Gedichtete Gegengifte (5)

Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by Leo Reynolds

Dies ist der fünfte Beitrag unserer Reihe „Gedichte lesen“, in der über Lyrik nachgedacht wird. Heute kommt er von Levi.

Levi lebt studierend in Düsseldorf. Am Tage referiert er über allerlei Jüdisches und poetisiert vor sich hin; in der Nacht kuriert er seine Schlaflosigkeit mit Filmeschauen – bislang erfolglos.

Geständnis: auch wenn mir wohl kaum eine literarische Gattung so sehr am Herzen liegt wie die Lyrik, behandle ich sie doch arg stiefmütterlich. Denn ich lese sie nicht immer. Ich stehe nicht auf und blättere beim Frühstück in den Worten Heinrich Heines oder setze mich des Nachmittags auf mein Sofa und lese mit einer Mischung aus Langeweile und Gleichgültigkeit einen Sammelband mit Gartenpoesie. Ich lese auch nicht bei Sonnenschein am Strand.

Ich kann Gedichte nicht nebenbei oder zwischendurch lesen. Ich kann sie nicht einmal lesen, wenn ich gute Laune habe. Ich habe noch nie nach gereimten Worten gesucht, weil ich ausgelassen fröhlich war. Für diesen Fall höre ich heitere Musik. Gewiss gibt es Menschen, die zu heiteren Gedichten greifen. Ich nicht. Ich lese und schreibe sie, wenn ich mich schlecht fühle. Einsam. Wenn ich traurig bin. Wenn ich nichts mehr um mich herum verstehe. Wenn ich denke, dass ich an einem bestimmten Gefühl ersticke. Ich lese Lyrik, wenn ich in der Straßenbahn sitze, es draußen regnet und Stadt und Mensch nass und erbärmlich aussehen. Ich schreibe Lyrik, wenn ich nicht schlafen kann. Oder wenn ich nicht weinen kann, aber weinen will. Ich benutze Poesie als Arznei, als Rezeptions- und Schreibtherapie.

Oder als Sinnierhilfe, wenn mir die Dinge um mich herum bloß und leer erscheinen. Dann lese ich ein Gedicht, ein gutes Gedicht, das zu mir zu sprechen weiß und von einem ganz bestimmten einzelnen, wertvollen Gedanken berichtet. Der Gedanke an ein Du, der Gedanke an eine blätterschwere Baumkrone, der Gedanke, wie eine Mutter einem Kind sacht über den Kopf streicht. Ein einzelner Gedanke, der in der Kleidung sprachlicher Ästhetik und Prägnanz Sinn stiftet, weil er fassen kann, was ich nicht fassen kann: Schönheit etwa. Oder Liebe. Verlust, Schmerz. Hoffnung.

Ist Utilitarismus in Sachen Literatur schäbig?

Und so retten mich Gedichte immer wieder. Ich müsste ihnen so dankbar sein, dass ich sie ständig lese. Sie müssten mir nicht einem Heilmittel gleich verschrieben werden; ich müsste mich ihnen verschreiben aus Verbundenheit und Bewunderung. Doch wenn es mir gut geht, lese ich sie nicht. Ich führe sie auch nicht fort.
Es gibt viele Menschen, die ihre Eltern nur anrufen, wenn sie Probleme haben. Das muss nicht heißen, dass sie ihre Eltern nicht genug lieben, um sie auch anzurufen, wenn sie über Nichtig- oder Witzigkeiten sprechen wollen. Sie leben einfach ihr Leben, so lang es gut geht. Und wenn sie einmal straucheln, ist da dieses ganz besondere Vertrauen, das in der frühesten Kindheit erwuchs: die Eltern richten es schon wieder.
So ist es mit mir und der Poesie.

Ich fühle mich beinah schäbig, wenn ich das so offen schreibe. Aber eben nur beinah. Denn erging und ergeht es nicht vielen Lyrikerinnen und Lyrikern selbst so? Wie viele Gedichte erzählen von verlorener Liebe, von Schmerz und Tod? Und schreibt man denn ein Liebesgedicht, weil man die Liebe bereits gefunden hat und sie stolz zu präsentieren sucht, oder doch eher, weil man sie noch oder wieder ersehnt?

Kaléko & Co

Vielleicht sind mir zu wenige Gute-Laune-Dichtende untergekommen. Vielleicht sprechen sie nicht zu mir. Am eindringlichsten und beeindruckendsten sprach immer schon die deutsch-jüdische Lyrik des 20. Jahrhunderts zu mir: Else Lasker-Schüler, Paul Celan, Nelly Sachs, Hilde Domin, Selma Meerbaum-Eisinger, Rose Ausländer, Mascha Kaléko. Nie habe ich bei Literatur mehr und bitterer geweint. Denn nie fand ich Gefühle wie Melancholie, Verlorensein, Aussichtslosigkeit, Leere, Kälte, Trauer, Leid so ergreifend getroffen.
Die Biographien jener Lyrikerinnen und Lyriker, die von der Shoah schwer beeinträchtigt oder gar beendet wurden, spielten dabei selbstredend eine Rolle. Ein Gedicht von Meerbaum-Eisinger über die Tristesse eines kalten Herbstmorgens ist noch trauriger in dem Wissen, dass die Urheberin dieses großartig verfassten Werks elendig in einem Arbeitslager der Nazis gestorben war und ihr zu Lebzeiten keinerlei Anerkennung für ihr wundervolles Werk vergönnt gewesen war. Ein Zufall nur, dass ihr Werk nach einem Hinweis von Hilde Domin durch einen Stern-Journalisten wiederentdeckt wurde und nun wenigen überhaupt bekannt ist. Welch Ungerechtigkeit doch zwischen all den Versen der kostbaren Poetinnen und Poeten jener Tage geschrieben steht.

Immer wieder Else, oder: warum denn nun Lyrik?

Diese Ungerechtigkeit treibt mich oft an, Lyrik deutsch-jüdischer Dichterinnen und Dichter wiederzuentdecken, zu lesen – und vorzulesen. Seit mehr als einem Jahr schon arbeite ich in einer Gruppe, die Werke von Else Lasker-Schüler, die für mich neben Mascha Kaléko und Ingeborg Bachmann zu den drei bedeutendsten Dichterinnen deutscher Sprache zählt, verschiedenen Zuschauergruppen in mehrstimmigen Lesungen darbietet, um diese herausragende Poetin populärer zu machen, aufzuzeigen, dass dieser damals meist mittellose, dann vertriebene Mensch ein Stück Literatur geschaffen hat, das die Widrigkeiten der eigenen Existenz und die Zeiten überdauert hat, weil es etwas wahrhaftig und lebendig in sich festhält, das fast unmöglich gänzlich zu fassen ist: eine Atmosphäre, einen Gedanken, ein Gefühl.

Das zu schaffen ist an der Poesie das so Geniale. Und das Heilsame.