Genug gehabt!

CC BY-NC-SA 2.0 , by Anika Lindtner

Fünf Hosen, 30 Unterhosen, 22 Paar Socken, 16 Shirts, fünf Strickjacken, vier Kleider, eine Handvoll Tops und noch mehr Strumpfhosen, Schals und Röcke. Das ist mehr als ich dachte, denke ich und schaue stirnrunzelnd auf meinen Zettel. Ich hab eigentlich genug. Eigentlich – dieses Wort streiche ich ab sofort aus meinem Wortschatz. Ich hab genug. Punkt.

Ein Jahr lang keine neue Kleidung

Angestoßen hat das Ganze ein Artikel, den ich Ende des Jahres gelesen hatte: Ich habe von der New-Yorkerin Lauren gelesen, die ihr Leben umgestellt hat und keinen Müll mehr produziert. Das hat mich sehr bewegt und ich habe mein eigenes Kauf- und Konsumverhalten in Frage gestellt.

Alles immer neu zu kaufen und altes Zeug wegzuwerfen ist doof – aber doch mache ich das zu oft. Aus Zeitdruck, aus Bequemlichkeit und weil ich nie viel drüber nachgedacht habe. Das geht von Technikgeräten über Onlineeinkäufe bis zu Kleidung. Kleidung, genau: Ich hab sie gern und geh auch gern einkaufen, ich kann mir das leisten und habe das auch gemacht. Aber eigentlich habe ich genug Klamotten. Zum Spaß hatte ich sie dann mal gezählt – daraus wurde dann Ernst.

Einfach ein Jahr lang mal keine neuen Klamotten mehr kaufen. Das scheint auch zur Zeit Mode (haha.) zu sein. Als ich Freund_innen von meinem Vorhaben erzählte, kam dann gleich “Ach, das habe auch gerade im Internet gelesen.” Eine kurze, verärgerte (jemand hatte die Idee vor mir! Unverschämt!) Recherche brachte sogar ganze Blogs, Bücher und Videos zutage, die sich dem Experiment “Ein Jahr ohne” verschrieben hatten – sei es als spannende Challenge, weil der Alltag zu langweilig wurde oder als Heilung von Suchtkäufen. Für mich bedeutet es mehr als das.

 Wann ist denn mal genug?

Ich will mehr machen, als mich selbst herausfordern oder immer nur noch uneingepackte Gurken zu kaufen. Ich wollte mein eigenes Konsumverhalten unterbrechen und in Frage stellen. Wann ist denn mal genug? Nach dem 31. Unterhöschen?

Kaufen geht eigentlich immer und das wird durch Werbung geschürt und geschürt. Leider funktioniert das bei mir großartig – mich kriegt Werbung meistens dann doch irgendwann. Und wenn es keine Plakatwerbung ist, dann mein Bestreben, auch so was Schönes anzuhaben wie die Person neben mir. Welt des Konsums, guten Tag. Es schallt ja auch wirklich von jeder Litfasssäule, Ubahnbildschirm oder Hauswand: Immer mehr immer schneller wieder wegwerfen, alles ist austausch- und umtauschbar. Da will ich jetzt sagen: Nö, ich mach nicht mehr mit. Ich hör auf.

Das Privileg zu verzichten

Das kommt natürlich aus einer sehr privilegierten Position. Es gibt viele Menschen in Deutschland, für die das weniger Kaufen keine Entscheidung, kein Vorsatz ist, sondern harte Realität (mehr dazu zum Beispiel hier oder hier oder hier). Sie können sich nicht mal eben dafür entscheiden, weniger zu kaufen und auf etwas zu verzichten. Armut ist ein weitverbreitetes Problem (2011 waren es 16 Prozent der Menschen in Deutschland, die als armutsgefährdet eingestuft wurden) und ich bin mir dessen bewusst, dass ich hier eine ganz andere Realität verkörpere.

Auch ich war zwar in meiner Studienzeit teilweise so am Rande meines Geldbeutels, dass ich mich zwischen Brot und Limo entscheiden musste. Aber das ist weder ein Dauerzustand,  noch war ich allein. Meine Familie und Freunde hätten mich jeder Zeit im Notfall unterstützen können. Heute habe ich einen gut bezahlten Beruf und kann mir leisten, was ich brauche. Diese Position, war auch einer der Bauchschmerzen mit diesem Artikel, aber ich hoffe, wir können das als Anfangspunkt für eine produktive Diskussion benutzen. Gerade weil für viele Alltag und zum Beispiel Werberealität so unglaublich auseinanderklafft, finde ich es wichtig, anzusprechen, in welch Kreisen ich und auch viele meiner Kolleg_innen und Freund_innen sich bewegen, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Selbstliebe üben

Dazu gehört für mich, nachhaltiger zu denken und zu leben. Dinge zu wertschätzen, auch wenn das cheesy klingt. Einen Pulli flicken, wenn er kaputt ist, nicht einfach einen neuen kaufen. Selbst produzieren und nicht aus China importieren. Sich auf das besinnen, was im Kleiderschrank steckt, statt auf das, was noch dazukommen könnte. Sich mit dem zufrieden geben, was ist und nicht nach immer mehr gieren.

Ihr seht – die ganze Debatte hat für mich auch einen zweiten Boden. Es geht mir parallel für mich auch um Selbstliebe und Zufriedenheit, die ich, wenn ich in Magazine schaue, mir erkaufen kann und soll. Sexy bin ich, wenn ich die neuste Hose besitze, Erfolgreich, wenn ich meine Gedanken im Moleskine niederschreibe. Für alles gibt es einen Fix. Zu Kaufen.

Sich aber stattdessen dem zu verwehren ist mir wichtig, weil ich nicht will, dass meine Selbstwahrnehmung und mein Glücksgefühl von außen gesteuert ist und an Produkten hängt. Gleichzeitig ist die Welt schon so voll von Müll, schlechten Arbeitsbedingungen für Billig-Kleidung und Nicht-so-billig-Kleidung und Schadstoffen, dass es nur gut sein kann, wenn ich nicht noch mehr dazu packe.

Schlussstrich und Neuanfang

Für mich bedeutet dieses Jahr ein großer Schritt in die richtige Richtung. Welche Prozesse werden in Gang gesetzt, wenn ich von jetzt an für mich verweigere, was bisher ganz normal zu meinem Leben gehört hat? Wenn ich mich allen Einkaufsstätten und Werbungen versuche zu entziehen. Was passiert mir mir und meiner Körperwahrnehmung, wenn ich mich in nichts noch Neueres und noch Schöneres wickeln kann? Wenn ich versuche, zurückzutreten und das wertzuschätzen, was ich habe. Kann ich das noch, so verwöhnt von Kapitalismus, Körperwahn und Magazinwerbung? Kann ich mich dem einfach entziehen? Dieses Jahr ist für mich kein Experiment. Sondern ein Schlussstrich und ein Neuanfang.

Ich weiß, dass es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist und noch viel viel viel mehr getan werden müsste, um wirklich nachhaltig zu leben. Aber wie Karen Duve schön in ihrem Buch “Anständig essen” schreibt: Wenn man ein ganzes Haus voller unordentlicher Zimmer hat, hilft es trotzdem, erstmal eins ordentlich zu halten. Mein erstes Zimmer ist die Kleidung, das nächste Zimmer kommt bestimmt.

17 Antworten zu “Genug gehabt!”

  1. Wenn der Nutzen des Konsums nur noch per se der Konsum selbst ist, das Einkaufserlebnis, die Anerkennung durch Statussymbole für sich und gegenüber anderen, kann man daran erkennen, dass man eine Droge konsumiert: die Droge heißt Konsum. Eine Droge wird meist dann eingesetzt, um sich zu betäuben, die Frage ist jetzt: Was will man betäuben ? Das mir die Welt in der ich lebe nicht gefällt ? Die Menschen die mich umgeben, die Gesellschaft, mein Partner, mein Job, meine Verwandten, hab ich selbst evt. mit mir ein Problem ? Evt. mit meiner Psyche ? Defizite sind vielfach möglich, meist sind sie einem selbst gar nicht bewusst. Workoholic ist auch eine Droge, eine Kompensation. Auch Ziele, die Konsum bedeuten: Der Urlaub, das Auto, das Haus usw, werden dann als Belohnung für sich selbst legitimiert, wenn man vorher viel „geleistet“ hat. Beides:die Leistung wie auch die Belohnung danach, sind Ablenkungsmanöver. Wenn ich durch joggen süchtig werde, durch die Hormonausschüttung danach, habe ich den gleichen Effekt: Ich jogge (die Leistung), und danach habe ich mein Hormoncocktail – das gute Feeling (den Konsum), viele wissen nicht warum sie jeden Tag joggen, es ist nicht mehr die Fitness. Evt. brauchen sie etwas, was sie noch gar nicht realisiert haben. Liebe. Das ist etwas anderes wie Anerkennung. Jasmin

  2. Anna sagt:

    Sehr schöne Idee.
    Ich habe im letzten Jahr (fast) nichts neu gekauft, sondern vieles gebraucht über den kleiderkreisel. Dieses Jahr habe ich mich bei der kleiderei angemeldet. Klamotten zu leihen scheint noch besser, als gebrauchte Klamotten zu kaufen. Die dann ja auch irgendwie den Schrank verstopfen und den Geist belasten.
    Der Schritt ganz auf (Kleidungs-)Konsum zu verzichten werde ich überdnken und bis dahin hier mitlesen.
    Merci für den Snatoß dazu!

    Anna

    • langziehohr sagt:

      hui danke! Das Leihen von Kleidern klingt auch echt toll, da werd ich sofort mal reinschauen <3

  3. Kathi sagt:

    Super Idee! Wenn man nicht ganz auf neue Sachen verzichten möchte, kann ich dir wärmstens Kleidertauschpartys empfehlen. Das macht nicht nur Spaß, sondern es hilft auch Kleidung länger zu tragen, die sonst möglicherweise im Mülleimer oder Kleidercontainer gelandet wäre. So einige meiner Lieblingsstücke sind so zu mir gekommen.

    • langziehohr sagt:

      klingt echt super. Ich hab bisher immer nur von gehört, noch nie teilgenommen. Hast du eine Seite, die du dazu empfehlen kannst?

      • Kathi sagt:

        Tatsächlich haben wir das auch nur im privaten Kreis gemacht. Meine Erfahrung bisher: Am besten ist, wenn für jede Kleidergröße genug Personen mitmachen. Bei mir war einmal eine Freundin, die viel größer war als alle anderen und der leider deswegen keine der Kleider gepasst haben. Das war ein wenig traurig.
        Schön ist, wenn jede_r etwas mitbringt. Und am lustigsten ist es, wenn am Ende die Kleider vorgeführt werden, die kein_r haben wollte. Die übrig gebliebenen Sachen hatten wir dann gespendet und einem Second Hand Laden geschenkt.
        Ich habe die Party auch gleich dazu genutzt, andere Sachen, die ich aussortiert hatte (Bücher, Schmuck etc.), auch gleich noch unters Volk zu bringen.

  4. Lilly sagt:

    Ja, Challenges sind gerade sehr in ;) meine Persönliche ist gerade das tägliche Entsorgen von überflüssigen Dingen. Jeden Tag trenne ich mich von etwas und lasse ein Stück los. Ein Jahr lang. Größtenteils verschenke oder spende ich die Sachen – denn das Meiste was man hortet ist ja nicht unbedingt kaputt. Ein Jahr lang nichts mehr zu kaufen, habe ich auch schon überlegt…ist eine super Sache. Viel Erfolg :)

  5. Kassiopaia sagt:

    … ich würde gerne wieder uneingepackte Gurken kaufen. Wieso packt man Bio-Gurken in Plastik? … Aber das ist ein anderes Thema.

    Mit 30 Unterhosen kommst du auf jeden Fall gut über einen Monat. ;) Das schaffste schon mit dem nix neues kaufen. Es ist gar nícht so schwer, auch wenn immer mal wieder verzweifelte Tage kommen werden, wo man eeendlich mal wieder shoppen will.

    Ich hab letztes Jahr zum ersten Mal in Second Hand Läden eingekauft, weil ich auch dachte: Ich muss nicht neue Klamotten kaufen, oft sind viele getragene Sachen immer noch super, siehe Erfolge von Kleiderkreisel und Co. Und auch, wenn ich dann den Charme des Shoppingerlebnisses bei Humana doch alles andere als angenehm fand, habe ich da so viele tolle Sachen gefunden. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Warum ich mich dann dennoch für meine Humana-Tüte geschämt habe, weiß ich auch nicht. Aber das Bild von ollen Ramschklamotten wiegt da wahrscheinlich noch schwer. Ist halt keine Papptüte, wo in großen Lettern PRIMARK drauf prangt, was qualitativ und auch aus nachhaltigen/ethischen Gründen viel uncooler ist, als im Second Hand zu kaufen.

    • langziehohr sagt:

      Oh Gott, ja! Dass Gurken alle verpackt sein müssen! („Damit man sie eben unterscheiden kann“ war glaub ich mal eine Antwort auf die Frage, warum.)

      Toll, dass du in Second Hand Läden einkaufst! (Wirklich seltsm, dass du dich so unwohl damit gefühlt hast, aber das geht bestimmt vorbei. Man muss sich wohl erstmal an alles Neue ein bisschen gewöhnen?) Ich hab Flohmärkte auch immer geliebt und fand es unglaublich toll, was ich da so alles finden konnte. So schöne Sachen und so erschwinglich und eben – umweltfreundlich & ethisch viel besser als vieles andere :)

    • spicollidriver sagt:

      „Wieso packt man Bio-Gurken in Plastik?“

      weil die Leute sie sonst mit höherer Wahrscheinlichkeit nicht kaufen. habe eine Freundin, die in einem Biomarkt arbeitet – und diese hat mir mehr als einmal berichtet, daß die Toleranz gegenüber nicht „perfekt“ aussehendem Obst und Gempüse zwar einen Hauch größer als im „normalen“ Einzelhandel ist…. allerdings immer noch weit davon entfernt, als daß man alles, was gesundheitlich aber eben nicht „kosmetisch“ einwandfrei ist, auch verkaufen könnte.

  6. Pandora sagt:

    Was allerdings auffällt ist, dass die Konsumverweigerung ganz klar Mode der Besserverdienenden ist. Im Modebereich protzt man in Hochglanzmagazinen von der „Capsule-Wardrobe“ und beim Essen wird immer wichtiger, welche Zutaten man eben NICHT isst (Fett, Zucker, Gluten, Laktose etc.). Die demonstrative Askese ist das neue Statussymbol.

    Mal ganz hart gesagt: die meist verbreitete Armut in unserem Land ist nicht absolute Armut, sondern relative Armut in Verbindung mit einem gigantischen Billigkram-Markt. Man kann sich zwar viele Dinge leisten, allerdings ist die Qualität meist so miserabel, dass man zum Konsumhamsterrad quasi gezwungen ist – andauernd geht etwas kaputt und muss ersetzt werden. 100%-Polyester-Pullis oder hauchdünne Baumwolle kann man nicht flicken! Auch das Wegschmeißen von Dingen ist Luxus – wer arm ist, hortet, denn man weiß nie, ob man etwas vielleicht noch braucht und dann wahrscheinlich kein Geld hat, es sich neu zu kaufen.

    Der Zyniker in mir vermutet, dass diese neue Mode (nicht bei der Autorin oben! ich meine den allgemeinen Trend) wahrscheinlich mehr mit Distinktion zu tun hat („Ich bin nicht wie die Primark-Tüten-tragende Masse!“) als mit echter Gesellschaftskritik.

    Etwas weniger“ BAH HUMBUG!!“: irgendwo im Netz gab es ein ziemlich nettes Kunstprojekt von einer Frau, die ein Jahr lang all die Dinge malte, die sie sich nicht kaufte. Sehr schöne Idee imho.

  7. Tobi sagt:

    Sehr schöne Idee! Ich habe irgendwann im letzten Jahr über Twitter von dem Buch »The Joy of Less« von Francine Jay erfahren … gekauft, gelesen und erst mal groß bei mir aussortiert! Kann ich Dir nur empfehlen als Support für Dein Projekt, da Frau Jay viel darüber schreibt, wie befreiend es sein kann, ganz bewusst weniger zu haben, und dass das auch noch richtig viel Spaß machen kann! Viel Erfolg fürs Jahr ohne!

  8. Magda sagt:

    Hallo Anika, guter Text, danke. Ich hab letztes Jahr das gleiche beschlossen – vorgestern hat eine Kampagne gestartet, die ich sehr gut finde – MODEPROTEST – schau mal hier: http://anderskleiden.de/klamottenkur-klappe-die-vierte/

  9. Magda sagt:

    Der Anfang deines Textes hat mich sehr daran erinnert – es geht darum, 1,5 Monate mal mit nur 50 Stück Kleidung zu leben. Ich hab schon die letzten Monate versucht, Teile zu verschenken, die ich ganz offensichtlich nie trage, und ein paar Freunde benutzen sie jetzt.
    Aber das ist nochmal radikaler und ich werds mal versuchen.

  10. spicollidriver sagt:

    Noch bequemer als Kleidung flicken ist übrigens, sich versuchen weniger darum zu kümmern, was andere von den eigenen Klamotten halten. quasi: Loch im Shirt – who cares?

  11. langziehohr sagt:

    Cool, dass du das auch übernommen hast, so ganz nebenbei und dass es dir so gut geht damit.

    Ja, ich finde das auch befremdlich befreiend. Wie ein „Problem“, um das man sich keine Gedanken mehr machen muss, weil es einfach kein Thema ist. Das zeigt mir auch, wie anstrengend anscheinend dieses ständige „Könnte“ ist und immer wieder Entscheidungen treffen zu müssen, auch wenn sie superklein sind.

    Daher denke ich, dass es gar nicht funktionieren würde, das aufzuschreiben, was ich nicht gekauft habe. Da ich mich mit dem Thema überhaupt nicht mehr auseinandersetze und daher auch das Verlangen nach bestimmter Kleidung einfach nicht mehr da ist. :)