Schlafen mit Geschichte, am Ende einer Epoche: eine Nacht im Hotel Bogota

CC BY-NC-SA 3.0 , by Lena Reinhard

Es ist ein grauer Tag Mitte November in Berlin. Ich packe ein paar Sachen ein – Zahnbürste, ein Schlaf-T-Shirt, ein Paar Socken, Unterwäsche -, und mache mich auf den Weg. 6 Stationen mit der U-Bahn in Richtung Charlottenburg, Ausstieg U Kurfürstendamm, als ich die Treppe hochgehe, weht mir ein eisiger Wind entgegen. Zügig gehe ich den Ku’damm entlang. Links und rechts Designerläden, Galerien, der Bürgersteig ist voller Laub und menschenleer. Bis auf ein paar kleine Touristengruppen und ältere Menschen, die an den Bushaltestellen in die Busse Richtung Grunewald steigen, ist kaum jemand zu sehen. „Treffen 17 Uhr vor Ort?“, hatte I. geschrieben, jetzt schickt er ein Foto von einem Zimmerschlüssel. Vier-drei-sieben. Es ist 17:15 Uhr, kurz vor mir sehe ich im Halbdunkel die Straßenschilder. Schlüterstraße / Kurfürstendamm. Links abbiegen, noch 50 Meter, dann bin ich da. „Vor Ort“, das ist die Schlüterstraße 45.

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Dies ist eine Geschichte

Dies ist eine Geschichte über Wert und Werte, über eine Stadt, die ihre eigene Zukunft finanzieren muss und darüber, ob Geschichte in solch einer Stadt eine Zukunft haben kann.

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Ich gehe den roten Teppich unter dem leuchtend orangefarbenen Baldachin entlang, in großen Lettern steht da „HOTEL BOGOTA“, dann eins, zwei, drei … sechs Stufen hoch, durch die Eingangstür. Vor mir sitzt ein kleiner Junge, um die zehn Jahre alt, sein Gesicht ist hell erleuchtet von dem Monitor, auf den er blickt, ein paar Meter weiter liegt in einer dunklen Ecke sein Schulranzen. Rechts neben ihm hängt ein Schild, „Rezeption“, darunter ein Pfeil nach rechts. Ich melde mich dort, ein freundlicher Herr notiert meinen Namen, dann steige ich in den Aufzug, drücke „AUF“, wähle die Vier und fahre nach oben.

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In den verwinkelten Fluren liegen dicke rote Teppiche, an den Wänden hängen Bilder des historischen Berlins. Auf einem Foto vom Halleschen Tor von 1909 sind Straßenbahnen zu sehen, alte Gebäude, Bäume. Ich schließe die Augen und vergleiche das Bild mit dem Bild vor meinem inneren Auge, das zeigt, wie es dort heute aussieht: Es fahren keine Straßenbahnen mehr, aber Busse und Autos auf mehrspurigen Straßen.

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Auf dem Weg zum Zimmer komme ich an mehreren „WC“-Schildern vorbei, in einigen Zimmern hier gibt es nur Waschbecken, für sie sind eigene Räume mit Etagentoiletten und -duschen eingerichtet. I. hat nochmal geschrieben: „Ich liege schon Probe.“ Ich gehe um eine weitere Ecke, vier-drei-sechs, da ist es: Vier-drei-sieben. Ich klopfe an und betrete das Zimmer.

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Der Anfang vom Ende

I. und ich, wir wohnen beide in Berlin. Dass wir trotzdem hier in einem Hotel übernachten werden, hat einen besonderen Grund: wir treffen uns hier an einem Ort, an dem wir bald nicht mehr sein können und der einer von vieleren Orten ist, an denen sich lange schwelende Diskussionen wieder entzündet haben. Denn dieses Zimmer wird schon in etwas mehr als einer Woche nicht mehr zu buchen sein. Dann schließt das Hotel Bogota seine automatische Eingangstür für immer. Der Grund: Joachim Rissmann, Hotelchef und Mieter des Hauses, konnte die Miete nicht mehr bezahlen. 36.772,62 € Grundmiete zuzüglich Nebenkosten, laut Thomas Bscher, dem Hauseigentümer, sind die Schulden mittlerweile angewachsen auf einen sechsstelligen Betrag. Die Rede ist von 290.000 Euro. Im April übersandte er an Rissmann die Räumungsklage. Als im Mai bekannt wurde, dass das Hotel von der Schließung bedroht ist, protestierte eine Reihe Prominenter unter dem Motto „Bogota darf nicht sterben“. Doch der Erfolg der Kampagne blieb aus. Am 07. Oktober einigten sich Mieter Rissmann und Eigentümer Bscher in einer Güteverhandlung beim Landgericht Berlin. Wenn der letzte Gast am 01. Dezember gegangen ist, werden Einrichtungsgegenstände verkauft und versteigert, und zum 15. Dezember muss das Haus geräumt an den Eigentümer übergeben werden.

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Ankunft kurz vor dem Ende

„Ist es nicht auch eine Art Katastrophentourismus, was wir hier machen?“, frage ich kurz nach meiner Ankunft I., und ein bisschen auch mich selbst. Er nickt. Ich war noch nie hier. Womöglich wäre ich auch niemals hergekommen, jedenfalls nicht, um hier zu übernachten, wenn die Dinge nicht so gekommen wären, wie sie es sind. Auf dem roten Teppichboden in unserem Zimmer stehen zwei Betten, nebeneinandergestellt. Daran jeweils ein Nachttisch mit einer Lampe darauf, ein Schrank, der bis auf ein paar Kleiderbügel leer ist, eine Gepäckablage, ein Schreibtisch mit Stuhl, rechts neben der Eingangstüre ein Badezimmer mit Dusche, Waschbecken, Toilette. An der Wand über dem Bett hängt ein Druck, ein Segelboot, über und neben dem Schreibtisch drei weitere Bilder, vom Bett aus fällt der Blick auf einen riesigen Spiegel und einen winzigen Fernseher. Ich bin erstaunt, wie ruhig es hier ist. Selbst jetzt, im Berufsverkehr, ist von der viel befahrenen Straße direkt nebenan nichts zu hören. Nach dem 01. Dezember wird hier wohl niemand mehr übernachten. Was danach mit dem Gebäude passiert? Bscher, dem nebenan ein weiteres Haus gehört, in dem sich unter anderem ein Laden von Bulgari befindet, will hier Büros und einen Laden im Erdgeschoss einrichten. Für Wohnungen sei „die Ecke zu laut'“ (Zitat).

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Die gelb getünchten Wände leuchten im Restlicht des Tages. Die doppelt verglasten Fenster halten den Herbstwind draußen. Das Zimmer verspricht keinen Luxus, aber dafür alles, was man braucht und dieses Versprechen kann es halten: einen Platz für die Nacht im Warmen in einem bequemen Bett. Der Blick von unserem Fenster fällt in den Innenhof, ein Baum steht da und ein paar Tische. Es ist längst zu kalt zum Draußen Sitzen. Wir machen erst einmal einen Rundgang durch das Gebäude.

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Kein Stern, kein Wellnessbereich, kein WLAN

Die hundert Jahre alten Dielen knarzen, die Treppenstufen sind schief, im Innenhof sind leise Gesänge zu hören, auf den Fluren gehen Menschen entlang und grüßen freundlich, im Erdgeschoss spielt jemand Klavier. Das alles gibt es ohne Stern, ohne Wellnessbereich und ohne WLAN. – Dafür bekommt man ein ganz besonderes Flair hier gleich tonnenweise, und dazu ein Gefühl wie auf einer kleinen Zeitreise zwischen hübschen Tapeten, einer Einrichtung aus längst vergangenen Zeiten, durchgesessenen Sofas, Fotos an allen Wänden, Salons, und einem Aufzug, der nur dann freiwillig die Stockwerke wechselt, wenn man die Türe richtig zumacht. Als Zugabe obendrein gibt es noch sehr aufmerksames Personal, das uns binnen kurzer Zeit das Gefühl gibt, überhaupt nicht im Hotel, sondern ein bisschen wie unter Freunden zu sein. Künstler und Kreative gingen hier seit der Eröffnung ein und aus, Fotografen machten Shootings, das Haus wurde 2001 zum freundlichsten unter den kleinen Hotels der Stadt gewählt, und ich verstehe schnell, warum.

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In Zahlen

Das alles ist wunderschön, ich bin wirklich angetan. Aber, mal ehrlich: muss das? Braucht diese Stadt das? In Zahlen gefasst sieht das Ganze so aus: knapp 11 Millionen Gäste haben 2012 in Berlin übernachtet, zehn Prozent mehr als noch im Vorjahr. 800 Beherbergungsbetriebe mit 133.400 Betten sind in der Stadt gelistet, die 130 Betten im Bogota, das sind davon gerade einmal 0,097 Prozent. Darauf kommt es ja nun wirklich nicht mehr an. Und wer will schon für ein Doppelzimmer ohne eigenes Bad noch über 60 Euro bezahlen, wenn er für den selben Preis um die Ecke eines mit Badewanne und Toilette bekommt? So funktioniert der Markt, so läuft das Game.

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Ach, wirklich?

Und trotzdem bleibt ein bittersüßes Gefühl. Denn wenn Orten so etwas wie eine Seele aufgrund ihrer Geschichte zugesprochen werden kann, dann einem Ort wie dem Hotel Bogota. 1912 wurde es vollendet, dieses zunächst als Wohnhaus errichtete Gebäude an der Schlüterstraße 45. Später Jugendstil, denkmalgeschützt. Es hat viel erlebt in seinen knapp 102 Jahren. Ab 1934 wohnte und arbeitete hier in 14 Räumen in der vierten und fünften Etage eine der bekanntesten Berliner Fotografinnen: die Modefotografin Else Neuländer-Simon, auch bekannt als Yva. Auf dem Dachgarten machte sie ihre ersten Experimente mit Farbfotografie, hier und auf den Treppen zwischen den Etagen entstanden viele ihrer Fotos.

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Bei ihr in die Lehre ging ab 1936 der damals 17-jährige Helmut Neustädter, später bekannt als Helmut Newton. Sie selbst erhielt 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft Berufsverbot und wurde vier Jahre später in das Konzentrationslager Maidanek deportiert, wo sie vermutlich noch 1942 starb. Im selben Jahr wurde das Haus von den Nationalsozialisten enteignet. Nun zog dort die Reichskulturkammer ein, ihr damaliger Leiter Hans Hinkel hatte im zweiten Stock sein Büro und trieb von dort aus die Gleichschaltung des Kulturlebens voran. Nach Kriegsende fanden die Briten in den Räumen noch viele Personalakten vor und organisierten von dort aus ab 1945 die Entnazifizierung auf dem Kultursektor. Im Juli des gleichen Jahres fand dann die erste Kunstausstellung nach dem Krieg statt, organisiert von der Kammer der Kunstschaffenden, die sich ebenfalls dort gegründet hatte.

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Bogotá

1964, das Haus war inzwischen verkauft und umgebaut worden, eröffneten dort gleich vier Hotels, unter ihnen das Hotel Bogota. Dessen Namensgeber und erster Hotelier war Heinz Rewald, der auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in den 1930ern nach Bogotá gegangen war und bei seiner Rückkehr die ersten Einrichtungs- und Dekorationsstücke mitgebracht hatte. Zwölf Jahre später übernahm die Familie Rissmann, deren Sohn Joachim im Hotel aufwuchs und das Haus heute immer noch führt. Die Verbundenheit zur Fotografie ist geblieben: überall hängen Fotografien an den Wänden, regelmäßig finden am „Photoplatz“ im Erdgeschoss Ausstellungen statt, in Yvas Atelier hängen noch Bilder von ihr und Newton.

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Was es ist

Und so ist es eben nicht nur ein altes Gebäude mehr oder weniger, um das es hier geht. Es ist ein Gebäude, an dem sich der Wandel der Stadt, in dem es sich befindet, ablesen lässt, ebenso wie ein ganzes Stück deutscher Geschichte. Ein Wandel, der eben nicht nur diese eine Immobilie betrifft.

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Berlin verkauft Berlin

„Berlin verkauft Berlin“ (in der RBB-Mediathek) titelte kürzlich eine Reportage. Denn es geht eben nicht nur um das Hotel Bogota, sondern auch um den Spreepark, das Tacheles, die Galerie c/o im ehemaligen Postfuhramt: alles Gebäude und Plätze, die ebenso wie diese Stadt eine lange, bewegte Geschichte hinter sich haben und in den vergangenen Jahren nach und nach veräußert wurden. Und viele weitere, die im Begriff sind, zu verschwinden. Thomas Bscher gehört dieses Haus in der Schlüterstraße, er kann damit machen, was er will, und wenn er es auf die Grundrisse von 1911 zurückführen will, ist das seine Sache. Oder ist es gar nicht so einfach? Bei einem Rückbau auf den Bauzustand: wo bleiben all die Jahre, wo bleibt all die Geschichte, die es erlebt hat? Obendrein ist das Haus denkmalgeschützt. Ist es richtig, solch ein Gebäude aus den Augen der Öffentlichkeit zu entfernen? Was bringt ein Denkmal, das sich niemand mehr ansehen kann? Von dem womöglich für die Bürger der Stadt nichts mehr bleibt als eine goldene Gedenktafel an einer frisch gestrichenen Fassade?

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Nichts als nostalgische Verklärtheit?

Ist das gut, weil Marktwirtschaft eben genau so funktioniert? Was macht Berlin, wenn es so viele dieser Orte Großinvestoren überlässt? Ist es einfach nur Nostalgie und Naivität, zu fordern, dass diese Orte erhalten bleiben, womöglich im Besitz der öffentlichen Hand, nicht abgerissen werden und für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben? Oder ist es völlig legitim, in einer Stadt, die permanent finanziell klamm ist, dort Geld zu holen, wo es eben zu bekommen ist? Ist es bloße Sehnsucht nach alten Tagen, die den Wandel einer Stadt zur finanzstarken Kreativmetropole Europas aufhält? Wie dich darf die Vergangenheit in dieser sich stetig verändernden Stadt noch an der Gegenwart sein? Warum werden nicht nur wenige, sondern mehr und mehr für diese Stadt einst prägende Orte durch Büro- und Einkaufszentren ersetzt? Ich frage mich: Wie viel Ausverkauf seiner Geschichte kann Berlin vertragen, ohne dass es sich selbst aufgibt?

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Wenn Leben auf Geschichte trifft

Geschichte ist für uns heute, was einst Leben war. Das Leben der Menschen vor vielen Jahren wird häufig erst wirklich greifbar, spürbar, an den Orten, an denen sie lebten. Verstehen können wir Geschichte am besten dann, wenn wir das Leben der Menschen betrachten, die damals lebten und uns dort aufhalten, wo sie es taten.  Es gibt Orte, an denen unser Wissen über die Vergangenheit mit Händen fassbar ist. Dort werden Seiten aus Geschichtsbüchern zu Mauern, Bodenbelägen, Treppenstufen, auf denen vor vielen Jahren schon andere Menschen gingen. Die Fenster dort sind die, durch die sie die Welt sahen, auch wenn ihre Welt damals noch eine andere war. So entsteht häufig durch die Orte ein Bezug zur Vergangenheit, der über Geschriebenes, Erzähltes, rational Erfasstes, Verstandenes hinaus geht. Unsere Wahrnehmung verändert sich, die Auseinandersetzung mit Ereignissen und wir können viel leichter emotionalen Bezug zu theoretischen Wissen über Vergangenes herstellen.

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Hinter welche(n) Mauern (ver)stecken wir Geschichte?

Vergangenes lässt sich natürlich auch wunderbar in Museen aufbewahren, in Vitrinen ausstellen, hinter Absperrungen packen. Denn Museen betritt man mit dem Zweck, sich zu erinnern, man betrachtet Exponate und geht dann wieder. Sie sind verschlossene Orte mit Öffnungszeiten, nach deren Besuch sich das Erinnern auch leicht wieder abschütteln lässt. Doch womöglich ist Geschichte uns genau da am nächsten, wo Leben auch heute noch weitergeht, wo immer Neues passiert, und wo wir bisweilen daran denken, dass diese Räume, in denen wir stehen, diese Flure, die wir entlanggehen, Orte des Erinnerns sind. Geschichte lässt sich nicht verdrängen, auch dann nicht, wenn sie nur noch hinter Museumsmauern ein Dasein fristen soll.

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Vergessen, zu erinnern

Geschichte zu bewahren heißt oft – auch in Verbindung mit dem Hotel Bogota – nicht nur ihre schönen Seiten zu erhalten. Es bedeutet, auch Orte zu bewahren, die eine sehr wechselvolle Geschichte haben, an denen Unrecht geschah und die uns an Zeiten erinnern, die nicht wiederkehren dürfen. Es sind Stätten der Erinnerung und Mahnmale, kleine Zeichen in einer großen Stadt. Je häufiger eine Stadt diese Orte, an denen sich ihr Werdegang ablesen lässt, dem Einzug neuer Büro-Etagen preisgibt, umso mehr wird sie sich irgendwann fragen lassen müssen, ob sie sich überhaupt noch ihrer Geschichte erinnern will.

Die aufgeworfenen Fragen über die Wertschätzung von Geschichte und die realen finanziellen Zwänge einer Stadt sind komplex. Doch was derzeit in Berlins Stadtentwicklung passiert, ist mit nichts anderem mehr als einem Ausverkauf zu bezeichnen. Dafür mag es mehr oder weniger gute Gründe geben. Doch vielleicht ist genau dieser Ausverkauf, der kurzfristig mehr Geld bringt, langfristig genau das, was dafür sorgt, dass Berlins Attraktivität als Stadt, Standort, Lebensmittelpunkt und Reiseziel nach und nach verschwindet. Bis zu einem Punkt, an dem es nichts mehr zu verkaufen gibt.

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Türen, die für immer zugehen

Deswegen geht es eben nicht um Nostalgie oder ein hübsches Hotel. Es geht darum, Leben in der Stadt zu bewahren und weiterzuführen, wie in diesem Hotel, wo Geschichte in Form von Möbelstücken, Fotografien und ehemaligen Bewohnern an jeder Ecke einfach da ist (zum 01.12.: da war). Es geht um nicht weniger als diese Stadt, deren Geschichte immer noch einer der Hauptgründe für ihre Attraktivität ist. Es geht um Stadtentwicklung und um viel Geld, es geht darum, welche Teile der Stadt für die Öffentlichkeit erhalten bleiben sollen, und wie viel Vielfalt sie sich zwischen Glasfassaden, Bürokomplexen und Einkaufspassagen noch erlauben will. Das Gebäude in der Schlüterstraße 45 ist nur ein winziger Teil dieser Millionenstadt, das Hotel Bogota nur ein Beispiel von vielen.

Wir gehen noch eine Runde um den Block spazieren, essen etwas in einem Restaurant wenige Häuser weiter, schauen Nachrichten auf unserem kleinen Fernseher und gehen früh schlafen. Ich habe die Vorhänge nicht richtig zugezogen, in der Nacht scheint das Notausgangsschild aus dem Gang schräg gegenüber direkt auf mein Gesicht.
„Wenn Menschen sagen ‚wenn eine Tür zugeht, öffnen sich zehn andere‘, hofft man natürlich, dass eine passt“, sagt Joachim Rissmann. Wenn eine besondere Tür für immer zugeht, bleibt nur zu hoffen, dass noch eine andere offen bleibt, die zu den aktuellen Stadtentwicklungsplänen passt.

 

Tschüss, Hotel Bogota.

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Weiterführende Links:

Hotel Bogota – Website des Hotels

Sacking Berlin“ – Quinn Slobodian und Michelle Sterling (Englisch); deutsche Fassung, leicht gekürzt: „Es sind gar nicht die Hipster, Dummkopf!

Immer wieder!“ – Thomas W. Maretzki, Prof. emerit., Honolulu, in einem Leserbrief an die Zeit, darüber, warum er in Berlin nur im Bogota wohnen will

Schlüterstraße 45“ – Susanne Kippenberger, Tagesspiegel über die Geschichte des Gebäudes

Hotel Bogota Berlin – Künstler, Zyniker und Diebe“ – Michael Reitz, Deutschlandradio Kultur, mit detaillierter Beleuchtung der Historie

Abschied – die letzten Tage des Hotels Bogotá“ – Ein Kurzfilm von 2470media.

Mit dem Hotel Bogota schließt eine Berliner Legende“ – Anette Kuhn, Berliner Morgenpost

Berliner Hotel Bogota: Ende Legende“ – Hiltrud Bontrup, Spiegel Online

Photography. Else Ernestine Neulander-Simon (A.k.a. YVA)“ – Design you trust mit einigen Bildern von Yva

Nachtrag, 20.11., 23:24 Uhr:Wowis Legoland“ – eine Reportage von Georg Diez, nominiert für den Reporterpreis 2013, zu den architektonischen Hinterlassenschaften von Klaus Wowereit

  • IWe

    Sehr beeindruckend – und gut geschrieben. Vielen Dank.

  • sturmfrau

    Gut, dass Sie’s gemacht haben – einmal dort übernachtet, es sich ganz genau angeschaut, die Atmosphäre in sich aufgesogen. Und gut, dass Sie drüber geschrieben haben.

    Ich sah neulich, einige Zeit nach meinem Besuch in Prag, auf einem jahrhundertealten Stich den Altstädter Brückenturm, und es schlich sich mir die Erkenntnis unter die Haut, dass ich genau dort erst kürzlich gestanden habe, vor mir aber schon so unglaublich viele Menschen, unglaublich viele Generationen mit genau diesen Blick auf genau dieses Gebäude. Das vermittelt einem ein vages Verständnis davon, wer man ist als Mensch, wo man herkommt, wo man hingeht.

    Mit dem Hotel Bogotá wird es nicht anders sein – Geschichte berührt, vor allem dann, wenn sie weit mehr beinhaltet als allein Zweckdienlichkeit. Etwas Vergleichbares wird man im Sony Center nicht erleben können. Die Unterordnung ganzer Städte unter die vermeintlichen Notwendigkeiten des Kapitalismus tötet die Geschichte und die Geschichten, den Charakter von Orten und ihre Farbe. Die glatte Fassade einer Edelboutique wird einen wohl kaum derart berühren, schon gar nicht, wenn man wegen knapper Kassen nicht einmal ein „Konsumerlebnis“ damit verknüpfen kann. So wird aber, fürchte ich, früher oder später der Großteil der Lebensräume um-„gestaltet“ werden.

    Daher ein großes Dankeschön, dass Sie diesem besonderen Platz vor seinem Tod noch einmal die Ehre erwiesen haben.

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  • Buddie

    kleinerdrei schwärmt für Helmut Newton? Ich bin doch ein wenig erstaunt – war der nicht immer so stolz darauf seinen Fasho-Modellen keinen Cent zu bezahlen?
    Wieso haben die Promis nicht einfach Geld gespendet um das Hotel zu erhalten? Was haben sie sonst erwartet, daß die Stadt das Gebäude zurückkauft – mit welchem Geld? Warum sind die Leute nicht bereit 100€/Nacht zu zahlen, wenn das Hotel so toll ist? Oder ist der Plan den Besitzer zu enteignen? Er ist ja scheinbar reich, also böse, also ist es ja egal? Warum sollte das neue Hotel daß der jetzige Betreiber eröffnen will weniger toll sein?

    Ich finde bei so einer Geschichte sollte man schon auch begründen weshalb es zu einem angeblichen Marktversagen gekommen ist. Um manche Dinge wie das Tacheles tut es mir auch leid, aber wieso schaffen solche Projekte es scheinbar nie sich mal ein Haus zu kaufen? Und wenn hätte man sowas nur als Sozialbau erhalten können, und ehrlich gesagt, wenn der Staat etwas zu Sozialwohnung macht kann er es sich glaube ich nicht erlauben es in so heruntergekommenen Zustand zu belassen. Bedürftigkeiten müssten für die Bewohner geprüft werden etc.

    • sturmfrau

      Wer schwärmt denn? Helmut Newton wird im Zusammenhang mit Yva erwähnt, das ist doch alles.

      Sie vereinfachen schon ziemlich. Sich mal eben ein Hotel kaufen, mal eben 100 € pro Nacht zahlen, mal eben… Der Artikel ist doch differenziert genug geschrieben, und unter anderem erwähnt er auch, dass es eben nicht nur um ein hübsches Hotel geht. Es ist eine generelle Kritik an der strikten Ausrichtung von allem an marktwirtschaftlichen Kriterien. Wenn man über selbige aber nicht hinausdenken kann, dann bleibt einem natürlich auch ein Artikel wie dieser unverständlich – das muss dann wohl so sein.

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