Das Shirky-Dilemma

Foto , CC BY 2.0 , by Rosaura Ochoa

„Wenn dich nicht interessiert, was jemand im Netz von sich gibt, dann bist du nicht gemeint.“ schrieb Clay Shirky in seinem Standardwerk des Internetverstehens „Here comes everbody“. Der Satz kann jemanden, der in der Medienwelt vor dem Netz sozialisiert ist, helfen, sein Unbehagen mit einem Kanal jenseits hoher Publikationsbarrieren zu verstehen und im besten Fall abzulegen. Was uns Shirky aber nicht erklärt und was uns eine ganze Menge Grübelei ersparen würde, ist: Wie bekomme ich denn mit, ob ich gemeint bin oder nicht? Was mache ich, wenn ich gemeint bin, das aber ganz furchtbar finde? Oder schlimmer: Was mache ich, wenn ich nicht gemeint bin, es aber gerne wäre?

Das Facebook-Posting der besten Freundin, die vom entzückenden Wochenende mit ihren Kindern berichtet – meint das mich und meine Absage, mit ihr zu brunchen, weil ich lieber ausschlafe als übermüdet mit einem aufgeweckten Kleinkind Eierspeisen zu mir zu nehmen? Der Ex, der twittert, er habe Sehnsucht, aber nicht sagt, wonach – hat der endlich den Herzschmerz, den ich ihm seit Jahren mit Leidenschaft an Hals und Gemüt wünsche? Und der Kollege, der auf Facebook genau den Text lobt, über den wir uns gerade gestritten haben – will er provozieren oder merkt der nicht, dass ich was merke?

Das Unschärfeproblem des Social Webs

Was bei den Foursquare-CheckIns des CEO oder den Selbstportraits von Rihanna auf Twitter noch klar ist, wird schwieriger, je besser wir diejenigen kennen, deren Signale unsere Filterblase erreichen. Das ist reichlich paradox: Je näher wir dem Sender sind, desto unklarer wird der Empfang. Denn das Internet und Social-Media schaffen durch die Fülle von Signalen, die wir von einer Person erhalten, eine imaginierte Nähe, die uns aufs Glatteis führt und führen muss, weil sie am Ende eben nur auf der Sicht auf einen Ausschnitt der Realität dieses Menschen beruht – und zwar der, die er bereit ist, zu zeigen.

Außerdem kommt uns in die Quere, dass wir in Social-Media die Vermischung aller Kommunikationssphären eines Menschen erleben: Seiner privaten, seiner beruflichen, seiner Oh-Gott-Heute-Ist-Montag-Morgen-Und-Ich-Habe-Selbstmitleid-Ebene, seiner „Lasst uns über Tatort“-reden-Ebene, seiner „Ich finde, wir sollten alle gegen xy demonstrieren und hier hast du meine politische Präferenz auf einem Tablett!“-Ebene.

Dass Kommunikation Missverständnisse und Verwirrung hervorruft, hat mit dem Internet erstmal nichts zu tun. Wir sprechen, um gehört zu werden. Wir sprechen, um unsere Bedürfnisse, unsere Eindrücke, unsere Wünsche mitzuteilen. Und wir formen unsere Botschaften so, dass unser Adressat sie versteht und manchmal machen wir dabei eben Fehler. Was Social-Media aber zu einer Art Dauer-Cluedo werden lässt, ist die Tatsache, dass sich dort hunderte Adressaten unserer Botschaften am gleichen Ort aufhalten und wir deswegen ständig die oben genannten Ebenen wechseln, um ja auch alle zu erreichen. Es hören und lesen aber im Zweifel alle Follower und Freunde alles. Der Chef oder die Chefin die Emo-Tweets, der oder die Liebste die Büro-Tweets, der Geschäftspartner aus dem Nachmittagstermin die Lästerei über seine Heimatstadt. Und alle ziehen ihre Schlüsse. Manche mit Recht, manche mit Unrecht.

Du kommst hier nicht rein

Soll das jetzt bedeuten, dass wir uns alle zensieren sollen? Nur noch eine Seite zeigen oder den Einlass an der Tür zu unserem Social-Media-Dasein so hart machen, dass wir uns in Sicherheit wähnen können?

Am Ende ist es eine Frage des zu kalkulierenden Risikos: Bei Allem, was wir ins Netz schreiben, nehmen wir in Kauf, dass es uns irgendwann in den Hintern beißen kann. Ein Screenshot lässt sich schwerer abstreiten als das Dahingesagte unter vier Augen.

Was Social-Media so schwierig und so schön macht, ist der Umstand, dass wir dort nicht – oder nicht nur – als in unseren sozialen Rollen verhaftete Haltungszombies auftreten.

Nicht zuletzt, weil Klarnamen zwar forciert, aber eben nicht ins letzte in der Benutzung durchgesetzt werden, gibt uns das soziale Netz die Chance, in ein und demselben Kanal unter einem Namen oder mehreren verschiedene Aspekte unserer Persönlichkeit zu leben. Das ist großartig, und das überfordert uns. Kein Wunder, denn es gibt kein Handbuch für diese Umgebungen, dafür sind sie viel zu neu.

Rätseln als Chance

Sich zu fragen „Bin ich gemeint?“ ist Teil der täglichen Filterung, ohne die das Signalgewitter, das wir uns mit den sozialen Netzen in die Wahrnehmung holen, nicht sinnvoll auszuwerten wäre. Wichtig ist, die Frage nicht die Macht übernehmen zu lassen, das eigene Sprechen vollends zu zensieren. Statt uns von der Tatsache, so viele Ebenen gleichzeitig automatisch zu versorgen, lähmen zu lassen, sollten wir lernen, mit der Überforderung zu leben. Dagegen hilft erstaunlich gut das klare Wort, die Kommunikation mit klarem Adressat, geschrieben in ein Adressfeld im Mailpostfach oder gesprochen in das Gesicht des Menschen, dessen Botschaften wir nicht deuten können.

Eins setzt das aber voraus: Wir müssen mit der Antwort leben können. Vielleicht reizt uns das Spiel mit den Missverständnissen deswegen, weil es uns nie zwingt, das zu tun. Wir können immer weiter rätseln. Die nächste Nachricht kommt bestimmt.

 

 

  • Kadda

    danke. trifft bei mir atm absolut einen Nerv!

  • planb

    Die selbe Frage hatte ich heute Morgen auch im Kopf. Entschied aber schnell, dass es zu nichts führen könne, nach einer Antwort zu suchen. Viel zu viele Unwägbarkeiten sind letztlich im Spiel, um eine zufriedenstellende Analyse, sozusagen aus dem Ärmel zu schütteln. Im Schwarm, jede Äußerung eines Mitschwärmenden richtig einzuschätzen ist mit dem Greifen einer Hand im Wasser nach Wasser vergleichbar.
    Trotzdem, lesenwerter Text.

  • http://twitter.com/kittykoma Miz Kitty

    Für mich ist es auch – ganz altmodisch – eine Frage von Respekt und Höflichkeit der Umwelt gegenüber, nicht jeden Mentalpups in die Welt zu blasen und es ist wichtig, nicht zu erwarten, dass andere die eigene Haltung teilen. Das gilt für Produktüberzeugungen genauso wie für jegliche Art von Ideologien und Empörungen. Dagegen ist „Oh Gott es ist Montag!“ oder „Ich brauche Schokolade“ charmant und menschlich.
    Sobald es über Diskussion hinausgeht und A voraussetzt, dass B genauso denkt, fühlt und handelt, wird es mir sehr unangenehm.
    Die andere Seite ist: Ich forme, mit dem, was ich von mir gebe, ein Bild von mir. Ganz unberührt von den spießigen Kleinstadtängsten „was denn die Leute sagen“ sind wir für die, die uns über soziale Medien wahrnehmen, das, was wir von uns geben.

  • Klara

    „Eins setzt das aber voraus: Wir müssen mit der Antwort leben können. Vielleicht reizt uns das Spiel mit den Missverständnissen deswegen, weil es uns nie zwingt, das zu tun.“ ein HAMMERweiser Gedankengang, allein dafür Danke! :-)

  • http://twitter.com/vonhorst fröken von Horst

    Wenn ich bei politischen Diskussionen gemeint sein könnte, wenn jemand über etwas schimpft, von dem ich mich (in Teilen) angesprochen fühle, gehe ich einen Schritt zurück. Wenn Zeug kritisiert wird, dass auch auf mich zutrifft, und ich schalte mich in die Diskussion ein, sage „Das ist bei mir aber anders“ oder „Das ist bei mir so weil“, um zu erklären, warum die Kritik (vermeintlich gegen mich) nicht begründet ist oder whatever, dann deraile ich. Deshalb lasse ich das, auch wenn es einen Moment wehtut, ich mich unverstanden fühle. Das kann ich aushalten, aber es ist eine Übung. „It’s not about you“ vor sich hindenken.
    Und wenn es wirklich juckt, dann ist der Trick vielleicht, „Huch, meinst du mich?“ zu fragen. Auf eine Weise, die ein Missverständnis klären, keine Fehde ausrufen will. Meistens war man nämlich nicht gemeinst.

    • julianeleopold

      Ich habe gerade aus Disqus-Vertrotteltheit den Comment downgevoted. So wars nicht gemeint.

  • http://twitter.com/infinsternis Sebastian Baumer

    „Was Social-Media so schwierig und so schön macht, ist der Umstand, dass wir dort nicht – oder nicht nur – als in unseren sozialen Rollen
    verhaftete Haltungszombies auftreten.“

    Social Media wäre so großartig, wenn dieser Satz stimmen würde. Tut er aber bei 95% der Leute nicht, die machen nämlich nix anderes als soziale Rollen (der Clown, der Dauerempörte, der Internetexperte) digital nachzuspielen, obwohl das Internet uns theoretisch die Möglichkeit gibt, uns als komplexe, soziale Wesen mit verschiedensten Aspekten und Interessen darzustellen. Umgekehrt muss das aber vielleicht auch so sein, denn ein Leben reicht schon nicht aus, um einen anderen Menschen, mit dem man viel Zeit verbringt, vollständig zu verstehen.

    • julianeleopold

      Naja, das ist sicher Ansichtssache und Definitionsfrage. Ich glaube schon, dass einige der Menschen des beruflichen Umfelds, das ich kenne, auf Twitter etwas legerer agieren als an Konferenztischen. Und das schätze ich. Deine Erfahrung mag eine andere sein, zumal du dich ja auf eine Mischung aus beruflicher und sozialer Perspektive beziehst. Das ist natürlich schwierig pauschal zu bewerten.

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