„Da ist Kaffee in diesem Nebel“ – Meine Heldin Kathryn Janeway

Foto , CC BY-SA 2.0 , by frankulaG

Unlängst fand ich mich weinend vor einem YouTube-Video wieder. Es war kein Nachrichtenvideo, keine dramatische Geschichte, kein herzzerreißendes Tagebuch und keine Kätzchen, die von einem Baum gerettet werden. Es war ein Interview mit Kate Mulgrew. Die US-Schauspielerin sprach darin über ihr Buch “Born with Teeth”, eine Autobiographie.

Sie las Teile daraus und beantwortete die Fragen einer Journalistin der LA Times. Dann beantwortete sie Fragen aus dem Publikum. Wenig überraschend für mich drehten sich die meisten der Fragen aber nicht um ihre Kindheit oder ihren Weg nach Hollywood, wo sie seit ein paar Jahren die Rolle der russischen Gefängnisinsassin Red in „Orange is the New Black“ spielt. Sie zielten auf eine ihrer bekanntesten Rollen ab, die der Kathryn Janeway in “Star Trek: Voyager”.

Es ist für mich ein bisschen peinlich, mich als Star Trek-Fan zu outen. Trekkies gelten als ein bisschen nerdy, verliebt in das Technikgeschwafel der Serie und besessen von den kleinsten Plot-Details einzelner Episoden. Noch dazu sind sie wahre Meister darin, sich in einem buchstäblichen Universum aus tausenden Episoden mehrerer Serien, Filme und Cartoon-Ablegern der Star Trek-Welt zu orientieren. Ins Leben gerufen wurde diese Welt 1966 von Gene Roddenberry. Er schuf die Original-Serie “Star Trek”, in der Captain Kirk, sein gnadenlos logischer, und doch so wahnsinnig menschlicher Erster Offizier Spock, ein Vulkanier, sowie der knochentrockene sarkastische Schiffsarzt McCoy mit einer Truppe unterschiedlichster Menschen ins Weltraum reist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen, wie es im Vorspann jeder Folge heißt. Ich habe die Serie so oft gesehen, dass ich ihn auswendig kann – natürlich.

Raumschiffe, Freundschaft und Computer Totquatschen

Ich war ein Kind, als ich Star Trek das erste Mal sah. Das passt zum Fakt, dass Star Trek bei NBC, dem Sender, wo es ursprünglich in den 60er Jahren ausgestrahlt worden war, als Kinderserie gegolten hatte. Es muss auf Sat1 gewesen sein, am Wochenende irgendwann in den frühen 90ern, als wir endlich eine Satellitenschüssel bekamen und das Westfernsehen in all seiner Buntheit bestaunen konnten. Ich weiß noch, wie mich die Welt der Serie und ihre Charaktere in den Bann zogen. Dabei war es weniger die eigentliche Handlung, der Besuch fremder Planeten und schon gar nicht die unvermeidliche Regel, dass Captain Kirk wirklich noch jede sexuelle Erfahrung auf jedem Planeten machen kann, ohne zu vergessen, sein Schiff und manchmal das Universum zu retten. Obwohl ich es sehr mochte, wie Kirk Computer mit purer Rhetorik zum Aufgeben ihrer satanischen Zerstörungspläne brachte (ein Konzept, dass sich alle Dystopen, die vor künstlicher Intelligenz warnen, hinter die Ohren schreiben sollten: Fragt einfach William Shatner, der löst das Problem für euch).

Es war die Solidarität der Charaktere auf dem Bildschirm, ihre Freundschaft, ihr Zusammenstehen für eine gemeinsame Mission. Ihre humanistischen Werte und das Ideal der Aufklärung, das sie verfolgten: Den Respekt vor dem Leben, das Ideal der Entscheidungsfreiheit für den Einzelnen; Erkenntnisgewinn als Wert, der vor Eigennutz geht. Und immer wieder der Sinn für eine Gemeinschaft: “Das Wohl der Vielen überwiegt das Wohl der Einzelnen”, sagt Spock, bevor er sich im Kinofilm  “Star Trek 2: Der Zorn des Khan” heroisch im Strahlentod opfert.

Der Grundstein für eine tiefe Liebe zu Star Trek war also da, als Kathryn Janeway in mein Leben trat. Das war Mitte der Neunziger, und es war wieder vor einem Fernseher, auf dem Sat1 lief. Janeway war nicht irgendein Captain. Sie war die erste weibliche Kommandantin eines Sternenflotte-Raumschiffs, die wir im Star Trek-Universum als Heldin einer Serie zu sehen bekamen. Das war an und für sich revolutionär. Und es war überfällig: Star Trek, als riesiges Unterhaltungsunterfangen der Produktionsfirma Paramount, trug die Grundidee einer diversen Crew als Idee der Originalserie fort. Diese wurde zwar getragen von drei weißen Männern (einer immerhin kein Mensch, sondern Halb Mensch, Halb Vulkanier), hatte in der Stammbesetzung aber auch eine Afroamerikanerin (Nichelle Nichols als Uhura) und einen asiatisch stämmigen Amerikaner (George Takei als Sulu). Außerdem durfte in Zeiten, als außerhalb der Kameras noch frostiger kalter Krieg tobte, ein Russe (Walter Koenig als Chekov) das Flaggschiff der Sternenflotte fliegen. Roddenberry hatte diesen Aufbau der Crew als Symbol gewählt. Er wollte zeigen, dass wir in der Zukunft um Eigenschaften wie Rassismus einen Bogen machen. Oder, negativer ausgedrückt, dass ein Unterfangen wie die Missionierung des Universums mit den Werten der Sternenflotte, sich Rassismus nicht leisten kann. Es war halt Science Fiction.

Kein Kinderkram mehr

Nichols kommt zudem eine besondere Bedeutung zu, weil ihrer Rolle der erste Bildschirm-Kuss zwischen einer Schwarzen und einem Weißen ins Drehbuch geschrieben wurde. Wie heikel das zur damaligen Zeit war, ist daran zu erkennen, dass NBC (der Sender, auf dem die Serie lief) Angst hatte, diesen Kuss in der Serie zu haben, weil TV-Stationen im Süden ihn nicht ausstrahlen würden. Nichols hatte sogar Probleme, das Studiogelände zu betreten, weil sie Rassismus von Studioangestellten erlebte. Doch der Kuss wurde gefilmt, ausgestrahlt und machte Geschichte.

Star Trek hatte also irgendwie eine Art Tradition darin, ein bisschen an den Konventionen seines Genres und Hollywood zu schrauben. Star Trek hatte immerhin knappe 25 Jahre vor den USA eine schwarze Führungsfigur (Benjamin Sisko, Captain der Raumstation “Deep Space Nine”).

Nun also eine Frau. Aber wieso wurde sie zur Heldin?

Kathryn Janeway ist in erster Linie Forscherin. Und sie ist ein Bad Ass. Das zeigt sich gleich im Pilot der Serie, als ihr Raumschiff durch eine Raumanomalie (eine Erklärung, die ich mir manchmal auch fürs echte Leben wünschen würde) Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt strandet. Um uns die Absurdität der Entfernung klar zu machen, nennen die Serienmacher ihre neue Position Delta Quadrant. Zur Orientierung: Die Erde liegt im Alpha-Quadrant. Es würde 80 Jahre dauern, das Schiff zurück nach Hause zu bringen. Vorausgesetzt, man fährt Vollgas und trifft nicht auf kleine Unwegbarkeiten wie die Kazon (im Delta-Quadranten heimische Kriegerspezies). Oder die Borg. Janeway passiert dies alles , und trotzdem gelangt sie ans Ziel. Sieben Staffeln können wir ihr dabei zu sehen, wie sie eine Crew aus ehemaligen Feinden versöhnt; unzählige Tassen Kaffee trinkt, ständige Sorge um Versorgungsengpässe (kein Raumschiff ist auf 80 Jahre Dauerbetrieb ausgerüstet) hat sowie ja, die Borg schlägt. Mehrfach. (Janeway-Fans erwähnen an dieser Stelle gerne, dass Picard nicht mal eine Begegnung mit den fiesen Assimilatoren unbeschadet überstand).

Eine Rolle, die zu einem Vermächtnis wurde

Zurück nach Los Angeles 2015. Kate Mulgrew, die Schauspielerin der Janeway, sitzt auf einer kleinen Bühne in einer Art Park. Es sind Hunderte gekommen, um ihr zuzuhören. Als sie gefragt wird, erzählt sie von den Problemen, die sie als alleinerziehende Mutter in dieser Rolle hatte. Die langen Stunden am Set, das mangelnde Verständnis der Produktionsfirma für ihre Doppelbelastung. Ihre Besessenheit davon, ihre Sache gut zu machen. Die Doppelmoral, die es gerade für sie als weibliche Hauptdarstellerin gab: Anfangs wurde ihr ein altbackenes Aussehen gegeben, sie musste einen Dutt tragen, egal, ob das Raumschiff gerade in eine Weltraumschlacht verwickelt war oder sie durch Erdlöcher auf fremden Planeten kroch. Die Produzenten, so Mulgrew, hatten ein Problem damit, eine Frau über 40 als Hauptrolle zu besetzen und dann noch zur Sympathieträgerin zu machen. Sie dachten, das ginge nur, wenn sie definitiv nicht sexy sei.

In Staffel zwei überzeugte Mulgrew sie schließlich davon, dass es eigentlich egal ist, welchen Haarschnitt eine Frau hat, die führt. Sie sollte Recht behalten. Einen Teil der Hardcore-Fanbasis weißer, nerdiger Hetero-Jungs erreichte sie nie. Ihnen war Janeway zu hart, zu unweiblich, zu alt. Aber in die Herzen Millionen weiblicher Star Trek-Fans spielte sie sich ohne Zweifel ab der ersten Sekunde.

Das wird auch an jenem Januar-Tag in Kalifornien klar. Eine Frau nach der anderen steht auf, um Kate Mulgrew zu sagen, wie sehr sie die  Rolle der Janeway liebte. Und mehr als das: Wie sehr sie diese Rolle dazu brachte, an sich selbst und einen Weg für sich in der Wissenschaft und in der Technologie-Branche zu glauben. Eine Frau berichtet davon, dass sie “Star Trek: Voyager” als Kind gesehen hat, liebte und niemals daran zweifelte, Wissenschaftlerin und Chefin sein zu können, egal, was irgendwelche Jungs sagen würden. Eine andere junge Frau sagt, dass sie “Voyager” in ihrer Ausbildung zur Ingenieurin geguckt hat und von Janeway dazu inspiriert wurde, Luft- und Raumfahrttechnikerin zu werden. Sie sagt zu Mulgrew: “Sie haben nicht nur mich dazu inspiriert, eine Naturwissenschaft zu studieren. Sie haben wahrscheinlich vielen jungen Frauen Mut gemacht, unabhängig zu sein und den Typen zu zeigen, dass wir genauso viel draufhaben wie sie.” Dass sie Recht hat, zeigt Sam Cristoforetti.

Sie ist nicht weniger als eine echte gottverdammte Astronautin, die sich auf der Internationalen Raumstation ISS in einer Janeway-Uniform fotografierte und das Bild twitterte. Natürlich standesgemäß mit einem echten Janeway-Zitat.

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Es sind sicher zehn junge Frauen, die an jenem Tag aufstehen und Mulgrew danken. Und irgendwann, bei der dritten oder vierten, muss ich weinen. Weil ich weiß, was diese Frauen meinen. Weil auch ich diese seltsame Verbindung zu einer Fernsehfigur spüre, im vollen Bewusstsein, dass dies ein bisschen lächerlich erscheinen mag. Auch ich habe Janeway nicht nur als Figur gesehen, sondern als Vorbild.

Als ich sie das erste Mal sehe, ist sie ein Symbol für junge Frauen auf der ganzen Welt. Sie zeigt uns, dass es einen Weg für uns gibt, im wahrsten Sinne des Wortes unsere Träume in den Himmel wachsen zu lassen. Janeway zeigt, dass wir es schaffen können. Und zwar ohne Kompromisse in unserer Persönlichkeit oder unserem Aussehen oder sonstwas machen zu müssen. Janeway hat Mitgefühl, Härte und Abgründe. Sie ist niemanden etwas schuldig, keine Beziehung hat sie in ihren Job gebracht und ihr Ehrgeiz ist keine Schwäche, für die sie bestraft wird. Sie handelt ohne den Segen eines Mannes, sogar ohne die in Unterhaltungsformaten sonst übliche Abhängigkeit von romantischer Liebe oder liebenden Zuspruch eines Partners oder einer Partnerin. Das heißt nicht, dass sie kalt ist oder unnahbar. Aber erstmal ist sie autonom und stark.

Natürlich steckt in diesem Ideal auch ein Quentchen Verlogenheit und das Heilsversprechen des Kapitalismus, dass sich in unserer Leistungsfähigkeit unserer Lebenssinn spiegelt, weil wir nur so Kapital anhäufen können. Natürlich blendet diese Idealisierung des Unterhaltungsuniversums von Star Trek-Voyager aus, dass es institutionalisierte Diskriminierung gibt. Dass Frauen weltweit immer noch weniger verdienen als Männer, in den gleichen Jobs, in den gleichen Positionen. Einfach, weil sie Frauen sind.

In LA fragt niemand nach dem Gender Pay Gap in Hollywood. An diesem Nachmittag sind ihre Fans selig, ihre Heldin zu treffen. Das ist in Ordnung so. Es ist wichtig, anzuerkennen, wo wir auf unserem Weg stehen und wer uns darauf geführt hat. Es hilft uns, ihn in Würde weiterzugehen. Den ganzen Weg bis in den Alpha-Quadranten.