Eigene digitale Räume – Von guten und schlechten Erfahrungen von Bloggerinnen

Foto , CC BY-NC 2.0 , by Thomas Hawk

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Stine Eckert.

Stine hat vor kurzem ihre Doktorarbeit zum Thema Frauenstimmen in Netz an der Universität von Maryland erfolgreich verteidigt. Ab August 2014 forscht und lehrt sie als Juniorprofessorin am Institut für Kommunikationswissenschaften an der Wayne State University in Detroit.
Sie forscht zu „neuen” Medien und Gender, Minderheiten, nationalen Kontexten und Demokratie. Sie ist Initiatorin von Wikid GRRLS — Teaching Online Skills for Knowledge Sharing. Das Projekt bietet kostenlos selbst entwickelte und geteste Lehrpläne, um vor allem Mädchen die Nutzung von Wikis zu unterrichten.

Stines Website @stineeckert

[TW: Androhungen sexueller Gewalt]

Erst im März schwärmte Tim Berners-Lee vom „Zauber des offenen Netzes” und der Macht, die uns das Netz gibt, alles sagen, entdecken und kreieren zu können. Anlass war der 25. Geburtstag des World Wide Webs. Doch nach einem Vierteljahrhundert ist das offene Netz zumindest teilweise entzaubert. Denn auch im Internet gilt, wie eine weiße, 27-jährige Bloggerin in Deutschland in meiner Studie passend beschrieb: „Du musst jemand sein um etwas im Internet zu sein und etwas darzustellen. Für jemanden wie mich, der ganz, ganz, ganz, ganz unten steht, ist das einfach fern von allem.”

Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass weltweit immer noch eine Mehrheit von 60 Prozent bisher nicht das Privileg gehabt hat, überhaupt das Internet auszuprobieren. In demokratischen Ländern mit hoher Internetverbreitung und -nutzung, wie Deutschland, der Schweiz, den USA und Großbritannien, ist zu beobachten, dass soziale Hierarchien ins Netz wandern: Der Status, den Offline-Identitäten mit sich bringen, bestimmt auch die Möglichkeiten im Netz.

Mehrere Studien zeigen, dass Frauen im Netz mehr Beleidigungen und sexuelle Belästigungen erleben als Männer. Von 2000 bis 2013 waren 70 Prozent der Leute, die Belästigungen im Netz meldeten, Frauen, wie die US-amerikanische Organisation Working to Halt Abuse Online herausfand. In einer EU-weiten Studie mit über 48.000 Teilnehmerinnen berichtete eine von zehn Frauen, dass sie sexuelle Belästigung im Netz erlebt hat. Die Artikel über solche sexuelle Belästigungen von Frauen im Internet von der Journalistin Amanda Hess in den USA und der feministischen Aktivistin Caroline Criado-Perez in Großbritannien beschreiben nur einige detaillierte Beispiele. Spätestens die Diskussion um den #Aufschrei auf Twitter hat auch gezeigt, was Frauen in Deutschland geschehen kann, die sich im Netz zu Themen ihrer Wahl äußern.

Interviews mit 109 Bloggerinnen in vier Ländern

In ausführlichen Interviews mit 109 Bloggerinnen und Onlineautorinnen in Deutschland, der Schweiz, den USA und Großbritannien berichteten mir fast drei Viertel der Frauen, dass sie negative Erlebnisse durch ihren Blog, ihre Webseite oder soziale Medien hatten. Doch noch mehr, nämlich alle Teilnehmerinnen sagten, dass sie mindestens ein positives Erlebnis durch ihr Schreiben im Netz hatten; die meisten berichteten viele mehr.

Die Bloggerinnen schrieben, zumindest teilweise, über Frauen-, Familien- und Elternpolitik und/oder zu feministischen Themen, aber auch zu vielen anderen gesellschaftlichen und politisch relevanten Themen. Die Teilnehmerinnen waren 22 bis 69 Jahre alt. Vier von fünf waren weiß (die meisten “Women of Color”-Bloggerinnen fand ich in den USA). Fast drei Viertel gaben an, heterosexuell zu sein. Rund zwei Drittel waren Mütter. Einige Bloggerinnen gaben eine Behinderung an. Zwei Onlineautorinnen hatten eine transidente Vergangenheit. Mehr als drei Viertel hatten einen Universitätsabschluss. Die Studie ist nicht repräsentativ. Aber durch das offene Gesprächsformat bietet sie reichhaltige, tiefe Einblicke in die Erlebnisse von Bloggerinnen mit verschiedenen Hintergründen.

Von den 80 Bloggerinnen mit negativen Erfahrungen gaben 69 an, dass die meisten unerfreulichen Begegnungen beleidigende, sexuelle oder bedrohende Kommentare im Netz waren, die sich gegen sie persönlich richteten: „Feminazi,“ „Du musst nur mal vergewaltigt/richtig gefickt werden“ und „Schlampe“ waren nur einige Beispiele. Sechundzwanzig Frauen gaben an, Trolle oder einen Shitstorm erlebt zu haben, 12 sagten, sie erhielten Androhungen von Vergewaltigungen und 8 erhielten Morddrohungen (in beiden Fällen einige mehrfach). Dazu kam eine Palette an anderen unerfreulichen Erlebnissen: vom Müll auf dem Rasen vor dem Haus über unfreiwillige Anmeldungen bei Datingwebseiten durch Dritte, die Manipulation der Suchanfrage nach dem eigenen Blog, die zu einer Pornoseite führte, zweckenfremdete und verunglimpfte Logos und die Veröffentlichung der Adresse und Telefonnummer im Netz bis zum Stalker der am Arbeitsplatz auftauchte.

Um mit diesen unerfreulichen Erfahrungen zurecht zukommen, sind die Bloggerinnen meist auf sich alleine gestellt gewesen. Hilfe boten oft nur FreundInnen und andere BloggerInnen. Neun von 80 Bloggerinnen suchten Hilfe bei der Polizei. Vier davon sagten, das die Polizei sie ernst nahm und das Problem dadurch gestoppt wurde. Fünf Bloggerinnen berichteten, dass die Polizei ihnen entweder gar nicht antwortete, sie nicht ernst nahm (auch bei Morddrohungen) oder dazu riet, Profile in sozialen Medien und Blogs zu löschen und nicht mehr über bestimmte Themen zu schreiben.

Polizei, Gesetze und Gesellschaft nehmen die Diskriminierung von Frauen im Netz immer noch nicht ernst. Damit wiederholt sich ein Muster online, das es offline schon lange gibt. Kriminalität, die sich vermehrt gegen Frauen richtet, wird weniger schnell durch Gesetze anerkannt und strafrechtlich verfolgt als Kriminalität, die vor allem Männer betrifft (Citron, 2009).

Zweischneidiges Schwert

Fast 9 von 10 Teilnehmerinnen betrachteten ihr Bloggen zumindest teilweise als politisch, vor allem feministisch eingestellte Bloggerinnen. Bloggerinnen, die sich feministisch äußerten oder ihr Bloggen als politisch betrachten, hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, unerfreuliche Erfahrungen durch ihr Bloggen zu machen.

So war es kein Wunder, dass 6 von 10 Frauen das demokratische Potential von Blogs und anderen sozialen Medien (also die eigene Stimme in öffentliche Diskurs einbringen zu können) als skeptisch betrachteten. Heisst: Frauen, die das Internet, World Wide Web und verschiedene soziale Medien jahrelang ausgetestet haben, dort Texte und Inhalte produziert haben, öffentliche Debatten gestartet oder sich in welche eingemischt haben, sehen auch ganz klar die Grenzen des „Zaubers” und der „Macht” des Internets.

Es kann zwar theoretisch jede online eine Stimme haben, doch nicht jede hat gleichen Zugang zum Netz und nicht jede Stimme im Netz wird in der breiten Gesellschaft im gleichen Maße aufgegriffen oder sogar weiterverbreitet. Das sprachen viele Bloggerinnen immer wieder an. Vor allem Bloggerinnen und Onlineautorinnen, die von der weißen, heterosexuellen, cisgender, gesunden, geschlechterkonformen „Norm” abwichen: Women of Color, arbeitende Mütter und Bloggerinnen mit lesbischer, bisexueller oder queerer Orientung. Die Intersektionalität von Geschlecht, Ethnie und anderen Dimensionen der Identität macht sich auch online stark bemerkbar, wenn es darum geht, wer wie stark von anderen gehört wird.

Obwohl, wie bereits erwähnt, fast alle Bloggerinnen und Onlineautorinnen ihr Schreiben im Netz, zumindest teilweise oder indirekt, als politisch einschätzen, werden Blogs von Frauen immer noch oft als „Internet-Tagebuch” oder „mommy blog” geringschätzig abgetan. Wenn mensch Politik eng definiert – nur auf Regierung, Parlament, Parteien und Wahlen bezogen – so ist es nicht verwunderlich, wenn Rankings und auch wissenschaftliche Studien, die auf solch eingeschränkten Definition basieren, die politischen Äußerungen von Frauen im Netz verpassen. Und auch von allen anderen, die sich tagtäglich einmischen, den Status Quo in Frage stellen und neue Themen als politisch definieren und einbringen.

Es hilft ebenso wenig, dass Rankings, Medien und Studien oft zwischen so genannten Themenblogs und Internettagebüchern unterscheiden und diese nach Männern und Frauen abgrasen. Blogs, die ihre Themenpalette erweitern oder ändern, reflektieren die Änderungen im Leben der BloggerIn. Das Leben ist nicht statisch; es ist in Bewegung. Ein neuer Job, ein Umzug, ein neues Engagement in einem Projekt, eine Beziehung, eine Familie gründen, zurück in den Job nach Mutterschaftsurlaub – Bloggerinnen bewegen sich in verschiedenen Lebens- und Themenkontexten und dadurch auch zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen „Bubbles” online. Diese Kontexte verändern sich, denn sie sind Teil der eigenen Weiterentwicklung. Fast alle Bloggerinnen erzählten, dass sie durch ihr Bloggen etwas gelernt oder ihren Horizont erweitert haben. Dies zählte zu den vielen, vielen positiven Erlebnissen. Viele gaben an, dass sie mehr über Themen oder die Lebenswelten von anderen gelernt haben: wie leben Menschen mit einer Behinderung, mit einer (psychischen) Krankheit? Warum denken Menschen, die anderer Meinung sind, so wie sie denken? Welche Perspektiven gibt es außerhalb meiner Komfortzone? Viele gaben auch an, dass sie gelernt haben, besser zu schreiben, selbstbewusster aufzutreten, Projekte zu organisieren und verschiedene Plattformen im Netz für ihre Zwecke zu gebrauchen. Das konnten einige auch beruflich anwenden.

DigitalRooms Black

Eigene digitale Räume

Ganz klar: während fast drei Viertel Negatives erleben haben, sagten alle Bloggerinen, dass sie mindestens ein erfreuliches Erlebnis durch ihren Blog, ihre Webseite oder andere soziale Medien gehabt haben: konkrete Hilfe, überraschende Freundschaften, Unterstützung für eine Initiative, Zuspruch, Jobangebote, Räume für ein Projekt, Information zu speziellen Themen, Anfragen fürs Schreiben auf bezahlten Seiten, Buchangebote. Vor allem aber bot der Blog oder die Webseite einen eigenen digitalen Raum, um der eigenen Stimme Ausdruck zu verleihen, eigene Themen und Ansichtsweisen zu produzieren, eigene Schwerpunkte zu setzen, nicht von anderen korrigiert, redigiert oder verändert zu werden. Einen Raum weg von Arbeit, Familie, Kindern oder anderen Ansprüchen. Ein Raum für Kreativität, für Diskussion, zum Dampf ablassen, zum Debatten anstoßen oder um andere zu beeinflussen, aus der eigenen Position heraus.

Frauen profitieren persönlich, beruflich und in manchen Fällen auch direkt oder indirekt finanziell von einer Onlinepräsenz. Die meisten Teilnehmerinnen mit negativen Erfahrungen sagten, dass die erfreulichen Begegnungen die weniger erfreulichen weitaus übertrafen. Jede Beleidigung oder Belästigung im Netz muss ernst genommen werden, aber es ist auch wichtig zu betonen, dass nur wenige Teilnehmerinnen sehr viele und/oder immer wiederkehrende sexuelle oder andere Belästigungen online erfahren. Leider lastet die Bürde, damit klarzukommen, immer noch auf den Schultern der einzelnen Bloggerinnen. Denn Behörden und Gesellschaft sind langsam und schwerfällig darin, diese Diskriminierungen anzuerkennen und (strafrechtlich) zu verfolgen, wenn überhaupt.

Dennoch. Erfreuliche Erlebnisse durch den eigenen Blog oder die eigene Webseite sind so gut wie garantiert, schlechte müssen nicht passieren. Deshalb sollten alle Frauen, die Zeit, Energie und die Ressourcen haben, überlegen, selbst zu bloggen, zu podcasten, zu tweeten, sich einzumischen. Und sich dabei gegenseitig solidarisch zu unterstützen, zu vernetzen und anzufeuern, um aus eigenen digitalen Räumen heraus in die verschränkten Online- und Offlineöffentlichkeiten hineinzuwirken. Das demokratische Potential der sozialen Medien für Frauen bleibt launisch und sprunghaft, auch in demokratischen Ländern. Dennoch sollten es Frauen (weiter) für sich und ihre eigenen politischen Themen nutzen.

Tipps und Ressourcen fürs erfolgreiche und sichere Bloggen und Schreiben im Netz für NeueinsteigerInnen und alle, die dazu lernen möchten, habe ich in einem Leitfaden zusammengetragen.

Nach Veröffentlichen des Leitfadens kam Kritik in einem Post auf Femgeeks auf. Ihr findet den Post hier. Ich persönlich sehe das nicht so. Mehrere Studien zeigen, was Frauen im Netz passieren kann (siehe weiter oben und Quellen). Das bedeutet nicht, dass diese Studien die Frauen dafür beschuldigen. Im Gegenteil, sie stellen die Situation dar, wie viele Frauen sie beschreiben, dokumentieren das Geschehene und zeigen Strukturen auf, so auch meine Studie. Der Leitfaden vermittelt den aktuellen Forschungsstand zu Erfahrungen von vielen, verschiedenen Frauen im Netz und macht darauf aufbauend verschiedene Handlungsvorschläge.

Ich möchte mich noch einmal ganz <3-lich bei allen Bloggerinnen und Onlineautorinnen bedanken, die an dieser Studie teilgenommen haben.

Quellen und weitere Literatur:

Citron, D. K. (2009). Combating cyber gender harassment. Michigan Law Review, 108, 373-416.
Meyer, R., & Cukier, M. (2006). Assessing the attack threat due to IRC channels. Dependable Systems and Networks, 467-472. Paper presented at International Conference on Dependable Systems and Networks, Philadelphia, PA.
Warren, J., Stoerger, S. & Kelley, K. (2012). Longitudinal gender and age bias in a prominent new media community. New Media & Society, 14(1), 7-27.

  • pfefferminz_

    Hallo Stine,

    Habe das gerade auf Twitter schon mal angemerkt, aber vielleicht doch lieber noch mal hier. In meinem Artikel auf Femgeeks ging es nicht darum, dass Studien oder Hinweise darauf, dass Frauen Belästigung im Internet erleben Victim Blaming gleichen, sondern daraus einen Leitfaden zu machen, der beschreibt wie eine sich nach Möglichkeit verhalten sollte um Belästigung zu vermeiden.

    Wie ich in meinem Artikel schrieb, ist mir bewusst, dass das nicht deine Intention ist auch nur irgendeiner Betroffenen die Schuld zu geben, falls ihr etwas negatives passiert. Ich vermute mal, dass dein Leitfaden nur eines der Resultate aus deiner Arbeit ist und nicht „die Lösung“. Das Fokussieren auf Tricks die Betroffene anwenden können um sich zu schützen, bringt aber meiner Ansicht nach immer automatisch einen negativen Beigeschmack mit. Es fühlt sich immer an, als könnten Betroffene etwas „falsch“ machen und „unachtsam“ sein und müssten dann „logischerweise“ mit den Konsequenzen rechnen. Es besteht z.B auch die Gefahr, dass Aussenstehende die so etwas nicht erleben (müssen), den Leitfaden heranziehen um zu argumentieren „na du hast dich aber auch nicht so und so verhalten, dann ist es ja kein Wunder, dass…“. Ich wurde schon oft genug von wohlmeinenden Bekannten gefragt, warum ich denn überhaupt ins Internet schreibe, wenn so ein Echo zu erwarten ist. Oder gar „was schreibst du denn auch immer Dinge, die andere so wütend machen, das muss doch irgendwie an dir oder dem Inhalt liegen“. Das hat schon mit 11 Jahren damit angefangen, dass ich keinen „weiblichen“ Nickname im Chat verwenden sollte.

    In den Kommentaren zu meinem Artikel wurde auch noch angemerkt, dass der Begriff Sicherheit an sich auch schwierig ist. Es ist unklar, was Sicherheit in diesem Kontext überhaupt sein soll und kann.

    Was ich auch noch auf Twitter geschrieben habe: Werkzeuge können die Lebensqualität verbessern und ich lehne sie nicht ab, aber sie sind für mich nur ein Workaround für schwerwiegende Bugs im System und ich finde es wichtig, sich das immer wieder vor Augen zu halten. Ich kann mich damit nicht zufrieden geben, in bestimmten Momenten den Mund zu halten, bestimmte Dinge nicht zu sagen, Worte nicht zu verwenden und mich zu verstecken um sicher vor Belästigung zu sein.

    • Auto_focus

      Hallo und danke für deinen ausführlichen Kommentar! Ich finde das eine interessante und gute Ergänzung zur Diskussion. Ich werde mal Stine anpingen, vielleicht mag sie ja auch noch etwas dazu sagen.

      • Stine Eckert

        Ich freue mich auf Kommentare und schaue auch immer wieder hier rein. Da ich eine Zeitverschiebung von 9 Stunden zu Deutschland habe, kann es auch mal ein paar Stunden länger dauern.

    • Stine Eckert

      Hallo liebe Pfefferminz und liebe Auto-Focus, ich komme gerne mit Euch ins Gespräch. Zu Pfefferminz: Ich verstehe nun durch Deinen zusätzlichen Kommentar hier auch etwas besser was Du meinst, dass generell Handlungsvorschläge zum Thema Sicherheit problematisch sind. Vielleicht legt mein Artikel hier auch noch detaillierter da, worum es in meiner Studie ging (obwohl der Artikel hier auch nur ein weiterer kleiner Ausschnitt ist). Der Leitfaden hat zwei Hintergründe. Einmal, dass in der Forschungstradition in der ich mich sehe, die „action-orientation“ eine Element ist, d.h. zu versuchen auch etwas zurückzugeben an Teilnehmende der Studie und/oder die Gesellschaft. Das bedeutet also Handlungsvorschläge anzubieten (und nicht vorzuschreiben), anstatt „nur“ im akademischen Rahmen zu publizieren und nicht heraus zugehen in die weitere Gesellschaft. Zweitens, wie Du ja hier im Kommentar richtig vermutest, ist der Leitfaden nur ein sehr kleiner Teil meiner Studie. Der Leitfaden fasst die Strategien zusammen, die Frauen haben entwickeln müssen, um sich ihre digitalen Räume online zu schaffen und zu erhalten. Das schreibe ich ja auch so. Nun hatte ich dieses kollektive Wissen gesammelt, was eher funktioniert hat für meine Teilnehmenden und was eher nicht. Ich hatte auch mitbekommen, dass es viel Austauschbedarf zu Erfahrungen mit dem Bloggen gibt und wenig wissenschaftliches Material dazu im deutschsprachigem Raum. In Kombination mit meinen „action“-Ansatz, erschien es mir sinnvoll, dieses Wissen nicht „verstauben“ zu lassen, sondern zurückzugeben, und zwar in einer Form, die Frauen, und alle anderen Interessierten, dazu motiviert und darin bekräftigt sich online zu äußern, wenn sie dazu die Möglichkeiten haben (Online-Zugang, Zeit, Energie etc.). Dies ist ja auch der Rahmen meines Artikels hier und auch der des Leitfadens: es geht darum zu betonen, dass es sich lohnt, und dass sich Frauen äußern sollen wenn sie die Ressourcen dazu haben, und zwar auf die Art und Weise wie sie wollen zu den Themen, die sie interessieren. Aber da der Diskurs, inklusive aktueller Forschungsergebnisse, immer wieder die strukturell bedingten negativen Erfahrungen aufzeigt, und dies auch eine, mitunter auch große, Rolle für meine Tellnehmenden gespielt hat, sollte dies auch in den Leitfaden einfließen. Es ist also ein Balance-Akt zwischen der unbedingten Ermutigung, die ich ja auch immer wieder betone, und dem Anerkennen der aktuellen Situation. Ich hoffe das macht meine Position etwas verständlicher. Ich freue mich, dass der Leitfaden zu so einem regen Austausch führt. Das ist ja auch ein Zeichen dafür wie tricky die Situation ist und dass wir viele verschiedene Ansätze und Stimmen brauchen, damit Frauen Online-Räume nutzen (können).

  • Stine Eckert

    Hallo Petra,

    vielen Dank für Deine Einsichten und Erfahrungen sowie den Link (den ich mir später anschaue.) Es läuft wohl auch darauf hinaus, dass egal was frau tut, sie zur Zielscheibe werden kann. Das ist die Krux des power plays. Deshalb habe ich auch im Leitfaden versucht zu betonen, dass jede für sich selbst entscheiden soll/muss/kann, was im Moment für sie passt oder nicht. Ich habe auch von vielen Frauen gehört, dass sie an Austausch und Dazulernen interessiert sind. Allein, dass es eine Diskussion gibt, zeigt schon in welch tricky situation sich Frauen, die sich öffentliche äußern (wollen) befinden.