Quarterlife Canada

Foto , CC BY-NC-ND 2.0 , by jeffsphotoart

Ich werde bald 29 Jahre alt sein. Ich weiß nicht recht, ob das der Grund sein mag, weshalb ich mich in den letzten Tagen und Wochen immer wieder selbst in „1,2 oder 3“-Manier befrage, ob ich wirklich richtig stehe. Kann man, darf man in diesem Alter schon eine Midlife oder eben Quarterlife Crisis haben?

 

Tatsächlich erklärt mir das Internet, dass eine so genannte Quarterlife Crisis existiere. Beim Blick auf die Merkmale, die mir wie eine pathologische Liste von Syndromen vorkommt, kann ich im Geiste erstaunlich viele Haken hinter den Begriffen machen. Unbehagen wegen der Zukunft, Unerfülltsein auf mehreren Ebenen, Nostalgie, Zurückwünschen in die Zeit als Studierende_r oder Schüler_in, Langeweile, Stress des erwachsenen Alltags, empfundene Einsamkeit, die Frage nach einer eigenen Familie, aber vor allem oder in summa die Frage, ob ich jetzt eigentlich dort bin, wo ich sein möchte.

 

Dass das so ist oder scheint, lässt mich mir selbst ziemlich prätentiös vorkommen (allein schon, weil es keinerlei deutschen Begriff für diese vielleicht nur neumodische Eintagsfliege von Erscheinung gibt!). Und ungerecht gegenüber all den Menschen, die derzeit mein Leben in meinem Wohnort bereichern, und undankbar in Bezug auf die Aufgaben, die mich mit Freude erfüllen.

 

Und ich muss denken: meine Oma hatte sicherlich nicht so etwas wie eine Quarterlife Crisis. Im entsprechenden Alter zu ihrer Zeit hatte sie ganz andere, viel elementarere Sorgen und Nöte und war sie wesentlich weniger privilegiert. Ich würde mich schämen, sie überhaupt danach zu fragen.

 

Aber dann rufe ich sie doch an, weil ich sie immer anrufe, wenn ich einen Rat brauche. Ich erwähne meine Oma immer wieder vor anderen und auch hier fand sie schon lobend Erwähnung. Menschen mögen sie wegen ihrer Biographie, über die ich in der Öffentlichkeit niemals sprechen würde, oder wegen ihres liebevollen und besonderen Wesens, ihrer Hilfsbereitschaft und ihrer guten und weisen Worte. Wegen alldem liebe ich sie auch, doch mehr noch, weil sie mich Tag für Tag, Situation für Situation, Lachen um Lachen, Träne um Träne mit großgezogen hat und wirklich ausnahmslos immer für mich da ist und stets Verständnis für mich hat.

 

Meine Oma hat mich zur Dankbarkeit erzogen; noch heute reagiere ich allergisch darauf, wenn Menschen sich anderen gegenüber undankbar zeigen. Und selbst kann ich es mir kaum verzeihen, wenn ich mir wiederum undankbar vorkomme. Und dieser Gedanke, oder nein: dieses Gefühl, in einer Quarterlife Crisis zu sein, kommt mir sehr undankbar vor.

 

Ich druckse vor meiner Oma ziemlich herum, spreche mal in Ellipsen vom Thema, mal schweife ich extrem davon ab. Ich erzähle ihr, was mich alles in meinem Leben erfüllt. Und ich erzähle ihr, was ich vermisse: Dinge aus der Vergangenheit, Dinge, die in der Zukunft liegen (könnten). Seltsam, etwas zu vermissen, was noch gar nicht geschehen ist, nur weil man glaubt, es könne, so wie das eigene Leben derzeit beschaffen ist, erst gar nicht eintreten. Und ich erzähle ihr, dass es mir schwerfällt, anderen davon zu berichten, weil ich mir so undankbar vorkomme und niemanden vor den Kopf stoßen möchte.

 

Meine Oma erzählt mir von ihrer Heirat und dem Gründen einer eigenen Familie. Vom Hausbau, dem Geldverdienen und Nicht-mehr-Geldverdienen. Vom Haushalt. Von Schwiegereltern. Und davon, dass all das nicht immer leicht war. Manches Mal auch sehr, sehr schwer. Auch davon, wie ihr Bruder, sobald er konnte, nach Kanada ausgewandert war, und dort ein ganz anderes Leben führen konnte. Ein Leben, dem sie in gewissen Momenten in Gedanken zaghaft nachspürte. Ein Leben aus Reisen und Abenteuer und Unabhängigkeit. „Aber ich war eine junge Frau und mein Bruder ein junger Mann. Damit waren die Wege für mich deutlicher vorgezeichnet als für ihn. Ich bereue nichts, aber auch das ausbleibende Bereuen gehört vielleicht zum vorgezeichneten Weg. Heute ist das aber natürlich anders für die meisten Menschen.“

 

Ich schweige und denke lange nach. Da sagt meine Oma: „Weißt du noch, wie ich dir früher immer gesagt habe, dass ich es nicht mag, wenn Leute auf Festen fröhlich zu „Ich war noch niemals in New York“ mitsingen, weil das ein trauriges Lied ist? Ja, das ist es. Es ist ein trauriges Lied. Da singt jemand, dass er darüber nachdenkt, sein so nicht wirklich gewolltes Leben mit seiner Familie, einem Beruf, einer Wohnung einfach hinter sich zu lassen, um an einem fernen Ort frei und selbstverwirklicht zu leben. „Aus allen Zwängen fliehen“ heißt es da immer wieder. Aus allen Zwängen fliehen wollen. Darum geht es jetzt, oder? Vielleicht nicht aus allen, aber manchen, ja?“

 

Ich nicke. (Das kann meine Oma nicht sehen, weil wir telefonieren, was mir erst einen Moment später einfällt.) Ich bejahe also zusätzlich. „Dann“, sagt sie, „löse dich aus dem, was dir als Zwang erscheint, und arbeite daran, das zu machen, zu haben, zu werden, was du möchtest. Gib dabei nach Möglichkeit nicht auf, was dir jetzt gefällt und was dich erfüllt, aber sei mutig, was die Zukunft angeht.“ Ich schreibe mir ihre Worte direkt auf wie ein Schüler Worte seiner Lehrmeisterin notieren würde.

 

Ich berichte ihr von mehreren Aspekten. Manches davon würde ich nicht mit anderen teilen wollen. Aber ich erzähle ihr zum Beispiel viel von Beruf und Berufung. Dass mir meine Arbeit als Lehrer für jüdische Religionslehre ganz besonders gut gefällt und dazu meine verschiedenen Aufgaben in der jüdischen Gemeinde. Und dass ich seit meinem ersten G’ttesdienst für Schüler_innen vor einigen Wochen nicht mehr vom Gedanken loskomme, bald Rabbiner werden zu wollen. Das ist kein neuer Gedanke. Ich hatte ihn direkt nach der Schule. Nach meinem Bachelor. Nach meinem Master. Nie schien mir die Zeit passend dafür; ich kam mir nicht reif genug dafür vor. Aber nun bekomme ich das Gefühl, dass dieses Unterfangen besser früher als später in die Hände genommen werden sollte, bevor ich Wurzeln schlage in meinem jetzigen Leben und vielleicht nicht mehr den Mut dazu aufbringe.

 

Auch den Mut aufbringe, auch andere Gelegenheiten zu ergreifen und Entscheidungen zu treffen, um dahin zu kommen, wo ich einmal sein möchte. Ohne andere Menschen, die mir viel bedeuten, zu verletzen – was mir indes unmöglich erscheint.

 

„Du willst schon so, so lange Rabbiner werden“, höre ich meine Oma sagen, „Herz, sei es hierbei oder bei den anderen Dingen – du hast das Privileg, frei zu sein und frei zu handeln. Alles, was du beschreibst, kannst du verändern. Ist nicht einfach, tut nicht immer gut, tut dir und anderen auch weh. Zeichne deinen Weg so vor, wie du ihn vorzeichnen kannst. Schau, was dein Kanada ist. Das nicht zu tun, obwohl du könntest, wäre das einzige, was wirklich undankbar wäre.“

 

Ich schweige lange.

 

„Nickst du wieder?“, fragt meine Oma. Ich nicke.