Der Nerd und sein Baumhaus

Der Nerd und der Feminismus existieren durchaus als gewisses Spannungsfeld, das zuweilen an das Spannungsfeld zwischen Teufel und Weihwasser zu erinnern scheint. Seit ich wesentliche Teile dieses Artikels vor einigen Wochen schrieb, hat sich das mehrfach wieder gezeigt. Warum ist das eigentlich so? Und inwieweit unterscheidet sich da „die Szene der Nerds“ vom Alltag? Gibt es da ureigene Verhaltensmuster und Gründe? Ein Versuch eines kritischen Blicks nach Innen.
Nerds, Geeks und Hacker – sie haben viele positive Eigenschaften. Dazu muss eins sich nur die Selbstdefinitionen dieser Gruppen ergooglen. Da ist von Leidenschaft die Rede. Von Toleranz und von Kreativität. Alles gar nicht so falsch. Behaupte ich jetzt mal, auch aus Eigeninteresse.
Ich möchte mich dennoch den negativen, weniger häufig beleuchteten Eigenschaften des männlichen Nerds, vielleicht etwas provokant und verallgemeinernd, nähern. Weil ich mich gefragt habe, warum sich ausgerechnet männliche Nerds, die sich oft selbst als progressiv und egalitär sehen, in meiner Wahrnehmung so schwer tun mit dem Feminismus. Damit möchte ich nicht die zahlreichen weiblichen Nerds unsichtbar machen oder marginalisieren. Ich versuche an eigenen Erfahrungen entlang Entwicklungen nachzuvollziehen und zu extrapolieren.
Am Beginn der prototypischen Nerd-Biographie steht Verletzung und Ausgrenzung. Oft wurden sie in der Schule gemobbt oder verprügelt. Rückzugsräume fanden sich nur abseits des Mainstreams – im Schachclub oder in der Informatik AG. Bis in die Mittelstufe hinein Außenseiter mit kleinem Freundeskreis, dem es oft ähnlich erging. Mehr Solidargemeinschaft als Freunde. Irgendwann lässt es dann nach. Die Anderen haben genug mit sich selbst und ersten Beziehungen zu tun. Der Nerd könnte jetzt seine Verletzungen aufarbeiten und Entwicklungsdefizite auf sozialer Ebene aufholen. Könnte. Passiert aber meistens nicht.
Es festigen sich stattdessen Verhaltens- und Denkmuster. Ein paar davon sind sehr schön als die fünf „Geek Social Fallacies“ zusammengefasst. Die ersten beiden davon lassen sich als „Ausgrenzung ist immer böse“ und „Freunde akzeptieren mich, wie ich bin“ umschreiben. Mit einer unterstellten Historie der sozialen Isolation sind derartige Gedanken natürlich durchaus nachvollziehbar. Dennoch machen sie Kritik fast unmöglich. Wird zum Beispiel jemand auf sexistisches Handeln angesprochen, ist es wenig hilfreich wenn derjenige sich gleich als „Sexist“ ausgegrenzt und freundschaftlich verraten fühlt. Erschwerend kommt für den Nerd in diesem Fall noch der Vorwurf der Diskriminierung anderer hinzu. Dabei ist er ja nie wirklich aus der Opferrolle entwachsen. Wie soll er da „Täter“ sein?
Hier spielt sicherlich auch eine Rolle, dass manche Nerds auch später in ihrer Biografie Probleme mit der Partnersuche haben. Heterosexuellen Nerds könnte da sicherlich eine latente Frustration unterstellt werden, die sich ja auch oft genug in Denkmustern wie dem des „Nice Guy“ niederschlägt. „Ich bin doch so ein netter Typ warum will mich keine?“ habe ich schon viele Nerds sagen hören. Oft ist es dann zu Pick-Up-Artists oder einer anderen misogynen Szene kein weiter Weg. Es wird fleißig oszilliert zwischen Objekt der Begierde und Subjekt der Zurückweisung. Dass es in Nerdkreisen mehrheitsfähig ist, Feminismus als fundamentalistisch oder gar faschistisch zu betiteln, wundert dann auch nicht mehr wirklich. Schließlich wurde mann doch persönlich seit Kindesbeinen von den Frauen „diskriminiert“, nicht umgekehrt.
Sicherlich gibt es auch noch weniger intime Gründe die es dem Durchschnitts-Nerd schwer machen, sich in den Feminismus einzuarbeiten. Exemplarisch sei da nur die unter den vorwiegend naturwissenschaftlich Sozialisierten recht verbreitete Geringschätzung der Geisteswissenschaften erwähnt …
Organisieren sich Nerds zusammen in Vereinen, Parteien oder Hackspaces treten immer wieder ähnliche Verhaltensmuster an prominente Stelle. Es wird ein Rückzugsraum, ein Nest abseits des Mainstream gebaut, das es gegen „die Anderen“ zu verteidigen gilt. Ein Baumhaus – Zutritt nur für Nerds. Wer akzeptiert gehört dazu, wer kritisiert ist Feind. Hierarchien bilden sich anhand von Eintrittsdaten und erfolgreichen Projekten. Männliche Kommunikationsstrategien dominieren den sozialen Raum im Realen und im Virtuellen. Dazu muss eins nur mal einen Streit auf beliebiger Nerd-Organistations-Mailingliste miterlebt haben. Mehr noch habe ich oft den Eindruck dass in solchen Gruppen eine alternative Männlichkeit ausgelebt wird, die in der realen Welt nicht umgesetzt werden kann. Ob das nun der Security-Hacker mit seinem Dominanz-Machismo ist, oder der Pony-Fan der seine soziale Stellung über möglichst umfangreiches Faktenwissen definiert – beide konstruieren Männlichkeit entlang der gesellschaftlichen Norm und münzen sie auf ihr spezielles Umfeld um. So entstehen selbstverstärkende Systeme die sich zwar als anders, offen und tolerant selbstwahrnehmen, es aber nicht wirklich sind. Wer von außen kommt wird kritisch begutäugt und hat erstmal nichts zu melden. Ein bisschen wie ein hermetisch abgeschlossener Ameisenhaufen.
Manchmal fühlt sich dieser Nerd-Ameisenhaufen dann auch soweit bedroht, dass er absurde Feindbilder konstruiert und angreift. Beispielsweise kommt in amerikanischen Comic-Nerd-Kreisen immer wieder das Stereotyp des „Fake Nerd Girl“ auf, das es auch als Meme in die „Internet-Kultur“ geschafft hat. Es beschreibt eine Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat „Nerd-Kultur“ zu unterwandern, ohne in ihr verwurzelt zu sein, nur weil sie sich davon Beachtung und Verehrung männlicher Nerds verspricht. (Mittlerweile formiert sich glücklicherweise auch eine Gegenbewegung in Meme-Form.) Das Unauthentische greift hier nicht nur an, es unterwandert und relativiert. Persönlich habe ich zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass Podcast-Kolleginnen sich weitaus häufiger beweisen müssen und ihnen beharrlich die Fachkompetenz abgesprochen wird. Kollegen haben es da sehr viel einfacher wenn es um „Nerd-Themen“ wie Technik oder Videospiele geht. Die Ameisensoldaten-Nerds sind ständig darauf aus das Andere von außen identifizieren und eliminieren, um das Nest zu schützen.
Die bittere Wahrheit ist aber, das es weder „die Anderen“, noch das „wir“ des Nerd-Hivemind gibt. Im Gegenteil erzeugt diese Einordnung nur mehr der Ausgrenzung, die eigentlich so gefürchtet wurde. Trotzdem sitzen immer noch so viele erwachsene intelligente Menschen in ihren Baumhäusern und warten auf den nächsten Grabenkrieg mit klaren Fronten. Dabei gäbe es so viel zu lernen. So viel zu hacken. Die eigenen Unzulänglichkeiten und Denkfehler. Nachhaltige Organisation von Gruppen ohne pseudo-meritokratische Machtstrukturen. Oder vielleicht wäre sogar die strukturelle Benachteiligung der Hälfte der Bevölkerung hackbar. Wenn uns Nerds nicht dieses Thema am Herzen liegt, welches dann?
PS: Die Quintessenz dieses Artikels ist auch als My Little Pony Folge verfügbar.
Pingback: Dentaku » Sehr geehrter Besucher
Pingback: Good Night Nerd Pride | Konvergenzfehler