„Ach, so ist das?!“ – Interview mit der Comic-Zeichnerin Martina Schradi

Unter dem Motto “Ach, so ist das?!” sammelt die Comic-Zeichnerin Martina Schradi Geschichten aus dem Leben von LGBTI* (eine englische Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transidente und Intersexuelle, das * steht für Leute ein, die sich keiner der genannten Gruppen zugehörig fühlen) und zeichnet daraus Comic-Reportagen. Mit ihrem Projekt möchte sie zeigen, wie der Alltag von LGBTI* aussieht und welchen Schwierigkeiten sie durch ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität ausgesetzt sind.

Anne hat sie für kleinerdrei dazu interviewt und auch gleich noch über Vorbilder, #idpet und Comic-Empfehlungen ausgefragt.

kleinerdrei: Für jemanden, der_die deine Arbeit nicht kennt: Wie würdest du sie beschreiben und was macht deinen beruflichen Alltag so aus?

Martina Schradi: So ganz allgemein: als Comic-Zeichnerin verbringst du viele viele Stunden einsam am Zeichentisch, während alle Anderen draußen rumtoben oder Eiskaffee trinken.

Aber es kann auch richtig spannend sein: für das Projekt „Ach, so ist das?!“ zum Beispiel verstehe ich mich in erster Linie als comic-zeichnende Biografin. Ich sammle wahre Geschichten von LGBTI* – also von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, transgender und transidenten Personen und Intersexuellen. Letztes Jahr habe ich über 20 Geschichten dokumentiert und als Kurz-Comic gezeichnet. Das war eine total spannende Arbeit.

Mein Geld verdiene ich natürlich anderweitig, wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt. ;)

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kleinerdrei: Wie bist du zum Zeichnen von Comics gekommen und wer sind deine Vorbilder? Ich las da unter anderem etwas von Ottifanten, aber auch von Alison Bechdel?

Martina Schradi: Yay, Ottifanten! Die habe ich als Kind leidenschaftlich gelesen und auch schon mal nachgezeichnet. Gekritzelt habe ich schon immer gern, als Comic-Zeichnerin bin ich eher ein Late Bloomer. „Ach, so ist das?!“ ist mein erstes größeres Projekt, das auch als Buch rauskommen wird. Vorher habe ich schon ein paar Mini-Comics im Eigenverlag herausgebracht: zwei Liebesgeschichten, ein autobiografisch angehauchtes Abenteuercomic und eine Komödie, in der das Verhältnis zwischen Lesben und Fahrrädern genauer erörtert wird.

Ansonsten lese ich sehr gerne deutsche und französische Comics und Graphic Novels. Beziehungs- und Familiengeschichten oder Biografien interessieren mich dabei besonders. Meine aktuellen Lieblinge sind: Birgit Weyhe, Barbara Yelin, Flix immer! Von den Zeichner_innen, die sich mit dem Thema LGBTI* beschäftigen: Alison Bechdel natürlich – ihre Aufzeichnungen „Dykes to watch out for“ lesen sich immer noch großartig, aber auch Erika Moen, Lisa Mandel, Hélène Georges, trouble x, Anna Heger zum Beispiel.

kleinerdrei: Wie ist die Idee zu “Ach, so ist das?!” entstanden? Hattest du das Gefühl, es gibt bisher zu wenige deutsche Comics, die explizit LGBTI*-Themen aufgreifen?

Martina Schradi: Auf jeden Fall. Es gibt überhaupt viel zu wenige Comics, und LGBTI*-Comics erst recht!

Da sind wir bei dem Thema Sichtbarkeit: LGBTI* tauchen gesellschaftlich kaum auf oder werden verzerrt und klischeehaft dargestellt: Die schrillen Bilder von den CSDs kennen alle, aber dass es auch noch andere Facetten gibt, dass hinter dem Kürzel LGBTI* Menschen stehen, die ein ganz alltägliches Leben leben, das sehen die wenigsten.

Und dann ist da ja immer noch die Frage: Welche Schwierigkeiten gibt es im Zusammenleben mit Anderen für Menschen, wenn sie eine sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität leben, die nicht der Mehrheit entspricht? Das will ich sichtbar machen, und Comics sind dafür ein tolles Format. Selbst Themen, die vielen fremd oder sogar tabu vorkommen, lassen sich mit ihnen wunderbar, auch humorvoll darstellen.

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kleinerdrei: Du hast ja vermutlich auch die #idpet (“Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens”) mitbekommen, eine Petition, die sich eindeutig gegen die Thematisierung von Vielfalt im Schulunterricht ausspricht. Für viele hat sie noch mal sehr deutlich sichtbar gemacht, dass wir längst nicht so weit sind, wie die meisten gerne behaupten. Hat dich das bei deiner Arbeit eher bestätigt oder entmutigt?

Martina Schradi: Nicht nur die #idpet-Sache hat mich erschreckt, auch die politischen Strömungen die dahinterstecken oder die unangenehme Stimmungsmache in den Medien à la Maischberger, Matussek oder Lewitscharoff. Natürlich sind wir noch längst nicht „so weit“. Mit den Interviews und der Arbeit am Projekt habe ich einen ziemlich guten Eindruck davon bekommen, was LGBTI*s beschäftigt und bedrückt und nicht umsonst wagen laut einer groß angelegten europäischen Studie weniger als die Hälfte in Deutschland ein vollständiges Coming-Out.

Von daher ist das „Ach, so ist das?!“-Projekt enorm wichtig. Übrigens nicht nur ich finde das: Schon bei der ersten Ausstellung in Nürnberg kamen zahlreiche Interessierte auf uns zu und seit #idpet steht mein Telefon nicht mehr still. Lehrkräfte, Multiplikator_innen und Arbeitgeber_innen suchen verzweifelt nach Materialien und Methoden, wie sie anderen das Thema nahe bringen können. Der Bildungsplan weist also absolut in die richtige Richtung.

Daher haben wir ein weiteres Projekt am Start: Auf Basis der Comics entwickelt ein Nürnberger Team gerade einen Methodenkoffer, mit dem sich das Thema LGBTI* im Unterricht oder am Arbeitsplatz vermitteln lässt.

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kleinerdrei: Wie würdest du insgesamt die Resonanz auf „Ach, so ist das?!“ beschreiben? Ich nehme an, dass sie leider auch nicht ausschließlich positiv ist? Wie gehst du damit um? Wie war das zum Beispiel als die Werke auch ausgestellt wurden?

Martina Schradi: Natürlich gab und gibt es meckernde Stimmen, die vor allem aus irgendwelchen konservativ-klerikalen Ecken tönen.¹ Die reichen schon mal bis zu wüsten Beschimpfungen, kombiniert mit christlich-fundamentalen Parolen. Das lasse ich möglichst an mir abprallen.

Insgesamt aber wurden wir eher überrollt von einer Welle der Sympathie – es scheint als hätte eine Menge Menschen nur darauf gewartet, dass es endlich diese Comics gibt. Ich denke das kommt daher weil sie auf eine ganz einfache, unaufgeregte Art einladen, sich in der LGBTI*-Welt umzusehen und mit anderen darüber in Austausch zu kommen.

Die Wanderausstellung hängt auch schon in zahlreichen Städten und unsere Comiclesungen und LGBTI*-Vorträge werden fleißig gebucht.

kleinerdrei: Hast du selbst noch etwas Neues durch die „Ach, so ist das?!“-Comics lernen können?

Martina Schradi: Natürlich! Es gibt so viele Facetten von Identität, von Lebens- und Liebesweisen. Jede einzelne Erzählung war eine Bereicherung für mich. An der Stelle würde ich mich gern noch mal bei den Menschen bedanken, die mir ihre Geschichte anvertraut haben – ohne sie wäre das Projekt ja gar nicht gelungen.

Was ich auch interessant fand: bei den Befragten tauchten immer wieder dieselben Themen auf, da lässt sich schon von kollektiven LGBTI*-Erfahrungen sprechen. Wie reagieren Eltern, Freund_innen, Kolleg_innen auf mein Coming-Out, ja wie stelle ich es überhaupt an, das mit dem Coming-Out? Was bedeutet Identität für mich? Wie möchte ich Freundschaften, Liebesziehungen oder Familie gestalten? Und, leider immer noch großes Thema, wo werde ich diskriminiert und was macht das mit mir?

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kleinerdrei: Hast du mittlerweile genügend Geschichten gesammelt oder ist es immer noch möglich, bei „Ach, so ist das?!“ mitzumachen? Wie kann das Projekt auch insgesamt noch unterstützt werden?

Martina Schradi: Aktuell interessiere ich mich speziell für die Erfahrungen von jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren.

Ansonsten freuen wir uns darüber, wenn die Wanderausstellung fleißig gezeigt wird – Achtung Werbeblock! – sie besteht aus 20 DIN A 1 Postern und ist für einen Unkostenbeitrag von 120,00 € zu haben. Mehr Infos dazu gibt’s auf achsoistdas.com/wanderausstellung.

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kleinerdrei: Was sind denn die weiteren Pläne für „Ach, so ist das?!“ oder hast du gerade vielleicht sogar noch andere Projekte im Ärmel?

Martina Schradi: Erst mal freue ich mich schon sehr auf das „Ach so ist das?!“-Buch: im Mai ist es so weit und es erscheint im Zwerchfell Verlag. Ich bin damit auch auf dem Comic-Salon Erlangen vertreten, der vom 19. bis 22. Juni in Erlangen stattfindet. Die Comic-Lesungen mit denen ich gerade mit dem ASID-Leseteam durch den deutschsprachigen Raum tingele, sind total lustig! Da entwickeln sich tolle Gespräche, Kontakte und weitere Ideen.

Dann freue ich mich aber auch schon auf ruhigere Zeiten, in denen ich dann an einer längeren Geschichte arbeiten will.

kleinerdrei: Zu guter Letzt: Magst du uns deine persönlichen Comic-Entdeckungen der letzten Zeit verraten? Hast du Empfehlungen?

Martina Schradi: Was Erotisches: „Les Rêveries d’Hélène Georges“ von, ja von Hélène Georges – amüsante Abenteuerfantasien der Protagonistin mit Damen verschiedener Couleur…

Was Lustiges: „Riekes Notizen“ von Barbara Yelin – ein Sammelband an Kurz-Comics mit Hauptperson Rieke, einem Mitbewohner, einer Freundin, einem Grübel- und Pixelmonster und vielen anderen lustigen Wesen.

Was Ernstes: „Ausgeliefert“ von Geneviève Castrée. Keine leichte Lektüre, aber lesenswert: die kanadische Zeichnerin sucht nach den Wurzeln für ihre Traurigkeit, mit der sie von klein auf zu kämpfen hat, und zeichnet ein traurig-schauriges Bild ihrer Kindheit und Jugend.

Verlinkt und auf einen Blick:

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Die Wanderausstellung könnt ihr in diesem Jahr unter anderem in München, Paderborn, Köln, Stuttgart und Salzburg sehen und im Mai erscheinen die besten „Ach, so ist das?!“-Geschichten als Buch im Zwerchfell Verlag.

Alle Bilder © Martina Schradi

¹Anmerkung: Diese sehen dann zum Beispiel so aus und unterstützen die „Demo für alle – Gegen Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder“, die am 5. April 2014 wieder in Stuttgart stattfinden wird.

Pläne für eine Gegendemo gibt es offenbar schon. Falls ihr noch mehr Infos dazu habt, postet sie gerne in die Kommentare.