Hand Made Crafts – eine kleine Liebeserklärung

CC BY-NC-SA 2.0 , by @vonhorst

Meine Hände sind sehr weich. Ich fasse gerne Sachen mit ihnen an, ich streichle gerne, ich mag es, wenn was aus ihnen wächst. Bin gut darin, mit ihnen zu fuchteln, benutze sie so rhythmisch zum Gestikulieren, dass sie auf einer Hiphop-Bühne einziehen dürften. Kann tragen und halten, sie ineinander falten und mit Peng! an die Stirn schlagen. Zum Liebsten, was ich mit ihnen tu (next to: Soße mit den Fingern aufwischen und die in den Mund stecken) gehört …

Basteln!

Da hineingerechnet Stricken, Kleben, Schnitzen, Spinnen, Kneten, Schneiden, Schmirgeln, Falzen und so weiter und so viel mehr. War schon immer Bastelkind, detailverknallt, auf produktive Weise perfektionistisch.

Als ich 2005 anfing richtig zu bloggen (auf unterschiedlichen Blogplattformen, nicht wie mit 14 ein Tagebuch auf einer Beepworldseite) und Blogs zu lesen, galten Strickblogs als Indikator für die Irrelevanz von Blogs, zumindest erinnere ich mich so. Katzenbilder postende Strickblogs. Ich las damals keins, glaube ich, stolperte manchmal drüber, dachte vielleicht: haha, hallo Strickblog.

Stricken habe ich in der Schule gelernt, 5. Klasse, Wahlpflichtunterricht Textiles Gestalten. Da fast nur Mädchen, im Werken fast ausschließlich Jungs. (Hatte ich mich eigentlich am meisten für den Chor interessiert, aber vorm Vorsingen gekniffen.) Meine Cis-Mutter half mir; ich lernte, dass es sowas wie “rumänisch” und “deutsch” stricken gebe, denn sie war skeptisch, ob die Lehrerin meine von ihr gelernte Strickweise annehmen würde. Der Lehrerin war das zum Glück egal. Wir lernten Muster anhand einer ausgestopften Riesenschlange, die Luftzugstopper werden sollte und Kuscheltier war, als ich schon nicht mehr mit sowas spielte. Dafür hatte ich plötzlich Zugang zu einer der schönsten Herbstferienbeschäftigungen. Das warme Gefühl, in ein Kaufhaus zu gehen und Wolle für einen Schal auszusuchen. Nach Farben und Sonderangebotspreis, nicht nach zusammenpassender Garnstärke. Kein Plan von Größe und Form oder sowas Verrücktem wie Maschenproben. Blind drauf los in golden durchstrickten Nächten zu Waldfruchttee und Nirvana. Der erste Herbstschal wurde doppelt so groß wie ich selbst, türkis und schwarz gestreift, kein Kunstwerk, aber meiner wie kein anderer mehr.

How to?

So strickte ich vor mich hin, immer Flächen, auf gut Glück. Das reichte. Strickanleitungen waren Geheimbundwissen für mich, ich verfügte über keinen Schlüssel, sie zu öffnen, blätterte durch Anleitungsbücher und verstand nicht mehr, als dass die Bilder schön waren. Später wurde ich groß und das erste Paar im Freund_innenkreis segelte durch eine Schwangerschaft. Als sie schon Möwen sahen, hatte auch ich abgelegt und war neugierig. Babysöckchen stricken. Es mal probieren. Als Geschenk und um zu gucken, ob ich sowas kann. Ich fand eine Anleitung für Noobs, viel Text, viele Bilder und WTFOMG vier Stunden später hatte ich einen allerersten selbstgestrickten Socken in der Hand! Mit einer runden Ferse! Dreidimensional! Abow!

Letzten Sommer spazierte ich in Richtung Urlaubssemester. Keine Verpflichtungen, keine Aufgaben, freie Zeit in Aussicht und nicht sehen können, wo sie aufhört. Ein Loch. Ich nahm mir vor, mich durch die Sommerferien zu basteln, es selbstgemacht zu stopfen. Sammelte Sachen, die ich nachmachen wollte, meldete mich bei Pinterest an und woah, auf einmal war alles organisiert. Weite Welten ahead: Ich klickte mich nächtelang durch Craftingseiten, durchforstete DIY-Blogs nach Tutorials, war mittendrin in einem Internetbällebad schöner Sachen zum Selbstmachen. Auch Strickblogs. Jetzt mit Juchu. (Das erste Bloggermädchen der Mädchenmannschaft war mit Frau Liebe übrigens ein Selbstmach- und Handarbeitsblog.)

Handarbeit Hurra!

Diesen Sommer verbringe ich mit Wolle und ach, ist das schön. Ich stricke ein kleines Ding nach dem anderen, am Liebsten Mini-Nahrungsmittel. Oder Kinderkleidung, die ist toll, weil sie schnell fertig ist. (Mit einer eigenen Strickjacke kämpfe ich seit Ende 2011.) Oder Zeug mit Gesichtern. Sachen, die nicht nützlich sind, Kleinkram, Tiere, Schätze. Ich liebe es, Sachen in eine Form stricken zu können. Sich von Stich zu Stich bewegen und am Ende kommt ein Backenzahn dabei raus oder ein Schuh. Dass Handarbeit und Bastelei gelingt, wenn sonst nichts geht. Ich kann produktiv sein, ohne das Haus verlassen zu müssen und kann die als „häuslich“ verschriehene Tätigkeit als Yarn Bombing in den öffentlichen Raum tragen. Ich mag, dass Handarbeiten, besonders die textilen, dadurch, dass sie als altmodisch und spießig gelten, sich besonders toll für subversive Sachen eignen. Kann was er_schaffen, allein aus einem Faden.

Basteln und Handarbeiten ist etwas, das vom Kindsein noch übriggeblieben ist, das noch möglich ist. Ich kann mit nicht mehr allein mit Playmobil und Plüschtieren hinsetzen und spielen, weiß nicht mehr wie das geht. Aber was Schönes selbst machen, das kann ich, das macht Spaß, das lieb ich jetzt so sehr wie damals. Ich liebe es, Sachen, beim Wachsen zuzusehen. Stehe total auf Denkchallenges in Mustern, wenn ich zählen und mitrechnen muss und am Ende geht alles auf, wie bei Mathegleichungen, mit Aha und Jaklar. Oder sie gelingen von selbst, one stitch at a time.

Das gilt nicht nur fürs Stricken und Spinnen, gilt auch für andere Handmachsachen wie Armbänder weben, Zines basteln, Papier falten, Holz schnitzen und zersägen, Nähen, Filzen, Kneten, Brot backen und uiuiui, wievielmehr! Ich will gar nicht alles aufzählen, weil ich gar nicht alles aufzählen kann. Ich liebe es, Sachen selbst zu machen, zu lernen, was mit der Hand zu machen. Und was darüber zu lernen. So wie ich nicht mehr planlos Schals stricke, lese ich mehr und mehr Texte zu Handarbeit, fange gerade erst an in Selbstmachkreise zu schauen, zu lernen, was es gibt und wie es zusammenhängt, lerne nicht nur die Skills, lerne auch Theorien und Geschichte_n kennen.

knit work net work

Und ein Hurra dafür, sich mehr Gedanken darüber zu machen, wie Handarbeit konnotiert ist. Mir fiel auf, wie nah die Tätigkeit von Strickdesigner_innen mutmaßlich an der von Ingenieur_innen oder Programmierer_innen ist, wie mathematisch, wie logisch gute Muster sind, Codes ohne Bugs. (Oder der Gedanke, wie eng die Geschichte des Computers mit dem Webstuhl verknüpft ist. Jaha.) Gleichzeitig wird Stricken banalisiert, als „Frauensache“ abgewertet. Am Arsch, ey. Wenn wir z.B. über Urheberrecht und Internetpublikation sprechen, spielt Handarbeit keine Rolle. (Siehe die Studie Feministische „Netzpolitik. Perspektiven und Handlungsfelder“ von Kathrin Ganz) Dabei ist unfassbar interessant, wie diese Fragen in den jeweiligen Communities verhandelt werden, was es für Gepflogenheiten gibt. Oder wie kommt es zum Beispiel, dass gerade zwei Typen, die nicht so super spektakuläre Häkelmützen entwerfen, mit eigener Produktlinie und Büchern und Erfolgsgeschichte vermarktet werden?
Wenn ihr mal mehr zu strickenden Männern hören wollt, Jasna Strick podcastete dazu und erklärte, wie gegendert die Unterscheidung der Begriffe Handwerk und Handarbeit ist.

Ich er_finde hier natürlich nichts Neues, so wie es die vielen Leute, die im Moment über DIY-Kultur publizieren nicht tun, aber wie ich mich freu über alle, die drüber schreiben, die zeigen, was sie machen, was schief ging, wie sie sich entwickeln. Und sich vernetzen und helfen. Die vielen Sachen, die ich nur kann, weil Menschen sich Zeit nehmen, eine Anleitung zu schreiben, auf Youtube vorzumachen (Spinnen) wie Handgriffe (Stricken) gehen, die Lust machen, was auszuprobieren, indem sie in einem Podcast davon erzählen oder in Foren Hilfestellung geben, wenn Ratlosigkeit am Start ist. Ich liebs nicht nur, Sachen mit meinen Händen selbst zu machen, ich liebs auch, was für ein Netz das überhaupt ermöglicht. In Sachen Stricken und Häkeln ist Ravelry die erste Anlaufstelle, ist Facebook für Fibre Crafts, mit x Anleitungen, mit Gruppen und Foren und Aktionen. Da ist so viel mehr, als ich je aufzählen könnte.

Ich liebe das alles, weil es schön ist. Fühlt sich schön an, während es in meinen Händen liegt, schön, was zum Schluss dabei rauskommt. Da ist so viel Mist und Müdigkeit in der Welt, so viel zum Drüberärgern, anstrengende Kackscheiße & beyond. Ich will mehr Platz für Schönes. Sachen, die leicht sind, angenehm anfassbar, die sich Verwertungslogiken entziehen. Will nicht, dass als trivial abgetan wird, was gut tut und atmen macht.

Was macht ihr gern selbst, was macht ihr gern mit euren Händen?
Was würdet ihr gern lernen oder mit ihnen können?

  • Roma M.

    Was für ein schöner Beitrag. <3

  • frauziefle

    Filzen. Filzen ist das Allerschönste, das man mit den Händen machen kann. Am liebsten mache ich Gefäße oder Bucheinbände, denn nichts ist so meditativ wie dem Werkstück dabei zuzusehen und zuzufühlen, wie es sich immer mehr verdichtet, die Farben sich verändern und allmählich die Form dabei herauskommt, die man sich vorgenommen hat. Und es hat erstaunlich viel mit Literatur zu tun… Material sammeln, auslegen, vorsichtig beginnen, warten, ein bisschen warmhalten, den richtigen Augenblick finden… und dann die ganze schöne weiche Wolle zu Beginn! Dass aus so etwas Flockigem wie einem eben geschorenen Schafwollhaufen etwas werden kann wie ein regenwabweisender Hut. Oder Figuren. Man kann wunderschöne kleine Tiere filzen, oder Püppchen, indem man die Wolle einsetzt wie Ton.

    • fröken von Horst

      zuzufühlen ist SO ein schönes Wort! <3

  • Amirabai

    Wusch, schönen Dank für die Mühe mit all den Worten die Freude am Selbertun zu preisen!

  • Nahtzugabe

    Danke für diesen Beitrag! Ich habe mich schon oft geärgert, dass den
    Selbermacherinnen aus der politisch-feminstischen Ecke oft so eine
    Verachtung entgegenschlägt. Da gibt es so eine Verachtung des Schönen,
    des Spiels und den Tuns, einfach weil es Spaß macht, die im Grunde dann
    wieder der kapitalistischen Verwertungslogik das Wort redet.

    Ich
    bin auch ein Bastelkind, habe schon immer gerne gebastelt und werde das
    bestimmt in der einen oder anderen Form auch immer tun. Das Tolle –
    neben dem, was entsteht – ist für mich vor allem, dass es kein Ende
    gibt: es wird immer noch etwas geben, was ich nicht ausprobiert habe,
    was ich noch lernen kann. Lederverarbeitung zum Beispiel, oder
    Schnittkonstruktion. Im Moment ist Stricken ganz groß, mich faszinieren
    die Möglichkeiten, Stricksachen auf Maß nach eigenen Ideen umzusetzen
    und dann wirklich ein ganz individuelles Stück zu haben. Stoffdruck
    würde ich auch gerne ausbauen, dazu fehlt etwas die Zeit.

  • sofakante

    Voll toll. Und ja, ich entdecke auch gerade. Das nächste Projekt wird ein Dirndl. Ich will nähen lernen und bekomm es beigebracht. <3

  • Frollein_S

    Ich sticke gerne. Manchmal besticke ich Karten, oder Deko für die Wand. Aber alles noch sehr im kleinen rahmen. Ich bastel zu Anlässen gerne Karten. mit Stempeln und Filz und Kleber und dies und das.
    Und eine Nähmaschine wartet auf ihren Einsatz. Im kommenden urlaub habe ich mir das ganzganz fest vorgenommen!
    Stricken hätte ich mir besser mal von meiner Oma beibringen lassen sollen. Häkeln hab ich mir ja noch mit YT-Videos anlernen können, aber stricken ging leider nicht.

  • Frollein_S

    Ach und total ärgerlich. Ich hatte und wollte werken in der Grundschule, denn handarbeit war damals nicht so mein ding. Da hätte ich sicher stricken gelernt ;)

  • lila

    Basteln und Handarbeiten ist toll und sollte keinesfalls abgewertet werden, es ist aber weder feministisch noch subversiv. Und ich finde es doof, wenn das eigene Hobby mit diesen Labels „cool“ gemacht wird.

    • fröken von Horst

      Dass Basteln und Handwerken per se feministisch oder subversiv seien, will ich gar nicht behaupten, sehe ich auch nicht so. Ich glaube aber, dass diese Dinge so angewandt werden können und dass es ein großes Potential für Brüche und Subversion gibt. It’s what you make of it. :)

    • Auto_focus

      Ich frage mich, ob du deine Meinung – dass es angeblich weder feministisch noch subversiv ist – irgendwie näher ausführen kannst?

      • lila

        Ich meinte… Natürlich kann es auch für politische Aktionen eingesetzt werden und es macht Spaß und es kann etwas Selbstermächtigendes haben… Aber: Beim derzeitigen DIY-Trend werden hauptsächlich Dinge aus gekauften Materialien hergestellt, die großteils sauteuer sind – es hat also schon etwas Elitäres. Und außerdem finde ich, dass in der angeblichen (Wieder-)Aneignung des Handarbeitens die Zuschreibung Handarbeiten=weiblich auch erneut festgeschrieben wird…

  • Wachkatze

    Ist schon interessant, wie unterschiedlich die Sichtweisen sind.
    Du legst den Fokus auf die Hand Arbeit, den Erschaffungsprozess.
    Ich lege den Fokus auf das Hand Werk und bin froh wenn das Werk meiner Hände fertig ist und mich kleidet.

    Kommt wohl daher,warum Mensch selber macht.
    Aus Lust an der handarbeitlichen Tätigkeit.
    Oder weil Mensch passende und bezahlbare Klamotten braucht…

    LG
    Wachkatze

  • Pingback: Lesenswertes der letzten Zeit – Stillen, Arbeiten und Basteln | feministmum()

  • jukefrosch

    Ein schöner Beitrag, spricht mir sehr aus der Seele!

    Ich liebe es Dinge, herzustellen. In meinem Beruf sitze ich den ganzen Tag am Computer, und sehe abends nicht wirklich, was ich geschafft habe.
    Das kompensiere ich mit Stricken, was ich sehr liebe, auch wenn ich noch nicht über Tücher, Schals und Socken hinausgekommen bin.

    Gerne würde ich mir eigene Kleidung herstellen, aber ich habe zu viel Respekt davor. Beim Stricken und auch beim Nähen. Letzeres würde ich gerne wirklich können.

    Filzen habe ich mal probiert, aber nicht den Zugang zu gefunden.

    Eine Zeitlang habe ich Seife hergestellt. Von den Vorräten zehre ich noch heute. ;-)

    Ansonsten sind es die Lebensmittel. Marmelade kochen, Brot backen, Gemüsebrühpulver herstellen. Senf herzustellen reizt mich sehr.

    Gerne würde ich mich auch mit den handwerklichen Kram auseinandersetzen. Holz bearbeiten. Oder Schmieden. Mitten in der Großstadt ist sowas nicht leicht umzusetzen.

    Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

  • Anne P.

    Ich bin sprachlos…einfach nur toll geschrieben – ich fühle, dass diese große Begeisterung noch vor mir liegt und das stimmt mich gerade wahnsinnig glücklich!!!

  • Hollie

    Auch ich bin Bastelkind. Gerne des Nützlichen und dessen, was sich hinterher aufessen lässt. Ich freue mich darüber, dass ich mich auf diese Weise der gleichmachenden Massenproduktion entziehe und meinen persönlichen Vorstellungen und meinem persönlichen Geschmack freien Lauf lassen kann (Kleidung, Schmuck, Möbel, Gartenobjekte, Genussmittel). Es ist horizonterweiternd, da ich immer wieder dazu lerne und es ist auch Luxus, da ich auf Konsumware nicht unbedingt angewiesen bin und ab und zu die Zeit habe. Und es ist auch ein wenig subversiv…
    Lieben Gruß

  • 123-Nadelei

    Auch ich liebe es, Sachen selbst mit meinen Händen zu machen. Vielleicht kommt das schon mit den Genen in die Wiege oder durch Dinge und Menschen, die mich in der Kindheit umgeben haben. Ist auch egal, ich merke, dass es mir gut tut, ich dabei entspannen kann und es gleichzeitig ein angenehmes Gefühl gibt, etwas nützliches Einmaliges selbst gewerkelt zu haben. Die Schwierigkeitsgerade bestimme ich dabei selbst – angepasst an meine vorhandene Fertigkeiten die ich vielleicht etwas erweitern möchte. Gerne denke ich mir etwas selbst aus oder vermische mehrere Dinge, die ich gesehen habe.
    Ein weiterer Aspekt ist für mich auch Wiederverwertung: Sachen zu sehen, denen ich ein neues Leben geben kann.
    LG Ute

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