Bruchreif

CC 2.0 , by Hakan

Ich war in den vergangenen Jahren gut unterwegs: Feiern, studieren, flanieren. Nur im Wohnzimmer war ich selten. Dort saß mein Vater und fragte sich, was er falsch gemacht hat und warum sein Sohn dieses Leben führt. Die Beziehung, die wir zueinander haben, geht kaputt.

„Ich wünschte, du hättest nur einen Hauptschulabschluss“ sagt mein Vater. Er klatscht mir diesen Satz ins Gesicht und holt tief Luft für den nächsten, aber seine Stimme versagt. Er versinkt ins Sofa, das Leder knarzt, sonst ist es still, er krallt seine Hände ineinander und spannt sie vor die Knie. Er kann mich nicht mehr anschauen, also presst er die Augenlider zu und versucht, die Tränen zu unterdrücken. „Passt schon!“ flüstert er sich zu und konzentriert sich auf seine Atmung, zieht die Luft langsam ein, pustet sie langsam wieder aus. „Passt schon!“, flüstert er ein zweites Mal und ein zweites Mal entgleitet ihm seine Stimme. Da fängt er schließlich an zu weinen.

Ich habe Abitur. Nein, das muss ich präziser formulieren; ich habe mein Abitur nur, weil mein Vater ununterbrochen für mich gekämpft hat. Mit dem Geld, das er in all den Jahren für Nachhilfe ausgegeben hat, hätte er sich einen Kleinwagen kaufen können. Er hat es lieber in mich investiert. Er hat jeden Elternabend besucht, er ist in jede Sprechstunde von jedem einzelnen meiner Lehrer gegangen, einmal in jedem Halbjahr. Elf Jahre lang, auch dann noch, als ich zum zweiten Mal sitzengeblieben bin und ein Lehrer ihm mitgeteilt hat, dass Deutschland ja auch KFZ-Mechaniker brauche. Das sei sogar recht üblich für türkische Kinder, wie der Lehrer meinte.

Mein Vater schüttelte den Kopf, als er mir das damals erzählte. Lehrer müssten doch darum bemüht sein, ihre Schüler zu unterstützen und sie zu motivieren, oder nicht? Dass sein Sohn mit dem Hauptschulabschluss zufrieden sein solle, wo er es doch schon auf das Gymnasium geschafft hat, das als gut gemeinten Tipp zu hören, hat ihn getroffen. Ich dürfe auf keinen Fall ein ‚einfacher Arbeiter‘ werden, „ich bin nach Deutschland gekommen, damit du es besser hast als ich“ war seine Begründung. Arbeitsschichten bis Mitternacht, Vorgesetzte, deren Sätze in Ausrufezeichen enden, kämen nicht in Frage für mich. Um das sicherzustellen, brauchte ich dieses Abitur. „Wenn du dich später für einen Job bewirbst, musst du besser sein als die Deutschen“, hat er zu mir gesagt, direkt nachdem der Lehrer diesen Satz in ihn gedrückt hat, „denn wenn du genau so gut bist, dann kann ja auch der Deutsche den Job haben. Wenn du besser bist, können sie dich nicht benachteiligen.“ Also ja, ich habe Abitur. Aber das hätte ich niemals ohne meinen Vater.

Und jetzt sitzt mein Vater vor mir, weint und wünscht mir einen Hauptschulabschluss. Ich frage mich, wo denn genau das Problem ist? Ich frage ihn, warum er das sagt. Er weiß doch selbst, wie verletzend dieser Satz ist, für ihn und für mich. Ich will auf ihn zugehen, aber er hebt mir seine Handfläche entgegen. Ein Stoppschild, bis hierher und nicht weiter. Ich setze mich neben ihn, flüstere, dass es mir leid tut und weiß nicht, wofür genau ich mich da eigentlich entschuldige.

Ich wusste, dass mein Vater unzufrieden war. Wenn ich an Wochenenden um fünf Uhr morgens aus dem Club nach Hause kam und er bereits auf den Beinen war, weil um fünf Uhr Zeit ist für das Morgengebet, da schaute er mich an, als hätte ich einen Kleinwagen zu Schrott gefahren. Den Sonntagmorgen würde ich verschlafen. „Was glaubst du, wieso du den Koran auf arabisch lesen kannst?“, hat er mich nachmittags gefragt. „Andere sind für dich jeden Sonntag aufgestanden, Elhamdülillah, Gott sei Dank, haben ihre Freizeit geopfert und haben sich trotz einer harten Arbeitswoche aufgerafft und es dir beigebracht, deswegen“. So wie er seine Freizeit innerhalb der Woche in meiner Schule verbrachte. Die kleinen Kinder in den Moscheen bräuchten jemanden, der sich die Zeit nehme, ihnen arabische Schriftzeichen zu erklären. Ich hätte davon profitiert, also sei es meine Pflicht, sonntags gefälligst in der Moschee zu sitzen.

„Wir verlieren euch hier!“

Ich wusste nicht, dass sich diese Unzufriedenheit in meinen Vater eingenistet und sich erst in Verbitterung und von dort aus in Depression gewandelt hat. Ich habe es einfach nicht gemerkt. Während er im Wohnzimmer saß, schlief und weinte, war ich studieren, reisen, nebenjobben, feiern, flanieren. Im Wohnzimmer war ich selten, in der Moschee ebensowenig.

Nach einem Freitagsgebet spricht mein Vater in kleiner Runde über seine Trauer. Er verlange doch nicht zu viel von seinem Sohn, oder? Ein gottgefälliges Leben solle er führen, nach den Regeln des Koran leben; eine Frau heiraten, fünfmal am Tag beten, das war’s schon, mehr will er doch gar nicht. Die anderen Männer, selbst Väter, nicken ihm zu. Sie haben keine guten Ratschläge, nur ähnliche Geschichten über die eigenen Kinder. Einer lungere seit dem Hauptschulabschluss zu Hause rum, ein anderer habe ein uneheliches Kind, die Tochter des Nächsten rauche Gras. Die Väter eint, dass sie alleine sind, auf sich gestellt und keine Hilfe finden. Sie haben keinen Zugang zu ihren Kindern und ihrer Welt, sie bleiben außen vor, können nur zuschauen. Die Kinder machen ja eh, was sie wollen. Die Väter werfen sich vor, als Eltern versagt zu haben, sie hatten sich ein anderes Leben erhofft. Eines, in dem die Kinder das tun, was die Eltern erwartet haben. „Natürlich verzweifeln wir“, sagt mir einer dieser Väter, „wir verlieren euch hier.“

Das Ergebnis überrascht ihn selbst, sagt Dr. Mike Mösko vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er hätte gedacht, die Zahlen würden sich nur minimal unterscheiden; wenn man die Gesamtbevölkerung untersuche, müsste rauskommen, dass Türken mit einer leicht höheren Wahrscheinlichkeit an einer Depression erkranken werden als Deutsche, das stehe so in der internationalen Literatur. Zusammen mit der Charité in Berlin hat das Klinikum in Hamburg ein Forschungsprojekt gestartet, gefördert von der Volkswagen-Stiftung. „Seelische Gesundheit und Migration“ heißt es und lief insgesamt über dreieinhalb Jahre. Untersucht wurde unter anderem, wie häufig Menschen mit türkischen Migrationshintergrund psychisch erkranken und ob sie dann einen Arzt aufsuchen.

Die Interviews dauerten teilweise fünf Stunden, bis zu 1000 Fragen wurden gestellt. Haben Sie Schwierigkeiten, morgens aufzustehen? Können Sie sich an Dingen des Alltags erfreuen? Haben Sie negative Gedanken? Neigen Sie zum Grübeln und so weiter. 663 Menschen wurden befragt. In der Zusammenfassung der Studie, die jetzt* herausgekommen ist, steht, Migranten hätten eine „erhöhte Prävalenz“ für psychische Störungen. Im Falle von Depression ist sie gleich um ein Vielfaches erhöht: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch mit türkischem Migrationshintergrund an einer Depression erkrankt, liegt drei mal so hoch wie die eines Deutschen“, sagt Dr. Mösko. Diese Prävalenz sei besonders bei Senioren zu beobachten.

Eine ausführliche Erklärung dafür, wie die Zahlen gedeutet werden müssen, liefert die Studie nicht, sie formuliert nur den Status Quo. Und der Status Quo sieht auch so aus, dass diejenigen, die depressiv erkrankt sind, ebenso häufig zu Ärzten und Psychologen gehen wie Deutsche auch. Bevorzugt zu denen, die ihre Sprache sprechen.

Mein Vater ist zwei Jahre lang zu einer Psychologin gegangen. Er hat gesehen, dass seine Ängste ihn zerfressen, also hat er gehandelt. „Merhaba Frau Doktor, bitte helfen Sie mir, ich bin nicht einverstanden mit dem Leben, das mein Sohn führt. Ich bin ein frommer Mann, ich glaube an den Islam. Mein Glaube verlangt, dass man heiratet, bevor man miteinander schläft. Mein Sohn ist 28 und unverheiratet; ich bin ja nicht dumm, bestimmt hat er Sex. Das heißt, er lebt in Sünde. Ich fühle mich schuldig, dass ich ihm unseren Glauben nicht beibringen konnte. Er geht kaum in die Moschee, er betet nicht, er hat kaum türkische Freunde, er lässt mich nicht an seinem Leben teilhaben.“

Ich weiß, was mein Vater gesagt hat, weil er diese Gespräche auch mit mir führt. Die Antworten, die ich ihm gebe, gefallen ihm aber nicht. „Ja, du hast alles für mich getan“, sage ich, „und dafür bin ich dankbar.“ Ich sage aber auch, dass er nicht von mir verlangen darf, seinen Wunsch zu leben. Ich sage, dass er den Glauben einsetzt, wie es ihm passt. Wir diskutieren über Koran-Auslegungen in punkto Heirat und wenn ich schon mit der Religion argumentieren kann, dann ist das ja wohl der größte Beweis dafür, dass er mir offensichtlich die Religion näher bringen konnte, wieso er das denn nicht einsehen könne.

Sachlich geht nicht mehr

Während der Diskussion wird meine Stimme lauter, sachlich geht nicht mehr, wir streiten uns allen Ernstes darüber, wie ich mein Leben zu leben habe. Das macht mich wütend, das sage ich auch, mein Vater fühlt sich angegriffen. Er will doch nur das Beste für mich, sagt er, und wie er das sagt, die überzeugte Betonung von jeder Silbe, macht mich fertig. „Ich will nicht der Grund sein dafür, dass es dir scheiße geht“, sage ich, „aber du kannst dein Glück nicht von meinem Leben abhängig machen. Das ist unfair mir gegenüber.“ „Meine Psychologin hat das auch gesagt“, erwidert er, „sie meint, ich müsse akzeptieren, dass du anders lebst, als ich mir das gewünscht habe – aber das kann ich einfach nicht. Tut mir leid.“

Die Gespräche zermürben uns und auch wenn wir uns kurz darauf bei einander für den Tonfall entschuldigen, wissen wir zwei Sachen. Erstens, wir werden uns wieder streiten. Zweitens, wir kommunizieren nicht, hören einander nicht zu, wir attestieren uns Unverständnis. Ich würde aber gerne verstehen, eine Lösung finden, einen Weißt-du-noch-wie-wir-uns-damals-gestritten-haben-Dialog, dass der Streit vorbei ist, eine komplikationsfreie Vater-Sohn-Beziehung, ein Happy End. Also versuche ich es auf einem anderen Weg: ich will Menschen, mit denen ich reden kann. Vielleicht kann ich das Problem lösen, wenn es mir ein anderer Mensch aus seiner Sicht erklärt.

„Es ist gut und wichtig, dass Patienten über ihre Ängste sprechen“, sagt Dr. Elif Cindik-Herbrüggen, „aber um eine Depression zu bekämpfen, müssen sie aktiv werden und Dinge unternehmen, die ihnen Spaß machen.“ Cindik-Herbrüggen leitet Münchens einzige türkischsprachige Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie, ihre Patienten reisen teilweise 200 Kilometer, um sich von ihr behandeln zu lassen. Sie hat eine Liste erstellt mit Dingen, die potentiell Spaß machen könnten. Spazieren gehen, das Bett frisch beziehen, ein Fußballspiel anschauen, schmusen. „Für jemanden, der keine Energie mehr hat, ist selbst das Duschen eine unüberwindbare Hürde“, sagt Cindik-Herbrüggen.

Türkenpraxis, vastehse?

Die türkischen Senioren kommen zu ihr, weil sie hier in ihrer Muttersprache reden können anstatt mit Händen und Füßen. Frauen und Männer, die so depressiv sind, dass sie nicht mehr reden können und Glück nur noch in Pillenform kennen. Die Senioren können der Psychiaterin en détail erklären, warum sie in und an Deutschland verzweifeln. Und vermutlich kommen sie auch, weil Cindik-Herbrüggen eine sehr angenehme Person ist. Auch meinem Vater wurde sie empfohlen. Ihr Harvard-Diplom prangt gut sichtbar an der Wand hinter ihr. Darauf angesprochen sagt sie, das hänge da nur für ihre deutschen Patienten, „die Türken wissen ja gar nicht, was Harvard ist. Die Deutschen denken immer ‚Türkenpraxis, vastehse?‘ – sie spricht jetzt Ghettoslang – „aber wenn sie das Diplom sehen, denken sie, ‚Na, die kann ja doch was!'“

Cindik-Herbrüggen leitet eine Gruppentherapie für Frauen, in der sie hin und wieder Rosinen verteilt. Die Patientinnen sollen die Rosinen mit den Sinnen wahrnehmen. Auf den Tisch legen und angucken, in die Hand nehmen und erfühlen, über die getrocknete Oberfläche fahren, sie in den Mund nehmen, – wie fühlt sich das an auf der Zunge? – dann schließlich zerbeißen, schmecken. „Die Menschen müssen sich spüren. Viele dieser Frauen sind betäubt, gerade, wenn sie lange Zeit in Abhängigkeit gelebt haben, die können nicht mitteilen, wie sie sich fühlen“, sagt Cindik-Herbrüggen. In Abhängigkeit, beispielsweise von ihren Kindern, die nicht merken, wie schlecht es ihrer Mutter geht. Eine Mutter, die sich unter Druck setzt und jeden Tag Suppe kocht, obwohl sie keine Kraft mehr dafür aufbringen kann. Aus Angst davor, dass die Kinder es ihr ansonsten verübeln würden. Mit der Rosinen-Übung nehmen die Patienten sich selbst wahr, lernen „ich“ zu sagen. Wer „ich“ sagt, achtet auf sich und seine Bedürfnisse und merkt, wenn sich etwas gut anfühlt.

Cindik-Herbrüggen nimmt mich mit in eine dieser Sitzungen. Ein kleiner Stuhlkreis, zwölf Frauen und ich. Ich erzähle von meinem Vater, von seinen enttäuschten Wünschen und den meiner Meinung nach unfairen Erwartungen. Die Frauen schauen, wie die Männer beim Freitagsgebet. Ich könnte ohne Probleme ihr Sohn sein, sagen sie und lachen, als wären wir beim Teekränzchen. Diese Treffen hier sind wichtig für sie, für manche das Highlight der Woche. Jede hier im Raum will, dass mehr Menschen von ihrem Leid lesen. Sie haben aber Angst, beim Namen genannt zu werden. „Man will ja doch ein Stück Restwürde bewahren“, sagt eine von ihnen, eine andere fragt sich, was die Leser des Artikels wohl denken werden über sie: „Werden die Deutschen uns belächeln?“, fragt sie, „werden sie ‚ach, diese schwachen türkischen Frauen‘ sagen? Werden sie uns verstehen?“ Sie heißt Filiz, das ist zumindest ihr anonymisierter Name, und sie sagt auch: „Wenn es nach mir geht, kann da schon mein Name stehen. Aber ich habe Angst, dass meine Kinder darunter leiden könnten.“

Filiz ist eine Frau, die nur dann „ich“ sagt, wenn sie auf etwas verzichtet. Sie hat sich zum Beispiel noch nie alleine in ein Café gesetzt, um einen Cappuccino zu trinken. Ist ja nicht unbezahlbar, das Geld dafür hätte sie. Aber sie verzichtet. Jeder Cent, von dem nur sie alleine profitieren würde, wird lieber für ihre Kinder gespart. Ihre zwei Töchter hat sie zum Studieren ins Ausland geschickt, je ein Jahr. Sie muss lächeln, wenn sie davon erzählt. Ihren Kindern das zu ermöglichen, macht sie stolz. „Meine beiden Kinder studieren“, sagt sie wieder und kann nicht aufhören zu grinsen, weil sie sich so sehr freut. Aber was ist mit ihr? Sie ist 52, eine kleine Frau mit schmalem Gesicht. Ihre braunen Haare sind kinnlang, ihr Mantel entschieden zu groß, er verschluckt ihren Körper. „Schau, wie ich herumlaufe“, sagt sie, „aber mein Geld ist für meine Kinder. Das ist bei uns Türken einfach so. Bei deinem Vater ist das bestimmt nicht anders.“

Das Geld bringt Erwartungen mit sich

Sie hat Recht, aber hallo, hat sie Recht. Das Geld für die Kinder auszugeben, ist ein Standardverfahren in vielen türkischen Familien, zumindest in meinem Umfeld. Das geht so weit, dass die Eltern sich am Ende jede Art von Freude aus dem Leben kürzen. Das gute Leben wäre ja kein Traum, sie müssten nur Geld investieren und es zulassen, hier glücklich zu werden. Aber sie verzichten, sie verleugnen ihr „ich“, wie Cindik-Herbrüggen es nennt. Mal an sich selbst zu denken, das verbieten sie sich. Was zählt, ist nie die eigene Person, sondern Brüder, Schwestern, Verwandte in der Türkei oder eben die Kinder. Mein Vater hat 30 Jahre gebraucht, bis er sich endlich ein Auto gekauft hat, bei dem er lächeln muss, wenn er auf das Gaspedal drückt. Davor ging jeder Cent für mich drauf: ein brandneuer Computer für mich, Schuhe, Hose, Pullis für mich, Handys für mich, mich, mich.

Aber das Geld bringt auch Erwartungen mit sich. Ihre Tochter wollte „mal ausziehen“, sagt Filiz. Sie sagt das so, als ob sie mir einen guten Witz erzählen würde. Ihre Tochter hatte schon eine Wohnung, Studenten-WG, Innenstadt, für sie war das alles kein Scherz. Aber Filiz hat ihr gedroht – „Wenn du ausziehst, rede ich nie wieder mit dir“ – und das hat gereicht, um die Willenskraft der Tochter zu brechen. Sie ist am gleichen Tag zu ihrer Mutter zurückgezogen.

Ausziehen darf die Tochter nur, wenn sie verheiratet ist. Das ist Tradition, also wird sie auch befolgt. „Ich bin doch auch für meine Kinder hier“, sagt Filiz. Sie erfülle ihren Teil der Tradition, warum solle die Tochter das nicht tun? Ich erzähle Filiz, dass ich ausgezogen bin, vor zwei Jahren erst, mit 28. Mein Vater war gekränkt, wollte es verhindern, ich könne ja auch zu Hause Untermiete zahlen, hat er gesagt. Filiz nimmt meinen Vater in Schutz. „Na klar will er das verhindern. Wer will seine Kinder nicht bei sich haben?“, sagt sie, und dann: „Ihr versteht uns falsch. Ihr denkt, wir wollen euch etwas Böses.“

„Die türkischen Migranten könnten auch in der Türkei depressiv werden, sie schieben manchmal zu viel auf ihr Leben in Deutschland“, sagt Cindik-Herbrüggen. „In der Türkei würden sie ja schließlich auch einen normalen Generationskonflikt ausleben. Doch das Leben in einem fremden Land überhöht die Probleme.“ Aus Kleinigkeiten können Krisen werden und den Grund dafür sehen ältere Türken dann in der Kultur des fremden Landes. Das Leben in Deutschland wird so zu einem Sündenbock für ein Problem, das in der Türkei nicht diesen Knall mit sich gebracht hätte. Wenn man die Sprache nicht beherrscht, diskriminiert wird, erlebt, dass man sich nicht selbst helfen kann, da hält man umso fester fest, an dem wenigen, was man hat, kennt und meint, kontrollieren zu können. Depression an sich sei kulturunspezifisch, Cindik-Herbrüggen habe auch französische Patienten, die in Deutschland zerbrechen würden.

Filiz sieht nicht, dass sie ihre Tochter eingrenzt, sie in ihrer Entwicklung hemmt und zurückhält. Als ich ausgezogen bin, war das für meinen Vater eine Ansage. Ich habe eine Entscheidung getroffen, mich gegen die Tradition gestellt; eine weitere Eigenart dieses Landes hier angenommen, in dem es anscheinend kein Problem ist, unverheiratet in einer WG mit anderen, ebenfalls unverheirateten, Menschen zu ziehen. Auch wenn mein Vater es heute zähneknirschend akzeptiert, ist dadurch ein weiterer Bruch zwischen uns entstanden. Ich entscheide mich in diesem Land, in dem er sich fremd fühlt, gegen ihn. In seinen Augen lasse ich ihn allein mit seinen Problemen. Filiz sieht das genau so: Wenn ihre Töchter nicht zu Hause wären, wüsste sie nicht, was sie tun sollte. Sie habe zu Hause eine elektrische Heizdecke, unter die sie sich kuschele, wenn ihre Kinder in der Universität sind. Wenn ihre Kinder außer Haus sind, geht sie nicht raus, nicht ins Café, nicht zum bummeln in die Stadt, nicht zu ihren türkischen Nachbarn, weil sie das alles langweilt; „Was dort geredet wird, bringt mir nichts“, sagt sie und verkriecht sich stattdessen lieber in ihr warmes Bett. Sie ist allein ohne ihre Töchter.

Bleiben, ackern, zurückwollen

Filiz ist angewiesen auf sie. Sie selbst kann nur ein paar Brocken Deutsch, das heißt, jeder Schrieb muss von ihren Töchtern gelesen und beantwortet werden. Handy-Verträge, Rechnungen, Briefe vom Amt, Steuererklärungen, in Deutschland gibt es viel zu lesen in den Briefkästen. Filiz zuckt mit ihren Schultern: „Was soll ich machen?“ Sie kann nun mal diese Sprache nicht und jetzt anzufangen, da ist es auch schon zu spät für.

„Wenn ich diese Sprache könnte“, sagt mein Vater, „ich würde dich nie wieder um einen Gefallen bitten“. Auch er spricht nur ein paar Brocken Deutsch, viel zu wenig, um die Behördensprache zu verstehen. Als er kam, wollte er nur kurz mal bleiben, paar Jahre hart ackern und Geld scheffeln. Warum sollte er dafür die Sprache lernen, dachte er sich damals? Jetzt, ein halbes Leben später, ist er immer noch in Deutschland und bereut es. Zwischendurch hat er versucht, sich die Vokabeln und Grammatikregeln reinzupauken. Mit dem Bleistift hat er sich Notizen gemacht, wenn er glaubte, Muster zu erkennen. Immerhin ist er studierter Lehrer. Aber es hat nicht geklappt. Die Arbeit ermüdet, er hat nicht verstanden, wie die Grammatik aufgebaut ist, da hat er es gelassen. Also schreibe ich alle Kündigungen, Beschwerdebriefe und Emails.

Vor ein paar Wochen hat er mir einen Zettel in die Hand gedrückt, ich sollte einkaufen gehen. Im Supermarkt habe ich mir die Liste angeschaut. Gurken, Tomaten, Zahnpasta stand auf ihr und, ganz unten, „Spätzi“. Er meinte Spezi, den Cola-Fanta-Mix. Zu Hause angekommen, habe ich ihm gesagt, wie man das richtig schreibt. Er hat mich angestarrt, zwei Sekunden, dann hat er gelacht. Er hat sich geschämt dafür, dass er die Sprache nicht kann. Jeder Brief, den ich schreibe, erinnert ihn daran, dass das eigentlich seine Aufgabe wäre. Auch auf dieser Ebene sind Filiz und mein Vater angewiesen auf ihre Kinder. Wir regeln ihren Alltag.

Wieso geht sie eigentlich nicht in die Türkei, frage ich Filiz. Was soll das denn? Sie spart sich in Deutschland ihre eigene Existenz weg, vegetiert vor sich hin, ihr ganzes Geld investiert sie in ihre Kinder, die sie am Ende auch noch einengt, weil sie Angst davor hat, alleine zu sein. Wäre es da nicht besser, in die Türkei zu gehen? Filiz antwortet: „Das sagen mir meine Kinder auch.“ Sie lacht wieder. „Sie sagen mir: ‚Geh‘ zurück in die Türkei. Du musst nicht wegen uns hier bleiben. Wir kommen schon klar.‘ Und sie haben Recht.“

Die sechs Wochen Urlaub in der Türkei jedes Jahr, waren die sechs Wochen, in denen mein Vater am Stück gut gelaunt war. Das Fleisch ist helal, die Geschwister wohnen um die Ecke, den Gebetsruf hört er fünfmal am Tag. „Das reicht doch für ein gutes Leben“, sagt er. Die restlichen Wochen in Deutschland hat er sich eingeredet, dass er jetzt aber wirklich in zwei Jahren spätestens zurückkehren werde, er wolle nur noch kurz warten, bis ich geheiratet habe.

Die Türken, die in Deutschland leben, sind sehr oft total „verdeutscht“, so Cindik-Herbrüggen: „Die sitzen dann in der Türkei und regen sich darüber auf, dass die Busse zu spät kommen. Sie vermissen dann ganz banale Dinge.“ Wie das dann aussieht, sieht man zum Beispiel in dem Dokumentarfilm „Am Rande der Stadt“ von Aysun Bademsoy. Sie hat Gastarbeiter besucht, die das getan haben, wovon mein Vater immer nur spricht: Sie sind für immer in die Türkei zurückgekehrt. Sie haben sich dort Wohnungen gekauft – und leben jetzt in Siedlungen, abgeschottet von der restlichen Stadt. Sie bleiben unter sich, finden keinen Weg in die Gesellschaft dort. Sie sind in Deutschland gescheitert und in der Türkei klappt es auch nicht. Eine Gastarbeiterin im Film sagt: „Die Türken hier sind nicht wie wir ‚Deutschländer‘. Sie lächeln dich an und lästern vielleicht hinter deinem Rücken.“ Allein der Begriff, Deutschländer, da steckt so viel Distanz.

Mit Filiz kann ich reden, mit meinem Vater nicht

Auch Filiz redet von der Türkei erst so wie mein Vater. Als idealisierter Ort, an dem automatisch alles besser wird: „Klar ist in der Türkei viel mehr los. Ich treffe mich dort mit Freundinnen, lasse mir meine Klamotten nach Maß schneidern und mache alles, was ich mir hier verbiete.” Das sei nunmal ihre Heimat. „Aber was ist, wenn ich dort dauerhaft leben würde und meine Kinder in Deutschland sind?“, fragt sie. „Dann würde ich nachts nach Hause kommen und wäre wieder allein.“ Da bleibt sie lieber bei ihren Kindern. „Das muss doch reichen für ein gutes Leben“, sagt sie.

Während ich mit Filiz rede, merke ich, dass sie die gleichen Argumente hat wie mein Vater. Gut, mein Vater ist religiöser, das scheint bei Filiz keine herausragende Rolle zu spielen. Aber abgesehen davon sind es die gleichen Probleme. Aber wenn Filiz mit mir redet, kann ich zuhören. Bei meinem Vater hätte ich sofort eine Antwort, eine Rechtfertigung, eine Reaktion, eine Anschuldigung. Ich hätte ein halbes Leben, das ich ihm vorhalten könnte.

Filiz sagt, sie habe gemerkt, dass sich etwas ändern müsse. „Ich muss mich um mich selbst kümmern“, sagt sie und das ist das erste Mal, dass sie in unserem Gespräch „ich“ sagt und wirklich nur sich meint. Die Therapie bei Cindik-Herbrüggen ist ihr Versuch, sich selbst zu helfen. Die Psychiaterin sagt, in der Gruppentherapie öffnen sich die Patientinnen, sie nehmen sich als Individuen wahr. Aus Filiz, der Mutter, wird einfach nur Filiz.

Als ich Dr. Mösko, dem Mann vom Universitätsklinikum in Hamburg, geschrieben habe, um ihm ein paar Fragen zu stellen über die Studie, habe ich in einem Nebensatz erwähnt, dass mein Vater ebenfalls depressiv erkrankt ist. In seiner Antwortmail hat Mösko geschrieben: „Wie ich aus meiner Praxis als Psychotherapeut weiß, ist eine solche Störung nicht nur für Ihren Vater, sondern oftmals auch für die Angehörigen mit enormen Belastungen verbunden.“

Ich kann kein Gespräch führen mit meinem Vater, ohne dass ich mich danach schlecht fühle. Ich konnte den Satz mit der Hauptschule bis heute nicht verdauen. Auch wenn ich in der Zwischenzeit weiß, dass es dabei nicht um mich geht, sondern um ihn. Wenn ich so früh schon fertig gewesen wäre mit der Schule und der Ausbildung, dann hätten sich die Probleme, die wir jetzt haben, ganz von alleine gelöst, glaubt mein Vater. Ich hätte seit zehn Jahren einen Job, wäre verheiratet, würde fest im Leben stehen. Er könnte dann ja wirklich in die Türkei zurückkehren und alle paar Monate mal nach Deutschland reisen, Urlaub machen, sich über pünktliche Busse freuen. Perfekt. Zumindest von hier, wo wir jetzt stehen, scheint es so.

Aber ich bin nun mal nicht verheiratet. Das bedeutet, mein Vater kann kein typisch türkischer Vater sein. Auf jeder Hochzeit, bei jedem Moscheebesuch, bei jeder Reise in die Türkei, immer muss er den gleichen Smalltalk führen. „Na, was macht dein Sohn?“, „Sollte er mal nicht langsam heiraten?“, „Findet er keine Frau?“. Ich zwinge ihn in eine Rolle außerhalb der Tradition, in eine Rolle, in der er sich absolut unwohl fühlt. All diese Smalltalks üben Druck aus auf ihn, machen ihn sauer. Und diesen Druck gibt er unkanalisiert an mich weiter. Er will doch nur, dass ich auch endlich, endlich, verdammtnochmal heirate und es bei ihm so normal abläuft, wie bei anderen Türken in Deutschland auch.

Für die schönen Seiten gibt es nur Nebensätze

Aber dann bin da noch ich. Ich will keine Tradition übernehmen, die ich nicht verstehe. Aus. Und überhaupt: Was ist denn mit all den guten Seiten? Habe ich nicht auch einen freundlichen Klaps auf die Schulter verdient, eine Umarmung vielleicht, ein „Ich bin stolz auf dich, du hast es geschafft“? „Das bin ich doch“, sagt mein Vater. Aber er konzentriert sich so sehr auf das Negative, dass da kein Platz mehr bleibt für die schönen Seiten. Die werden abgespeist in Nebensätzen, die ganz schnell gesagt sind.

Wieso gehe ich ins Wohnzimmer und fühle mich, als ob ich einen Menschen gebrochen hätte?

Ich habe verstanden, dass ich zu weit weg bin von meinem Vater. Dass er teilhaben will an meinem Leben und dass ich wahrscheinlich zu ungeduldig war, ihm nicht immer alles erklärt habe, in der Ausführlichkeit, die es nun einmal braucht, wenn da jemand ist, der mit deiner Lebenswelt nichts anfangen kann und Deutschland immer noch als Zwischenstopp sieht. Wie gesagt: ich war lieber reisen. Dafür brauchte ich nur ein Ticket, aber keine Geduld, kein Mitgefühl.

Mein Vater hat jetzt ein Smartphone und ein Tablet. Er schreibt mir auf Whatsapp, wir skypen, telefonieren, reden öfter miteinander. Whatsapp ist perfekt dafür, kleine kurze Nachrichten, „Hallo, was machst Du?“, „Ich bin in Berlin“, zack, Foto anhängen, er schickt mir eins von sich. Schon hat mein Vater das Gefühl, dass er weiß, was ich mache, hat Teil an meinem Leben. Ab und an schickt er mir auch dort Wutausbrüche, „Ich hätte mir mehr erhofft“, aber an und für sich ist das ein Fortschritt, mehr miteinander zu reden.

Ich habe meinem Vater vorgeschlagen, eine Familientherapie zu machen. Er und ich, wenn eine dritte Person dabei ist, die wirklich nur an der Sache interessiert ist, dann könnte es klappen, oder? Er hat abgelehnt. „Es geht um die Religion und so lange du in Sünde lebst, wie soll das da funktionieren?“, hat er geantwortet. Am Telefon habe ich das Dr. Mösko erzählt. „Es ist gut und wichtig, dass Sie den Kontakt noch nicht abgebrochen haben“, hat er gesagt. Ab und an habe ich wirklich darüber nachgedacht. Es wäre alles einfacher. Ein harter Schnitt, eine Hölle aus Schmerz, die ich ertragen muss, dann würde es gehen, vielleicht. Zurück bliebe dann aber wirklich ein Mann, der seinen Sohn verloren hätte, den ich gebrochen hätte.

Ich habe meinem Vater diesen Text vorgelesen. „Ich wünschte, Du hättest nur einen Hauptschulabschluss“, habe ich gelesen, ich klatsche ihm diesen Satz ins Gesicht und hole tief Luft für den nächsten, aber meine Stimme versagt. Ich hole Luft, atme langsam ein, langsam aus, arbeite mich Absatz für Absatz durch.

Vielleicht überlegt er sich das mit der Familientherapie ja noch. Sonst weiß ich auch nicht weiter. Aber ich hätte gerne ein Happy End.

*Den Artikel habe ich 2013 geschrieben.

  • Rusen Timur

    Mit diesem Text hast du gerade einen Gastarbeitersohn aus Wien zum Grübeln gebracht. Danke dafür.

  • Honigtropfen

    Respekt – und großartig, diese offenen Gedanken zu lesen und auch an andere Leser und Menschen in ähnlichen Situationen weitergeben zu können!

  • almut

    Danke!

  • Christian

    Danke für diesen Einblick!

  • T.

    Großartiger Text!
    Bringt einen, auch als Deutsche/r, sehr zum Nachdenken.
    Ich hoffe, dein Vater nimmt dein Angebot mit der Familientherapie an.

    Wünsche dir alles Gute und einen schönen Tag!

    • Ben

      Was hat es denn damit zu tun, ob man deutsch ist oder nicht? Das verstehe ich nicht.

      • Eisbör

        Naja ich glaube die Deutschen sind selbstständiger und Eltern freuen sich regelrecht wenn „die Kinder endlich ausgeflogen“ sind und man wieder mehr Zeit für die eigenen Hobbies hat.

        Ich kann mir also nur vorstellen, wie man sich in so einer Situation fühlt.

  • Leo

    respekt – toller text. wünsch dir nur das beste für dich und deinen vater!

  • Mehmet

    Wie wahr, wie wahr. 99% habe ich genauso erlebt. Mittlerweile bin ich mit meinem Vater im Einklang. Bei mir resultierten die Probleme daher, dass ich dachte, dass ich in jeder Situation an meine Interessen denken musste. Derzeit sehe ich, dass auch ich zu individualistisch gedacht habe. Ich gehe öfters auf die Wünsche meines Vaters ein. Er ist zu frieden und ich bin zufrieden.

  • http://getippt.com Heiko Krebs

    Großen Respekt für diesen tollen Text! Danke!

  • Ernstel Sieben

    Die Selbstlosigkeit die Du beschreibst, ist der Haken an der Sache, wie du ja selbst fest gestellt hast, missbrauchen wir die religiöse Moral, wenn wir Erwartungen darann knüpfen. Es wird zu einem Diel mit der Schuld, wie im Christentuhm ist es wohl auch in exoterischem Verständnis bei Musliemen so. Die wörtliche auslegung einer Schriftreligion, gepart mit moralischen Vorderungen, gilt auch in konservativen deutschen Familien als repressions Agument der Väter.

    Ich bin einfach ausgezogen, habe mich komplett abgenabelt und bin ganz egoistisch meine einen Irrwege gegangen, als es nur noch unverständnis gab von der Seite meines Vaters. Du hast ein RECHT, ja sogar keine Wahl Irrwege zu gehen, das ist Erkenntnis aus schmerzlichen Holzwegen. Die ist eben so wichtig wie die ganze Liebe und Fürsorge die Du Gott sei dank erfahren durftest.

    Wenn wir jung sind können wir garnicht anders als egoistisch zu Handeln, bis sich der Erfahrunghorizont erweitert, braucht es viel Zeit bis wir wirklich Emphatie empfinden können, müssen wir uns erst mal selbstbefreien. Das schaffen nicht alle Menschen so wie nicht alle Abitur machen können.

    • Leith

      Unglaublich guter Text, danke schön!!!

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  • ilgnado

    Respekt! Das bringt mich, als Deutschen, zum Grübeln!

  • Martin

    Grossartiger Text.

  • Lau

    Danke!

  • DirkKropp

    Ein ganz großartiger Text.

  • Cihan

    Wow, was für ein großartiger Text und Respekt dafür, dass solche Einblick gibst. Ich wäre vermutlich dazu nicht in der Lage. Ich verstehe deine Situation zu 100%, auch wenn ich diesen Druck niemals von meinen Eltern direkt gespürt habe. Ich habe ihn mir aber eine Weile selber gemacht, weil ich natürlich weiß, dass ihnen am liebsten wäre, wenn ich schon mit einer türkischen Frau verheiratet wäre und Kinder hätte. Sie haben es aber niemals gesagt und stattdessen immer betont, das Wichtigste sei, dass ich glücklich bin. „Ihr seid in diesem Land und in dieser Kultur aufgewachsen und wenn ich hier groß geworden wäre, hätte ich das vermutlich genau so gemacht wie ihr“, sagt mein Vater immer zu mir und meinem Bruder. Er ist kein Akademiker, sondern einfach ein Mensch, der nach der Grundschule in der Türkei angefangen hat zu arbeiten und mit 36 nach Deutschland kam.

    Ich muss aber auch sagen, wenn mein Vater diesen Druck ausgeübt hätte, dann hätten wir sehr wahrscheinlich heute keinen Kontakt. Ja, tut bestimmt weh, aber langfristig gesehen ist es besser keinen Kontakt zu haben. So hast du die Möglichkeit (er vielleicht auch) mit der Sache irgendwann abzuschließen und dein Leben zu leben, ohne sich schlecht fühlen zu müssen. Hört sich egoistisch an, aber wenn er deinen Lebensstil nicht akzeptieren will, gibt es aus meiner Sicht keine andere Möglichkeit! Sonst quält ihr euch bis in alle Ewigkeit!

    Mal was anderes: Hast du den Text auch auf Türkisch?

    • hakantee

      Nein, leider nicht. Mein türkisch ist zwar passabel, wenn ich rede. Aber es reicht nicht aus, um journalistisch was daraus zu machen. Ich plane jedenfalls, ihn mal von einem Dolmetscher gut ins türkische übersetzen zu lassen und dann meinem Dad auf türkisch zu geben.

      Ansonsten: Ja, das mit dem Bruch. Wie gesagt, sehr schwer.

      • Cihan

        Ok, ich verstehe. Meinem Türkisch geht es ähnlich. Vielleicht meldet sich hier jemand, der es freiwillig übersetzen wollen würde :)

        Zum Thema:

        „Zurück bliebe dann aber wirklich ein Mann, der seinen Sohn verloren hätte, den ich gebrochen hätte.“

        Warum denkst du eigentlich so? Warum nimmst die Verantwortung auf dich? Wenn dann hätte er sich selbst gebrochen, weil er dich nicht so leben lassen will, wie du willst. Und der eigentliche Grund dafür ist, warum er dich nicht so leben lassen will ist, dass er auf jeder Hochzeit, bei jedem Moscheebesuch, bei jeder Reise in die Türkei, immer er den gleichen Smalltalk führen muss und drauf keinen Bock hat. Aber ist das wirklich dein Problem? Ich kenne das Problem des gesellschaftlichen Drucks, gerade in der islamischen Welt. Auch meine Eltern hatten dieses unwohle Gefühl, den türkischen Bekannten über meine „ausländischen“ Freundinnen zu erzählen, aber mittlerweile stehen sie total dahinter und auch diese „Bekannten“ haben sich wohlmöglich einmal hinter ihrem Rücken das Maul darüber zerrießen, aber das war es dann auch schon. Wenn man sich diesem Druck hingibt, sperrt man sich in der freien Welt in ein Gefängnis mit unsichtbaren Mauern ein. Leider tun das so viele Menschen, ohne es wirklich zu merken.

        Ich verstehe nicht, warum in den türkischen Familien so eine große Vatertreue herrscht. Ja, er hat so viel für dich getan, aber darf er dich deshalb beherrschen? Wie kann ein Vater von seinem Sohn verlangen absichtlich unglücklich zu leben?

      • Ayse Yildiz

        das ist eine sehr gute Idee. Dann würde ich ihn auch meinem Vater geben.

  • indy

    Ganz großartiger und interessanter Text.

  • doncalvo

    danke fuer den beeindruckenden text. fuer mich auch so einfuehlsam ueber das dilemma, dass ich beide seiten verstehen kann ohne eine loesung zu finden – und ein eindringliches beispiel dafuer, warum lieben so schwierig ist

  • http://babszynska.tumblr.com/ babszynska

    Danke für diesen beeindruckenden Text! Er hat mich sehr berührt und ich finde mich in großen Teilen wieder. Immer wieder erstaunt es mich, wie sehr die Erfahrung der Migration noch Generationen später in den Familien nachwirkt und so viele Entscheidungen in unserem Leben mit ihr zusammenhängen. Vermutlich wird es kein Happy End geben. Aber ein, zumindest temporärer, Bruch und räumliche Distanz können helfen. So war es jedenfalls bei mir. Nachdem der Druck zu Hause so groß geworden war und die strenge Liebe meines Vaters mich zu erdrücken drohte, habe ich einfach aufgehört, ins Wohnzimmer zu gehen und mit ihm zu sprechen. Ein Jahr lang habe ich kein Wort mit ihm gewechselt und ihn gemieden so gut es eben ging in einem Haushalt mit fünf Personen und vier Zimmern. In jenem Jahr habe ich mein Abitur gemacht und den Entschluss gefasst zum Studium ganz weit wegzugehen. Mein Vater wollte es bis zum Schluss nicht glauben. Bei meiner Zeugnisverleihung saß er zwischen den anderen Eltern, obwohl ich ihn nicht eingeladen hatte. Das hätte mir das Herz brechen können, aber ich hatte emotional dicht gemacht, ich hatte einfach aufgehört, seinen oder den Erwartungen irgendeiner anderen Person meiner Familie entsprechen zu wollen.
    Dann ging ich weg und es passierte etwas: Mein Vater rief mich an, einmal, zweimal, immer wieder und die Gespräche wurden nicht durch Tränen und Türenschlagen beendet. So schwer es auch war, immer mehr verstand ich, dass seine Erwartungen, im Grunde nichts mit mir zu tun hatten. Das half mir, mit ihm umzugehen. Meinem Vater wiederrum blieb nichts anderes übrig, meinen Lebensstil und meine Entscheidungen zu respektieren. Sein Vertrauen wuchs.

    Mein Auszug ist jetzt elf Jahre her. Mittlerweile skypen wir einmal die Woche und ich kann meine Familie mehrmals im Jahr besuchen, ohne mich danach schlecht zu fühlen. Dennoch bleibt eine große Trauer darüber, dass ich erst weggehen und mit vielem brechen musste, um zu meinem Vater zu finden. Das Zurückkommen ist nie Rückkehr, auch das ist Trauer. Vermutlich gibt es kein Happy End, aber vielleicht muss es das auch nicht geben. Vielleicht ist dafür alles viel zu kompliziert. Vielleicht ist es immer gut, wenn sich Kinder mindestens einmal im Leben von ihren Eltern distanzieren.

    • hakantee

      Danke.

  • salman hushdi

    Na du scheinst aber auch nur Leute freizuschalten die dich über den Berg loben?
    „GanzGrossArtig“, „ganz und gar super persönlicher Text, Artikel“
    Das finde ich einwenig armselig, mal ganz ehrlich, hilft das irgendwie weiter?

    • hakantee

      Nö. Schon alles, was nicht extrem angreifend ist (gibt es aber auch nicht so viel). Dauert nur, weil ich natürlich auch arbeite und daher nicht die ganze Zeit auf die Kommentare gucken kann.

  • http://www.claudia-klinger.de/digidiary/ ClaudiaBerlin

    Was für ein wundervoller Artikel! So und nur so geht Integration: ehrlich miteinander reden – und dran bleiben. Wobei hier durch die Veröffentlichung und detailreiche Beschreibung der Problematik auch das weitgehend fehlende ernsthafte Gespräch zwischen (Ein-)wanderern und Ureinwohnern in DE befördert wird. Großartig!

  • Susanne

    Ich bin einige Jahre älter als du, ich habe keinen „Migrationshintergrund“ und bin weiblich — aber dennoch finde ich mich in deinem Text wieder. Meine Mutter ist sehr unzufrieden mit der Art, wie ich mein Leben gestalte und gibt mir beständig das Gefühl, ihre Erwartungen zu enttäuschen. Ich habe erst in diesem Jahr wirklich verstanden, dass man letztendlich nicht für das Glück eines anderen Menschen verantwortlich ist. Man kann jemanden vorübergehend unglücklich machen, sicher, aber die Kapazität zum Glücklichsein, zur Freude, zur Zufriedenheit, muss jeder in sich selbst finden. Ich hoffe, dass den Frauen in dem Gesprächszirkel dies gelingen wird, und vielleicht ja sogar deinem Vater?

  • Andrea

    Meine katholischen eltern sind ebenso enttäuscht, dass ihre 4 kinder keine verbundenheit mit der katholischen kirche haben. Wir finden gewisse werte wichtig, aber keine religionsgemeinschaft. Die verbitterung darüber ist bei meinen eltern vergleichbar mit den beschriebenen türkischen.
    Wir kinder sind froh darüber, dass wir aufgeklärt und unabhängig sind, die eltern sehen dass nur dass der katholischen kirche der nachwuchs abhanden kommt.

  • Nadine

    Als Tochter eines Ägypters und einer Montenegrinerin: Danke für diesen Text. <3

  • Tidi von Tiedemann

    Wirklich ein toller Text!
    Danke.

  • Adam1

    Ich finde es interessant, dass hier alle drüber diskutieren von wegen Integration, Migration etc. Dabei finde ich als Jungvater in diesem (hervorragenden!) Text eine viel zentralere Botschaft: Die Erwartungshaltung von Eltern an ihre Kinder bzw. sehe ich den Artikel als eindrückliches Plädoyer dafür, dafür zu sorgen, dass man mit seinen Kindern über alles reden können sollte.

    Danke dafür… und viel Glück, Erfolg und Geduld mit deinem Vater! Ich finde es zeugt von einer tiefen inneren Zuneigung, einerseits dass du dir überhaupt die Mühe machst, dich in die Thematik hineinzuarbeiten (Recherche bei Psychologen etc.), und andererseits, dass du deinen Vater hier zwar durchaus kritisch, aber doch sehr respektvoll und sensibel porträtierst.
    Ich hoffe er erkennt, was er an dir hat – und ich hoffe, du kannst ihm dabei helfen, glücklich zu werden, ohne dass du einfach nur seinen (in meinen Augen altmodischen) Wünschen nachgibst!

    Eins ist sicher: Einfach wird das nicht… für beide von euch… ich drück euch die Daumen!

    • http://alper.nl Alper Cugun

      Das Problem kommt oft vor entweder schlimmer oder weniger schlimm. Es hat auch Lösungen wie in diesem Times-Artikel: “A Dutch father of three told me about his Buddhist-inspired approach: total commitment to the process, total equanimity about the outcome.” — http://www.nytimes.com/2014/10/13/opinion/a-cure-for-hyper-parenting.html?_r=0

      Was oben beschrieben wird ist genau der Gegensatz davon und das macht offensichtlich allen unglücklich.

  • Ehrlichgesagt

    Was für ein wunderbarer Text, klug und voller Wärme! Ich habe mich darin als Tochter wiedererkannt und leider auch als Mutter. Vielen Dank!

  • celosh

    Die Zerrissenheit aus zwei Kulturen zu kommen und sich zu keiner wirklich zugehörig zu finden -grandios auf den Punkt gebracht! alles andere auch :) DANKE!

  • Kate Roar

    Vielen Dank für diesen schönen Text. Auch wenn er mich traurig macht, hast du das Nachdenkliche, Traurige darin ganz wunderbar und feinfühlig beschrieben. Im Rückblick erscheint mir mein eigener Generationskonflikt mit den Eltern schon sehr schlimm, und auch enttäuschte gegenseitige Erwartungen spielten dabei stets eine Rolle, aber mit den von dir geschilderten Hintergründen und Nebenkriegschauplätzen wird ein Happy End eine nur schwer zu bewältigende Aufgabe. Ich wünsche euch (und auch den vielen anderen) von ganzem Herzen, dass es irgendwann funktioniert.

  • Fräulein XY

    Auch wenn es in der Reihe der lobenden Kommentare sehr kitschig rüberkommt: Am Ende musste ich wirklich weinen. Meine Eltern kommen zwar aus China, aber ich habe die letzten 7 Jahre (seit meinem Auszug) genau dieselben Zwists mit meinem Vater. Auch er ist mittlerweile schwer depressiv, würde aber darüber niemals mit Dritten sprechen und sich daher keine Hilfe suchen – auch nicht im Freundeskreis, denn entsprechend dem Klischee sind die meisten asiatischen Kinder doch recht strebsam und erfolgreich, und da will man ja mithalten statt klagen.
    Der Text war umso trauriger, weil ich ihn und mich an so vielen Stellen wiedergefunden habe, aber es erleichtert auch ein klein wenig, wenn man sieht, dass man nicht alleine ist. Es ist zu einfach zu sagen, dass man einfach den Kontakt abbrechen solle, denn obwohl einem Unverständnis vorgeworfen wird, ist es ja (mittlerweile) nicht der Fall: ich denke, wir können unsere Väter sehr gut verstehen, ihren Werdegang, ihre Aufopferung, ihre Sorgen und Ängste. Aber wir können ihnen nicht verständlich machen, dass wir sie verstehen, weil wir uns ja „sonst anders verhalten und ihnen nicht so großen Kummer bereiten würden“.
    Doch umgekehrt ist es noch schwieriger. Als ich ihm zB eröffnete, ich sei in einer Beziehung (ich war 19), sprach er vier Monate lang nicht mit mir und schickte mich an Weihnachten weg. Ich weiß, dass er dauernd meine Mutter fragt, ob ich angerufen hätte, aber wenn ich nach Hause komme, kann er nicht zeigen, dass er sich freut, dann kommt nur die ganze Enttäuschung wieder hoch. Ich glaube, das Ganze lässt sich wirklich nicht lösen, bis sie merken, dass man seinen „Platz in der Gesellschaft“ gefunden hat. Will heißen einen guten Job, in deinem Fall vllt eine Familie… Vielleicht merken sie irgendwann, dass ihr Glück nicht von uns abhängig werden darf. Und wenn das nicht geht, merken sie vielleicht, dass wir auch anders glücklich werden können, als sie es sich auf dem Zukunftsbeton ausgemalt haben – und ist es nicht das, was sie immer wollten, dass wir glücklich werden?
    Tut mir leid für diesen wirren Roman. Eigentlich wollte ich mich nur für deinen Artikel bedanken und dir sagen, dass du damit nicht alleine bist. Und gib das Happy End nicht auf.

    • hakantee

      Gleiches für dich. Danke für den Kommentar.

  • Sami

    danke für diesen tollen, bewegenden text!

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  • o aus h

    Auch ich finde manches wieder, was ich gerade aktuell in meiner Beziehung zu meinem Vater finde – und bei uns gibt es keinen Migrationshintergrund, der die Fremdheit beeinflusst, es ist „schlicht“ ein Generationenkonflikt, der aber auch einen tiefen kulturellen Unterschied zeigt. Mein Vater wird mit dem Alter immer patriarchialer und kann immer schlechter mit Kritik umgehen. Das macht es mir, der [Ironie an] mit 42 so allmählich auch gelernt hat, zu seiner Meinung zu stehen [Ironie aus] und dass diese nicht unfundiert ist, immer schwerer, mit ihm zu sprechen. Dein Text gibt mir Gedankenanstöße, dass/wie ich sein Weltbild enttäusche – was ich nicht ändern werden will, aber vielleicht hilft es mir, mit ihm und seinen Reaktionen umzugehen. Danke!

  • Matthias

    Bemerkenswerte Suche. :-)
    Ich finde es schade, dass in unserer Gesellschaft so schnell Diagnosen gestellt werden und Lösungen so einfach scheinen. Dein Suchen finde ich wunderbar, ein paar Fragen bleiben auch bei mir.
    Mag sein, dass viele Menschen – wie man liest, gerade der älteren Generation – „depressiv“ sind. Aber wir leben auch in einer schnellen, nicht immer bescheidenen Zeit, in der sich manches an sozialen Einsichten verschließt und in der Tugenden gern übersehen werden oder sogar verloren gehen. Die Einsicht, was es heißt, wirklich alles für andere zu geben oder sogar geben zu müssen und woher eine solche Haltung oder ein solcher Zustand rührt, fehlt eben manchmal. Für unseren Lebensstil brauchen wir nicht zwingend Mantras, Gospels oder erlösende Vaterunsers – die brauchen andere. Es arbeiten soviele Menschen, gerade in Ländern, aus denen unsere Eltern kamen, für unseren Wohlstand und unsere – bitte verzeih‘ den durchaus provokant, nicht feindlich gemeinten Seitenhieb – Freiheit zu Flanieren, haben selbst um Einiges weniger davon als wir oder manchmal auch gar nichts. Ich will mir jetzt nicht zuviel anmaßen, aber in Deutschland ist es durchaus möglich zu sagen, man solle sich auch einmal um sich selbst kümmern – in anderen Ländern oft undenkbar. Dieser Unterschied muss bemerkt werden, ansonsten nennt sich das Arroganz. Menschen arbeiten nunmal hart und für andere – und zwar oft genug nicht, weil ihnen nichts besseres einfällt.

    Und diesen Widerspruch zu sehen ist etwas, mit dem sich vor Allem die Elterngeneration auseinandersetzt – bewusst oder unbewusst – und verstanden werden will, glaube ich!

    Ich finde, mit diesem Fakt kann nicht verständnisvoll genug umgegangen werden und ich meine, diese Suche nach Verständnis und Ausgleich ist das, was Dein Text sehr berührend zum Vorschein bringt. :-)
    Der Reflex, sich an in Religion gehüllte Werte und Hoffnungen zu klammern, ist kein zufälliger und die Angst, die Erfahrungen und die Emotionen, die dahinterstecken, sind auch nicht unbegründet. Für Religion gibt es in dieser Welt neben vielen Argumenten dagegen auch sehr viele dafür – zumindest für Nachdenken über Werte, Tradition, Depression, Familie,… .
    Ich finde die Geschichte des Zugangsuchens sehr schön. :-) Und wünsche Dir alles Gute beim Finden von Antworten und mit den kleinen und großen Schritten ohne- und miteinander!

  • smock

    Ein wiklich sehr guter, reflektierter Text. Was in einigen Kommentaren schon steht, kann ich nur bestätigen. Viele der Probleme sind nicht „Migrations-exklusiv“, sondern Teil des Generationenkonflikts, werden aber wohl dadurch noch verstäkt.

  • Lorelei

    Sehr berührend! Vielen Dank.

  • Marcus

    Am Anfang habe ich bis ganz unten gescrollt, um zu sehen, wie lang der Text ist. Da er recht lang ist, habe ich entschieden, ihn zu bookmarken – für später, oder so. Nur aus Neugier habe ich dann den ersten Absatz gelesen. Dann den zweiten. Und den dritten. Ich habe alles gelesen, bis zum Ende. Vielen Dank für so ein herausragendes Lesestück!

  • Loki

    tränen rollen übers gesicht.

  • Uwe

    An der Studie und dem Text ist nichts auszusetzen und ziemlich viel Wahres dahinter!

  • Moi

    Ich hatte zum Glück nie mit diesen Problemen zu kämpfen. Vielen Dank für den Einblick in eine andere Lebenssituation und einen sehr packenden Text.

  • Pingback: Eine Ladung Links (36) | repp.cc()

  • La Merv

    Wow…. Du „schreibst“ mir aus der Seele… Es ist echt nicht einfach zwischen 2 Kulturen zu stehen und es beiden Seiten rechtmachen zu wollen..

  • hakantee

    Ebenfalls von mir. Danke.

  • hakantee

    Habe ich nicht. Zumindest nicht so, dass ich jetzt spontan eine Antwort darauf wüsste. Erwartungsdruck gab es aber auf jeden Fall, soviel weiß ich.

  • Tobias

    Mir geht’s wie wahrscheinlich vielen, über Bildblog hergekommen, kurz angelesen und fertig gelesen. Das schaffen rein journalistisch-schriftstellerisch nur ganz wenige Artikel. Super geschrieben.
    Die Sichtweise eröffnet auch ungeahnte Perspektiven. Niemals hätte ich in diese Richtung gedacht. Danke dafür.

  • Matthias D.

    Wahnsinns-Text, vielen Dank für diesen sehr intimen Einblick!

  • sarah

    wow, schön geschrieben!

  • Olivia

    Man kann Deinen Schmerz richtig nachempfinden. Und man will Dir zurufen: alles toll gemacht! Und ich will Deinem Vater auch sagen: alles richtig gemacht. Und weißte was: ich finde es beeindruckend, dass Ihr so miteinander redet. Über Eure Gefühle, Eure Schuldgefühle, Eure Wünsche. Mache ich mit meinem Vater nicht. Bewundernswert!

  • http://tasmo.de/ _Tasmo

    Danke für diesen Blick auf einen Konflikt, der mir sonst zu verborgen bleibt.

  • Kathi

    Wow, was für ein Text! Der hat mich echt berührt.

  • Ger Guen

    Manchmal wünschte ich, ich hätte nur einen Hauptschulabschluss… Absolut berührend, authentisch, bin zu Tränen gerührt!

  • polly

    Wow, danke. Hier erkenne ich viel Konflikthaftes wieder, was zwischen Kindern und depressiven Eltern abläuft. Aber es kommt bei euch noch was dazu, was bei mir keine Rolle gespielt hat, die Religion. Würde mich interessieren, wie eure Beziehung sich weiterentwickelt hat.

  • hacer

    Dankeschön und das von ganzem Herzen für diesen Beitrag. Mir die Tränen gekommen denn ich kenne diese Diskussionen nur zu gut. Leider ist mein Vater schon seit 10 Jahren Tod und ich hätte ihn heute gern zum streiten. Dieses hin und her zwischen beiden Kulturen werden uns bis an Lebensende begleiten und je älter man wird umso mehr wirst merken das du viel mehr mitbekommen hast als je Bewusst war.

  • Stafilia

    Ich habe mich zu 100% wiedergekannt, nur bin ich Serbin – aber ich denke, es hat weniger mit der Religion, sondern mehr mit der Kultur/Tradition zu tun! Ich habe noch nie ein „ich bin stolz auf dich“ gehört…es macht mich traurig, aber weckt auch etwas Verständnis für unsere Eltern, die offensichtlich selber im Dilemma sind, egal ob Serben, Türken oder andere Gastarbeiter!

  • Katrin Barba

    Beeindruckend! Ich denke, es hat nicht mit Deutsch oder Türkisch zu tun. Wer erfüllen nie ganz die Erwartungen unserer Eltern. Wir haben eben Anspruch auf eigene Erfahrungen und Umsetzung fúr unser eigenes Leben. Ich bin Deutsche und mit einem Spanier verheiratet. Am Anfang unserer Beziehung musste ich von meinem Vater hören: meinst du es ist richtig mit einem Kellner zusammen zu sein? Es schien ihm nicht gut genug. Damals fühlte ich mich sehr verletzt. Ich sehe es bei meinen eigenen Kindern, man möcht so viel Gutes weitergeben und Chancen vermitteln und ist frustriert wenn diese nicht angenommen werden. Aber es ist nun einmal so, jeder hat das Recht auf ein eingenes Leben.

  • Thomas

    Ich weiß nicht ob oder wann zuletzt ich einen Online Artikel so interessiert bis zum Schluss gelesen habe. Und dann auch noch mit Pause zwischendrin ;) Sehr interessant und irgendwie erkenne ich auch als nicht-Türke einige eigene Erfahrungen darin wieder. Danke!

  • Anne

    So ein toller Text, der mich mehrmals zu Tränen rührte. Ein einzigartiger Einblick in einen bikulturellen Generationskonflikt. Danke dafür.

  • pantoffel

    Danke für diesen tollen und sensiblen Einblick.

  • Andersen

    Toller Artikel. Wundervoll geschrieben. Vielen lieben Dank für den Einblick.

  • Enno

    Das klingt alles so ehrlich und nachvollziehbar. Ich kenne das Problem. Es ist kein Ausländerproblem. Es ist ein Generationenproblem. Und was ich in Deinem Text lese ist, dass Du – wie Dein Vater – nur das beste für ihn willst und ihm deshalb etwas aufzwingen willst, was nicht seins ist. Ich habe das gleiche Problem wie Du mit meiner Mutter. Und ich denke in meinem kulturellen und generationalen Rahmen: Mama/ Papa braucht Therapie. Aber ist es das? Ist es nicht eher so, dass ICH Therapie brauche? Damit ich meine Mutter akzeptieren kann wie sie ist?! Mit ihrer Depression. Dass ich sie liebevoll und geduldig trage, auch durch die Tragik der Nichtakzeptanz meines Lebensstils. Dass ich mich hinsetze und und ihren unerträglichen Vorwürfen ruhig zuhören kann ohne mich zu rechtfertigen oder zu streiten … weil ich mich selbst akzeptiere. Weil ich sie – aber auch mich – liebe. Und stell Dir vor, Du hörst Deinem Vater einfach zu, ohne ihn überzeugen zu wollen. Sitzt, hörst zu, trinkst Deinen Tee. Nimmst ihn in den Arm und dann sprecht ihr über etwas worüber ihr Euch wirklich einig seid. Das ist cool. :) Bei mir funktionierts. Manchmal ….

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  • http://www.kiddothekid.com kiddo.the.kid

    Danke für diesen Artikel, er hat mich berührt. Dein einfühlsamer und reflektierter Umgang spricht sehr für Dich.

  • Diether Ast

    Eine Frage zur Studie. Wurde festgehalten wieviele von den Probanden religiös sind? Mich beschleicht schon wieder der Eindruck, das der Glaube zum Studienergebnis führt.

    • hakantee

      Soweit ich weiß: war das nicht der Fall.

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  • Christina

    Und wahrscheinlich der 78. Kommentar dieser Art: Toller Text. Danke, Hakan, für diesen sehr persönlichen Einblick. Ich konnte das gut nachvollziehen – obwohl ich keinen Migrationshintergrund habe. Mein Eltern haben beide Hauptschulabschluss, ich bin fertig mit meinem Studium. Wir sprechen schon, seitdem ich 18 bin, unterschiedliche Sprachen. Mich hat die andere Bildung von Zuhause entfernt.

    Ich drücke dir die Daumen für den Reporterpreis und hoffe, dass dein Vater in Hauptsätzen und mit Ausrufezeichen über deine Nominierung spricht.

  • Chris

    Danke!
    Großartiger Text, er bewegt und klärt auf, gibt Einblick und zugleich Lösungsvorschläge.
    Toll

  • Anna

    Mich hat vieles in diesem Text berührt, ich konnte einiges nachfühlen. Insbesondere hier: „Habe ich nicht auch einen freundlichen Klaps auf die Schulter verdient, eine Umarmung vielleicht, ein “Ich bin stolz auf dich, du hast es geschafft”? “Das bin ich doch”, sagt mein Vater. Aber er konzentriert sich so sehr auf das Negative, dass da kein Platz mehr bleibt für die schönen Seiten. Die werden abgespeist in Nebensätzen, die ganz schnell gesagt sind.“, das denke ich auch oft!
    Bei mir ist es ein Mutter-Tochter Problem und ein polnisches Migrantenproblem.

    Dieses Migrantendasein, es zerreißt. Nirgendwo gehört man richtig hin, Beziehungen leiden, Unverständnis und Distanz auf allen Seiten.

    Danke für einen langen Beitrag, der diese Probleme und Hintergründe auf ganz persönliche Art beleuchtet!

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  • ilea

    ..ich glaube, nachdem bei mir die migrationsthematik wegfällt, dass es ein generationen problem ist. und ich bin auf der „alten“ seite- die “ stolze“ mutter von 4. kindern zw 18 und 28 . sie sollen alle studieren und tuns auch- und ich habe als alleinerzieherin versucht alles richtig zu machen…. das denke ich, hat auch viel zu viel druck gemacht. auf jeden fall: großartiger text!

  • Gesine

    Gesine

    Ja, Hakan, so ist es – aber nicht nur bei „Euch“, sondern auch bei „uns“, und zwar nicht nur heute:
    Ich bin jetzt 68, habe als Arbeiterkind dank der Energie meiner Mutter Abi gemacht, bin – wie es sich damals für fast jedes Mädchen, erst recht für die von unten, gehörte – Lehrerin geworden. Mit 16 hatte ich einen Freund, Bürgersohn, der mich ins andere Lager ziehen wollte, was ihm auch zu großen Teilen gelang. Die Zeit zwischen ihm und meiner Mutter war grausam für mich – und für meine Mutter. Mehrmals hat sie gesagt, dass sie, wenn sie noch eine Tochter hätte, ihr
    das Abi nicht mehr gestatten würde.Also alles wie bei Ihnen.
    Was ich sagen will: Es ist nicht die Zeit, nicht die Kultur, nicht die Migration es ist der soziale Wechsel, der entfremdet. Sie wollen das für ihre Kinder, ahnen aber nicht, was das für sie bedeutet.
    Ich glaube, dafür gibt es keine Lösung – außer der vielleicht, Wissen über solche Zwangsläufigkeiten zu erhalten, auch nachträgliches, wie gute Psychologen es vermitteln können.
    Meine Mutter hat es nicht erhalten – und ich bin heute sehr traurig darüber, dass ich ihre Einsamkeit damals zu wenig wahrgenommen habe.
    Ich habe das Glück, dass meine Tochter, die 600 km von mir entfernt lebt, mich mit links wie dem zu diesem Artikel versorgt und wir dann drüber telefonieren: Aber: nerven tue ich sie auch, und sie bereitet mir hin und wieder auch schlaflose Nächte – obwohl sie keinen so radikalen sozialen Wechsel gemacht hat wie ich. Wir w i s s e n jedoch inzwischen, dass das halt so ist, vielleicht so sein m u s s – bei allen: bei denen mit und bei denen ohne…, mit radikalen Brüchen und ohne…

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  • rose

    sehr bewegend!!!! ich musste sofort meinem kleinen bruder schreiben und ihm sagen wie sehr ich ihn liebe und verstehe!!! er steckt auch in so einem ähnlichen konflikt, mein vater projeziert (und tat das auch schon immer) alle Seine wünsche und träume in das leben meines bruders!!!! es ist schlimm…hab schon oft versucht meiner mutter das klar zu machen …aber für sie bin ich ein buch mit sieben siegeln (also undurchdringbar)….hoffen wir das beste…die zukunft ist da! *VG

  • Sabine Heegner

    Hallo Hakan, als Mutter finde ich das herzzerreissend. Als politisch interessierte Person, die viel mit erkrankten Menschen mit und ohne Migrationshintergrund oder -vordergrund zu tun hat, erklärst Du mir viel. Danke. Ich wünsch Dir (und uns allen) viel Geduld, Mitgefühl und Sprachfähigkeit, auch im Zwiegespräch. Ich bin sehr beeindruckt.
    Sabine

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  • Gül

    Hallo Hakan,
    du hast versucht etwas zu beschreiben, was kaum in Worte zu fassen ist. Ich musste beim Lesen mehrmals zustimmend nicken, weinen und auch oft lachen weil ich mir manche Sachen so gut bildlich vorstellen konnte.
    Ich habe ähnliche Probleme in der Vater-Tochter Version erlebt was damit endete, dass ich mit 19 auszog/rausgeschmissen wurde und seit fast 5 Jahren keinen Kontakt mehr zu meinem Vater habe. Ich konnte nie die Tochter sein, die er sich gewünscht hat. Manchmal frage ich mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn mein Opa einfach in unserem Dorf in der Türkei geblieben wäre. Vielleicht hätte ich dann jetzt einen Vater, der mich liebt.
    Bei deinem sieht es anscheinend anders aus, ich finde es gut, dass ihr beide füreinander kämpft. Wünsche euch aus tiefstem Herzen ein Happy End :))

    • hakantee

      Hey Gül. Tut mir sehr leid, das zu lesen. Ich habe Angst vor diesem Bruch, ich kann mir gut vorstellen, dass er irgendwann doch noch kommt – aber so wirklich was dagegen tun kann ich nichts. Dazu kommt: Ich finde es ja gut, wie ich lebe.

      Sehr unzufriedenstellende Situation, alles in allem.

  • Pingback: Als ob ich eine Wahl hätte | Kleinerdrei()

  • Torsten

    Hallo Hakan,
    vielen Dank und ganz viel Respekt für diesen unglaublich offenen Text; fühle mich gerade so als hättest du vor mir, einem ganz Fremden, dein Innerstes nach Aussen gekrempelt.

    Dein Text hat mich sehr berührt, weil du mir gerade geholfen hast mich etwas mehr in die Eltern meiner Freundin reinzudenken… die kommen zwar aus Südindien und sind katholisch, aber in dem was du geschildert hast habe ich ganz viel in ihnen wieder erkannt. Jetzt muss ich erst mal nachdenken…

    Ich wünsche dir das Allerbeste für die Beziehung zu deinem Vater; ich habe die kleine Hoffnung dass sich ja vielleicht schon etwas getan hat. Du hast schon als du diesen Text schriebst gezeigt dass du wirklich daran interessiert bist ihn zu verstehen und eure Verbindung wieder zu verbessern… das ist ja jetzt schon etwas her.

    Grüße aus Dortmund,
    Torsten