Virtuelle Bretter, die die Welt bedeuten

Foto , CC BY-SA 2.0 , by Mohammad Jangda

Wenn die Welt eine Bühne ist, ist das Internet ein kleines Improtheater im Bahnhofsviertel, in dem verschiedene Personen auf die Bühne gestürmt kommen und wild durcheinander schreien, bevor sie wieder aus dem Scheinwerferlicht stolpern. Als Zuschauer*in kann man nicht alles auf einmal wahrnehmen, dafür ist viel zu viel los, also konzentriert man sich auf einige Akteur*innen, die aus welchem Grund auch immer interessant wirken. Man klickt auf “folgen”, lehnt sich zurück und genießt die Show.

Es gibt kein Skript, an das sich die Darsteller*innen halten. Sie zeigen kleine Ausschnitte aus ihrem Leben, teilen eigene Gedanken mit, schalten sich in Diskussionen ein, versuchen andere zu bewegen, prügeln sich ums Rampenlicht, halten Monologe, die Hamlet alt aussehen lassen, sagen Liebesgedichte auf oder fangen auf der Bühne an zu knutschen. Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass die Schauspieler*innen nicht immer Dinge sagen oder tun, die allen Zuschauer*innen gefallen.

Je nachdem, welche Art von Performance die Künstler*innen aufs Parkett legen, ob sie sich als Stand-Up-Comedians sehen oder ihr Leben außerhalb des versifften Improtheaters auf der Bühne verarbeiten wollen, kann sich ihr Material ändern. Ursprünglich sah man ihnen vielleicht zu, weil sie so authentisch wirkten, mit Witz und Charme über ihren Alltag schrieben, aber auch nicht davor zurückscheuten, schwierige Themen anzusprechen. Möglicherweise wurden sie mit faulen Eiern beworfen und ausgebuht, weil diese Performance einigen aus dem Publikum nicht passte, und so veränderten sie ihre Themen, zogen sich zurück, sprachen leiser.



Kein Anspruch auf nix

Eines der Probleme, die hier sichtbar werden, ist die Anspruchshaltung, die einige Menschen an den Tag legen. Sie scheinen die Accounts anderer als Dienstleistung zu sehen statt als Internetauftritt einer echten Person mit einem eigenen Leben, sich verändernden Interessen und sich verschiebenden Prioritäten. Bestenfalls entfolgen sie mit einem Schulterzucken, wenn ihnen etwas nicht passt – was vollkommen legitim ist.

Inakzeptabel ist jedoch zu fordern, dass die eigenen Erwartungen von den Accounts, denen man folgt, jederzeit erfüllt werden. Das erstreckt sich nicht nur auf die Inhalte, sondern vor allem auch auf Zeit. Die Erkenntnis, dass man (sehr oft weißer-cis-Man(n), um genau zu sein) keinen Anspruch auf die Zeit anderer hat, scheint einigen sehr fern zu liegen. Fragen müssen sofort beantwortet werden, zack zack, und Diskussionen sind erst dann zu Ende, wenn der oder die Follower*in beschließt, dass sie das sind.

Woher diese Haltung? Wie genau kommen sie auf die Idee, man schulde ihnen etwas? Es kann gut sein, dass sie Social Media tatsächlich als eine Art Theater begreifen und gefälligst eine unterhaltsame Performance sehen wollen, dabei aber vergessen, dass dieses Improtheater ein Hobby ist, keine Dienstleistung, auf die man einen Anspruch hat.

Wenn die Performance wegen der neuen Inhalte nicht mehr gefällt, können die Zuschauer*innen das heruntergekommene Improtheater verlassen oder einen anderen Sitzplatz suchen. Auf “entfolgen” klicken, fertig, Problem gelöst. Oder er oder sie schreibt einen Artikel, in dem sich darüber beschwert wird, dass dieser Mensch auf der Bühne plötzlich nicht mehr liefert, und lässt ihn in einer Zeitung veröffentlichen. Das Paradoxe an der dort vertretenen Position: Dem Autor gefiel, dass er einen Einblick in das Leben einer jungen Frau auf Twitter erhielt – bis sich ihr Leben so weit veränderte, dass ihm ihr Leben selbst nicht mehr gefiel.

Keep it real, yo

Das zweite Problem ist das der Authentizität. Wenn es so wirkt als zeige eine Person sehr viel von sich, fühlt es sich schnell an, als würde man diese Person tatsächlich kennen. Es wird vielleicht sogar eine emotionale Bindung aufgebaut. Letztlich sieht man aber im Internet nur Momentaufnahmen. Selbst wenn man nur sehr wenig filtert und seine Gedanken ohne groß darüber nachzudenken ins Netz schießt: Ein umfassendes Bild von sich zu zeigen ist quasi unmöglich. Es muss auch nicht sein. Viele fühlen sich mit dem Gedanken unwohl, sich so zu öffnen, und das ist okay. Das macht das Auftreten im Internet nicht weniger authentisch. Ganz im Gegenteil: Sich dazu zu zwingen, möglichst viel von sich mitzuteilen, obwohl das dem eigenen Wesen nicht entspricht, ist eine Art Verrat an sich selbst. Und was ist schon authentischer als sich selbst treu zu bleiben?



Doch auch der Wunsch nach Authentizität und Verbindung zu anderen durch Offenheit kann schwierig sein: Gehört man nicht zu den Menschen, an denen Buhrufe einfach abperlen, ist man umso verletzlicher je offener man ist und je mehr man von sich mitteilt. In der Regel wird auch das Publikum immer kritischer, je mehr Mühe man sich mit der Performance gibt und je mehr Zuschauer*innen sich die Vorführung anschauen. Menschen neigen dazu, zu vergessen, dass das Internet nicht nur aus Bots und Pop-Up-Werbung besteht, und werden dementsprechend richtig ätzend, wenn sie Unmut äußern.

Faule Eier und Tomaten tun mehr weh und riechen deutlich unangenehmer, wenn man kein Kostüm trägt, das man einfach so ausziehen und in die Reinigung geben kann. Vielleicht lernt das Publikum eines Tages, dass das Werfen von Gegenständen, Brüllen von Beleidigungen und gezieltes Bloßstellen keine Mittel der Kritik, sondern klassisches Arschlochverhalten sind. Der größte Knackpunkt hier ist vielleicht, dass die Zuschauer*innen zwei zentrale Aspekte vergessen: Für den Großteil der Menschen im Improtheater ist das nur ein Hobby und – ja, es mag erstaunen – auch die Profis haben einen respektvollen Umgang verdient. Doch die Tatsache, dass man nicht im selben Raum sitzt, macht es für einige schwieriger, die Darsteller*innen als echte Menschen zu sehen, die verletzlich sind. Wenn man das Internet als virtuelle Bretter, die die Welt bedeuten, versteht, dann ist ein Display vielleicht das Brett vorm Kopf, das dafür verantwortlich ist, dass man einander als Accounts mit nichts dahinter sieht.

  • Eule

    Ich finde Deine Sichtweise spannend (und Deinen Artikel gut geschrieben). Für mich ist das eine ganz neue Perspektive. Ehrlich gesagt, fällt es mir schwer, in dem Artikel im Weserkurier eine Anspruchshaltung zu erkennen (ich kenne ja aber auch nicht den ganzen Zusammenhang und ich veröffentliche auch nicht selbst Artikel in diesem Internet und habe vielleicht deshalb nicht so feine Antennen – oder bin unbelastet, je nach Sichtweise).

    Jemand hat sich an die unterhaltsamen Tweets einer bestimmten Person gewöhnt. Das ändert sich. Der Jemand drückt sein Bedauern darüber aus. Mehr ist das für mich nicht. Der Schreiber sagt etwas über sich.

    Für mich, die ich nicht bei Twitter unterwegs bin, war das sogar ein interessanter Artikel, weil es mir einen Einblick gegeben hat, was jemanden reitet, anderen Leuten, die er nicht kennt auf Twitter zu folgen. Darüber habe ich mich nämlich schon immer gewundert.