Damit Stefanie und Christian gleichberechtigt sind, putzt Oksana das Klo.

Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by zitronenfalter2

Nennen wir die beiden Stefanie und Christian. Sie sind fiktiv, aber wir kennen sie alle.

Sie sind ein Paar Mitte 30, leben in der Stadt, haben zwei Kinder, zwei Jobs und eine einigermaßen gleichberechtigte Beziehung. Stefanie kauft ein, Christian kocht. Christian bringt den Müll runter, Stefanie spült die Fläschchen. Stefanie holt die Kinder von der Kita ab, Christian bringt sie hin. Christian bezahlt Sonntagabend den Lieferservice vom gemeinsamen Konto, Stefanie schreibt eine SMS an die Putzfrau.

Vor ein paar Jahren hätte ich die beiden noch für ein Musterbeispiel an gelebter Gleichberechtigung gehalten: Sie gehen beide arbeiten! Sie kümmern sich gemeinsam um die Kinder! Beide machen Haushalt – das ist so toll!

Heute bewundere ich die beiden immer noch, denn was ich nun schreibe, schmälert die individuelle Leistung von Stefanie und Christian nicht im geringsten.

Gleichberechtigung = Mama und Papa gehen arbeiten

Trotzdem: Gleichberechtigung gilt viel zu oft als erreicht, wenn in heterosexuellen Beziehungen beide erwerbstätig sind. Politische Bemühungen in dem Bereich erschöpfen sich darin, Kinderbetreuung auszubauen, Frauen in Führungspositionen zu bringen, Arbeitgeber dazu zu bewegen, flexiblere Arbeitsmodelle anzubieten. Gleichberechtigung als politisches Ziel ist gleichbedeutend mit “Frauen müssen mehr (erwerbs)arbeiten”: Darüber, wer dann die so genannte Care-Arbeit – Putzen, Pflegen, Betreuen, Kochen, Einkaufen, Kümmern, Waschen und so weiter – erledigt, reden wir viel zu selten.

Die Realität ist nämlich meistens nicht, dass diese dann genauso gerecht zwischen Ihm und Ihr aufgeteilt wird. Entweder wuppt Stefanie das noch zusätzlich (Frauen erledigen im Schnitt zehn Stunden mehr unbezahlte Arbeit in der Woche als Männer, wie beim statistischen Bundesamt nachzulesen ist). Oder es macht keiner irgendwas und die Stimmung ist wegen ungeputztem Klo und überquellenden Wäschekörben permanent gereizt – in den meisten Beziehungen eine Übergangsphase. Und irgendwann sucht man sich für “das Gröbste” eine Putzfrau, bringt die Hemden in die Reinigung und bestellt immer öfter Sushi oder geht essen, wenn der Kühlschrank sich nicht von selber gefüllt hat. Zumindest, wenn man es sich leisten kann.

Kinderbetreuung. Lieferservice. Putzfrau. Im Prinzip ist dagegen nichts zu sagen, das Leben vieler berufstätigen Großstädter wäre ohne diese HelferInnen deutlich komplizierter. Doch es fällt auf, dass es fast ausschließlich die weiblich konnotierten Tätigkeiten sind, die outgesourct werden (müssen), damit eine Fassade der Gleichberechtigung aufrechterhalten werden kann.

Und wer putzt dann das Klo?

So ist dann zwar die fiktive Stefanie irgendwie gleichberechtigt, geht arbeiten, zahlt in ihre Rentenversicherung ein und muss nie das Klo putzen. Doch das übernimmt nun die ebenfalls fiktive Oksana aus der Ukraine, die – wenn sie Glück hat – zehn Euro die Stunde bekommt und die damit ihre Kinder durchbringen muss, um die sich Oksanas Cousine kümmert, während sie putzt. Da Menschen wie Oksana meistens schwarz arbeiten, gibt es keine offizielle Zahlen dazu. Ich traue mich dennoch, zu behaupten, dass die minderbezahlten Putzkräfte in Privathaushalten fast ausschließlich weiblich sind. Ich zumindest kenne Dutzende Menschen mit Putzfrauen und habe erst ein einziges Mal von einem Putzmann gehört.

Die Kinder betreuen schlecht bezahlte ErzieherInnen und KinderpflegerInnen (Artikel und Zahlen zum Gehalt hier), wobei “Betreuen” hier ein irreführendes Wort ist. Sie sollen eine Bindung zum Kind aufbauen, es fördern und fordern – und nebenbei muss in der Kita der Boden gewischt und die Spülmaschine eingeräumt werden. Mehr als 90 Prozent aller ErzieherInnen sind Frauen.

Es mag also eine Gleichberechtigung zwischen Stefanie und Christian und all den anderen Paaren, die so leben wie sie, geben. Wir sollten allerdings nicht glauben, dass wir so einer gesellschaftlichen Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern irgendwie näher kommen. Denn wenn die Emanzipation der einen Frau bedeutet, dass die Care Arbeit ihrer Familie von einer anderen, weniger gebildeten und schlechter bezahlten Frau erledigt wird, ändert sich unterm Strich: Überhaupt nichts. Und das kann es doch wohl nicht sein.

Zum Weiterlesen:

  • Bleistifterin

    Ein Ding ändert sich. „Oksana“ wird für ihre Care-Arbeit bezahlt. Auch wenn es schwarz sein sollte.

    • Natanji

      Naja, dafür wird Oksanas Cousine nicht bezahlt und das Problem wurde damit wieder nur verlagert.

      Trotzdem finde ich: dass die Care-Arbeit bezahlt wird, ist ein erster Schritt, um sie aus der Domäne der Frauen herauszulösen. Ich finde auch, dass dann etwas gewonnen ist – insbesondere ist Oksana doch auch nicht gedient, wenn sie stattdessen einfach… keinen Job hätte und das Geld fehlen würde. So beschissen das alles auch ist.

  • K

    Wunderbarer Denkanreiz – Danke!

  • Muesli

    Und die „Lösung“ ist jetzt, keine Putzkraft anzustellen und so Arbeitsplätze zu vernichten? Oder gar gezielt ausschließlich nach einer männlichen Putzkraft zu suchen…?

    Was genau hält denn Stefanie und Christian davon ab, ihrer Putzkraft z.B. 18€ pro Stunde zu bezahlen, und das auch korrekt anzumelden?

    • Barbara Vorsamer

      Eine Lösung habe ich auch nicht – zumindest keine kurzfristige (wir könnten natürlich das Patriarchat abschaffen und ökonomische Ungleichheit, Rassismus und Klassismus ab besten gleich mit). Deswegen beschäftigt mich ja die Frage, was jetzt, solange diese dicken Bretter noch nicht gebohrt sind, die richtige Verhaltensweise wäre? Eine männliche Putzkraft (gibt es meines Wissens kaum)? Die Putzfrau anmelden (es ist schwierig, jemanden zu finden, der das will – die meisten arbeiten lieber schwarz)? Oder weiterhin alles selber machen, auch wenn man die Zeit lieber anders nutzen würde?

  • Daniel Föller

    Hallo Barbara, vielen Dank für Deinen Artikel. Als ein Christian, der mit einer Stefanie zusammenlebt (und eine legal geringbeschäftigte Oksana die Wohnung putzen lässt), hat mich das natürlich zum Nachdenken gebracht. Man macht es sich bisweilen ganz schön bequem in seinem Besserverdienenden-Leben. Ich habe allerdings einen Einwand dagegen, dies als spezifisches Problem von Geschlechterrollen zu sehen.

    Denn es handelt es sich ja nicht nur um die Care-Arbeit, die erledigt wird. Es geht ebenso beispielsweise um handwerkliche Tätigkeiten und Tragearbeit (etwa vom Getränkeservice erledigt), die in einem patriarchalen Modell eher männlich konnotiert wären. Erweitert man das Spektrum entsprechend, wird auch klar, dass diese ausgelagerten Arbeiten keineswegs nur von Frauen erledigt werden. Besonders klar wird das an der Gastronomie: Während in einem patriarchal organisierten Haushalt wohl die Ehefrau (oder Köchin/Haushälterin, aber auch alles Frauen) die Mahlzeiten zubereitet, wird das im Restaurant vornehmlich von Männern erledigt (nur 23,8% Frauen unter den Auszubildenden zum Koch, nach den zahlen des Statistischen Bundeamts), gerade auch bei subalternen Aufgaben.

    Mir scheint das Problem eher eines von materieller Ungleichheit und kapitalistischer Wirtschaftsordnung zu sein, vielleicht am ehesten also den Klassismus zu betreffen: Wohlhabende Menschen können sich die Zeit weniger wohlhabender Menschen leisten und lassen sie Dinge tun, für die sie sich keine Zeit nehmen wollen.

    Wie man gut damit umgeht, weiß ich auch nicht, denn all diese Arbeiten selbst zu erledigen, hilft gering qualifizierten Menschen, die ja ohnehin Schwierigkeiten haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, natürlich erst einmal gar nicht.

    Vielleicht sind ja mittelfristig Roboter die Lösung – zumindest fürs Klo. Und solange sich jede/r einen leisten kann.

    Herzliche Grüße
    Daniel

    • Barbara Vorsamer

      Hallo Daniel, ja, es ist ganz sicher ein Problem, das ganz viel mit Rassismus, Klassismus und ökonomischer Ungleichheit zu tun hat. Meiner Meinung aber auch sehr viel mit Geschlechterrollen. Bei den Beispielen, die du nennst (Gastronomie, Lieferservice, Handwerker), sind die Arbeitsverhältnisse nicht ganz so prekär wie mein Beispiel Putzen. Auch dass Frauen im Schnitt zehn Stunden pro Woche mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer, verdeutlicht meiner Meinung nach, dass wir es irgendwie gewohnt sind, dass Frauen die Putz- und Care-Arbeit für umme leisten. Ich glaube allerdings nicht, dass es jetzt sinnvoll ist, darüber zu diskutieren, wer die ärmste Sau ist (die Putzfrau? der Müllmann? die Hausfrau? der Paketbote?), sondern anzuerkennen, dass wir unsere schöne „Gleichberechtigung“ (= in einer heterosexuellen Beziehung gehen beide arbeiten) viel zu oft nur hinkriegen, wenn wir Aufgaben an weniger privilegierte Menschen abgeben und die dafür schlecht bezahlen.

    • Janina

      Hervorragender Kommentar!

  • Jay

    Es geht noch weiter. Vieles, was einem großstädtischen berufstätigen Mittelstands-Paar das Leben mit Kindern ermöglicht, wird von Frauen für ein eher bescheidenes Gehalt geleistet. Z.B. Indoor-Spielplätze, „Familien-Cafes“, Kinderklamotten Second-Hand, und andere Dienstleistungen. Selbst im Zoo liegt das Gehalt der Tierpflegerinnen höchstens knapp über der Aufstocker-Grenze. Im Dienstleistungsgewerbe ist Schwarzarbeit nicht selten. Gerade bei „hippen“ (Kinder)-Kulturevents und Läden in den auch bei Familien „angesagten“ Wohnvierteln sind die Löhne dürftig und oft unversteuert/unversichert. Das Au-Pair Thema gar nicht erst angesprochen…,

    Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass die Verfügbarkeit von preiswerten Dienstleistungen zu dem Trend mit Kindern in der Stadt zu wohnen, statt mit der Familiengründung raus zu ziehen, geführt hat. Auf wessen Kosten das geht, wird ignoriert.

  • JP

    Danke für den klugen Text.

    [Kleine Anmerkung: „Schwarzarbeiten“ ist ein rassistischer Begriff. Besser ist „ohne Papiere“ oder „illegalisiert“.]

    • Auto_focus

      Da sich „schwarz“ hier etymologisch nicht von Hautfarbe, sondern von „Bei Nacht“ bzw. „schmutzige Tätigkeiten“ herleitet, ist es dann nicht eher ein klassistischer Begriff? Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzarbeit

      Was natürlich nichts daran ändert dass man besser Alternativen nutzen sollte, ja.

    • https://bobmusik.wordpress.com Bob

      Ginge das nicht einen Schritt zu weit?
      Auto_focus schrieb bereits, dass sich der Begriff nicht von der Hautfarbe ableitet und ich frage mich, wie eine geeignete Alternative aussehen könnte. Einen Begriff wie „Schwarzarbeit“ oder „Schwarzfahrer“ durch umständliche Erklärungen zu ersetzen erscheint mir nicht praktikabel.

  • Dani

    Hmm, was soll ich sagen, wir haben tatsächlich eine „Haushaltshilfe“ aka Putzhilfe wo wir beide nicht gern putzen. Und auch wenn Staub und die Böden gewischt, Badewanne und Waschbecken geputzt werden bleibt noch genug Arbeit übrig.
    Unsere Haushaltshilfe ist übrigens männlich. Sie, bzw. vielmehr er, ist keineswegs schlecht gebildet, sondern er ist Student. Er bekommt tatsächlich 10 Euro die Stunde, das ist für unsere Gegend überdurchschnittlich, und angemeldet ist er selbstverständlich auch.
    Die Toilette putzt er nicht das mache ich selbst.
    Ja, richtig gelesen, ich, nicht wir. Tatsächlich erledige ich deutlich mehr im Haushalt als mein Mann. Obwohl wir gleich viel arbeiten. Also nix mit Gleichberechtigung. Allerdings wäre ich nicht „mehr gleichberechtigt“ wenn unser Student die Toilette putzen würde. Vielleicht sollte ich mal über Gleichberechtigung nachdenken…

  • Anke L.

    Sehr schöner und intelligenter Bericht. Irgendwie habe ich mich darin selbst wieder erkannt.
    Wir gehen auch beide Vollzeit arbeiten und die Hausarbeit wird von keinem so richtig nebenher erledigt. Wir überlegen seit einiger Zeit wirklich, ob wir eine Putzkraft einstellen.
    Da bedienen also vollauf das Klischee.

    LG Anke