Wer sind die SLAM ALPHAS?

Nur ein Bruchteil der ALPHAS , by Marvin Ruppert

 

Okay, die Titelfrage klären wir gleich zu Beginn: Die SLAM ALPHAS sind ein Verein, ein Projekt, aber vor allen Dingen Poetry Slammerinnen* und Slam-Veranstalterinnen* aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich für die Förderung von Frauen* und Mädchen* im Poetry Slam einsetzen. Ich selbst bin auch bei diesem Projekt dabei und betreue derzeit als Chefredakteurin das dazugehörige Blog. Wie genau unser Netzwerk funktioniert, dazu habe ich die Vorsitzende des Vereins, Franziska Holzheimer, in diesem Interview befragt.  

Svenja (kleinerdrei): Franziska, wann und warum hast du SLAM ALPHAS initiiert?

Franziska (SLAM ALPHAS): Ich bin seit 2007 – also schon seit zehn Jahren – als Slammerin aktiv. Vor etwa vier Jahren war für mich ein Punkt erreicht, an dem ich mich auf Poetry Slams  unwohl gefühlt habe. Davon abgesehen, dass Slam inzwischen nicht mehr das Format ist, mit dem ich mich als Künstlerin identifiziere, wurde ich müde ob der vielen Platzhirsche und sexistischer Vorfälle, und ich beobachtete zunehmend Dinge, die ich als grundfalsch empfand. Also stand ich vor der Wahl: 1. Ich lasse mich vergraulen und verschwinde einfach, 2. Ich mache weiter und verbittere oder 3. Ich mache weiter, werde aktiv gegen Missstände und halte dagegen, bevor der Szene alle Frauen* wegbrechen. Ich habe dann Kolleginnen* gefragt, wie es ihnen geht, ob sie auch Probleme sehen und die Notwendigkeit, aktiv zu werden. Es hätte ja durchaus sein können, dass ich das Problem bin und nicht die Szene. Die Resonanz der Kolleginnen* war dann aber so groß und positiv, dass ich dachte: Auf geht’s!

kleinerdrei: Hast du eine Vermutung, warum so viele bekannte Slammer männlich* sind und Frauen* häufiger ›unter den Tisch fallen‹, und warum Slam-Line-Ups viel zu selten ausgeglichen sind?

Franziska: Die allermeisten Slams werden von Männern* organisiert. Bei den großen Slams in Deutschland fällt mir zum Beispiel kein einziger ein, den eine Frau* organisiert. Slam ist also ganz klar ein Männer*netzwerk und leidet unter allen Nebenwirkungen, die Männer*netzwerke auch in anderen Branchen mit sich bringen: Frauen* werden übersehen, und wann immer etwas mit dem Attribut „weiblich*“ beschrieben werden kann, wird es abgewertet. Gut ist nur, was oder wer den männlichen* Gepflogenheiten entspricht. In einem Unternehmen ist das der Habitus in Meetings, in der Slam-Szene ist es der Habitus im Backstage und auf der Bühne.

Der andere Punkt ist, dass viele Frauen* der Szene schnell wieder den Rücken kehren, weil sie negative Erfahrungen machen – sexistische Sprüche waren und sind keine Seltenheit. Man kann es einer Frau* nicht verübeln, wenn sie sich dann wieder aus der Szene verabschiedet. Das Perfide ist, dass es dann von männlicher* Seite oft heißt, es gäbe halt keine guten Frauen*, die man zu Slams einladen könnte.

Es ist das Gleiche wie überall: Die Frauen* werden übersehen, nicht ernst genommen, als Ausnahme verstanden und sexuell objektifiziert. Von Aussagen wie „Männer* sind halt von Natur aus wettbewerbsgeiler“ halte ich nichts. Ich gehe eher von genderspezifischer Sozialisierung aus und glaube, dass der Mensch ein viel zu komplexes Wesen ist für derart einfache Zuschreibungen.

Die Probleme, die wir sehen, sind also keine, die der Slam-Szene vorbehalten wären. Das bedeutet für mich aber noch lange nicht, dass sie unveränderbar wären und wir sie hinnehmen müssten.

kleinerdrei: Was erhoffst du dir vom Projekt?

Franziska: Noch mehr Zusammenhalt unter den Frauen* in der Slam-Szene. Wieder mehr Empathie und Offenheit in der Szene allgemein. Mehr Seitenblicke, mehr Achtsamkeit und besonders mehr knallharte Selbstreflektion in Bezug auf Sexismus. Einfach mehr 2017 und weniger 1950. Ich traue der Slam-Szene zu, dass sie das kann! Und ich freue mich auch, wenn immer mehr Männer* erkennen, dass sie eigentlich eh Feministen sind und sich endlich trauen, auch als solche zu handeln.

kleinerdrei: Wie genau sieht deine/eure Arbeit nun aus?

Interviewee:Derzeit bestehen wir aus einem Blog, auf dem Slammerinnen* zu Wort kommen. Thematisch dreht sich dort alles um Slam, Frauen* auf der Bühne und in der Literaturwelt, es gibt Erfahrungsberichte und Infos für Einsteiger_innen (diese auch unter FAQ). Sehr bald kommen dann Online-Landkarten für Deutschland, Österreich und die Schweiz dazu, auf denen Slammerinnen* mit Fähnchen und Steckbrief verzeichnen können, wo sie wohnen und in welchem Radius sie auftreten können. Vor allem männlichen* Veranstaltenden soll es so leicht gemacht werden, über ihr Männer*netzwerk hinaus Frauen* für Veranstaltungen zu buchen. Slammerinnen* können auf diesem Wege signalisieren, dass sie gerne auftreten würden und in welcher Entfernung ihnen das möglich wäre. Wir beobachten auch, dass viele Frauen* und Mädchen* immer noch das Gefühl haben, nicht von sich aus nach Auftrittsmöglichkeiten fragen zu können. Die Karten sollen konstruktive Hilfe für beide Seiten sein, aufeinander zuzugehen. Als nächstes wollen wir ein Mentorinnen*programm aufbauen, in dem erfahrene Slammerinnen zu Langzeitpatinnen* für Einsteigerinnen werden. Außerdem soll es in Zukunft Workshops für Mädchen* geben, in denen sie sich in geschütztem Rahmen als Slammerinnen ausprobieren und auch lernen können, wie man zur Slam-Veranstalterin* wird.

kleinerdrei: Was für Reaktionen gibt es bisher auf die SLAM ALPHAS?

Franziska: Jetzt, wo wir durch Homepage und Vereinsgründung sichtbarer geworden sind, ist die Resonanz überwiegend positiv. Davor war es schwierig. Obwohl die Slam-Szene mittlerweile recht groß ist, stehen sich ihre Mitglieder bisweilen sehr nah. Das ist ein guter Nährboden für Gerüchte. Allein davon, dass sich eine Gruppe von Frauen* zusammentut, fühlten sich schon einige bedroht. Sie stellten sich unter uns, ganz klassisch, eine Gruppe frustrierter Männerhasserinnen vor. Es gibt also aus der Aufbauphase und auch aus der Zeit nach dem Launch die eine oder andere Begegnung mit Sexismus. Aber die Einsatzbereitschaft und der Zusammenhalt unter den Kolleginnen ist einfach bemerkenswert! Da sind so viele Frauen* beteiligt, die ihre Zeit und ihr Herzblut in die SLAM ALPHAS stecken, die in drei Ländern verstreut sind und trotzdem eng zusammenarbeiten, die bereitwillig ihr Wissen und ihre Erfahrung teilen und einbringen. Das ist eine Reaktion, die ich mir zwar heimlich gewünscht, aber nie ernsthaft erhofft hatte. Ich habe wirklich selber unterschätzt, wie viele tolle Frauen* es im Slam gibt. Ich bin mit vielen von ihnen noch enger vernetzt jetzt. Hinzu kommt, dass wir auch über die Slam-Szene hinaus Interesse geweckt haben. Auch das ist etwas, das so nicht unbedingt geplant war, uns aber natürlich extrem freut. Außerdem haben wir tolle Unterstützung bekommen, zum Beispiel von der Autorin und Lyrikerin Nora Gomringer und auch von Claudia Roth.

kleinerdrei: Wieso eigentlich der Name »SLAM ALPHAS«?

Franziska: Ich wollte einen Namen, der mehr nach Girlgang klingt als nach Häkelverein. Mehr nach einem toughen Club als nach einem Förderprogramm. Und um Himmelswillen kein dämliches Wortspiel. Aber ich wollte eben auch etwas Selbstironisches, etwas augenzwinkernd Provokatives. Zudem weckt der Name in meinen Augen ziemlich klare Assoziationen zu dem, was wir tun: Frauen* und Mädchen* im Poetry Slam empowern.

kleinerdrei: Wie kann man sich am Projekt beteiligen – als Slammer_in oder auch als Zuschauer_in?

Franziska: Jede_r kann Fördermitglied im Verein werden. Frauen* und Mädchen*, die den Verein mitgestalten wollen, können auch aktive Mitglieder werden. Außerdem kann man natürlich jederzeit Geld spenden. Geld ist nie verkehrt! (Genauere Info hierzu bald auf unserer Seite.) Man unterstützt uns aber auch, indem man die Facebookseite liked und die Blog-Beiträge liest, teilt und kommentiert. Und mit jeder Slammerin*, die man für ein Line-Up bucht – gern auch mit Gage.