Apps, die unser Leben kein bisschen leichter machten: eine Abrechnung

Foto , CC BY 2.0 , by mujitra

„There’s an app for that“ („Dafür gibt es eine App“) – der inzwischen oft ironisch verwendete Slogan trifft mittlerweile in erstaunlich vielen Fällen zu. Das ist oft eine tolle Sache – so viele kleine Helferlein, die uns dabei unterstützen, den Alltag zu organisieren, uns die Zeit vertreiben, mit denen wir einkaufen, Dinge bearbeiten, verwalten, teilen. Doch genau dabei entsteht auch der Stress: Wieso mühst du dich noch mit Aufgabe X rum!? Dafür gibt es doch eine App. Oder: Wieso klappt Verhaltensweise Y bei dir nicht? Probier doch mal diese App!! Diese Dialoge führen wir in der Regel nicht mit anderen Menschen. Wir führen sie mit uns selbst. Immer wenn wir wieder daran scheitern, die Segnungen eines tollen Programms so in unser Leben zu integrieren, dass es uns tatsächlich leichter fällt. Denn oft führt diese tolle neue App lediglich dazu, uns die eigenen Unzulänglichkeiten noch klarer unter die Nase zu reiben: Jetzt hast du schon ein Programm dafür, und es klappt immer noch nicht! Wie soll aus dir jemals was werden! Wir haben die Nase voll davon, uns von Software ein schlechtes Gewissen machen zu lassen. Jetzt rechnen wir ab.

Lucie: Digitale Müllhalden
– Pocket, Instapaper und Co.

Das Internet ist voller Wissen! Dauernd scrolle ich an weiteren vielversprechenden Überschriften vorbei, die verheißen, mich schlauer und debattentauglicher zu machen und up-to-date zu bringen. Der nächste Blogpost winkt schon von weitem, in dem ich all diese Texte sinnvoll verflechten kann. Spannende Links, kostenlos und überall. Aber jetzt passt es gerade nicht. Ich habe zu wenig Zeit, zu wenig Netz und eigentlich wäre es jetzt gerade auch ein bißchen langweilig, so einen langen Essay zu lesen. Zum Glück habe ich eine praktische App, in der ich den Link für später speichern kann, und sobald ich dann in einer ruhigen Minute einem öffentlichen Verkehrsmittel sitze, lese ich das alles ratzfatz weg, in einer benutzerfreundlichen Oberfläche! Vielleicht gibt es auch eine Desktop-Version oder einen Browser-Sync und ich kann das alles noch viel effektiver lesen, wenn ich mich in Ruhe an den Laptop setze. Oh, und den Link noch. Und den. Und den. Und den noch. Und das Rezept. Und das Video.

Die ruhige Minute™ erweist sich dann als Mythos. Wenn ich daheim bin, muss ich mich dringend entspannen. Ich muss auch unbedingt diese eine Serie weitergucken, ich bin ja total hintendran. Ich schreibe lieber erstmal einen Blogpost, für den ich nicht so viel Recherche brauche. Als ich die App zum nächsten Mal öffne, synchronisiert sie stundenlang. „3 Items von 207 geladen“, oder so ähnlich. Die superaktuellen Texte, die ich mir gespeichert habe, sind inzwischen 2 Wochen alt und mehrfach widerlegt. Vor meinen Augen kalbt ein HTML-Gletscher aus ungelesenen Texten und eine Ladeanzeige gemahnt mich stumm daran, dass ich niemals up-to-date und vollumfänglich thematisch eingelesen sein werde, because I SUCK.

 

Beschämt klicke ich auf „alle als gelesen markieren“.

Seit ich alle „Später Lesen“-Friedhöfe ungelesener Links von meinen Geräten geschmissen habe, fühle ich mich leicht und unbeschwert. In die eingebauten Leselisten der Browser gelangen Dinge bei mir nur als Klickunfälle, wie eine digitale Sofaritze, die regelmäßig leer gestaubsaugt werden muss. Heute öffne ich einfach alles direkt im Browser, bis ich die Artikel gelesen habe, sie zufällig schließe oder etwas anderes in ihrem Tab öffne – oder der Browser abstürzt und das Problem für mich erledigt. So bleiben die Links in ihrem natürlichen Habitat, und mein Gewissen rein.

Lena: Apps, in die mein Leben nicht reinpassten
(oder umgekehrt)

Es gibt da ein Verzeichnis auf meinem Smartphone, in dem alle Apps aufgelistet sind, die darauf jemals installiert waren. Kürzlich sah ich diese Liste ein und war etwas erschrocken, wie viele Anwendungen das sind – und wie wenige ich doch nur tatsächlich auch nutze. Wenigstens haben die meisten kein oder nur wenig Geld gekostet, das erleichterte mein schlechtes Gefühl dabei wieder ein wenig. Ich bin kein Fan von Spaß- und Spiele-Anwendungen. Fast alles, was ich auf und mit meinem Smartphone tue, ist also mehr oder weniger ernst. Und ganz oft hatte ich mir von diesen Apps erhofft, dass sie mir helfen würden, mein Leben zu verbessern, Gewohnheiten zu ändern, klüger und erfolgreicher und reicher zu werden und überhaupt alles in den Griff zu bekommen. Gut, das sind vielleicht auch etwas überhöhte Wünsche an so eine kleine App, und angesichts meiner langen Liste der für mich sinnlosen Apps war das alles vielleicht ein bisschen naiv. Aber ab und an hat es wenigstens sehr viel Spaß gemacht.
Und deshalb, hier von mir: Apps, in die mein Leben nicht reinpasste (oder umgekehrt).

Mach’ das mal schön: Fotofilter-Apps

Fotos sind super. Ich mag Fotos. Ich mag auch viele Fotos mit Filtern. Nun reden wir hier aber ja über Apps, die in mein Leben passen, und in meinem Leben gibt es ein kleines Problem. Und dieses Problem heißt Gravitationskraft. An sich halte ich die Gravitationskraft für eine wunderbare Sache, zum Beispiel, weil ich mich dank ihr einfach ins Bett legen und schlafen kann, ohne mich vorher festschnallen zu müssen. In einem speziellen Fall haben die Gravitationskraft und ich aber ein Problem, und zwar wenn es um mein Smartphone geht. Egal wie sehr ich mich um Sorgfalt bemühe, irgendwie bekomme ich es einfach nicht hin. Machen wir es also kurz: dieses Gerät ist von allen Seiten ganz schön zersplittert und wird hauptsächlich nur noch von Aufklebern und Tesafilm zusammengehalten. Entsprechend sieht leider auch die Kamera aus: voller kleiner und größerer Kratzer. Und genau so sehen dann auch die Bilder aus, die ich mit dieser Kamera aufnehme: schlecht.

Ich mochte ja die Idee von schnell aufgenommenen und mit anderen geteilten Fotos lange sehr gerne und habe regelmäßig Bilder gemacht, hier und da ein bisschen bearbeitet, mit Filtern versehen und entsprechende Accounts im Internet damit gefüttert. Ich mochte das, das machte Spaß. Aber irgendwann kam der Punkt, da ging mir die Pixeligkeit dieser meiner Bilder, die nur von ein paar Filtern halbwegs kaschiert wird, ganz schön auf die Nerven. Und dann, eines Tages, habe ich alle Bildbearbeitungs-Apps von meinem Telefon heruntergeworfen, und die eingebaute Kamera nutze ich nur noch, wenn ich etwas auf die Schnelle abfotografieren muss (und bisweilen mal für ein Selfie).

 

Alles andere ist mir inzwischen ziemlich egal.

Organisier mein Leben! – Projektmanagement- und To-do-Listen-Apps

Ich habe mich so lange für halbwegs organisiert gehalten, bis das Konzept To-do-Listen-App in mein Leben trat. Obwohl, das stimmt nicht ganz: irgendwie lief alles so halbwegs vor sich hin. Aber dann habe ich eben doch des Öfteren einmal Kleinigkeiten vergessen, war immer häufiger und länger unterwegs, so dass mein altes System mit handgeschriebenen Zetteln auch nicht mehr funktionierte. Mehr und mehr bekam ich das Gefühl, dass es doch da eine App geben müsste, die mir helfen könnte, das alles besser zu koordinieren. Und dann kam sie, die Invasion der To-do-Apps in mein Leben. Allein das Durchschauen des Großangebots an entsprechenden Anwendungen kostete mich gefühlt einen halben Tag Recherche, bis ich die verfügbaren und als hilfreich angepriesenen Varianten mal auf ungefähr sieben eingeschränkt hatte und sie herunterlud. Alle.

Nun ist die Sache bei den meisten dieser Apps: so großartig unterscheiden tun sie sich nicht. Da ist hier mal das Design anders, dort gibt es eine Extra-Funktion, drüben kann man noch alle To dos mit anderen teilen, aber so an sich bleibt es eben doch ein digitaler Notizzettel mit Kalender- und Erinnerungsfunktion (wobei manche ja noch nicht einmal das haben). Ein Notizzettel, auf dem man mit einer Wischgeste Sachen ausstreichen kann. Nach ein bisschen Herumprobieren war von den sieben Apps noch eine übrig, die ich nutzen wollte. Als diese erste sich nicht bewährte, probierte ich noch eine andere. Und noch eine. Ich wollte einfach gerne diese eine App finden, die mir erlauben würde, den Überblick zu behalten.

Und ich fürchte einfach, ich hatte mir mehr erhofft. Nicht direkt gleich, dass diese Apps alles dann auch direkt erledigen würden. Aber wenigstens, dass es wirklich einfacher würde, Dinge eben nicht mehr im Kopf behalten zu müssen und trotzdem daran erinnert zu werden. Stattdessen saß ich regelmäßig fluchend vor meinen digitalen Endgeräten, weil ich gefühlt stundenlang To-dos pflegen musste, weil das Einpflegen neuer To-dos wieder nicht so richtig klappte, weil ich den Verdacht hatte, dass da irgendwo etwas verloren gegangen war oder weil die App mich ständig mit Erinnerungen nervte, die sich nicht so einstellen ließen, dass es wirklich praktikabel gewesen wäre (ich meine: jeden Morgen um 9 Uhr eine Erinnerung an alle To-dos des Tages? Ernsthaft?!).

 

Ich wurde eine Meisterin darin, To-dos zu verschieben. Auf den nächsten Tag. Auf den übernächsten Tag. Auf in zwei Wochen. Bis sie dann so lange verschoben waren, dass ich dachte “jetzt ist’s auch egal” und sie löschte. Irgendwann fühlte ich schon Wut in mir aufsteigen, sobald ich nur das Logo der App wieder auf meinem Bildschirm auftauchen sah. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll. Ich öffnete meine To-do-App, schrieb alle noch offenen To-dos auf einen Zettel und schmiss die App von meinem Smartphone. Ich fühlte mich sehr erleichtert. Fast so, als hätte ich nichts mehr zu tun.

Inzwischen nutze ich für die Organisation meiner beruflichen und privaten To-dos eine einfache Notiz-App. Die kann noch nicht einmal Text formatieren, aber sie kann, was sie muss: sich Dinge merken, die ich mir nicht merken kann. Und für alles, woran ich mich erinnern muss, habe ich eine sehr schön aussehende und gut funktionierende Kalender-Anwendung, die mich dann Bedarf auch mit freundlichen Erinnerungen bewirft.

Jetzt, als ich diesen Text schreibe, sitze ich in einem Fernbus auf der Autobahn. Für den Fernbus habe ich mir gestern Abend auch eine App installiert. Und dieser Fernbus, für den es eine App gibt, fährt gerade an einem stark dampfenden Misthaufen vorbei. Mal sehen, wie lange ich diese App noch auf meinem Smartphone habe.

Natürlich ist es gut möglich, dass Euch diese Programme sehr gute Dienste leisten. Und eigentlich lieben wir ja Technik. In diesen Fällen gilt daher wohl: It’s not them, it’s us! – Es liegt nicht an ihnen, es liegt an uns. Solltet ihr daher auch mal einen Tag haben, an dem euch irgendwelche Anwendungen mal wieder nerven: probiert doch mal Not on App Store – weil es eben nicht für alles eine App gibt.

Aber jetzt erzählt ihr doch mal: habt ihr auch solche Apps, die euch überhaupt nichts gebracht und / oder euch nur genervt haben? Wir sind gespannt auf eure Kommentare!

  • @Nick_Lange_

    Die Apps, die den wenigsten nutzen haben, sind immer die, die probleme nur nach hinten schieben.

    Sei es die read-it-later Funktion, To-do Listen aller couleur oder auch nur ein „ungelesen+fav“ im RSS Reader (der mich so die meisten nerven kostet, weil ich es immer wieder tu, um den Artikel später zu lesen, was ich dann doch nur selten tu, wärend der Stapel wichtiger, ungelesener News immer weiter anwächst, und nach 8 Wochen sind die ja dann eigentlich auch egal…)

    • Kinch

      Ich finde, dass diese „Do-It-Later“-Sachen schon funktionieren, wenn sie „richtig“ angegangen werden. Einfach nur Aufgaben und Links zu sammeln, ohne zeitliche Restriktionen oder eine klare Vorstellung davon zu haben, was damit passiert funktioniert nicht. Aber ein klares Zeitfenster, etwa jeden Tag um 20 Uhr 20 Minuten lang ungelesene Artikel nachlesen funktioniert, finde ich, ganz super.

      Von To-Do-Apps bin ich aber leider auch ausnahmslos enttäuscht. Ich habe da auch fast alle durch, aber ich finde die zu umständlich in der Bedienung und bei weitem zu eingeschränkt im Nutzen. Man kann damit nur sammeln, aber man kann damit nicht planen und daher sind die To-Do-Apps für mich auch eher nur Datenfriedhöfe.

  • http://schoenaberselten.com/ Miel

    An dieser Stelle gleich noch ein Kommentar in Richtung meiner Co-Autorin: ich finde nämlich Read-Later-Apps wahnsinnig praktisch, und könnte ohne sie einen Teil meines Jobs nicht machen. Allerdings kenne ich das Gefühl mit dem kalbenden Gletscher nur zu gut. Mit großer Freude erinnere ich mich immer noch an den einen Tag im Jahr 2013, als ich es auf einer 14-tägigen Reise tatsächlich einmal geschafft hatte, meine Read-Later-App leerzulesen. (Und damit meine ich, dass ich einiges auch nur als gelesen markiert habe, weil es mir dann doch als recht langweilig erschien.) Aber die App war leer! Ein freier Bildschirm mit haufenweise Platz! Nichts mehr zum Lesen übrig! Das war toll.
    Jetzt, eineinhalb Jahre später, ist Leerlesen wieder in weite, weite Ferne gerückt. Aber die Erinnerung an diesen einen Tag macht mich immer noch sehr froh.

  • mtk

    Ich verstehe dich gut. Menschen, die ich kenne, installieren sich zB to-do apps, probieren ne Weile rum und lassen es dann wieder. Das Problem sind aber weniger die Apps als das Postulat ‚Sei besser organisiert!‘. Meine Vermutung ist, dass es eine unbewusste Abwehrreaktion ist, die Freiheit von der digitalen Nützlichkeitsbevormundung bringen soll. Ähnlich wie die schleichende Selbstzerstörung, die dein Mobilgerät erleidet. Irgendwann hilft auch kein Tesa mehr, aber du schreibst immernoch deine Ideen auf die Serviette.

  • http://laute-irrt.de/ script0r

    Die Liste der installierten Apps ist bei mir auch ewig lang. Die Apps, die ich nutze, passen hingegen alle auf meinen Homescreen. Über die Jahre hat sich das meiste einfach wieder von selbst abgeschafft.

    Der digitale Notizzettel hat sich in meinem Fall aber gehalten und bringt mir viel. Früher hatte ich ein Notizbuch, das aber meist nutzlos zuhause lag. Die App ist immer dabei und hilft mir erfolgreich beim Kampf gegen meine eigene Vergesslichkeit. Allerdings ohne Synchronisation, Teilen oder anderen Schnickschnack. Ich schreibe nur Punkte auf und hake sie (hoffenlich) irgendwann ab.

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  • http://drikkes.com/ drikkes

    Mit ToDo-Apps werde ich auch nicht warm. Aber ein Kalender mit Erinnerungsfunktion hilft bei der Organisation von Beruf und Familie doch sehr.
    Und alle Texte/Notizen mit iAwriter über Dropbox auf allen Devices synchronisiert zu halten, ist auch praktisch.
    Und bei Instapaper habe ich persönlich ein besseres Gefühl (weniger schlechtes Gewissen) als bei RSS-Readern.