Ein glückliches Mädchen

Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by tdeluxe

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Stefanie He.

Stefanie lebt und arbeitet in Zürich. Sie ist eine Transfrau und durchlebt gerade die Transition von Mann zu Frau.

Es war einmal ein kleines Mädchen. Es lebte auf den Land. Weit weg von grossen Städten. Ihre Mutter war noch jung, als sie auf die Welt kam. Das Mädchen verbrachte in jungen Jahren viel Zeit auf dem Bauernhof ihrer Großeltern. Sie bastelte gern stundenlang. Sie spielte auch viel mit Lego, auch stundenlang. Sie erinnert sich daran, wie ihre Oma damals immer zu ihr sagte: „Du hast Klavierhände – mit so langen, beweglichen Fingern.“ Klavierstunden nahm sie trotzdem nie.

In der Nachbarschaft gab es nur Jungs. Sie spielte viel mit ihnen und immer draußen an der frischen Luft. Sie baute lieber Erdhäuser auf einem Acker, als einfach nur mit den Fahrrädern im Kreis zu fahren, ein Baumhaus zu bauen oder zu raufen. Ihre beste Freundin lernte sie im Kindergarten kennen. Die beiden spielten fast jeden Tag miteinander. Bis zur dritten Klasse, dann hatte die Freundin auf einmal eine andere beste Freundin.

Sie war ein glückliches Mädchen. Sie hatte auch im Teenager-Alter immer viele Freunde. Sie war aber immer ein bisschen anders als die anderen. In der Schule verstand sie sich mit den anderen Mädchen gut, aber auch mit den Jungs. Sie stand immer ein bisschen zwischen den Cliquen in der Klasse und konnte irgendwie mit jedem gut auskommen. Sie hatte auch sehr gute Freunde, die immer zu ihr standen.

Ein Rollenspiel, das alle zufrieden machte
– außer sie selbst

Nach der Schule studierte sie. Sie kam ein bisschen in der Welt rum: Holland, USA, Japan. Und am Ende des Studiums landete sie in Zürich. Sie machte da ordentlich Karriere. Fand auch dort wieder viele Freunde, ohne die Beziehung zu den guten Freunden von früher abreißen zu lassen.

Nach außen war sie eigentlich immer fröhlich, und so fühlte sie sich auch meistens. Aber gleichzeitig fühlte sie sich gefangen, denn seit sie geboren war, steckte sie in einem männlichen Körper. Ihr ganzes Leben bestand aus zwei Gegensätzen. Sie wollte gerne all die Mädchensachen machen. Wünschte sich, dass sich ihr Körper wie der der anderen Mädchen entwickelt. Auf der anderen Seite traute sie sich nicht über ihre Gedanken und Gefühle zu reden und machte alles, damit niemand merkte, wie sie wirklich fühlt. Sie baute in ihrem Kopf viele männliche Verhaltensregeln auf und spielte ihre Rolle so gut, dass für alle klar war, sie sei ein glücklicher Junge.

Doch vor zwei Jahren erkannte sie sich selbst nicht mehr. Ihre sich selbst auferlegten Regeln machten sie zu einer Person, die sie nicht mehr kannte. Dieses breitbeinige Laufen. Der Zwang, immer die starke Persönlichkeit sein. Der Druck und der Zwang, die Rolle eines Mannes zu spielen, waren einfach zu viel.

Der Weg aus dem Schweigen ins Glück

Das hatte aber gute Folgen: Es führte dazu, dass sie anfangen konnten, über ihre Gedanken mit anderen zu reden. Zuerst mit einer Psychologin und dann mit guten Freunden. Der Stein der Veränderung kam ins Rollen. Sie fasste Mut, etwas an ihrer Situation zu ändern und zu der Person zu stehen, die sie ist.

Inzwischen kennt man mich als Stefanie. Ich habe mich für eine Geschlechtsangleichung entschieden. Der Weg aus dem selbstkonstruierten, gedanklichen, männlichen Gefängnis hin zu einer freien Frau ist sehr lang und unsicher. Jeden Tag mache ich einen kleinen Schritt, manchmal auch mehrere. Immer wieder muss ich allerdings auch bereit sein, einen Schritt zurückzugehen und Situationen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich habe einen Plan mit den wichtigsten und grössten Stationen auf meinem Weg. Dieser Plan geht jetzt noch mindestens 3 Jahre. Im Alltag konkret plane ich immer nur die nächsten Wochen. Ein Geschlechtswechsel hat viele Bedeutungen auf so vielen verschiedenen Ebenen, dass ich meinen Weg nicht bis ins kleinste Detail durchplanen kann. Ich gebe mir selbst also Zeit und gestehe mir Gelassenheit zu. Ich entscheide, welche Schritte nötig sind, wenn ich in der Situation stecke, in der entschieden werden muss. Vorher versuche ich, einfach ruhig mein Leben zu leben.

Die Resonanz auf meine Geschlechtsangleichung war gut. Das hat mich überrascht – auf positive Art. Meine Freunde stehen hinter mir. Ich habe bis jetzt keine Freunde aufgrund meiner Transition verloren. Ganz im Gegenteil: Ich habe viele neue Freunde gefunden und konnte mit alten Freunden unsere Beziehung vertiefen. Mein Umfeld gibt mir viel Kraft und macht mich sehr glücklich.

Verständnis haben nicht alle

Jeder Mensch, der es weiß, geht mit meinem Wechsel unterschiedlich um. Es gibt einige, für die ist ein Geschlechtswechsel das natürlichste der Welt und sie tun so, als ob nichts passiert sei. Andere brauchen etwas Zeit, um mit der neuen Situation umzugehen. Mein engerer Familienkreis unterstützt meine Entscheidung und meinen Weg. Doch ich sehe auch: Je länger ein Mensch mich kennt, desto schwieriger ist mein Wechsel für diese Person. Ich sehe, wie schwierig meine Situation für meine Familie ist, aber umso glücklicher und stolzer bin ich, dass sie meinen Weg inzwischen wirklich akzeptiert.

Auf der Straße ist das oft anders. Ich habe ein ganz gutes „Passing“, sprich: ich falle trotz meiner Grösse auf der Strasse wenig auf. Trotzdem bemerke ich missbilligenden Blicke von einigen und fange mir den einen oder anderen „Transen-Kommentar“ ein. Für einige Menschen tue ich offensichtlich etwas Verbotenes, was sie nicht verstehen können (oder wollen). Die Reaktionen verunsichern mich überhaupt nicht – ich bin auf dem richtigen Weg – aber sie machen mich traurig. Warum gestehen mir diese Menschen nicht ich die gleichen Selbstbestimmungsrechte ein, die sie selbst auch haben? Nein, ich wurde nicht falsch erzogen. Nein, ich habe mir das nicht ausgesucht. Es ist einfach passiert: Ich bin eine Frau in einem männlichen Körper. Ich möchte gerne von der Gesellschaft das Recht haben, selbst zu bestimmen, wer und was ich bin.

Ich glaube, dass viele der negativen Reaktionen auf eigener Verunsicherung und Unwissen beruhen. Ich möchte mit meiner kurzen Geschichte einen kleinen Beitrag leisten und darüber aufklären, dass sich Trans*-Personen ihre Situation nicht ausgesucht haben. Dass es kein Lifestyle ist, trans* zu sein. Dass die Tatsache, als Mann geboren zu sein, nicht bedeutet, sich als Mann zu identifizieren. Und dass man nicht von Mann zur Frau (oder umgedreht) wird, sondern dass man das schon immer war. Ich wünsche mir, dass dieser Text seinen Beitrag zum Verständnis dazu leistet.

 

  • Kathi

    Liebe Stefanie, vielen Dank für deinen Einblick in dein Leben. Ich wünsche dir für deinen weiteren Weg weiterhin so viel Unterstützung, Verständnis und Gelassenheit im Umgang mit Personen, die dich leider noch nicht, so wie du bist, akzeptieren können.

  • Giliell

    Vielen Dank für deinen Text.

    Es freut mich sehr, dass dein Umfeld positiv reagiert hat und wünsche dir alles Gute auf deinem weiteren Weg.

  • San

    Danke für den schönen Text! Insbesondere der Wechsel von der Außenperspektive auf deine Ich-Perspektive macht ziemlich deutlich, wie sich dein Leben verändert hat. Freue mich, das auf kleinerdrei zu lesen – wieder eine respektvolle, zugleich emotionale und unaufgeregte Schilderung eines Trans*wegs mehr im Dickicht transphober Berichterstattung.

  • dot tilde dot

    ach so! danke!

    .~.