Ein tiny house in der Prärie

Foto , CC BY 2.0 , by Tammy Strobel

Eines meiner liebsten Mal-Motive als Kind war etwas, für das ich nicht mal einen richtigen Namen hatte (oder vielleicht hatte ich einen, aber kann mich nicht mehr daran erinnern). Es waren kleine Behausungen irgendwo zwischen freistehender Dachkammer und Wohnwagen, Ein-Zimmer-Häuschen, in denen alles da war: ganz zentral ein Bett, viele Regale mit Büchern und Spielzeug drumherum, daneben ein kleiner Ofen mit einem dampfenden Kessel darauf, bunte Vorhänge vor einem winzigen Fenster, vielleicht eine Dusche (ob ich bis hin zu sanitären Einrichtungen gedacht habe, weiß ich nicht mehr) und ein Ohrensessel. Die Wände bestanden vor allem aus Schubladen bis unter die Decke, auf denen Dinge standen wie „Socken“, „Nudeln“ oder „Buntstifte“. Platz für alles Notwendige auf kleinstem Raum, sehr urig-gemütlich und idealerweise mobil (bisweilen wurden diese Kreationen auch Wasser-Land-Fluggefährte). Soweit die Kindheitsfantasie.

Neulich abends dann fand ich diese Fantasie wieder – in gewisser Weise. Ich stöberte im „Dokumentationen“-Bereich von (US-)Netflix und stolperte über den Titel „Tiny. A Story About Living Small“ (tiny = winzig). In der Dokumentation geht es um Christopher, der kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag gemeinsam mit seiner Freundin Merete ein „Tiny House“ baut, ein Ein-Zimmer-Holzhaus komplett mit Mini-Veranda, das Wohnwagengleich auf einem großen Anhänger errichtet wird. Die beiden sind zudem die Filmemacher_innen. Mit dem Anhänger hat es eine besondere Bewandtnis: zum einen hat Christopher ein Stück Land in den Weiten der Berge Colorados gekauft, zu dem er das Häuschen ziehen will. Zum anderen gibt es in den USA zur Erteilung von Baugenehmigungen teilweise einzuhaltende Mindestgrößen, nicht aber bei „beweglichen Objekten“. Das alles weiss Christopher aus dem Internet, denn dort ist die „Tiny House Bewegung“ (auch „Small House Movement“) leicht zu finden: mit zahlreichen Blogs, Websites und Foren, in denen Interessierte Baupläne, komplette Bau-Anleitungen, Materialempfehlungen und Video-Tutorials finden können.

TINY: A Story About Living Small – International – Trailer from TINY on Vimeo.

Die Frage nach dem Zuhause

Zwischen Christophers Kampf mit dem Selbstbau (drei Monate hatte er dafür angesetzt, ein Jahr dauert es am Ende) sind in „Tiny“ immer wieder Interviews mit anderen Tiny-House-Bewohner_innen und -Erbauer_innen zu sehen, aus den ganzen USA. Ich war etwas baff: was mir schon mal hier und da in Klickstrecken mit architektonischen Kuriositäten oder als Niedlichkeit auf Pinterest begegnet war, schien tatsächlich in den USA eine Art soziale Bewegung zu sein. Oder?

In „Tiny“ zumindest geht es viel um die Frage, was ein „Home“, ein Zuhause überhaupt ist und ausmacht. Christopher stammt aus einem Army-Haushalt, zog in Kindheit und Jugend ständig um. Es liegt nahe, dass er sich mit dieser Frage beschäftigt. Andere in „Tiny“ sprechen über Nachhaltigkeit, über Alternativen zu den immer größer gewordenen US-Einfamilien-Häusern, die mehr dem Erfüllen einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung als dem Wohnen zu dienen scheinen. Dazu interessant: in den USA stieg die durchschnittliche (!) Wohnfläche von Einfamilienhäusern von 165 m² im Jahre 1978 auf 230,3 m² im Jahre 2007. Es ist die Rede vom Ausmisten und sich Trennen von einem Großteil des Besitzes (was auch kaum anders ginge), vom Kosten und Energie sparen, „Downsizing“ ist das Stichwort. Für einige ist das konkrete Notwendigkeit, etwa um Schuldenfrei zu werden, und zugleich Anlass, das Leben anderweitig zu verändern – weg vom Cubicle-Job, hin zu Teilzeit und Zeit zum Nachdenken und Selbermachen.

Individualismus und DIY

Dass wir es schon im konkreten Fall der Doku „Tiny“ mit recht unterschiedlichen Vorstellungen zu tun haben, zeigt, dass die Beweggründe für das „kleine Leben“ für eine soziale Bewegung doch recht individuell sind. Für Christopher ist das Thema „Zuhause“ offenbar mit einer ur-amerikanischen Sehnsucht nach Weite und Autarkie verbunden: ein kleines, mobiles Haus in der Prärie – mit Solar-Panel zum Aufladen von Laptops und iPads. Aber das ist temporär, ein Wochenendhaus und eine postadoleszente „Mal was mit den eigenen Händen“ machen-Zäsur, bevor es weitergeht mit dem digitalen/kreativen/urbanen Leben. Anderen Häusle-Bauer_innen in „Tiny“ scheint es da um mehr zu gehen, um ein neues Gefühl von „Community“, von Nachbarschaft (häufig stehen die „Tiny Houses“ in jemandes Hinterhof oder Gartengrundstück – wenn dies denn möglich ist), sie leben längerfristig in ihren DIY-Bauten und setzen sich dadurch auf neue Weise mit dem Thema Wohnen auseinander.

Am Ende von „Tiny“ und einer kleinen Google-Suche zum Thema kann ich mich noch nicht zwischen Begeisterung und Skepsis entscheiden. Auf einer rein ästhetisch-handwerklichen Ebene fällt mir die Faszination für „Tiny Houses“ nicht schwer, nicht nur der Kindheitsfantasie wegen. Kreativ ausgenutzte Räume, sinnvolle Ordnung, Ausstattung und Besitztümer auf ein Wesentliches reduziert, architektonische Raffinesse bei gleichzeitiger Gemütlichkeit, und bisweilen auch Mobilität. Und es macht unheimlich Spaß (zumindest mir als potentiell DIY- und Bastel-Begeisterter) Christopher in „Tiny“ beim Sammeln und Recyceln alter Materialien, beim Bauen und Basteln zuzusehen, während er gleichzeitig auf das Videotutorial auf seinem iPhone starrt. Das hat etwas nahbares, machbares – die „Tiny House“ Bewegung geht dabei Hand in Hand mit dem generellen DIY-Trend der letzten Jahre.

Innenausbau eines Tiny House (CC BY-SA 2.0)

Innenausbau eines Tiny House. (CC BY-SA 2.0)

Von „Opportuniy Village“…

Und wie auch bei den Entwicklung im Bereich DIY ist die der kleinen Häuser mit politischen Implikationen verbunden, wie etwa generell der architektonischen und städteplanerischen Auseinandersetzung mit bezahlbarem Wohnraum oder spezieller mit Unterkünften bspw. nach Naturkatastrophen wie dem Hurricane Katrina („Katrina Cottage“). Passend zu meinen geweckten Interesse erschien im Guardian kürzlich ein Artikel der die Frage stellt: „Können Oregons tiny houses ein Teil der Lösung der Obdachlosigkeit sein?“. Darin vorgestellt wird das „Opportunity Village“ in Eugene, Oregon, ein Projekt mit Mini-Häusern für Obdachlose, initiiert durch Andrew Heben, Städteplaner und Autor von „Tent City Urbanism: From Self-Organized Camps to Tiny House Villages“. In diesem Mini-Dorf geht es weniger um den amerikanischen Traum von Autarkie, als um gegenseitige Hilfe und Zusammenleben. Die Bewohner_innen haben eigene Häuschen, die aber nicht viel mehr sind als Schlafzimmer, Kochen und Essen, Sanitäranlagen, Wäscherei oder Interneträume werden geteilt. Die Community organisiert sich selbst, wählt Vertreter_innen und trifft gemeinsame Entscheidungen.

Ähnlich aufgebaut ist „Dignity Village“ in den Aussenbezirken von Portland. Die Menschen sollen darin wieder „auf die Füße“ kommen, das übliche Aufenthaltslimit für einen Preis von monatlich 25 Dollar liegt bei zwei Jahren, bei Übernahme von Community-Aufgaben auch länger. Das Wegziehen aus den idyllisch anmutenden Kolonien fällt jedoch vielen schwer, weil sich die Projekte sehr schnell wegbewegt haben von einer „Notlösung“ für Obdachlose hin zu einer gemeinschaftlichen, alternativen Art des Wohnens. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sich dort viel kreatives Potential versammelt: Andrew Heben gibt selbst zu, sehr viel durch den Aktivismus und die Experimente der Obdachlosen gelernt zu haben. (Mir fallen dabei auch die deutschen Schrebergarten-Kolonien in den 20er und 30er Jahren oder Bauwagen-Kolonien ein – aber dies würde jetzt zu weit führen, auch wenn Parallelen und Unterschiede dabei mit Sicherheit ein interessantes Thema sind.)

…bis Lifestyle-Domizil

Der Kontrast zwischen „Opportunity Villages“ und den individualistischen Träumen der in „Tiny“ Porträtierten ist dann doch relativ krass. Und es sind eher Letztere, eine weiße Mittelschicht, die das Internet mit Pinterest-tauglichen Fotos von entzückenden, hochwertig ausgestatteten Miniaturbauten füllen und das Bild vom „Tiny House Movement“ prägen. Sicher treibt viele von ihnen (Finanzblase-gebeutelt) ein Wunsch nach einem nachhaltigeren Leben und Entschleunigung um. Da gibt es Solar-Anlagen und Kompost-Toiletten und 1001 kreative Tipps zum Platzsparen und Sparen generell, Selbermachen, Dekorieren und Verstauen. Der Ideenreichtum ist beeindruckend.

On the road mit Haus: das "Tiny House Giant Journey" Projekt.

On the road mit Haus: das „Tiny House Giant Journey“ Projekt.

Es ist auch durchaus nachvollziehbar, dass für diese Art des kreativen “Lebens in die Hand nehmen” die Faszination hoch ist, obwohl „Tiny Houses“ insgesamt natürlich nur einen Bruchteil des Immobilienmarktes ausmachen. Mit „Small is Beautiful“ erscheint in diesem Jahr eine weitere Dokumentation zum Thema, und mit „Tiny House Nation“ gibt es sogar eine eigene TV Show. Doch eine Lösung für Armut und Obdachlosigkeit sind die schönen Häuser in „Tiny“, in den DIY-Büchern und Blogs in der Regel nicht, dazu sind sie schlicht zu teuer (im Guardian wird ein „Top-of-the-line Tiny House“ mit den Annehmlichkeiten eines Wohnmobils auf 60.000 Dollar aufwärts geschätzt, Christopher zahlt für sein Haus am Ende ca. 25.000). Für mich bleibt es auch fraglich, wieviele dieser Häuser schlussendlich als ausschließlicher Wohnsitz genutzt werden und über welchen Zeitraum, und für wen das ganze nur ein (ohne Zweifel spannendes und herausfordendes) Abenteuer ist, wie etwa bei “Tiny House Giant Journey”. Die Menschen, die in den USA seit Jahren und Jahrzehnten auf kleinstem Raum in Trailerparks wohnen, beklatscht jedenfalls niemand als Pionier_innen eines neuen Lebensstils.

Wie gerne hätte ich eines meiner selbstgemalten Bilder mit einem „Mini-Haus“ ausgegraben für diesen Artikel. Aber bislang ist in den Tiefen des elterlichen Dachbodens noch nichts aufgetaucht. Dafür kann ich ja jetzt wenigstens viele ähnliche Bilder im Internet finden – Tiny House Movement sei Dank. Und auch wenn ich nichts grundsätzlich gegen Lifestyle(s) habe (und hier habe ich auch noch einen soft spot), wäre es doch zu wünschen, dass dabei zukünftig noch mehr in Richtung „Opportunity Villages“ passiert und das darin liegende Potential nicht in Aussteiger_innen-Spielzeugen versandet. An guten Ideen mangelt es jedenfalls nicht.

7 Antworten zu “Ein tiny house in der Prärie”

  1. boxi sagt:

    uhhhh. oohhhhh. awwwwwww. danke dafür

  2. Giliell sagt:

    Süß!
    Aber ich fürchte damit hat es sich dann auch. Wie du schon erwähnt hast, es ist ein Spaß der weißen Mittelklasse, eine typisch individualistische Selbstverwirklichung mit Weltrettungsanspruch.
    Es geht die Probleme Wohnraum, Resourcenverwendung, Gentrifizierung und Obdachlosigkeit nicht im gesellschaftlichen Kern an, sondern zeigt eine individuelle Lösung für die, die es sich leisten können.
    Millionen Amerikaner wohnen bereits in „tiny houses“. Die sind aber nicht ganz so pitoresque, sondern eher schäbig und nennen sich trailer park. Oder wie meine amerikanische Freundin saget, „hurricane fodder“.

    • Auto_focus sagt:

      Nichts für ungut, aber ist das nicht genau das, was ich im Artikel sage? :) (Trailerparks erwähne ich zB ganz am Ende).
      Ich würde davon abgesehen aber ein nicht ganz so rigides Urteil fällen. Ich habe durchaus das Gefühl, dass da Potential drinsteckt und man nicht alle Tiny-House-Enthusiast_innen über einen Kamm scheren kann. Habe den Eindruck da gibt es eine hohe Bandbreite an Beweggründen / Überzeugungen.

  3. DerLangeFrank sagt:

    Wen’s interressiert: Der Traum vom kleinen Haus

  4. nk sagt:

    Die Doku „we the tiny house people“ gabs glaube ich schon vorher.

    • Auto_focus sagt:

      Das kann gut sein. Ich hab auch auch nicht angenommen, dass „Tiny“ die erste dazu ist.

  5. B sagt:

    A propos DIY : Hat’s denn in so kleine Häusern überhaupt Platz für den Werkzeugkasten?