Welate Min – Mein Land

Foto , Alle Rechte vorbehalten , by Eytan Celik

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Eytan Celik.

Eytan Celik ist 28 Jahre alt, yezidisch-kurdischer Abstammung und studiert an der Göttinger Universität Deutsch und Philosophie. In der Ost-Türkei war sie im April 2017. Inmitten des fortbestehenden Ausnahmezustands in der Türkei und kurz vor dem Referendum über das Präsidialsystem wollte sie sich ein eigenes Bild von der politischen, gesellschaftlichen Situation der Menschen und vor allem der Minderheiten vor Ort machen.
Seit 2014 ist Eytan ehrenamtliches Mitglied bei der Gesellschaft für bedrohte Völker, welche ihre Reise mitfinanziert hat.

Ich erinne mich heute noch, wie es war, als meine Mutter mir die Geschichten aus ihrer Kindheit erzählte. Gespannt saßen meine Geschwister und ich auf dem Bett meiner Eltern, bildeten einen Kreis um meine Mutter und lauschten ihrer Stimme. Auch wenn wir nicht alles verstanden, weil sie auf Kurdisch redete, war es dennoch schön, dem Klang dieser – unserer Sprache – zu folgen.

In der Schule war ich die Türkin, die kein Türkisch kann. Am Anfang versuchte ich meinen Mitschüler*innen klar zu machen, dass ich Kurdin bin. Nachdem meine Klassenkameraden*innen den Weltatlas von vorn bis hinten studiert hatten, kamen sie auf mich los gestürmt und sagten nur vorwurfsvoll: „Kurdistan gibt es gar nicht!“. „Ich weiß“, dachte ich nur und antwortete ihnen – wenn auch ganz zaghaft: „…vielleicht ja bald schon…“. Irgendwann hatte ich genug und fing an, den Menschen, die nach meiner Herkunft fragten, zu sagen, dass ich Deutsche bin, so wie die übrigen meiner Mitschüler*innen auch. „Deutschsein sieht aber anders aus“, kam mir dann nur entgegen.

Und heute? Ich bin eine Türkisch-aussehende, aber keine Türkisch-sprechende; eine Deutsch-sprechende, aber nicht Deutsch-aussehende Frau, die ein wenig Kurdisch spricht. Und ich komme aus einem Land, das es nicht gibt. Ahnungslos, wer ich nun wirklich bin oder wer ich auf keinen Fall sein kann, verbrachte ich die Jahre nach der Schule.

Zusätzlich zu den alten Fragen fingen Leute mich an zu fragen, ob ich Muslima bin. Als ich dann neben meiner ethnischen Zugehörigkeit erklären musste, was das Yezidentum ist, war wirklich alles verloren. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ich mir oft gewünscht hatte, an einen Ort zu reisen, an dem die Menschen so aussehen wie ich und so sprechen wie ich: Schwarzhaarige, die halbes Kurdisch, halbes Deutsch sprechen.

Eine Reise in die Vergangenheit

Als ich dies erst während meines Studiums realisierte, packte mich die Lust, nach Kurdistan zu reisen. Ich wollte alles sehen, ich wollte die Sprache auf den Straßen hören, ich wollte die Kultur und die Menschen sehen, ich wollte das Essen riechen und die Musik hören. Als ich meinen Eltern von dem Vorhaben erzählt hatte, erahnte ich schon ihre Reaktion. Sie waren gegen diese Reise und ich trat ihnen mit vollstem Verständnis gegenüber, denn in den 80er Jahren mussten meine Eltern aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit und des ethnischen Konflikts zwischen Türk*innen und Kurd*innen ihre Heimat verlassen. 32 Jahre nach der Flucht sind sie immer noch so von ihrer Angst gefesselt. Traumatisiert von den damaligen Ereignissen, vom Verrat ihrer Nachbar*innen, von der Verfolgung aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit, wollten sie nicht, dass sich ihre Tochter dieser Gefahr stellt. Dennoch. Das erste Mal in meinem Leben stellte ich mich gegen das Wort meiner Eltern.

Ein paar Wochen später.

Ich stehe in Diyarbakir auf der Straße. Diyarbakir ist die Hauptstadt im türkischen Teil von Kurdistan. In den letzten beiden Jahren eskalierte hier der Konflikt zwischen der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) und den türkischen Streitkräften.

Vor einer halben Stunde kam ich an. Die Stadt ist kaputt, die Häuser heruntergekommen, das hier ist nicht das Bild aus unseren Gute-Nacht-Geschichten, denke ich. Ich laufe die Straße hinunter und höre, dass alle Türkisch sprechen, so wie ich es erwartet hatte. Links von mir sehe ich Schuhputzer, die ihrem Geschäft vor einer Moschee nachgehen. Einige unterhalten sich, diskutieren und andere sind mitten in ihrer Mittagspause und essen ihr Brot. Gegenüber sind zwei Straßenimbisse auf Rädern. Sie verkaufen frisch gegrilltes Fleisch. Der Duft zieht sich über die ganze Stadt.

Ich steige auf die Stadtmauer. Die Treppen sind sehr steil und die Stufen alt. Es gibt nichts, woran man sich festhalten kann. Oben angekommen, während sich bei jedem anderen ein Gefühl der Freude und Zufriedenheit aufgrund der Aussicht einstellen müsste, empfinde ich Mitleid, für die Städter*innen, für meine Eltern, meine Familie und für mich. Ich steige die Stadtmauer hinunter. Ich blicke zu Boden.

Ich beschließe, ganz touristisch, den Basar zu besuchen. Auf dem Basar gibt es nichts, was man nicht kaufen kann. Von Elektrogeräten bis hin zu Lebensmittel und Kleidung, ist hier alles vertreten. Ich überlege, etwas zu kaufen und rufe einen Freund zu Hilfe, weil er Türkisch spricht und das Gespräch zwischen mir und dem Händler übersetzen kann. Der Freund hört mich nicht rufen und nimmt auch kaum meine Handbewegungen wahr. Ganz spontan, ohne Vorüberlegung spreche ich daraufhin den Händler auf Kurdisch an. Er antwortet. Er antwortet, als sei es das Normalste von der Welt, mit mir Kurdisch zu sprechen. „Woher kommen deine Freunde?“, fragt er mich. „Aus Deutschland. Ich auch.“ „Na, sieh mal einer an, wer hätte gedacht, dass ein Mädchen aus Deutschland so toll Kurdisch spricht.“ Ich sehe ihm in die Augen und wir beide strahlen uns an. Ich weiß, dass viele denken, dass es das Normalste von der Welt ist, in der türkisch-kurdischen Hauptstadt Kurdisch zu sprechen. Für mich aber ist es etwas Besonderes. Auch, wenn es nur ein kurzes Gespräch war und ich nicht einmal mit dem Händler gehandelt habe, ist es für mich unbeschreiblich schön, mit ihm Kurdisch gesprochen zu haben. Das überaus euphorisierende, kurze Gespräch lässt mich über die Straßen schlendern, als seien es meine eigenen. Ab dann beginne ich, mich zu Hause zu fühlen.

Wie im Film

Die Reisegruppe und ich ziehen gemeinsam Richtung Midyat weiter. Das ist die Stadt, in der meine Eltern früher eingekauft haben, denn sie liegt ganz in der Nähe ihres, unseres Heimatdorfes. Ich bin aufgeregt und neugierig. Verträumt schaue ich aus dem Fenster unseres Busses und ich stelle mir die Stadt der Silberschmiede, wie sie meine Eltern mir in Geschichten beschrieben haben, in ihrer Vollkommenheit vor. Silberschmiede, denke ich, allein dieser Name verführt mich zu einer paradiesischen Vorstellung. Ich frage mich, an welchen Orten in der Stadt meine Eltern am liebsten waren, wo haben sie am liebsten eingekauft, wo gibt es das beste Essen ihrer Meinung nach?

Endlich in der Stadt angekommen, schaue ich mir die Häuser an. Sie sind alt und zerstört, noch schlimmer als in Diyarbakir. Wer ist dafür verantwortlich, frage ich mich. Ich nehme mir vor, nicht vorschnell zu urteilen. Den Blick gesenkt suche ich mit den anderen unser Restaurant. Ich blicke aus dem Fenster und sage kein Wort. Werde ich wohl noch mein Dorf sehen können? Es ist schon sehr spät, denke ich. Wir machen uns auf den Weg, um Yohannah zu treffen. Er ist Vorsitzender der syrisch- orthodoxen christlichen Gemeindestiftung in Midyat. Wir gehen an einem Haus vorbei, an dem viele Männer stehen. Einige von ihnen haben ein Tesbih in der Hand – eine Gebetskette –, die anderen schauen teilnahmslos auf den Boden. Wer sind diese Männer, frage ich mich. Ihre Gesichter und ihre Kleidung sind mit Dreck beschmiert. Sie sehen sehr abgemagert aus.

Wir sitzen an einem großen Tisch in einem Cafe, das sehr modern wirkt. Neben uns am Tisch ist eine kleine Spielecke für Kleinkinder. Der Raum ist nicht gut schallisoliert, so dass ich Yohannah nur schwer hören kann, während die Kinder spielen. Yohannah berichtet uns von der Lage der Minderheiten, die in Midyat und Umgebung leben, vor allem sind das Christ*innen und Yezid*innen. Als wir uns verabschieden und ich ihm die Hand reichen will, fragt er mich, woher meine Eltern kommen. Ich nenne ihn den Namen meines Dorfes und ich denke mir in dem Moment, gleich fragt er mich, wie all die anderen auch, wo genau das liegt. „Ah, wie schön. Das Dorf ist ja gleich hier“, erwidert er zu meiner Verblüffung. Ich schau ihn an und frage schnell weiter, bevor er geht, „Wo genau ist es denn?“ „Keine 20 Minuten. Einfach immer diese Straße runter fahren“, antwortet er mir und geht. Während ich ihm nachschaue, fällt mir ein Monument auf. Auf Augenhöhe sind drei Symbole zu erkennen: Eine Kirche, eine Moschee und Melek Taus. Ein Symbol der miteinander lebenden Religionen hier in Midyat.

Eine halbe Stunde später. Ich sitze im Auto. Ich bin nicht alleine. Ich nehme mir vor, nicht allzu emotional mit der Situation umzugehen, wenn wir in das Dorf meiner Eltern kommen. Auf dem Dorf will ich eigentlich nur das Grab meiner Großeltern besuchen, das habe ich meiner Mutter noch in Deutschland versprochen. Es liegt Nebel in der Luft. Es sieht mystisch aus. Ich lehne mich vorn über, schaue aus dem Autofenster, will keinen Blick verschwenden. Ich sehe nur Land und Kalksteine. Ist das vielleicht die Straße, die meine Eltern benutzt haben, um zu Fuß in die Stadt zu kommen, frage ich mich. Dann sind wir da. „Das ist mein Dorf?“, frage ich in die Runde. Keine*r sagt etwas. Für die anderen scheint es wohl auch etwas besonderes zu sein. Ich stehe am Dorfeingang. Cihan, unser Reiseleiter, fragt eine Dorfbewohnerin nach meinem Onkel und meiner Tante, die dort leben. Sie schaut mich an und sagt mir: „Steig aus, ich bringe dich zu ihnen.“ Wir gehen nebeneinander her und hinter uns fährt das Auto im Schritttempo – wie in einem kitschigen, türkischen Film, denke ich mir. Wir stehen vor einem Haus und ich hoffe sehr, dass es das richtige ist. Meine Begleitung macht das Tor auf und fängt plötzlich an den Namen meiner Tante zu rufen.

Ziel erreicht

Meine Tante macht das Fenster auf, sieht mich und kommt so schnell sie kann herausgelaufen. Ich betrete das Haus. Ich gehe die Treppe hoch und mein Cousin, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, öffnet mir die Tür. Ich begrüße ihn und denke in dem Moment an meine Mutter, die mir zig Mal gesagt hatte, dass ich ihn unbedingt besuchen sollte und ihn von all seinen Tanten grüßen soll. Ich gehe ins Wohnzimmer und sehe meinen Onkel, der ganz lässig auf dem Boden sitzt, so wie ich ihn von seinen Besuchen in Deutschland in Erinnerung hatte. Nun stehe ich hier im Wohnzimmer der beiden. Ich sitze auf einem Gartenstuhl und versuche mein Glück, diesen einen Moment zu fassen und ihn für immer festzuhalten.

Mein Onkel begleitet mich zur Grabstätte meiner Großeltern. Ich habe hier kein Internet, fällt mir auf dem Weg dorthin auf. In meiner Vorstellung hatte ich mir ausgemalt, mit meiner Mama und meinen Tanten zu skypen, während ich ihr Dorf besuche. Ich stehe vor den Gräbern und hole das nach, was ich nie konnte: Ich verabschiede mich von meinem Opa und von meiner Oma.

In diesem Moment kann ich die Sehnsucht meiner Mama nach ihrem zu Hause nachempfinden. Ganz tief im Herzen spüre ich, wovon sie mir Jahre zuvor in ihren Gute Nacht-Geschichten erzählt hat: Meine Heimat, unsere Heimat – das schöne Kurdistan.