichen Lächerlichkeit und Tragik der menschlichen Existenz widmen.

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Die wahren Monster sind die Menschen

Zu dieser Topform findet Staffel 10 erst in seiner dritten Folge “Mulder und Scully gegen das Wer-Monster”. Diese Folge hat genau das, was die Fans der ersten Stunde dazu brachte, sich den Abend freizuhalten, wenn “Akte X” kommt, sich staffelweise Videos auszuleihen und ja, direkt die Vorhänge im Wohnzimmer zuzuziehen, um ganz in die Atmosphäre der Serie einzutauchen. Hier macht “Akte X”, was die Serie in ihren besten Episoden immer erreicht: Sie offenbart uns, dass kein Monster des Universums gruseliger, grausamer und lächerlicher sein könnte als der Mensch selbst. Ohne die Auflösung der Suche nach dem Monster der Woche vorweg zu nehmen, kann ich sagen, dass wir es selten mit einer Kreatur zu tun hatten, die uns so formvollendet den Spiegel vor die Augen hält. Die tragischen Figuren dieser Folge scheinen auf den ersten Blick ein paar übel zugerichtete Kleinstadtbewohner im Wald zu sein. Doch in Wahrheit sind es die Dinge, die unsere Alltag bestimmen, die sich als die Übeltäter und der wahre Horrortrip der Menschheit entpuppen – der Zwang, einen Job zu haben, zum Beispiel. Das alles bekommen wir durch die Augen von Guy Mann erzählt, der nicht etwa vom als Mensch zu einem Monster mutiert ist – sondern die schreckliche Verwandlung vom Monster zu einem Menschen erlebte. Als dieser leider er unter all den Dingen, die den modernen Städter in den Wahnsinn treiben: Eine langweilige Arbeit und Schwierigkeiten in romantischen Zweierbeziehungen. So wird Dana Scully in seiner Version des Tathergangs zu einer lüsternen Parodie ihrer selbst, die ihn mit einem “Ich will, dass du mich dazu bringst “Cheese” zu sagen!” in die Laken zerrt – eine Charakterisierung, die natürlich der Fantasie Guy Manns entspringt und 1000 Meter vorbei an der sarkastischen, rationalen Scully ist, welche die große weibliche Fanbasis der Serie sicherten.

Cool, cooler, Dana Scully

Die Rückkehr von Dana Scully ist sicherlich der finale Grund, die 10. Staffel von “Akte X” mit Begeisterung zu schauen. Selten hat eine weibliche Fernsehfigur mehr Frauen für sich begeistern können. Grund dafür sind Handlungsstränge und Motivationen, mit denen sich Feministinnen identifizieren können – zum Beispiel als sie in der Folge “Andere Wahrheiten” sagt, dass Trauma nach Sex, auch wenn er einvernehmlich ist, unabhängig vom Geschlecht passieren kann – also auch Männer traumatisiert werden können. Es geht aber auch profaner: In der Folge “Energie“ stellt sie Mulders Macho-Attitüde in Frage, weil er sich weigert, sie den gemeinsamen Dienstwagen fahren zu lassen. Das alles macht sie meistens sehr kontrolliert, was nicht bedeutet, dass sie als das Klischee einer gefühlskalten Frau gezeichnet wird, die sich für die Karriere und gegen Kinder entschieden hat. Scully hat Gefühle, sie zieht es aber vor, sie nicht vor sich her zu tragen. Wenn noch die taffsten Detectives um sie herum in Hahnenkämpfe gehen, steht sie buchstäblich mit einer hochgezogenen Augenbraue daneben und wartet, bis die Herren bereit wären, mal konstruktiv weiterzuarbeiten.

So großartig Dana Scully als Frauenfigur ist, desto beschämender ist es, dass ihre Darstellerin unter der gleichen geschlechterspezifischen Diskriminierung zu leiden hat wie alle Frauen Hollywoods: Sie verdiente von Anfang an weniger als ihr männlicher Co-Star David Duchovny, für die Neuauflage der Serie wurde ihr mal eben die Hälfte (!) des Gelds angeboten, das Duchovny bekommen sollte.

 

Dennoch: Alleine wegen Dana Scullys hochgezogener Augenbraue und ihrem trockenen Humor ist es ein Fest, dass “Akte X” zurückgekehrt ist. Lasst es uns feiern, solange es dauert. Und auch, wenn wir heute eher bingewatchen und streamen, anstatt vorm Fernseher auf eine Episode zu fiebern: mit zugezogenen Vorhängen gruselt es sich auch heute noch deutlich besser.