Reblog! Warum tumblr mich internetoptimistisch macht

Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by larrybobsf

Vorneweg sollte ich sagen, dass es in diesem Artikel nicht um die NSA* geht (*NSA hier als Symbolwort für sämtliche Geheimdienste, das Problem der Überwachung und so weiter zu verstehen). Oder vielleicht doch, so als Ausgangspunkt. Denn die Debatten der letzten Wochen drehten sich unter anderem um die Frage, ob das Internet angesichts der allumfassenden Überwachung “kaputt” sei (oder zumindest schwer beschädigt). Ich will mich über diese Frage oder These auch gar nicht lustig machen – diese Debatten sollten, müssen geführt werden. Gleichzeitig führten meine Gedanken dazu mich aber in eine andere Richtung, was ich in zwei Tweets zu formulieren versuchte.



Natürlich ist das verkürzt (aber Tweets sollten sowieso nicht dauernd per se als ausgeklügelte Aphorismen oder markige O-Töne verstanden, sondern auch mal als ungeschliffene Einfälle gesehen werden. Außerdem fehlt da ein Wort). Verkürzt insofern, dass es mir dabei nicht um ein Entweder-Oder geht. Dass es gleichzeitig bedenkliche und bemerkenswerte Zustände im Internet zu finden gibt, schließt sich selbstverständlich nicht aus. Aber zumindest kann ich sagen: viele Orte im Internet machen mich optimistisch, trotz allem. Ich meine jetzt nicht im Bezug auf das Beenden der Überwachung. Aber dafür im Bezug auf ganz viel anderes. Nicht alles im Netz hat etwas mit der NSA* zu tun (genau wissen tun wir das sowieso nicht. Nein, du auch nicht.).

Konkret manifestiert sich meine Begeisterung vor allem in Dingen, die ich über Plattformen wie tumblr oder soup.io wahrnehme. tumblr dürfte den meisten ein Begriff sein: eine simple Blogplattform, die aber gleichzeitig ein Twitter-ähnliches Follower-Netzwerk erlaubt, durch das sich ein steter Newsfeed an neuen Bildern und Texten bildet. Besonders wichtig dabei die Funktion, Einträge Anderer per “Reblog” selbst zu posten und dabei zu kommentieren. Viele Leute denken bei tumblr vermutlich an animierte GIFs von Katzen, Filmszenen oder Pornos. Gibt es natürlich alles und ist auch alles nicht verkehrt, je nachdem.

So vieles, was ich auf diesen Plattformen finde, geht für mich aber in seiner Bedeutung weiter. Viel unmittelbarer und unverstellter noch als in “klassischen” Blogs gestalten Menschen hier in Fotos, GIFs, Comics, in Collagen, Textfragmenten und Zitaten kleine Alltagsvisionen, die der alltäglichen Bildwelt in Magazinen, Werbung, TV und Kino etwas entgegensetzt. Weil sie dort noch zu selten vorkommen (oder zu oft nur in einer diskriminierenden Schablone), sei es wegen ihrer Körperform, ihrer Hautfarbe, ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung. Oder auch einfach wegen ihres eigenen Verständnis von Schönheit.

Representation matters

Viele dieser Beiträge wirken auf den ersten Blick banal: kitschige Sinnsprüche, Emotionales voller Pathos oder Niedlichkeit. Das meiste macht keinen politischen Eindruck: Fandom und Mode, Selbstporträts und Erotica. Aber es ist mehr als das. Im riesigen Netz der Posts und Reposts werden Illustrationen für alternative Gesellschaften getauscht, die dabei gleichzeitig ein (zumindest kleines) Stück mehr Realität werden. Vielleicht gibt es diese Realität für viele Nutzer_innen bislang nur auf tumblr – weil sie außerhalb ihrer Netzsphäre noch nicht so sein und leben können wie sie wollen, weil Menschen ihnen immer noch diskriminierende Vorurteile überstülpen. In den Blogs finden sie Selbstermächtigung und Ermutigung, ein Ventil für Diskriminierungserfahrungen und die Bestätigung, dass Menschen ihre Erfahrungen und Vorstellungen teilen. Niemand sollte den Trost unterschätzen, der darin steckt, auf den Reblog-Knopf zu drücken und zu sagen: THIS!

My body is none of you business

Anders als in den Hochglanzmagazinen schreit der auf tumblr populäre “Inspirational Content” nicht stets danach, dass wir uns in einem neoliberalen Funktionssinne beständig optimieren. Hier geht es darum, Mut zu finden, sich abseits von Normen zu bewegen und diese aufzubrechen.

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In unserer bilddominierten Welt können Blogs wie blackfashion.tumblr.com, meme-artige Selfies wie das „too busy being awesome“-Bild von Ainee Fatima oder Bilder von berühmten Wissenschaftlerinnen und anderen Pionier_innen weitaus mehr Impact haben, als wir ihnen auf den ersten Blick zutrauen. Weil sie sichtbar machen, subtil unsere Sichtweise und Sehgewohnheit verändern und uns neue Vorstellungen einimpfen (dazu bspw. spannend: die Debatte um “feminist Selfies”).


Natürlich finden diese und ähnliche Beiträge nicht nur auf Plattformen wie tumblr statt, sondern an vielen anderen Stellen im Social Web. Trotzdem entfaltet sich hier eine eigene Qualität – die einfache Bedienung und für Bilder und kurze Texte optimierte Gestaltung schafft einen Schnittpunkt von Fanzine, (Jugend-/Mode-/Pop-)Zeitschrift und Diskussionsforum. Dass es auf tumblr genauso wie andernorts im Netz alle möglichen Themen und Inhalte gibt, darunter auch wahrhaft Banales oder Diskriminierendes, versteht sich von selbst. Aber das schwächt ja nicht den Rest. Im Gegenteil: in den Diskussionen unter vielen Posts stärken sich Nutzer_innen gegenseitig den Rücken gegen diskriminierende Kommentare oder setzen sich mit den eigenen Positionen auseinander. Bereichernde und / oder humorvolle Kommentare werden zu eigenen Beiträgen, die weiter verbreitet werden und so fort.

Annika Vrklan, 8 year old pro skateboarder

So wie die Bildchen auf tumblr weiterrauschen, geht im Netz vieles weiter: unbeeindruckt, unbehelligt, weil die Menschen es brauchen, dringend, weil es zum Teil lebenswichtig für sie ist. Auch ein kleines tumblr-GIF kann das sein, als ein Puzzleteil von vielen. Für viele Nutzer_innen ist dies Teil einer individuellen, aber auch gesellschaftlichen Problemlösung, unmittelbar, mit dem Internet und über das Internet. Weil es Menschen zusammenbringt und ihnen erlaubt, sich zu äußern. Was soll ich sagen: für mich ist das ist Netzpolitik! Nur eben eine andere. Wenn wir uns für die Freiheit des Netzes einsetzen, sollten wir sie nicht aus den Augen verlieren. Und sei es nur für ein wenig Optimismus.

Habt Ihr eigene oder Lieblings-tumblr? Ich freue mich über weitere Empfehlungen!