Mir wird übel bei jedem Täter

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[Triggerwarnung: Thematisierung von sexueller Gewalt bzw. den öffentlichen Umgang mit Betroffenen]

Vor ungefähr einem halben Jahr saß ich bei einem Abendessen mit zwei Journalisten. Irgendwann kam das Gespräch auf “Aufschrei” und einer der beiden teilte mir mit, dass er die Hashtag-Aktion von Anfang 2013, bei der tausende Frauen über Alltagssexismus in Deutschland berichtet hatten, nicht ernst nehmen könne: Sie habe für ihn keine langfristige Wirkung erzielt. Er teilte mir auch mit, dass der Feminismus in Deutschland alles erreicht habe, nachdem Alice Schwarzer vor über 20 Jahren seine Mutter davon überzeugt habe, EMMA zu lesen. Sie sei dann auch politisch aktiv geworden und in die SPD eingetreten.

Er wusste nicht, dass in den Jahren seit “Aufschrei” mehr Frauen in Deutschland Anzeige erstattet haben, weil sie häusliche Gewalt erlebten,vom Partner sexuell genötigt, missbraucht oder gestalkt wurden. Vielleicht, weil sie durch die große Mediendebatte um “Aufschrei” erfahren haben, dass es in Ordnung ist, nicht wie Eigentum behandelt zu werden.

Er wusste nicht, dass laut einer repräsentativen Studie von 2014 jede dritte Frau in der EU seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt hat.

Er wusste nicht,  dass laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums vier von zehn Frauen in Deutschland sagen, dass sie seit ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben. Diese Studie ist von 2004, das war neun Jahre vor “Aufschrei”.

Er wusste nicht, dass die Aktivistinnen, deren Arbeit und Wirkung er belächelt, den Großteil ihrer Zeit dafür aufwenden, über Sexismus und seine Folgen zu sprechen, zu schreiben und durch das halbe Land zu reisen, unter weniger als idealen Bedingungen.

Er wusste nicht, dass die Aktivistinnen deswegen bis heute belästigt, bedroht und beleidigt werden.

Er wusste es nicht, weil er Feminismus als etwas abgehakt hatte, das seine Mutter für ihn erledigt hatte.

Sexismus, das sind die Anderen. Schließlich ist er der Sohn einer EMMA-Leserin. So in etwa stand es auf seiner Stirn geschrieben.

Das war vor sechs Monaten.

Opfer zweier Klassen

In der Silvesternacht begangen in Köln und anderen deutschen Städten Männer sexuelle Übergriffe an Frauen. Auf offener Straße belästigten Männer Frauen, beleidigten sie, griffen ihnen zwischen die Beine und an die Brüste, erniedrigten sie. Mehr als100 Strafanzeigen wurden zu den Vorfällen bisher bundesweit erstattet. 31 Verdächtige hat die Polizei in Köln bisher identifiziert, 18 davon haben in Deutschland Asyl beantragt.

Nach dem Bekanntwerden der Geschehnisse rollte eine riesige Welle von Emotionen über Deutschland. Niemand, der sich derzeit in Deutschland aufhält und in sozialen Medien unterwegs ist, konnte und kann sich ihr entziehen. Auch ich nicht.

Wenn ich daran denke, was in der Silvesternacht passiert ist, bin ich wie gelähmt. Ich verachte die Männer, die diese Taten begangen haben. Ich will, dass sie bestraft werden. Beim Gedanken daran, dass sich so etwas wiederholen könnte, wird mir übel.

Diese Übelkeit kommt aber nicht nur durch die Gedanken an die Taten selbst. Sie überkommt mich auch, wenn ich mir ansehe, wie Köln zum Instrument wird. Ein Instrument, das nicht benutzt wird, wirkliche Solidarität mit Frauen zu zeigen und an einer Gesellschaft ohne Sexismus und sexuelle Gewalt zu arbeiten. Sondern ein Instrument, dass Deutschland spalten soll. In einen Teil, der das Problem verursacht und einen Teil, der nie Probleme hatte.

Da gibt es beispielsweise eine Publizistin, die nach “Aufschrei” ein Buch mit dem Titel “Dann mach doch die Bluse zu!” veröffentlichte. Die These: Frauen, die sexuell belästigt würden, hätten es selbst in der Hand, diese Belästigungen abzustellen. Die Autorin drehte Täter- und Opferrolle einfach um.

Jetzt, nach den Ereignissen von Köln, fragt die Autorin öffentlich, wo der “Aufschei” bleibe und klagt die Täter an. Sie sagt auch, dass die Herkunft der Täter verantwortlich für die sexuelle Gewalt sei.

Selber schuld,  sagt die Autorin sinngemäss, seien also nur die Frauen, die das Pech haben, das Opfer deutscher Männer zu werden. Ich habe solches Mitgefühl und wir müssen unsere Frauen schützen, sagt die Autorin sinngemäß, wenn die Täter nicht aus Deutschland kommen.

Dass die Opfer stets Opfer sind, egal, wer sich an ihnen vergriffen hat, wird völlig unwichtig.

Damit ist die Publizistin nicht alleine.

So sagte eine deutsche Sozialarbeiterin einer Syrerin, die sich in einem Heidelberger Flüchtlingsheim an sie gewandt hatte, weil ihr Mann sie vergewaltigte, arabische Männer „sind halt so”, die Frau müsse sich damit abfinden – selbst schuld, wenn sie Syrerin sei und ihr Mann auch. Kein Frauenhaus nahm die Syrerin auf, weil die Gesetzeslage beim Schutz von geflüchteten Frauen nicht klar ist.

Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Immer mehr Frauen berichten von sexueller Gewalt auf den Flüchtlingsrouten. Unter den Augen der Vertreter einer westlichen Wertegemeinschaft.

Für diese Frauen gibt es in der aktuellen Debatte kein Mitgefühl und keine Solidarität. Hier greift wieder das Prinzip “Selbst schuld”. Es sind schließlich die anderen, nicht wir.

Doppelmoral, die sich den Mantel der Solidarität überwirft

Eine weitere Pervertierung von Solidarität mit den Opfern von Köln brachte CDU-Politiker Jens Spahn zustande. Auch er fragte, wo denn nun “der Aufschrei” bleibe und meinte die Aktivistinnen, die 2013 Alltagssexismus in Deutschland zum Thema gemacht hatten. Seine Unterstellung: Die Aktivistinnen seien blind, wenn es um Nicht-Deutsche Täter gehe.

Die Wahrheit ist: Die Aktivistinnen hatten jahrelang damit zu tun, Opfer sexueller Gewalt vor den hanebüchenen Haltungen von Jens Spahn zu schützen. So war es Spahn, der, als es darum ging, die “Pille Danach” rezeptfrei verkäuflich zu machen, sagte, man dürfe Frauen dies nicht erlauben, denn Frauen würden die Medikamente “wie Smarties” behandeln. Die “Pille Danach” ist gerade für Opfer von Vergewaltigungen ein unerlässliches Medikament. Sie erlaubt ihnen, bis zu 72 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr rückwirkend eine Schwangerschaft zu verhindern.

Jens Spahn sprach also auf der einen Seite lange Frauen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung ab. Er wollte, dass Frauen erniedrigende Prozeduren über sich ergehen lassen, bevor ihnen ein wohlmeinender Vater Staat erlaubt, zu verhüten. Auf der anderen Seite weint er Krokodilstränen um die Frauen, die in ihrer Würde verletzt wurden und genau die Pille Danach bräuchten, OHNE dass eine konservative Politik sie zwingt, dafür über ein Stöckchen zu springen.

Die neue Solidarität der Konservativen mit den Frauen geht nur so weit, wie sie den eigenen politischen Zielen nützlich ist.

Es wird aber noch schlimmer: Die Solidarität mit Frauen endet dort, wo sie nicht sagen, was politisch ins eigene Bild passt. Ich kann die Anzahl der Beleidigungen, Bedrohungen und Belästigungen nicht mehr zählen, die Aktivistinnen in den letzten Tagen erhalten haben, wenn sie in der Diskussion der Folgen von Köln vor Rassismus warnten.

“Ich wünsche Dir, dass Du belästigt wirst.” “Ich wünsche Dir einen arabischen, ungewaschenen Finger da, wo Du ihn nicht haben willst.” Das gehört zu den harmloseren Nachrichten, die ich und andere Frauen in den letzten Tagen erhalten haben. Ist das diese neue Solidarität mit Frauen?

Mitgefühl und Respekt für Frauen gibt es nur, wenn sie genauso ticken, wie Männer es wollen – genau die Haltung, die manche Menschen jetzt an Nicht-Deutschen Männern anprangern, leben sie selbst in vollen Zügen.

Das ist eine bittere Wahrheit.

Was wirklich die Probleme sind

 

Sie wird zur Realität für die, für die die Feinde einer gleichberechtigten Gesellschaft nicht “das Kopftuch”, “der Porno” und “die Muslime” sind, sondern das Verharmlosen von sexueller Gewalt und sexueller Belästigung, wenn sie an Nicht-Deutsche Frauen begangen wird und/oder von deutschen Männern.

Die Feinde einer gleichberechtigten Gesellschaft sind Respektlosigkeit, Hass, Gewalt. Von Deutschen und Nicht-Deutschen gleichermaßen.

Der Feind einer gleichberechtigten Gesellschaft ist ein Sexualstrafrecht, das es Frauen in Deutschland schwer macht, Recht zu bekommen, wenn sie Opfer sexueller Gewalt oder Belästigung wurden. Laut deutschem Recht reicht ein “Nein” des Opfers zum Beispiel nicht aus, damit sich der Täter bei einer Vergewaltigung strafbar macht. Dieses Problem gibt es in Deutschland seit Jahrzehnten und seit langer Zeit sind es die Feministinnen, die dagegen Sturm laufen – nicht erst seit Köln. Auf die Unterstützung der konservativen Publizisten und Politiker konnten sie nicht zählen. Im Gegenteil: Erst 1995 wurde Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland strafbar – nach heftigem Widerstand der Union.

Die Feinde einer gleichberechtigten Gesellschaft sind Politiker und Publizisten, die bei sexueller Gewalt Opfer erster und zweiter Klasse ausmachen.

Es reicht nicht, dass eure Mütter die EMMA abonniert haben

Über diese Probleme nicht nachdenken zu müssen, ist ein Luxus, um den ich manche Menschen beneide. Für jene zum Beispiel, die glauben, das Thema Feminismus und Gleichberechtigung in Deutschland mit dem EMMA-Abo ihrer Mutter abgehakt zu habenl. Oder die, die glauben, der Sexismus und die Gewalt, das sind immer die anderen.

Ich unterhalte mich mit einem deutschen Freund über Köln. Wir sind uns einig in unserem Entsetzen. Er zeigt große Erschütterung und Mitgefühl mit den Opfern. Ich spreche weiter, darüber, dass Sexismus, die Degradierung von Frauen zu Sexobjekten und sexuelle Gewalt in Deutschland wirklich nicht neu seien. Ich zitiere aus der EU-Studie von 2014 und dass schon lange vor Köln so viele Frauen in der EU und in Deutschland von sexueller Gewalt gesprochen haben. Dass es nicht das Phänomen von Männern einer nicht-deutschen Herkunft sein kann, weil lange, bevor wir über viel Einwanderung nach Deutschland sprachen, Frauen über sexuelle Gewalt und Übergriffe berichtet haben.

Er sagt, vielleicht hätten die Frauen so oft gesagt, dass sie sexuelle Gewalt erlebt haben, weil die Fragen auf eine bestimmte Art gestellt worden wären. Außerdem sei fragwürdig, ob nicht auch schon Klaps auf den Po von manchen als Gewalt verstünden werde.

Ich höre: Wie schlimm es in diesem Land mit sexueller Gewalt aussieht, darüber bestimmen nicht die Aussagen der Betroffenen. Sondern die Deutungen des Publikums.

Und genau das ist das Problem.

  • ts

    „die Deutungen des Publikums“

    Zweifelsfrei. Und notwendig. Jede/r mag für sich selbst Grenzen ziehen, aber Normen und Gesetze und deren Durchsetzung sind nun mal logisch und praktisch kollektive Projekte. Dieser Beitrag ist ja auch ein Teil dieser notwendigen Publikumsdeutung, überall da, wo er über persönliche Erfahrungen und Grenzen hinaus geht.

  • kami

    Ein wichtiger, richtiger Beitrag. Ein kleiner Fehler hat sich jedoch eingeschlichen: Die Vergewaltigung in der Ehe wurde in Deutschland erst 1997 unter Strafe gestellt.