#sendeanlat – Erzähl auch du

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Übersetzung: „Gibt es überhaupt Frauen, die nicht belästigt wurden und nicht mit der Angst leben, in jedem Augenblick belästigt werden zu können?“

[Triggerwarnung: Beschreibung von Gewalt, sexualisierter Gewalt.]

Am 11. Februar 2015 fuhr Özgecan Aslan von Adana nach Mersin. Sie war Studentin der Psychologie an der Çağ Universität und auf dem Weg nach Hause zu ihrer Familie. Als sie schließlich die letzte Passagierin im Minibus (Dolmuş) war, schlug der Fahrer Suphi Altındöken eine andere Route ein, statt sie zur eigentlichen Haltestelle zu fahren. Er versuchte Aslan zu vergewaltigen, diese wehrte sich wiederum mit Pfefferspray, Händen, Füßen und kratzte ihren Angreifer so stark im Gesicht, dass die Spuren noch bei dessen Verhaftung sichtbar waren. Altındöken reagierte daraufhin umso brutaler, Özgecan Aslan überlebte seine Attacke nicht: Am 13. Februar wurde ihre Leiche verstümmelt und verbrannt in einem Flussbett aufgefunden.

“Wir trauern nicht, wir rebellieren.”

Seit Bekanntwerden des in seinen Details wirklich noch grauenhafteren Verbrechens, steht der Name Özgecan Aslan für eine riesige Protestwelle gegen Gewalt an Frauen. Ein Thema, das durch die alltäglichen Todesmeldungen leider bereits als normalisiert gilt und nun seit langer Zeit nicht mehr diskutiert wurde. In der ganzen Türkei gehen nun aber vor allem Frauen zu Tausenden auf die Straßen und erheben sich gegen eine Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen verharmlost. Ein Motto lautet dabei “Wir trauern nicht, wir rebellieren.”

Erst gestern, am 18. Februar, demonstrierten rund 15.000 Menschen in der südlichen Proving Mersin. Minibusfahrer in der Provinz Diyarbakır legten ihre Arbeit nieder und hängten einen Trauerflor ins Fenster ihrer Fahrzeuge. Die Türkei führt mittlerweile eine heftige Debatte über Geschlechterbilder, Erziehungsmethoden und Moral in der türkischen Gesellschaft. Die Hoffnung besteht, dass der Mord an Aslan wenigstens dabei helfen kann, feministische Bewegungen in der Türkei zu stärken und deren Notwendigkeit zu verdeutlichen.

Kritik an AKP

Im Fall der Türkei richtet sich nun auch viel Kritik gegen die konservative AKP-Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan, die zwar jetzt den großen Beschützer der Frauen gibt, aber auch stark an den gesellschaftlichen Entwicklungen beteiligt ist, die das Bild des Mannes als tonangebendes Familienoberhaupt stützen. Zwar gab es auch emanzipatorische Schritte wie den, dass mittlerweile mehr Rechte für Frauen mit Kopftuch eingeräumt wurden, indem diese zum Beispiel an der Uni studieren oder ein politisches Amt bekleiden dürfen. Doch andererseits ist die Regierung genauso bekannt für Aussagen wie, Männer und Frauen könnten gar nicht gleichberechtigt sein, da dies gegen die Natur verstieße, oder dass Frauen nicht in der Öffentlichkeit lachen dürften, um als sittsam zu gelten und Männer nicht zu provozieren. Gewalt gegen Frauen ist dabei mittlerweile die Haupttodesursache unter Frauen zwischen 15 und 44 Jahren, Präventionsstrategien gibt es dennoch nicht, vielmehr wird weiter an Frauen appelliert sich zurückzunehmen. Dazu sollen sie auch mindestens drei Kinder haben und sich natürlich ausschließlich um diese und den Haushalt kümmern. Währenddessen geht die Beschäftigungsrate von Frauen immer weiter zurück und ihre Abhängigkeit von Männern nimmt zu.

Die Reaktionen auf die unfassbare Brutalität des Verbrechens an Aslan erinnern an den Fall von Jyoti Singh Pandey, die im Dezember 2012 im indischen Delhi von mehreren Männern vergewaltigt und dabei so stark verletzt wurde, dass sie ihren Verletzungen schließlich erlag. Die öffentliche Verurteilung der Gruppenvergewaltigung war groß und zog auch außerhalb Indiens ein starkes Medienecho nach sich. Traurigerweise hängt dies im Fall von Jyoti Singh Pandey wie auch bei Özgecan Aslan damit zusammen, dass sie gewisse Kriterien eines „perfekten Opfers“ erfüllen: jung, gebildet, keine aufreizende Kleidung, sie wehrten sich und wurden von Unbekannten angegriffen. Für die Sensibilisierung der Öffentlichkeit ist das also leider „hilfreich“, dabei sollte aber weiterhin nicht vergessen werden, dass die meisten Übergriffe immer noch im persönlichen und nächsten Umfeld der Betroffenen stattfinden und daher oft auch in Abhängigkeitsverhältnissen, die ein Wehren schwer bis unmöglich machen.

#sendeanlat

Der Hashtag #ÖzgecanAslan trendete weltweit, zusätzlich teilen unter dem Hashtag #sendeanlat („Erzähl auch du“) türkische Frauen seit dem 15. Februar 2015 ihre persönlichen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen und beschreiben die Einschränkungen und Konsequenzen für ihr Leben. Auf einem eigenen Tumblr, berichten sie außerdem auch anonym und in mehr als 140 Zeichen. #sendeanlat reiht sich damit zu Hashtag-Kampagnen wie #YesAllWomen, #aufschrei oder #Prataomdet.

Eine Sache, die ich aus #aufschrei gelernt habe ist, dass die unter dem Hashtag geteilten Erfahrungen leider sehr schnell aus der Berichterstattung verschwinden, wenn sie überhaupt dort auftauchen. Auch bei den bisherigen deutschen Medienberichten zu Özgecan Aslan und #sendeanlat, sind die Tweets nur selten Teil dieser Beiträge.

Das Problem wenn wieder nur allgemein über Sexismus, sexualisierte Gewalt oder Gewalt gegen Frauen gesprochen wird, ist jedoch, dass diese Begriffe das konkret Erlebte erneut abstrakt werden lassen und eine Distanzierung ermöglichen. Deshalb sollen auch hier zu #sendeanlat in erster Linie die geteilten Geschichten im Vordergrund stehen. (An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Hakan, der sich um die Auswahl und Übersetzung kümmerte!)


Übersetzung: Weil ich eine Frau bin, habe ich mich angezogen, wie es mir gefällt.
Weil ich gelebt habe, wie ich will, wurde es ’normal‘, dass ich belästigt und gestört wurde.“


Übersetzung: Wir leben in einem Land, in dem wir die Sicherheitsnadeln, mit denen wir unsere Kopftücher abstecken,
in öffentlichen Verkehrsmitteln als Waffe benutzen. Erzieht keine Männer, sondern Menschen.


Übersetzung: „Wenn ich die Straße überquere, weil das Auto anhält, habe ich gelernt,
dem Fahrer nicht in die Augen zu schauen, wenn er mich ‚abcheckt‘.“


Übersetzung:“Weil ich eine Frau bin, habe ich ab dem 12. Lebensjahr gelernt,
dass ich in Autos meine Tasche strategisch platzieren muss, damit kein Mann mich berühren kann.“


Übersetzung: „Wenn ich einen Mann attraktiv finde, frage ich mich nicht zuerst, ob er mich auch schön findet,
sondern, ob er mich vergewaltigt. Ich denke auch nicht ausführlich nach,
das sind automatisch ablaufende Dinge.“


Übersetzung: Ich steig’ in keinen vollen Mini-Bus. Ich steig’ in keinen leeren Mini-Bus.


Übersetzung: „Weil ich eine Frau bin wurde ich auf der Straße beleidigt. Wurde belästigt.
Wenn ich geredet habe, wurde mir gesagt ‚Wisse, um dein Frausein‘,
wenn ich geschwiegen habe ‚Lern mal, eine Frau zu sein.'“


Übersetzung: „Weil ich eine Frau bin, wurde ich verfolgt. Wurde mit Händen und Worten belästigt.
Wurde ich bloßgestellt, nicht ein in Café reingelassen, in dem viele Männer saßen.“


Übersetzung:

Übersetzung: „Als ich das erste Mal aus dem Verkehr gezogen wurde, haben die Polizisten, die mich anhielten,
nicht auf meinen Führerschein, sondern auf meine Beine geguckt. Dabei hatte ich eine Hose an. :((


Übersetzung: „Wir haben Kopfhörer in den Ohren und die Musik ist sehr laut, weil wir manchmal so verzweifelt sind
und wir die Beleidigungen auf der Straße nicht mehr hören können, weil wir Frauen sind.“


Übersetzung: Hast du jemals, weil du Angst hattest, deinen männlichen Freund anrufen und
solange mit ihm telefonieren müssen, bis du zu Hause warst?


Übersetzung: Ich habe heute Frauen gesehen, die schwarz getragen haben. Sogar schwarze Kopftücher.
Eine Frau zu sein, ist schwer, macht aber stolz. #Ziehdichschwarzanfürozgecan

Zusammen mit den Protesten im Netz und auf der Straße bleibt zu hoffen, dass #sendeanlat der Debatte über schädliche Geschlechterbilder und Gewalt gegen Frauen weiterhin die notwendige Wucht verleihen kann, um sie in der Öffentlichkeit zu halten. Eine Debatte, die freilich nicht nur in der Türkei geführt werden muss und sollte, oder wie Betül Ulusoy zusammenfasst: „Gewalt an Frauen lässt sich nicht an Ländergrenzen festmachen oder gar an Religionen. Gewalt an Frauen ist ein weltweites Problem, das wir weltweit angehen müssen. Dabei müssen wir uns auch trauen, vor der eigenen Haustür zu kehren.“

Anmerkung: Die Tweets wurden am 19. Februar um 16.30 Uhr noch mal ergänzt. Die Aussage, dass ein Zusammenhang der öffentlichen Demonstrationen mit den Gezi-Protesten besteht, war missverständlich formuliert und ist daher entfernt worden.

  • Freiheit fuermich

    Danke für den tollen Bericht und das aufmerksam machen auf diese Kampagne. Schön ist der Abschlusstext. Es ist eben auch ein Problem ALLER Gesellschaften. Auch der westlichen Welt. Es ist KEINE Frage des Status und der Religion. Gewalt gegen Frauen in jeglicher Form gibt es vor jeder Haustür und wird grade in der westlichen Welt in der Mittel und Oberschicht Totgeschwiegen.

    http://freiheitfuermich.blogspot.de

  • Ein Gedanke

    Kleinerdrei ist ein Blog mit sehr großer Reichweite, wenn nicht sogar mit einer der größten/bekanntesten Blogs im deutschsprachigen feministischen Raum. Ist es wirklich so sinnvoll, dass hier unbedingt eine weiße, deutsche Frau zu #sendeanlat schreibt? Ihr habt doch auf kleinerdrei häufig Gastkommentare zu allen möglichen Themen, ich kann mir nur schwer vorstellen dass es unmöglich gewesen wäre eine Gastautorin mit türkischem Background für das Thema zu finden.
    Anne Wizorek mag zwar auf den ersten Blick einen besonderen Zugang zu so einem Hashtag haben, aber ich werde bei der Herangehensweise „weiße deutsche Frau schreibt über türkische Frauen“ die Assoziation zu einer ganz anderen, bekannten deutschen „Feministin“ nicht los…

    • http://www.annewizorek.de/ Anne Wizorek

      Danke für diesen anonymen Kommentar! Ich bin sicher keine Expertin zu dem Thema (abgesehen von Hashtag-Aktionen), habe allerdings auch nicht dergleichen behauptet, denn bei kleinerdrei bin ich in erster Linie Bloggerin, die ihr wichtige und, wie im vorliegenden Fall, auch mal aktuelle Themen aufgreift. Wir haben immer wieder Gastautor_innen, da hast du Recht, allerdings sind das in der Regel Leute, die auf *uns* mit den jeweiligen Themen und Ideen zukommen. Für #sendeanlat gab es die Option eines Gastbeitrag von einer Autorin mit entsprechender Identität leider nicht (die Entscheidung für einen Beitrag fiel eher kurzfristig), wobei das ja nicht ausschließt, dass sich das zu einem späteren Zeitpunkt noch mal ändert (wir sind diesbezüglich immer offen für Gastbeiträge und wenn du z.B. jemanden empfehlen möchtest, kannst du das auch hier in den Kommentaren tun). Bei #sendeanlat fand ich es frustrierend, dass deutsche Medien aktuell kaum hierzu berichten und wenn überhaupt, dann ohne die Tweets der Betroffenen einfließen zu lassen. Ohne Hakans Auswahl und Übersetzung der Tweets hätte ich allerdings auch gar keinen Beitrag dazu geschrieben bzw. schreiben wollen, seine Mitarbeit an dem Beitrag ist essentiell. Bei der sonstigen Zusammenfassung bezog ich mich auf Infos, die derzeit in einem Großteil der Medienberichte zu finden sind. Dass diese sicher nicht das ganze Bild der Situation in der Türkei wiedergeben, ist mir klar, aber auch hier bin ich für ergänzende Links immer offen!

      • hakantee

        Ich würde mich Anne anschließen. Klar wäre es schön gewesen für diesen Fall eine Person zu haben, die ihre Sicht der Dinge gut schildern kann. In erster Linie ist es glaube ich aber hilfreich, diese Debatte überhaupt mitzubekommen und zu erfahren, worum es geht. Das schließt sich gegenseitig nicht aus.

      • Ein Gedanke

        Das hört sich für mich ehrlich gesagt eher nach den Ausflüchten an,
        die Männer bringen wenn auf ihrer Veranstaltung mal wieder keine einzige
        Frau dabei ist.

        Ich bleib dabei, eine weiße Frau die (auf so
        einer Plattform) über nichtweiße Frauen schreibt halte ich für
        problematisch. Dass es keine andere Option gab, fällt mir auch schwer zu
        glauben, wenn die Möglichkeiten nach türkischstammigen Autorinnen zu
        fragen doch so vielfältig sind und bereits auch schon einige Artikel zu
        dem Thema veröffentlicht haben.Die Mitarbeit von Hakan, der als Mann ja auch nicht direkt betroffen ist, ist zwar gut, macht es aber nur bedingt besser.

  • spicollidriver

    Ich finde es übrigens schwierig, wenn ein zu „eindeutiger“ kausaler Schluß von konservativ-reaktionären Ansichten auf derartige Gewaltverbrechen gezogen wird.

    Selbstverständlich ist diese „Männer geben den Ton an“-Haltung höchst kritikwürdig. Daraus aber sozusagen als logische Konsequenz (die Billigung von) sexuelle Übergriffe(n) abzuleiten, ist in der Form kaum haltbar.

    (auch wenn es natürlich nicht dasselbe ist: das ist im weitesten Sinne genauso wenig haltbar wie bspw. die Versuche in den Siebzigern, grundsätzlich allen „Linken“ eine Quasi-Mitschuld an den terroristischen Taten der RAF zuzuschreiben)

    • Auto_focus

      Ich verstehe nicht ganz, wo du einerseits diesen eindeutigen kausalen Schluss siehst (es werden gesellschaftliche Zusammenhänge, quasi ein „Bigger picture“ aufgezeigt), und andererseits finde ich das „kaum haltbar“ nicht wirklich erklärt. Bestimmte gesellschaftliche Zusammenhänge, Haltungen und Ansichten funktionieren als Hintergrund und Nährboden, das ist ja nun keine neue oder gewagte These. (und viele Linke haben die RAF zunächst unterstützt, das macht für mich nicht per se linke Haltungen falsch).

      • spicollidriver

        mir gings um folgendes: genauso wenig wie „linke Politik“ sozusagen „automatisch“ zu den Gewalttaten der RAF geführt hat, führt ein konservativ-reaktionäres Frauenbild automatisch zu Vergewaltigungen (insbesondere wahrscheinlich Vergewaltigungen außerhalb der Familie und des Freundeskreises, also wie bei dem Fall, der diese Protestwelle angestoßen hat)

        • Auto_focus

          Wo liest du denn „automatisch“ im Text? Ausserdem sehe ich den Unterschied bei diesem Vergewaltigungs-Fall nicht: dass Männer das Gefühl haben, sich über die Grenzen von Frauen hinwegsetzen zu können, dass Frauen weniger wert sind und sie quasi ein Anrecht auf sie haben, dass ist in diesem Fall nicht anders als bei solchen in der Familie, und das fusst natürlich auch auf patriarchal-konservativen Strukturen.