Dürfen, Wollen, Müssen – über Erziehung und Consent

Ausschnitt eines Fotos von einem Kind, dem die Zähne geputzt werden und das dabei am Arm festgehalten wird und sich wehrt.
Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by FabulousTerrah

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Barbara.

Barbara Vorsamer ist Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung und derzeit mit ihrem zweiten Kind in Elternzeit. Sie twittert Lesetipps, Meinung und Befindlichkeiten unter:


@vorsamer

Gestern war wieder so ein Tag. Wir mussten los, waren spät dran, das Baby hing im Tragetuch an meinem Körper und die Große – vier Jahre alt – sollte sich endlich, endlich die Schuhe anziehen.
“Neeeiiiin!”
“Zieh bitte deine Schuhe an!”
“Aber ich will nicht!”
“Vielleicht die anderen?”
“Aber du sollst …!”
“Komm, du kannst das doch schon so gut selbst”
“Neeeeiiiin!”
Kind läuft ins Esszimmer und setzt sich unter den Tisch.
“Komm da wieder raus!” …
Schmollendes Schweigen.

Was nun? Vor einem Jahr wäre ich einfach unter den Tisch gekrabbelt, hätte das Kind herausgezogen und “mit Gewalt” (damit ist an dieser Stelle keine Körperstrafe gemeint, sondern das Durchsetzen mithilfe der körperlichen Überlegenheit einer Erwachsenen) in Jacke und Schuhe gestopft und aus der Tür geschoben.

Im 7., 8., 9. Monat schwanger geht das nicht, mit Baby auf dem Arm oder im Tragetuch noch viel weniger. Und erst seitdem ich diese Situationen – Kind will X, ich Y – ohne Zuhilfenahme der körperlichen Überlegenheit meistern muss, fällt mir auf, wie schwer es ist und wie oft ich es in der Vergangenheit wohl so gelöst habe.

Dazu kommt, dass es mir ein großen Anliegen ist, meinen Kindern zu vermitteln, dass sie einen eigenen Willen haben dürfen und dass “Consent” wichtig ist. Ja, wir kennen Consent vor allem aus der Diskussion um sexuelle Übergriffe (“No means no”), doch wie wichtig es in der Kindererziehung ist, fasst Paige Lucas-Stannard in diesem sehenswerten Video zusammen. Unter anderem rät sie Eltern dazu, ein Nein der Kinder keinesfalls zu übergehen, zum Beispiel wenn sie nicht von Verwandten geknuddelt werden wollen, damit diese lernen, ein Nein bei sich und anderen zu respektieren.

Das finde ich extrem wichtig – aber auch noch relativ einfach. Kniffliger wird es nach meiner Erfahrung in Situationen, in denen ich den Willen des Kindes übergehen MUSS. Zum Beispiel (siehe oben), weil wir los müssen. Oder – und da wird es richtig knifflig, weil es um körperliche Selbstbestimmung geht – weil Zähneputzen oder Waschen nun mal sein müssen.

Mit diesen Problemen bin ich nicht alleine, zum Beispiel flatterte vor einigen Monaten dieser Link durch meine Timeline. Eine Mutter beschreibt darin ihre Erfahrungen mit einem Kind in der Trotzphase, das sich morgens weigert, etwas anzuziehen (kenn ich!):

“Nun gut, manchmal hilft ein kleiner Trick: T. bockt mal wieder, ich mache das Licht aus, gehe aus dem Zimmer und mache die Tür zu. Das simuliert, dass ich ihn nun alleine lasse und ohne ihn weggehe. In den meisten Fällen wirkt das sehr gut, da er dann nur kurze Zeit später anfängt zu meckern und anschließend problemlos beim Umziehen mitmacht.”

Autorin Claire Oberwinter bekam dafür in den sozialen Netzwerken ordentlich Gegenwind und auch ich finde: Kind ins Zimmer sperren geht gar nicht.

Sie schreibt ja selbst, dass sie damit “simuliert”, ihr Kind alleine zu lassen. Verlassen zu werden ist aber eine der allerschlimmsten Ängste für ein Kind, denn es weiß: Alleine bin ich aufgeschmissen. Verlassen zu werden, ist für ein Kleinkind nicht unangenehm, sondern lebensbedrohlich. Denn dass die Mutter das Alleinelassen nur “simuliert”, dass sie gleich wieder kommt, weiß ein Kleinkind nicht, es lebt zu sehr im Jetzt, als dass es sich auf seine Erfahrungen verlassen kann. Wenn es sich hundertprozentig sicher wäre, dass seine Mutter, wie Claire später ihrem Blogpost hinzufügte, immer nach wenigen Sekunden wieder kommt, würde der “Trick” auch nicht mehr so gut funktionieren.

Trotzdem geht es mir hier nicht darum, alles besser zu wissen als die Autorin, denn ich kann sie verdammt gut verstehen. Auch ich habe bereits ausprobiert, wie gut die Drohung “Dann gehe ich halt!” bei einem Kleinkind wirkt (nicht oft, weil – siehe oben).

Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur, weil sich mein Kind mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, gegen das Anziehen wehrte. Wegrennen, sich Verstecken, Rumbrüllen, Heulen, sich auf den Boden werfen, sich komplett schlapp machen oder sich alles, was ich ihr angezogen habe, sofort wieder ausziehen. Ich habe in solchen Situationen schon gebrüllt, ich habe schon damit gedroht, dass wir zu Hause bleiben, nie wieder zur Oma fahren oder Schokolade essen, und ich habe sie auch schon einfach “mit Gewalt” in ihre Klamotten gestopft.

Bei letzterem kam es dann auch schon mal dazu, dass ich ihr weh getan habe. Zum Beispiel stieß mal im Eifer des Gefechts der Kopf des Kindes schwungvoll gegen die Garderobe oder ich zwickte ihr den Jackenreißverschluss ins Kinn. Natürlich ein Versehen – aber ich habe mich auch schon selbstkritisch gefragt, ob es ein Zufall ist, dass sowas vor allem dann passiert, wenn wir Streit und Stress haben. Oder ob ich, die ich (natürlich!) niemals meine Kinder durch Körperstrafen erziehen würde, hier doch – durch die Hintertür und irgendwie aus Versehen – genau das tue.

Dass Gewalt nicht geht, ist heutzutage Konsens (dachte ich zumindest – bis ich dieses und dieses lesenswerte Facebookposting des österreichischen Journalisten Armin Wolf las, der damit auf diesen Text aus der Zeitung “Presse” reagierte). Seit 2000 sind Körperstrafen in der Kindererziehung in Deutschland verboten, seelische Verletzungen und entwürdigende Maßnahmen sind laut Gesetzestext ebenfalls unzulässig. Auch angedrohter oder gar echter Kontaktabbruch ist für mich keine sinnvolle Erziehungsmethode (siehe oben).

Die geschätzte Bloggerin Frau Mierau rät sogar dazu, “Wenn-Dann”s sparsam einzusetzen. Also kein “Wenn du jetzt deine Schuhe anziehst, gibt es auf dem Weg ein Gummibärchen”, kein “Wenn du nicht aufhörst, mich zu treten, schauen wir heute Abend nicht ‘Shaun, das Schaf’”? Ich muss zugeben, dass ich viel mit Wenn-Danns arbeite, auch aus Mangel an besseren Ideen (wer welche hat – in die Kommentare damit!).
Denn Kinder zum Gehorsam zu bringen, damit die Eltern sie weiterhin lieb haben und nicht enttäuscht sind, ist auch eine Möglichkeit – aber eine besonders schlechte. “Wenn Sie das schaffen, haben Sie Ihre Kinder gebrochen”, so hart drückte sich einmal eine Erziehungsexpertin beim Elternabend unseres Kindergarten aus. Denn wer will schon ein Kind, das sich nicht traut, seinen Widerwillen auszudrücken, das gelernt hat, dass es mit Protest die ganze Beziehung aufs Spiel setzt? Ein solches Kind wird zu einem überangepassten Erwachsenen, der nicht in der Lage ist, irgendetwas oder irgendwen zu kritisieren.

Nein, dagegen sein dürfen meine Kinder, und ausdrücken dürfen sie diese Gefühle auch – das ändert aber nichts daran, dass ich mich nicht nur manchmal durchsetzen muss. Schließlich müssen irgendwann mal die Schuhe an den Fuß und wir aus dem Haus (oder der Schlafanzug an und das Kind ins Bett oderoderoder).

Sich durchsetzen – auch wenn es um den Körper geht

Besonders unwohl fühle ich mich beim “Mich-Durchsetzen”, wenn es um den Körper meiner Kinder geht. Und ich womöglich auch noch mein “Größer-und-Stärker-Sein” einsetze, um die Sache zu regeln. Denn eigentlich will ich meiner Tochter (und meinem Sohn natürlich auch, aber da der noch ein Baby ist, sind wir noch nicht an dem Punkt) beibringen, dass sie – und NUR sie – das Sagen darüber hat, wer sie wann und wie und wo anfasst. Das ändert nichts daran, dass sie gelegentlich gewaschen werden muss, auch und gerade im Intimbereich. Und auch, wenn sie das nicht möchte. Klar kann ich es respektieren, wenn sie an einem Abend nicht gewaschen werden möchte, es passiert rein gar nichts, wenn ein Kind gelegentlich ungewaschen ins Bett geht. Eine Dauerlösung ist das aber nicht, denn Waschen muss sein. Erst recht, wenn mal was in die Hose gegangen ist oder das Kind wund ist. Wie löse ich solche Situationen?

Mit “Ich bin deine Mama, ich darf das”? Diese Logik gefällt mir nicht, weil es von hier kein weiter Weg ist zu “Ich bin dein (sagenwirmalzumBeispiel) Schwimmtrainer, ich darf das auch” oder “Ich bin deine große Liebe, ich darf alles.”

Mit Appellen an die Vernunft à la “Du musst dir die Zähne putzen, sonst fallen sie dir irgendwas aus/tun furchtbar weh?” Schmerzen oder Zahnlücken in einer fernen Zukunft jenseits ihres Vorstellungsvermögens interessieren Dreijährige nicht die Bohne.

Ich sage also ziemlich oft “Wenn-Dann”. Wenn ich nicht gerade im neunten Monat schwanger bin, regle ich die Dinge manchmal mit körperlicher Überlegenheit. Wenn ich mein Kind dabei aus Versehen zwicke, entschuldige ich mich. Ich versuche, verlässlich und konsequent zu sein, gebe aber auch gelegentlich nach (100%ige Konsequenz würde ja bedeuten, dass es sinnlos ist, mit mir zu reden. Das will ich auch nicht vermitteln). Trotz-Wut-Heul-Anfälle versuche ich auszuhalten, versuche gerade dann nicht nachzugeben und gleichzeitig zu signalisieren: Ich bin noch da, egal wie sehr du tobst, ich verlasse dich nicht.

Waschen und Zähneputzen sind allerdings nicht verhandelbar, an diesen Punkten ziehe ich alle Register, die mir so zur Verfügung stehen:

Gut zureden
Abwarten (klappt manchmal, oft haben aber die Kinder mehr Geduld)
Größer und stärker sein, d.h. das Kind einfach auf den Schoß setzen und mit dem Zähneputzen beginnen.
Spielen, Singen, Quatsch machen (ein guter Blogpost zum Thema Zähneputzen hier)
Wenn-Danns und Bestechung (“Je schneller du dich gewaschen/Zähne geputzt hast, desto länger können wir noch Shaun, das Schaf gucken”)
Und wenn alles scheitert, half mir auch schon eine Minute alleine im Schlafzimmer und das Grübeln darüber, warum es gerade jetzt und heute so schwierig ist. Denn ein Zufall ist es selten, wenn Situationen eskalieren und irgendetwas will sie von mir (Aufmerksamkeit, meistens – und dann hat uns eine extra Kuschel- oder Spieleinheit vor dem Waschprogramm weitergebracht).

Da ich weder eine Erziehungsexpertin noch die beste Mutter der Welt bin, endet dieser Text an dieser Stelle leider nicht mit einer idealen Antwort auf meine Fragen, sondern dem Geständnis: Ich wurstel mich so durch. Fest steht für mich: Keine Gewalt, kein Kontaktabbruch, kein Liebesentzug.

Kindern zu vermitteln, dass sie einen eigenen Willen haben dürfen und dieser von ihrer Umwelt respektiert werden muss, ist eine der schwierigsten Herausforderungen für Eltern – auch, weil sie ihn im Alltag eben doch oft übergehen müssen.
An welche Grenzen stoßt ihr da? Und wie löst ihr das?

  • princess crocodile

    danke für den guten, ehrlichen, zum nachdenken anregenden blogpost. das ist so ein wichtiges thema und wir sind alle immer wieder ratlos. ich stehe auch sehr oft vor solchen „situationen“. in der situation selbst, hilft leider häufig nichts. ich kann aber vorher in einem ruhigen moment mit meinen kindern sprechen und die situation „framen“. dabei rede ich von meinen eigenen gefühlen in einem solchen moment und erkläre ihnen, wie es mir dann geht und was ihr verhalten bei mir auslöst. unter anderem, dass ich, wenn sie so tierisch bocken hinterher einfach müde und ausgelutscht bin und oft keine lust mehr auf spielen, buch anschauen, rumalbern etc. habe und einfach nur noch meine ruhe haben will. das wollen die kids ja auch nicht. ich erkläre auch, dass wenn sie im haushalt nicht auf sauberkeit und ordnung achten und viel zeit beim anziehen, zähneputzen etc. draufgeht, hinter einfach weniger zeit ist, für gemeinsame unternehmungen und „quality time“. weil ich halt dann alles alleine machen muss (aufräumen, sauber machen) oder weil zeit für streit, bockig sein und ärger draufgeht und wir dann einfach weniger zeit haben, ein buch anzuschauen, weil sie um sieben/acht/xy im bett sein müssen. das ist keine strafe, sondern eine völlig logische konsequenz. küche muss sauber sein, wenn die kids nicht helfen, müssen es die großen machen -> ergo weniger zeit gemeinsam. ich mache dann im gespräch vorher, das zu einem gemeinsamen ruhigen und schönen moment stattfindet, mit ihnen ein wort aus, oder ich frage sie, ob ich in der nächsten situation auf das gespräch hinweisen darf und sie daran erinnern, was sie verstanden haben. wenn wir dann „in der situation“ stecken, funktioniert es (manchmal… und vor allem auch schon bei dreijährigen ^^) wenn ich sie daran erinnere – früh genug, vor dem schreien und heulen der kinder – worüber wir uns unterhalten haben. so á la „hej, weißt du noch, worüber wir gestern gesprochen haben? kannst du dich noch erinnern, dass du zugestimmt hast, das nächste mal weniger terz zu machen beim zähneputzen/schuhe anziehen/etc.? jetzt ist genau so ein moment und ich würde mich freuen, wenn wir das jetzt beide anwenden. dann ist es schnell vorbei und wir können dabei fröhlich sein und gleich danach ein buch anschauen, oder du hast noch zeit zum spielen oder oder… das ist auch ein wenn/dann – aber keine drohung oder belohnung sondern völlig logisch und nachvollziehbar. es ist einfach so. generell hilft es mir, die kinder mehrfach rechtzeitig vor „situationen“ zu briefen. dann können sie sich innerlich drauf einstellen und es gibt wesentlich weniger theater, als wenn sie von jetzt auf gleich plötzlich $dinge tun müssen, mit denen sie nicht gerechnet haben. geht mir ja selbst auch so. viel erfolg uns allen bei gewaltfreier erziehung. ist eine große herausforderung, wenn eins selbst was anderes erlebt hat. <3

  • Miss S.

    Das Thema beschäftigt mich auch häufig.
    Meine Tochter ist noch deutlich kleiner, also ist es mit dem erklären noch nichts…
    gerade beim Fingernägelschneiden ist es oft ein Kampf, und dazu nutze ich dann die Ablenkung, indem ich ein Spielzeug gebe, das es sonst nicht so oft gibt, oder sowas wie Papier zum zerreißen.
    Ansonsten habe ich gemerkt, dass spielerische Lösungen manchmal gut greifen: also wenn sie sich im Spiegel sieht, oder wir dem Teddy zuerst die Zähne putzen, oder wenn sie mir mit der Zahnbürste die Zähne „putzen“ darf, während ich ihr die Zähne putze.
    Was vielleicht klappt bei Kindern in dem Alter aus dem Text, ist, Einbeziehung und eine kleine Wahlmöglichkeit.
    Also so, dass das Kind das Gefühl hat, mitzuentscheiden. „Willst du die gelben oder die blauen Schuhe anziehen?“ etc.
    Am Ende hat es Schuhe an, aber konnte selbst entscheiden.

    Und viele hilfreiche Tipps finde ich bisher beim Montessori Blog „Eltern vom Mars“, bei Montessori geht es ja im Prinzip darum, Anleitung zum Selbstmachen zu geben.
    So dass man dem Kind eine Umgebung schafft, in der es sich selbst wäscht und selbst anzieht, so dass man nur noch wenig Hilfestellung geben muss.

    Hilfreich fand ich z.B. die Gaderobentipps nach Montessori – http://elternvommars.blogspot.de/2015/03/10-einfache-garderobentipps-nach.html

    Und generell die Kategorie „Sorge um die eigene Person“, wo Waschen etc. seinen Platz findet:
    http://elternvommars.blogspot.de/search/label/Sorge%20um%20die%20eigene%20Person

    (Nein, nicht Werbung für meinen eigenen Blog… ich finde es nur gut und sachlich erklärt zum Nachmachen.)

  • Giliell

    Ach, die geniale Patentlösung die auch noch bei allen Kindern funktioniert, die hätte ich auch gerne. Gefunden hab ich sie leider auch nicht.
    Aber ein paar hilfreiche Tipps kann ich doch beisteuern:
    1. Wenn-Dann ist besonders wirksam, wenn das „Dann“ eine logische Folge aus dem „Wenn“ ist: Gummibärchen sind einfach keine logische Konsequenz aus „Anziehen“. „Dann gehst du halt im Schlafanzug/in Unterwäsche in die Kita“ hingegen schon. Das hat bei mir jedes Kind EINMAL ausprobiert.
    2. Rituale helfen wo die logische Folge zu weit weg ist, wie beim Zähne putzen. Unsere Abfolge lautet: Erst Zähne putzen, dann Gute Nacht Geschichte. Wenn das Kind jammert es sei zu müde zum Zähne putzen, dann ist es auch zu müde für die Gute Nacht Geschichte. Wenn das Kind ausgiebig trödelt ist es zu spät für die Gute Nacht Geschichte. Damit bin ich auch ein wenig aus der „böse Mama“ Rolle raus.
    3. Nur keine falsche Peinlichkeit. Schreiendes Kind im Schlafanzug durch die Siedlung begleiten erfordert Nerven. Und böse Blicke. Don’t give a fuck.*

    Und nun zu den bitteren Erkenntnissen:
    1. Eine Familie ist im Wesentlichen die Welt zur Zeit des Kalten Krieges: JedeR hat die Möglichkeit allen anderen den Tag kräftig zu versauen.
    2. Manchmal zahlt man den gleichen Preis wie das Kind. Wenn du dich eigentlich selbst auf den Ausflug gefreut hast, dann ist dein Samstag ebenfalls im Eimer wenn du ihn absagst weil das Kind das Zimmer nicht aufgeräumt hat.
    3. Manchmal kann man das logische Wenn-Dann nicht durchsetzen weil andere zu Unrecht bestraft würden. Zum Beispiel weil da zwei Kinder sind und frau nunmal zeitweise alleine mit ihnen ist. Oder weil es Omas 93. Geburtstag ist.

    *Und ich akzeptiere hier dass dies eine Position ist, die nicht alle einnehmen können. Weiß, gebildet, Mittelschicht gibt ne Menge Spielraum

  • andreacmeyer

    Danke, du sprichst mir aus dem Herzen. Ich mache gute Erfahrungen mit klarer Kommunikation, kombiniert mit regelmäßiger Versicherung, dass ich /wir unseren 2,5 jährigen Sohn lieb haben, auch wenn wir uns jetzt streiten. Der Hinweis auf eigene Grenzen zieht auch manchmal.

    Wenn-dann klappt, wie Giliell schreibt, wenn es zusammenpasst. Wenn du jetzt nicht kommst, komme ich gleich zurück und hole dich ab. Wenn du trödelst, wird nicht mehr vorgelesen. Problematisch finde ich, langfristige Konsequenzen (z.B. beim Verweigern des Zähneputzens) oder Gefahren (z.B. mit Laufrad im Straßenverkehr) zu erklären, da fällt mir außer elterlicher Autorität und Konsequenz und ggf. auch spürbarer Strafe (Laufradverbot) nicht viel zu ein. Allerdings klappt bei uns das Zähneputzen als Teil des Zu-Bett-Geh-Rituals ganz gut und ist akzeptiert.

    Besinnung / kurzer Rückzug bei der erwachsenen Person, ggf. „Kindertausch“ zwischen den Eltern bei massivem Ärger mit einem Kind, auch Durchsprechen mit dem zweiten Elternteil (so vorhanden) im Nachgang empfinde ich als sehr hilfreich.

    Unsere wohl wichtigste Leitlinie ist: „Kleine Sachen nicht groß machen.“ Heißt, wenn unser Sohn aus Trotz etwas nicht aufhebt, Socken nicht anzieht usw., tun wir das, auch wenn es mir eigentlich gegen den Strich geht. Aber wenn wir dafür in den Konflikt gehen, ist außer einem größeren Trotzanfall nichts erreicht.

    Fazit: Es bleibt schwierig (und trotzdem schön ;-))

  • Giliell

    Ich habe das jetzt nicht aufgefasst, dass ein Kind durch eine schlechte Entscheidung (let’s face it, manchmal gibt’s keine guten Entscheidungen) traumatisiert wird.
    Es geht eher darum zu hinterfragen, was man da eigentlich tut und bewirkt.
    Bleiben wir beim Zähne putzen.

    Elternteil: Kind, es ist Zeit zum Zähne putzen
    Kind: NEIN
    Elternteil: Kind, das ist aber wichtig, sonst kommen Karius und Baktus und essen deine Zähnchen auf und es gibt ganz böse Löcher!
    Kind: N E I N (schließlich passiert das nicht von jetzt auf nachher)

    Elternteil, angenervt, laut: Jetzt geh endlich die Zähne putzen!!!
    Kind geht. Kind geht nicht, weil das Kind die Wichtigkeit des Zähne Putzens verstanden hat, Kind geht weil es nicht will, dass das Elternteil richtig sauer wird.

    Lerneffekt: Tu was man dir sagt, oder es gibt eine emotionale Strafe. Erwachsene werden wütend und das ist bedrohlich.

    Das ist sicher nichts, was passiert, wenn man einmal wütend wird. Aber wenn es die Standard-Erziehungsmethode ist, dann kommt ein Mensch heraus, der eben nicht Dinge tut, weil sie gut und richtig sind, sondern weil sonst andere wütend werden.

    • Rosalie

      Es ist essentiell wichtig, dass Kinder lernen, zu tun, was Erwachsene sagen. Kinder sollten zudem lernen, zu unterscheiden, was wann wie wichtig ist. Da das aber so schwierig ist, geben wir ihnen 20 Jahre lang Zeit dazu. Ein Kleinkind muss noch nicht unterscheiden können, wann Mamas ’nein‘ wirklich befolgt werden muss und wann nicht unbedingt. Da das Kind natürlich eben dies lernen WILL, fängt es an, Mamas Aussagen nicht zu befolgen. Das nötigt beiden Auseinandersetzung mit sich und dem anderen und dem Thema ab.
      Dennoch bin ich die Mutter und darum entscheide ich. Und oft genug entscheide NUR ich. Diese strukturelle Gewalt ist nicht per se schädlich. Wir alle leben mit jeder Menge struktureller Gewalt und zum Teil ermöglicht erst diese unser Zusammenleben.
      Und wenn ich beim Zähneputzen meinem Kind mal drohe ’sonst gehen deine Zähne kaputt‘, weil ich die Nase wirklich voll habe, dann kann mein Kind sehr gut unterscheiden, dass ich in dieser Situation sauer bin und meine Regeln auch durchsetze. In dem Moment zählt die Meinung meines Kindes nicht. Und das mag das Kind kränken, ja. Aber zumindest mein Kind kann sehr wohl unterscheiden, ob mir generell egal ist, was es will und es einfach Befehle zu befolgen hat, oder ob ich in diesem einen Punkt nicht mit mir reden lasse. Kinder sind klein, nicht blöd.

      Und per se ist es nicht schlimm, wenn aus einem streng erzogenen Kind ein angepasster Erwachsener wird. Diskutabel wird es erst, wenn sich dieser Erwachsene in seiner Angepasstheit unwohl fühlt. Das tun aber nicht alle. Schlimm wird es erst, wenn dieser Erwachsene für sich selbst keine Möglichkeit zur Emanzipation sieht und dann keine Hilfestellung bekommt.
      Ich möchte das nur mal erwähnen, weil es vom trotzenden Kind bis zum Erwachsenen mit massiven psychischen Problemen ein klein bisschen mehr braucht, als genervte Eltern.
      Jeder macht es immer genauso gut, wie er kann. Mehr geht nicht und muss auch nicht gehen. Das darf man Eltern ruhig auch zugestehen.

  • Rosalie

    Ja, die Schuld liegt nicht einfach bei deiner Mutter. So einfach ist es nicht. Und nein, wenn Eltern versuchen es so gut zu machen, wie sie können, dann geht einfach nicht mehr. Wenn dabei nicht das Optimum herauskommt (tut es selten) dann ist das Pech. Dann muss man daran arbeiten, die Folgen abzumildern, auch die Eltern müssen daran arbeiten.

    Ich jedoch habe beschrieben, dass ich in einigen Punkten nicht verhandle. Du kannst nicht einfach Wörter überlesen, die dir nicht passen.

    Die Nazikeule ist eine Unverschämtheit, denn ich habe explizit erwähnt, dass Kinder keine reinen Befehlsempfänger sind. Ich verbitte mir sowas.

    Und diese Sichtweise, alles schwarz-weiß zu sehen von dir, finde ich zum Kotzen. Denn wenn ich einer 4jährigen sage, sie soll jetzt die Zähne putzen oder sie muss nach dem Klo die Hände waschen und darüber diskutiere ich nicht, dann hat das nichts mit autoritärer Erziehung zu tun. Ebenso, wie ich nicht diskutiere, ob das Kind in den Kiga geht und ich zur Arbeit. Morgens aufstehen und in den Kiga gehen ist ein von mir gemachtes Gesetz. So einfach ist das. Es sagt aber nichts darüber aus, wie wir ansonsten in der Familie miteinander umgehen.

    Du hast mir die Worte im Mund herum gedreht, weil du offenbar noch eine Rechnung mit deiner Mutter offen hast. Kläre das mit ihr, beschimpf mich nicht dafür. Das halte ich für unzulässig, weil ich einen von dir gewählten Erziehungstil bei deinen Kindern keineswegs verurteilt oder bemängelt habe. Ich habe das nicht einmal erwähnt. Ich erwarte aber, dass mein Erziehungstil ebenso respektiert wird und ich diesen auch darlegen darf. So wie du auch.

  • spicollidriver

    Kann mir jemand erklären, warum „wenn-dann“ denn so problematisch sein soll, wenn es sich um positive Resultate handelt?

    Ich kann ja nachvollziehen, daß eine Bestrafung nur wenig sinnvoll ist. Aber warum nicht eine „positive“ Reaktion besonders bestätigen? (also quasi das erwähnte „wenn wir jetzt nicht so lange darüber streiten müssen, ob du deine Zähne putzt, haben wir dafür gleich noch mehr Zeit fürs Vorlesen“)

  • spicollidriver

    Und noch eine kleine Anmerkung: Zwei Freundinnen von mir sind beide in Bereichen tätig, in denen sie Kinder betreuen. Und beide haben schon mehrfach unabhängig voneinander erwähnt, daß „überangepaßt“ sein bei ihren Kleinen ein geringeres Problem ist als das sie nie „Grenzsetzung“ gelernt hätten.

    Das heißt natürlich nicht, das ich befürworte, wenn Eltern einen strengen autoritären Erziehungsstil fahren. Aber leider scheint die gegenteilige Konsequenz für viele eine Art laissez-fair Erziehung zu sein, bei dem das Kind nicht lernt, daß es Grenzen (insbesondere: persönliche Grenzen anderer) zu respektieren hat.