Welcome to Night Vale

Foto , © , by Commonplace Books

„A friendly desert community where the sun is hot, the moon is beautiful, and mysterious lights pass overhead while we all pretend to sleep. Welcome to Night Vale.“ („Eine freundliche Wüstengemeinde, in der die Sonne heiß und der Mond schön ist, und in der mysteriöse Lichter vorbeiziehen, während wir alle so tun, als würden wir schlafen. Willkommen in Night Vale.“)

So beschreibt sich das kleine Wüstenörtchen Night Vale. Ganz gewöhnlich ist dieser Ort aber offensichtlich nicht.

Da wäre zum Beispiel der Umstand, dass sich eines Tages alle Weizen- und Weizen-Nebenprodukte in Schlangen verwandeln. Oder das katastrophale Erdbeben mitten in Night Vale, das niemand spürt, und das keinen Schaden hinterlässt. Khoshekh, die schwebende Katze im Klo der örtlichen Radio-Station, oder die farbwechselnde Monsterwolke und der verbotene Hundepark („Do not approach the dog park! Do not even think about the dog park!“). Die Liste ist lang. Über all dies berichtet der örtliche Radiomoderator Cecil in seiner Sendung mit nüchternem – ja geradezu gelangweiltem – Unterton, nur unterbrochen von seinen Schwärmereien für Carlos, den Wissenschaftler mit den „perfekten Haaren“. Dieser ist neu in Night Vale und scheint etwas überfordert mit seinen Untersuchungen der absurden Vorkommnisse in der „freundlichen Wüstensiedlung“…

„Welcome to Night Vale“ ist ein monatlich erscheinender Podcast, der sein Publikum mit Nachrichten aus einer fiktionalen Stadt beglückt, in der alle Verschwörungstheorien wahr sind und jeder Horror vorstellbar. Für mich dabei erstaunlich: Die Sendung findet sich derzeit stetig in den iTunes Charts, ist zeitweise sogar der meistabonnierte Podcast im US iTunes Store. Erstaunlich ist das deshalb, weil es sich weder um eine zweitverwertete Sendung eines (realen) Radiosenders – wie zum Beispiel „This American Life“ – noch um einen der unzähligen „Nerds sprechen über Nerdzeug“ Podcasts variierender Qualität handelt, die in der Regel die Charts anführen. Nein, „Welcome to Night Vale“ ist ein minimalistisches Hörspiel, das innerhalb kurzer Zeit eine große und sehr aktive Fangemeinde um sich scharen konnte.

In der Tat ist der Podcast für mich eines der besten Beispiele für das, was Ira Glass wohl mit seinem kurios klingenden Bonmot „Radio is your most visual medium.“ meint. („Radio is das visuellste Medium.“) Die Beschreibung des Unbeschreibbaren, des für Cecil alltäglichen Horrors, meistert „Night Vale“ par excellence. Dass hier ohne Bilder gearbeitet werden muss, ist zugleich größte Herausforderung, als auch eine der Stärken des Formats. Bilder werden in den Köpfen des Publikums erzeugt, surreal gebrochen und (schwarz-)humorvoll abgeschlossen. „Night Vale“ funktioniert gerade deshalb so gut, weil es die eigenen Bilder im Kopf sind, die Hörer_innen an der urigen Stadt so fesseln und faszinieren. Untermalt von den sonoren Klängen des von Cecil Baldwin wirklich hervorragend gesprochenen Radiomoderators. Für mich ein Podcast, den ich bewusst höre, abends zurückgelehnt auf der Couch, ohne Ablenkung.

Spannend ist auch, dass die Hauptcharaktere von „Welcome to Night Vale“ zur Abwechlsung nicht weiße Heterosexuelle sind. Gerade wenn man sich im Vergleich die Statistiken über LGBT Figuren im US-Fernsehen ansieht, sind die queeren Figuren Cecil und Carlos erwähnenswert und nicht selbstverständlich. Vor allem, da ihre Beziehung entgegen bekannten Mustern aus Mainstream-Medien weder problematisiert noch als Comedy-Element benutzt werden. Frauen sind allerdings, auch in „Night Vale“, eher in der zweiten Reihe vertreten. Das „Night Vale“-Fandom konzentriert sich im Rahmen von Unmengen von Zeichnungen und Malereien besonders auf die Beziehung von Cecil und Carlos, auch wenn sie im Podcast nicht unbedingt im Zentrum der Handlung steht. Ein Phänomen (oder sollte ich sagen: fan-omen?), das mich an ähnliche Fokussierungen bei „Sherlock“ oder gar die unendlichen Weiten der Manga-Kategorie „Yaoi“ erinnert und vielleicht einen eigenen Artikel wert wäre. Bei „Night Vale“ ist dies aus meiner Perspektive fast ein wenig lustig und vielleicht auch lehrreich. In einer absolut absurden Welt, mit den seltsamsten Dingen und Vorkommnissen, scheint den Fans trotzdem eine queere Beziehung die meiste Faszination zu bereiten. Vielleicht kann ein so erfolgreicher Podcast da aber auch ein bisschen gegensteuern und im positiven Sinne normalisierend wirken.

Ebenso bemerkenswert: Oft wird Carlos, der im Podcast in einem Nebensatz explizit als Person of Color beschrieben wird, in Fan-Art weiß dargestellt. Bei Cecil ist das nahezu exklusiv der Fall, auch wenn in der Geschichte seine Hautfarbe nie erwähnt wird. Ähnliches konnte man im Mainstream auch im Zuge der Verfilmung von „The Hunger Games“ beobachten. Das „Night Vale“-Fandom scheint da allerdings konstruktiver. So gibt es zum Beispiel Tumbleblogs die sich der Thematik widmen und Fans, die erklären, warum auch im Cosplay auf Reproduktion von Rassismen geachtet werden sollte.

In jedem Fall ist „Welcome to Night Vale“ hörenswert. Gebt dem Format mal drei oder vier Folgen eine Chance und lasst euch mitnehmen auf die Reise in eine Welt, in der alles Außergewöhliche gewöhnlich ist.

Wer noch weiter überzeugt werden möchte oder sich für vertiefende Analysen interessiert, dem sei noch folgendes Video von Mike Rugnetta (meinem Lieblings-Internet-Superhelden) zur Konfrontation mit dem Unbekannten in der Hörspielreihe empfohlen. Nein, befohlen.

  • S.

    Der Artikel macht neugierig! Habe reingehört und fühlte mich durch die Mischung von Sachlichkeit, Persönlichem, Übernatürlichkeit und Horror an House of Leaves erinnert (http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Haus_%E2%80%93_House_of_Leaves).

  • Intern Dana

    Pssst… sehr ausführlich und auch konstruktiv wird über das Problem, das Cecil von Fanartists oft/meistens/manchmal weiß dargestellt wird auf „tumblrblogs“ gesprochen ;) Und dort wird sehr ernsthaft (und feministisch) genau dieses Thema behandelt und festgestellt, dass gerade wtnv aufgrund es Mediums dazu geeignet ist unsere Vorstellungen von dem, was wir als Künstler_innen schaffen zu hinterfragen – im Unterschied zu visuellen Medien bei denen man sich in der Fanart dann doch meistens an den Schauspieler_innen orientiert. Ansonsten: Danke für das Bekanntmachen von Welcome to Night Vale! All hail the Glow Cloud!

  • Almut Eisenträger

    Danke! Ist mein neuer Lieblings-Podcast. Was mache ich nur, wenn ich aufgeholt habe und nicht mehr jeden Abend eine neue Folge hören kann?

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