Unsportlich

Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by Spiegelneuronen

Ich laufe mehr oder weniger regelmäßig sechs Kilometer durch den Plänterwald in Berlin. Dreimal um den vor Jahren aufgegebenen Spreepark, vorbei an umgekippten Dinos und kaputten Karussels, den Kopf nach unten gesenkt, meine Schritte zählend und auf den Ohren Musik. Ich bin nicht die Schnellste, aber ich halte durch, auch wenn ich schon nach einer Runde aufhören will. Ich versuche wenigstens einmal in der Woche zum Yoga zu gehen. Manchmal gehe ich schwimmen. Vor zwei Wochen habe ich die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio unterzeichnet, die insgesamte zweite in meinem Leben. Während ich die Unterschrift unter den Vertrag setzte, sah ich mein 15jähriges Ich fassungslos den Kopf schütteln. “Seit wann bist du sportlich?”, zischte sie über die laute Elektromusik, mit der eine DJane die Leute auf den Laufbändern im Studio wohl irgendwie zu motivieren versuchte.

Spießrutenlaufen beim Stangenklettern

Ich verstand ihre Frage, denn dass es mal werden würde, wie es heute ist, war vor 15 Jahren nicht abzusehen. Damals war Sport der Feind. Der Ort, an dem ich regelmäßig mit ihm in Kontakt kam – Doppelstunde am Donnerstag ab 14 Uhr – war mir verhasst. Schulsport als die Gelegenheit, bei der ich so etwas wie Freude an Bewegung finden sollte, brachte mir das exakte Gegenteil. Ich hasste es, in einer Zeit, in der ich meinen Körper nicht mochte und ständig mit anderen verglich, permanent an seine Defizite erinnert zu werden. Ich hasste es, in der Umkleidekabine meine Mitschülerinnen zu sehen und zu begreifen, wie anders ich aussah, weil ich einige Kilo mehr wog als sie. Ich hasste es, mich in Dingen zu messen, deren Sinn ich nicht verstand und die ich nicht beherrschte.

Der Tiefpunkt der allwöchentlichen öffentlichen Blamage namens Sportunterricht war das Stangenklettern. Das Ritual lief immer gleich ab: Meine Lehrerin stellte sich neben mich, startete die Stoppuhr und rief mir irgendwelche Tipps zu. Ich blieb einfach stehen und zählte die Zeit runter, bis die Lehrerin aufgab und mir ein “Ungenügend” eintrug. Das alles natürlich vor den Augen meiner Mitschülerinnen und Mitschüler. Noch schlimmer waren die Tage, an denen das böse R-Wort auftauchte: RIEGENSPIELE, der größte aller anzunehmenden Fettnäpfchen. (Als Schulanfängerin bestanden meine größten Ängste darin, von einem Monster unterm Bett heimgesucht zu werden und ohne Not in der Sendung “Mach´s mit, mach´s nach, mach´s besser” zu landen – eine Sendung des DDR-Kinderfernsehens, an der ganze Grundschulen in Riegen gegeneinander antreten mussten.)

Die Macht der Lehrerinnen und Lehrer

Der zweifelhafte Spaß ging los bei der Tatsache, aufgrund der erwähnten Unfähigkeiten natürlich IMMER unter den letzten zwei (von zwanzig) zu sein, die in Mannschaften gewählt wurden. Weiter ging das Trauma dann in der Riege selbst – dem direkten Vergleich in so lebenswichtigen sportlichen Disziplinen wie “Über Bänke robben” und “Bälle um Hindernisse dribbeln”. Ich glaube, ich war nicht mal besonders schlecht, aber die Aussicht, für alle sichtbar überhaupt versagen zu können, machte mich nur das Ende dieser Stunden wünschen.

Meine Lehrerinnen und Lehrer trugen nicht viel dazu bei, dass mir Sport hätte Spaß machen können. Mit sechs Jahren hatte ich einen ziemlich üblen Sportunfall. Ich fiel von einem Eisenkarussell, auf das wir in der Pause des jährlich stattfindenden Sportfests (ein Wort, das ich für ein Oxymoron halte!) gegangen waren. Ich fiel aus meinem Sitz unter das Karussell. Meine Mitschülerinnen und Mitschüler bekamen das schwere, alte Gerät nicht angehalten und fuhren über meinem Hinterkopf, den ich versuchte, so tief wie möglich in die Erde zu pressen. Ich erinnere mich nur noch, wie ich ein paar Minuten später am Rand des Sportplatzes saß. Meine Lehrerin kam, sah in mein blasses Gesicht, drückte mir ein Taschentuch auf den blutenden Hinterkopf und ging wieder. Darauf, meine Eltern oder gar einen Arzt zu rufen, kam sie nicht. Es war der September 1989 und meine Lehrerin – wie alle Anwesenden – DDR-sozialisiert. Vielleicht dachte sie, wenn ich nur alle Pioniergebote einhalten würde, würde das Loch im Kopf schon heilen. Nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, wurde meine Mutter doch noch angerufen. Auf dem Sattel ihres Fahhrads fuhr ich mit ihr zum Arzt. Mit einer Hand hielt ich mich fest, mit der anderen umklammerte ich meinen blutigen Hinterkopf. Die Ärztin klammerte die Wunde. Am nächsten Tag war ich wieder in der Schule. Beschwert haben wir uns über die Lehrerin nie. Man kann so etwas Pragmatismus nennen. Über zwanzig Jahren später glaube ich, es war Konfliktscheue.

Das Lehrertrauma, was Sport anging, wurde in den Folgejahren nicht gerade schwächer.

Da war zum Beispiel der Lehrer, der Mädchen ein “M” hinter ihren Namen im Klassenbuch schrieb, wenn sie wegen Regelschmerzen nicht mitmachen konnten. So wollte er im Zweifel nachrechnen, ob wir ihn anlogen. Der nächste konsequente Schritt wäre wohl das Einfordern unserer Monatsbinden gewesen.

Oder die Frau, die mir in der – mir ohnehin verhassten- rhythmischen Sportgymnastik zurief: “Manche haben es eben und manche nicht. Mach dir nichts daraus!”. Ich tröstete mich damit, dass sie mich wohl ermutigen wollte. Nur glaubte ich seitdem fest daran, dass ich es (was auch immer “es” ist) nicht habe.

Fremdbild wird Selbstbild

Die Macht, die Lehrerinnen und Lehrer haben, Kindern und Jugendlichen ein gutes Verhältnis zum Sport zu vermitteln, wird – zumindest in meiner Erfahrung – unterschätzt. Schulsport trifft uns in der Phase unseres Lebens, in der wir noch lernen, wer wir sind. Es ist die Zeit, in der wir nicht nur beim Sport herausfinden, wo unsere Stärken und Schwächen liegen.

Die Art, wie uns Erwachsene in dieser Zeit sehen und bewerten, prägt zwangsläufig das Bild, das wir von uns selbst haben – einfach, weil wir Erwachsenen im Zweifel in dieser Zeit mehr trauen als den eigenen Gefühlen.

Meine Leistungen im gottverdammten Stangenklettern entsprachen einer Schulnote Sechs. Die Zeit, die ich brauchte, um 800 Meter zu laufen, war im Raster der genormten, von wem auch immer ausgearbeiteten Leistungswerte meiner Lehrerinnen und Lehrer gerade mal eine Vier wert. Erlebnisse wie diese genügten, um mir selbst einzureden, was die Noten sagten: Ich bin nicht sportlich. Dass mich die ganze Umgebung dieser Leistungkontrolle – die Öffentlichkeit, der fehlende Trainingseffekt, die Unsicherheit mit meinem eigenen Körper – vielleicht gar nicht dazu bringen konnte, in diese Raster zu passen, interessierte nicht. Es interessierte auch nicht die Frage, ob ich in anderen außer denen von klugen Menschen in Behörden ausgewählten Sportarten vielleicht doch sportlich sein konnte.

Es dauerte Jahre, bis ich herausfand, das genau dies der Fall war. Ich war nicht unsportlich, ich war einfach nicht interessiert an Mannschaftssportarten. Und Riegensport. Und Stangenklettern. Heute bin ich froh, dass ich den Mut hatte, Sportarten auszuprobieren und nicht zuließ, dass Bewertung anderer zu meinem Selbstbild wurde. Die Entdeckung, dass nicht ich das Problem habe, sondern der Schulsport, kam im Studium. Mit Anfang Zwanzig war ich alt genug, mich nicht mehr dafür zu schämen, dass ich in Sportklamotten nicht wie ein Sports Illustrated-Model aussah und hatte genug Zeit, mich einmal durch das Unisport-Angebot zu turnen – von Jiu Jitsu bis Yoga. Bei letzterem blieb ich dann hängen.

Neue Lehrpläne braucht das Land

Was also tun? Den Schulsport ganz vom Lehrplan streichen? Ich habe nicht genügend Einblick, um den grundsätzlichen Sinn von Sportunterricht in Frage zu stellen. Was ich aber sehr wohl in Frage stelle, ist die Art, WIE er durchgeführt wird. Wenn es darum geht, die Lust an Bewegung zu wecken, dann braucht es flexible Angebote jenseits von Volleyball und Co. Es braucht auch die Erkenntnis, dass Mannschaftssportarten manchmal alles andere als Fair Play lehren – selten werden im Schulunterricht Gleichaltrige schneller ausgegrenzt und an ihre eigenen Grenzen geführt. Nicht zuletzt braucht es Lehrerinnen und Lehrer, die sensibel mit ihren Schülerinnen und Schülern umgehen und sich jeden noch so witzig gemeinten Spruch über körperliche Eigenschaften verkneifen. Ob ihnen das gelingt oder nicht, macht genau den Unterschied zwischen Menschen, für die Sport selbstverständlich und schön ist und Menschen, die ihn für pure Quälerei halten. Es macht den Unterschied zwischen meinem 15jährigen ich und mir aus.

P.S. Nicht nur ich mache mir Gedanken um dieses Thema. Auf Twitter hat zum Beispiel @bergdame unlängst dazu ein Gespräch dazu in Gang gebracht, das unter dem Hashtag #schulsport statt fand. Daraus entstanden auch einige Blogposts wie von Leon Weidauer oder hier im Kneipenlog. (Weitere Links gerne in den Kommentaren posten) Was sind eure Erinnerungen an den Schulsport? Yay or Nay? Trauma oder Best time ever?

  • Marie

    Toller Artikel, vielen Dank! Hier noch ein Link zum Thema Sportunterricht:
    http://sebiferni.wordpress.com/2013/03/10/leistung-leistung-leistung/
    Auch die zwei Kommentare sind interessant.

  • H0ffmann

    Second that! Ich habe es gehasst und ich bin sehr wütend darüber, dass mir der Sportunterricht meine Lust auf Bewegung und Sport so für Jahre verdorben hat.
    IMHO: So lange unsere Sportlehrer*innen nach ihren Sportnoten und nicht nach ihren pädagogischen Fähigkeiten ausgesucht werden (wir hatten einen ehemaligen Olympioniken als Lehrer) wird immer der Leistungsgedanke und nicht die Freude an Bewegung transportiert

  • lilly.

    An Schulsport ist viel zu viel falsch.
    a) Alleine die Tatsache, dass, wenn es um Teams ging, immer gewählt wurde. Anstatt dass die Lehrerin einfach durchzählt und gerade/ungerade oder nach Buchstaben sortiert. So werden Mauern aufgebaut, und das Sozialgefüge der Klasse, das sowieso aus behaupten oder untergehen besteht, zementiert.
    b) Es werden Leistungen benotet, die nie trainiert werden. (Ja, ich finde vier Wochen lang zwei mal die Woche eine Stunde versuchen, ist kein Training). Wenn ich in Mathe hinterherhinke, lern ich zu Hause etwas mehr. Und wenn ich ich am Stufenbarren hänge wie ein nasser Sack, mach ich – genau – man hat keinerlei Möglichkeit, zu trainieren. Außer man ist im Sportverein. Und dann irgendwann die Leistungskontrolle, bei der man eh weiß, dass man versagt. Ich hatte Glück -zumindest wurde ich nie ausgelacht.
    d) Sportfest war die Hölle. Ich kann keinen Weitsprung. Ich kann nicht sprinten. Ich kann mich nicht am Reck halten, so dass mein Kinn über der Stange bleibt, dazu hab ich zu wenig Bizeps. Dieser eine Tag, der mir einfach die ganze Zeit ins Gesicht brüllte, dass ich nichts kann.
    c) Ich dachte immer, ich sei die unsportlichste Person der Welt. Inzwischen laufe ich, wenn nicht gerade mal wieder verletzt, 7 – 12 km, dreimal die Woche. Und habe unfassbar viel Spaß dabei.
    Am Reck halten kann ich mich immer noch nicht.

  • Taugewas

    Sehr schöner Artikel!

    Allerdings finde ich die meisten Beobachtungen sind nicht auf den Sportunterricht beschränkt. Auch der Spaß an Mathematik, Literatur, Naturwissenschaft, Kunst u.a. wurde vielen Menschen durch das Schulsystem ausgetrieben.

    • Juni Corn

      Yepp. Deutschunterricht tötete die Leseratte.

      • Taugewas

        Ich weiß nicht genau, ob der Kommentar ironisch gemeint war. Jedenfalls kenne ich viele Menschen denen die Auswahl des Lesestoffes und noch viel mehr der oberlehrerhafte Habitus vieler Deutschlehrer_Innen für lange Zeit den Spaß am Lesen genommen hat.

  • Elisa Gutsche

    Liebe Juliane, danke für den tollen Text! Das kann ich genauso unterschreiben. Diesselben Erfahrungen, inklusive des „M“ hinter dem Namen, der 6 im Stangenklettern und dem als letztes in die Mannschaft gewählt werden – das war auch 2004 noch so. Noch schlimmer wird´s wenn die eigenen Familie das einem auch eintrichtert. Auch heute noch ist mein Selbstbild eher „unsportlich“ – obwohl es mir, wenn ich mich denn motivieren kann, enormen Spaß bereitet laufen zu gehen oder zum Bikram. Ich beneide immer die Menschen, die Sport einfach so als Teil ihren normalen Tagesablaufs ansehen und nicht diese „issues“ damit haben. LG und danke nochmal.

  • Turtle

    Thank you! Das ging mir ähnlich.
    Geräteturnen, vor allem das was nur die Mädchen machen mussten (Schwebebalken, Gymnastik) war mir ein Grausen. Immer wenn es „gut“ aussehen musste, habe ich versagt. Handstand und Rad schlagen habe ich nie getraut und ich hatte zwischendurch sogar mal eine Sportlehrerin, die wirklich toll war und versucht hat mir das beizubringen. In der Leichtathletik war ich bei Ausdauersport ganz gut. Besser als eine 3 hatte ich aber trotzdem nie in Sport.
    Der Witz daran war, dass ich in meiner Freizeit dreimal pro Woche halbprofessionell Volleyball gespielt habe. Mannschaftssportarten waren also ganz ok.
    Hätte ich nur Sportunterricht gehabt, wäre das wahrscheinlich wirklich traumatisch gewesen. Der Verein und mein Trainer hat da zum Glück was entgegengesetzt.

  • Robin Urban

    Ich habe sehr gemischte Erinnerungen an den Sportunterricht. Da gab es einmal die Leichtathletik – für mich als kleines, etwas moppeliges Mädchen einfach nichts. Ich war nie schnell und werde es auch nie sein. Auch Springen oder Klettern kann ich nicht gut. Ich erinnere mich, wie wir einmal in der 8. Klasse oder so Hochsprung hatten. Zuerst nur über ein Gummiband, als es aber dann an die Bewertung ging, wurden eine richtige Latte aufgelegt. Unser Sportlehrer stellte für mich die niedrigste Stufe ein. Ich sah mir das an und sagte: „Ich kann das nicht.“ Er: „Doch, probier es wenigstens!“ Das Ende vom Lied: Ich blieb hängen und knallte auf die Matte, die Latte unter mir begraben. Alle lachten sich tot, aber ich hatte fast zwei Wochen lang ein Hämatom am Rücken, das fast schwarz war und höllisch weh tat.

    Später stellte ich dann fest, dass ich in Ball- und Mannschaftssportarten viel, viel besser bin. Zwar bin ich auch da nicht die Schnellste, aber wenigstens habe ich eine gute Reaktion, Kraft und Technik. So war Sport dann tatsächlich in der Oberstufe mein bestes (!) Fach, etwas, aus dem ich viel Selbstbewusstsein geschöpft habe.

    Als Lehramtsstudentin, die sich das Jahre später in einem Praktikum dann mal von der anderen Seite angesehen hat, halte ich den Sportunterricht für extrem wichtig. Das Argument, das unsportliche Schüler hier benachteiligt sind, zieht nicht, denn Benachteiligung der weniger Begabten passiert in jedem Fach. Allein sollte bei den Lehrern etwas mehr Sensibilität herrschen und manche alten „Traditionen“ wie das Mannschaftenwählen abgeschafft werden. Das macht sowieso keinen Sinn – wenn jemand leistungsmäßig gut durchmischte Mannschaften zusammen stellen kann, dann ja wohl der Lehrer und nicht die Schüler. Außerdem ist es unnötig demütigend – im Matheunterricht würde man ja auch keine Rangliste entwerfen und die schlechten Rechner bloßstellen.

    In der idealen Schule, die ich mir vorstelle, würde ich Sportunterricht völlig neu hin zu einem Kurssystem konzipieren. Zwei Schulstunden sind dann für die gesamte Klasse, in denen Grundlagen vermittelt werden und Einblick möglich ist in viele verschiedene Sportarten und dann nochmal zwei Stunden, in denen Schüler (auch jahrgangsübergreifend) einen Sport ausüben, den sie selbst gewählt haben und mögen. Gerne auch in Koorperation mit bestehenden örtlichen Sportvereinen.

  • Vivi

    Oh, wie kommt mir das bekannt vor. Habe immer gehofft, dass es an den DDR Drill Instructors lag und heute alles besser ist. Kommentare wie ‚Du siehst doch gar nicht aus wie ein Elefant im Porzellanladen‘ waren da an der Tagesordnung. Ich habe heute noch Rachephantasien. Aber der Unisport hat’s geschafft, mich für Dinge wie Tae Bo und Yoga zu begeistern. Heute bin ich zwar nicht wirklich sportlich, aber mache Sport und habe Spaß dran.

  • http://tvaddictfromgermany.wordpress.com/ Cindy Scholz

    Einerseits spricht mir der Text voll aus der Seele. Auch ich hab einen Teil meines Sportunterricht-Daseins noch im DDR-Schulsport noch verbracht und auch die Jahre danach wurden ja noch von im DDR-System ausgebildeten Lehrern geprägt. Ich habe es gehasst, Sportfest gehörte zu den schlimmsten Tagen des Jahres, Kletterstangen hießen die Folterinstrumente bei uns ich hab genauso wie du einfach auf meine schlechte Note gewartet. Als beim Wechsel auf eine andere Schule klar wurde, dass es in deren Turnhalle keine Kletterstangen mehr gibt, war das einer der glücklichsten Momente meiner Kindheit. Was meine eigene Erfahrung angeht, kann ich das alles wirklich zu 100% unterschreiben. Außer dass ich meine Sportphobie immer noch nicht wirklich überwunden habe.
    Aber ich frag mich, ob die Diskussion um einen besseren Sportunterricht für die Kinder von heute nicht lieber daran geführt werden sollte, wie dieser heute wirklich aussieht. Meine beiden Kinder sind noch in der Grunschule und ich habe das Gefühl, dort geht es noch nicht so sehr um die Leistung, aus deren Erzählungen findet dort eigentlich mehr oder weniger so etwas wie Bewegungsspiele statt. Aber das ist ja nur ein ganz kleiner Ausschnitt, mit den Jahren wird da sicher mehr Leistungsabfragen dazu kommen (was in meinen Augen wirklich einfach abgeschafft werden könnte). Wie sieht denn da heutzutage der Lehrplan aus? Wie wird er in der Praxis umgesetzt. Meine Erfahrung ist halt die, dass sich die Schule in den letzten 20 Jahren an so vielen Stellen so starkt verändert hat, an anderen aber wieder überhaupt nicht. Als Außenstehender ist es da unheimlich schwer, einen wirklichen Überblick zu behalten. Aber da wir ja alle mal in der Schule waren, glauben wir, wir wissen worum es geht.Mich würden wirklich Berichte von Lehrerinnen, Studentinnen, Eltern, und auch Schülerinnen interessieren, die eben von heute sind.

    • Robin Urban

      In meinem Praktikum in der Grundschule ging es im Sport tatsächlich nur um Bewegungsspiele. Die Lehrerin vertraute mir an, dass viel mehr heutzutage gar nicht mehr geht, weil die Kinder sowas von zuhause gar nicht mehr kennen. Früher waren viele Kinder schon in frühen Jahren in Sportvereinen organisiert, heute geht das vielfach finanziell oder zeitlich nicht mehr. Aber auch unabhängig davon haben sich Kinder mehr bewegt, waren mehr draußen – und weil das heute fehlt, haben viele Kinder nur eine sehr schlechte Koordination.
      Weil sie das nicht mehr in ihrer Freizeit ganz nebenbei lernen, muss die Schule einspringen, was Sinn macht, denn abgesehen von einem schlechten Körpergefühl führt sowas auch zu einen erhöhten Verletzungsrisiko.

      • http://tvaddictfromgermany.wordpress.com/ Cindy Scholz

        Wobei das für mich ja auch, mal abgesehen von den Aspekten die du ansprichst ja auch totalen Sinn macht. Gerade in der Grundschule muss man ja im Sport keine Leistung abfragen, da sind Bewegungsspiele, die allen Spaß machen ja ideal. Auch um zum normalen Schulaltag einen Ausgleich zu schaffen und Bewegungsspielräume zu bieten.

        Allerdings muss ich bei dem Thema ja auch daran denken, dass es damals einige Schüler_innen bei uns gab, die eben in Sport ihre einzige gute Note hatten und sich dort ihre Erfolgserlebnisse geholt haben. Man sollte das halt immer nicht nur aus der eigenen Perspektive betrachten. Wie gesagt, ich fänd es spannend zu hören, was da aktuell wirklich passiert und wo es wirklich Probleme gibt, auch eben aus feministischer Sicht in Hinblick auf das Verhältnis zum eigenen Körper etc.

  • andreacmeyer

    Sehr schöner Artikel, klingt alles sehr vertraut. Ich war immer die kleine Dicke, die zuletzt gewählt wurde (außer, das Schicksal traf die andere kleine Dicke). Wenn der Sportlehrer den Mut aufbrachte, uns Wählen zu lassen, was tatsächlich ab und zu geschah, konnten wir unser Glück kaum fassen, das Murren im Rest der Klasse war aber beträchtlich. Und der erste Junge, den wir wählten, übernahm es dann, uns dominant zu „beraten“.

    Ich finde im Rückblick die Gruppendynamik im Sportunterricht bemerkenswert: Wenn ein/e Lehrer/in die Hackordnung durchbrach, war sofort klar, dass das später wie auch immer „heimgezahlt“ werden würde. Ich hatte in der sechsten Klasse einmal eine 2 in Sport wegen meines Lernerfolgs – genauso wie der sportlichste Junge, der sich aber selten an die Spielregeln hielt. Das fanden ALLE Mitschüler/innen unfair.

    Ich habe den Sportunterricht gehasst, und gleichzeitig in der Mädchen Fussball AG gespielt, später auch im Verein, und liebe Tischtennis noch immer. Inzwischen mache ich Nordic Walking, radle sehr viel und gehe in die Muckibude. Nicht immer gerne, aber hinterher fühlt es sich meistens gut an.

    Ich glaube inzwischen, dass sportliche „Leistungen“ zu benoten der größte Humbug überhaupt ist. Von „Sportfesten“ (oh Graus) mit Sieger- und Ehrenurkunden ganz zu schweigen. Gelehrt werden sollte Freude an Bewegung im Rahmen der individuellen Möglichkeiten und Interessen. Aber davon sind wir wohl weit entfernt.

  • Mara

    Sehe ich genauso. Das Prinzip guten sportunterrichts müsste empowerment sein

  • http://wunder.schoenaberselten.com/ Miel

    Boah, ja. Ich bekomme heute noch das kalte Grausen beim Gedanken an meine langjährige Sportlehrerin Frau H., die nach einer fehlgeschlagenen Bundeswehrkarriere irgendwie im Schuldienst gelandet war.
    Ich war noch nicht einmal unsportlich und habe als Kind / Jugendliche sogar Leistungssport betrieben – dummerweise aber in einem Bereich, der in der Schule nicht bewertet wurde. Dafür durfte ich mich dann bei Schwebebalken, Bodenturnen, rhythmischer Sportgymnastik und Jazztanz, die so 75% des Sportunterrichts ausmachten, regelmäßig als „Elefant“ mit „zu groß geratenen Füßen“ bezeichnen lassen (und mich nebenbei wie ein Vollversager fühlen).
    Als ich später mit Anfang 20 auf dem zweiten Bildungsweg noch einmal die Schule besucht habe, hat mir der Schulsport plötzlich und trotz allem regelrecht gefehlt. Eine Abwechslung vom Hirnzerbrechen hätte ich wenigstens einmal die Woche wirklich, wirklich gut gebrauchen können. Als uns dann kurz vor Ende der Schulzeit unser Mathelehrer anbot, zwei Stunden Sportunterricht pro Woche mit uns zu machen (zusätzlich zum normalen Unterricht), waren alle hellauf begeistert. So viel kollektive Freude über den Gedanken an Sportunterricht habe ich vorher noch nie erlebt.

  • Hanno

    Ich könnte zu 90% die selbe Geschichte aufschreiben. Danke dafür.

    Ich denke das Grundübel ist die Fixierung auf Leistung. Sportunterricht müsste sich statt „maximal schnell/hoch/weit“ vielmehr auf „maximal gesund“ konzentrieren. Niemand muss ein Fußballtor schießen können. Aber jeder kann von einem gesunden Lebensstil profitieren.

  • Nihilistin

    Ich mußte 40 werden, um mich vom Schulsport-Trauma soweit zu befreien, daß ich auf die Suche nach „meinen“ Sportarten gehen konnte (Fahrradfahren, Rudern). Alpträume vom jahrelangen Sportunterricht an der Schule hab ich immer noch.
    Meine Eltern wollten damals versuchen, die „Leistungsschwachen“ 1x pro Woche ohne Benotung Sport treiben zu lassen. Soviel Engagement war in der DDR verdächtig und mußte postwendend abgelehnt werden.

  • Ri

    Der Sportunterricht war mir auch verhasst. Ich erinnere mich nur daran, mich geschämt zu haben: für meine schlechten Leistungen; dafür, dass ich nie am Anfang gewählt wurde; dafür, dass ich mich in dieser schrecklichen Umkleide umziehen musste, obwohl ich meinen Körper nicht mochte. Am schlimmsten fand ich das angefasst werden, bei Hilfestellungen und ähnlichem. Ich wollte in der Pubertät nicht berührt werden und schon gar nicht von der Person, die mir so sehr verhasst war. Und damals habe ich meine Sportlehrerin, die mich auch gerne mal mit einem Tuch vor der Klasse vortanzen lies oder eine Freundin mit Gewalt zum Salto zwingen wollte, einfach nur gehasst. In der Oberstufe dann gab es für uns Mädels sowieso nur noch „Tanzen & Gymnastik“ – beides konnte ich nicht und war mir peinlich. Dementsprechend habe ich heute auch eine fürchterliche Sportnote im Abi-Zeugnis stehen, auf die ich bei Vorstellungsgesprächen gerne angesprochen werde…

    Der Unterricht prägt mich leider auch noch bis heute: ich gehe immer noch nicht gerne alleine in Yogastunden oder andere Sportklassen, weil ich so sehr internalisiert habe, dass ich nichts kann und mich alle dort auslachen. Ich verbinde Sport noch immer mit Zwang, obwohl er mir eigentlich (sobald ich mich traue) Spaß macht.
    Interessanterweise glaube ich aber auch nicht, dass die Guten bei uns vom Sportunterricht profitiert haben. Dafür war es dann auch wieder zu mittelklassig. Man sollte einen Weg finden, diejenigen, die sportlich fit sind, zu fördern – und den anderen den Spaß an der Bewegung zu erhalten. (Das gilt, wie ich finde, in gleichem Maße auch für Musik & Kunst. Letzteres machte mir zB sehr viel Spaß, meine beste Freundin brach aber regelmäßig in Tränen aus).

    • Anke

      Ich gehörte zu der Kategorie an, die in Sport immer super gut waren
      (eine 2 auf dem Zeugnis habe ich als persönliche Beleidigung empfunden).
      Insofern danke an die Autorin, mir hier mal einen anderen – erschreckenden – Blick auf den Sportunterricht zu geben und mich zu sensibilisieren, zumal ich heute selber Trainiern (im Verein) bin und solche Blickwinkel für mich wichtig sind, um wirklich für alle ein gutes Training zu machen.

      Zitat
      (Das gilt, wie ich finde, in gleichem Maße auch für Musik & Kunst.
      Letzteres machte mir zB sehr viel Spaß, meine beste Freundin brach aber
      regelmäßig in Tränen aus).
      Zitat Ende

      Das kann ich voll und ganz unterschreiben – insbesondere bei Kunst waren meine Werke nie so der Brüller – auch wenn ich sie selber ausnahmsweise mal toll fand. Ich hatte dort permanent das Gefühl zu versagen, ohne etwas dagegen tun zu können. Sicherlich auch einer der Gründe, weswegen ich auch heute noch nicht mich wieder an so etwas rantraue…. „lohnt sich doch eh nicht, ich kann es halt einfach nicht“ *seufz*

  • Juni Corn

    Hi Juliane, vielen Dank für Deine Gedanken. Das kenne ich genauso. In der Schule haben sie mir die Lust an der Bewegung erstmal gründlich ausgetrieben. Aufgrund der Bewertung durch LehrerInnen ging ich nämlich davon aus, dass ich völlig unsportlich bin.

    Mir kam es immer so vor, als ob der Lehrberuf im Fach Sport ganz bestimmte Typen anzöge. Trainertypen halt. Die stramm darwinistisch den Leistungs- und Auslesegedanken vertreten. Das ist natürlich das Gegenteil dessen, was Schule eigentlich sein sollte, nämlich ein Ort, an dem auch an Dinge herangeführt wird. Und das sollte doch grade bei denen, die auf den ersten Blick nicht prädestiniert zu sein scheinen, mit besonderer Sorgfalt geschehen. Stattdessen erfreute sich das pädagogische Fachpersonal an den Spitzenleistungen in der Klasse und ließ den Rest links liegen.

    Auch ich empfand den ständigen Teamzwang als extrem nervig. Teams bedeuten nämlich nur Drucksteigerung: Lässt du mal nach, brüllt dich wer an. Bist du durchgehend schwach, geben dir am Ende 5 Leute die Schuld, dass sie nicht aufs Treppchen dürfen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Methode ganz bewusst eingesetzt wurde. Das heißt: Die brutalen und gewaltvollen sozialen Mechanismen innerhalb einer zusammengewürfelten Kleingruppe von Pubertierenden, die von außen unter (Leistungs-)Druck gesetzt wird, sollten für sie die Arbeit machen. Herzlichen Glückwunsch zum gelungenen Experiment.

    Die Lehrerschaft hatte natürlich so ihre Methoden, mir meine Unzulänglichkeiten auch in Einzeldisziplinen vor Augen zu führen. Ich erinnere mich noch genau an eine Badminton-Einheit. Ich bekam eine Fünf, weil ich im letzten Spiel des Abschlussturniers gegen irgend eine Kanone antreten musste und das pädagogische Fachpersonal meine Zu-Null-Niederlage als Leistungsverweigerung wertete.

    Während meiner ganzen Schulzeit habe ich wenig Leute getroffen, die so vernagelt waren, so einen engen Horizont hatten wie das pädagogische Personal im Fach Sport. Wie die entsprechende Ausbildung läuft, weiß ich nicht, aber Empathie schien zumindest in der Ausbildung meiner LehrerInnen nicht vorzukommen. Vielleicht ist das heute ja anders.

  • Ruby

    ich fand einfach nur die umkleidekabine bzw, das die anderen mich sehen konnten scheiße und meine Sportlehrer. Grundsätzlich Sport machen war nicht das problem, da ich mich ja auch sowieso als sportlich wahrgenommen habe, außer bei Basketball, Hockey und Fußball hatte ich nie das Gefühl das ich mich meiner Leistung schämen müsste. Eine Freundin wollte mich mal überreden mit ihr in den Leichtatlethikverein zu gehen, aber wie gesagt : die Umkleidekabinen. Ich hab ab der 7. oder 8. Klasse Sport meistens Blaugemacht, hätte ich immer teilgenommen wäre die 2 mir sicher gewesen aber naja wenn ich mich nicht auf der Toilette umziehen konnte oder im Waschraum, also ohne das die anderen mich sehen konnten hab ich eben nicht mitgemacht. Und so getan als fänd ich Schulsport einfach zu uncool um mich zu so etwas herabzulassen. In meiner Freizeit habe ich geritten, Ställe ausgemistet und Tanzkurse besucht.

  • cassionetta

    Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie du – und interessanterweise auch eine ähnliche Entwicklung durchgemacht, inklusive in letzter Zeit auch ein bisschen Sport machen. Allerdings hat mich dein Text dazu angeregt, nochmal generell über Schule nachzudenken; und wie der Sportunterricht dazu passt. Ist ein bisschen zu lang für einen Kommentar geworden, deshalb steht’s hier: http://findelfantasie.de/?p=189

  • oranier

    Dagegen sind meine Erfahrungen quasi vorsintflutlich. Zwei Sportlehrer sind mir in besonderer Erinnerung geblieben. Der eine, in einer rheinländischen „Volksschule“ (ja, sowas gab’s damals) war beim „Barras“ gewesen, also bei der Hitlerarmee, und versuchte sich als Schleifer, so wie er sie dort wohl erlebt hatte. Ein eiskalter und auf Drill ausgerichteter Typ. Ließ uns unendlich Liegestütze machen, und wenn ich abschlaffte oder mein Körper nicht gerade war, kam er und „unterstützte“ mich durch Tritte in den Rücken, auf, nieder, auf, nieder …

    Der zweite, nach meinem Wechsel auf ein bayerisches Internat und Gymnasium, war ein Sechzig-Jähriger mit Vollglatze, aber ein drahtiger Typ, der uns die Reck- und Barrenübungen noch wie eine Eins vorturnte. Ein gutmütiger Typ, mit gelegentlichen cholerischen Anfällen, die wir aber nicht sehr ernst nahmen. Er ließ uns im Gleichschritt in die Turnhalle einmarschieren, wo wir noch drei weitere Runden drehen mussten, bevor es losging. Auch er also militaristisch, wie ich meinte, aber ich stelle verblüfft fest, dass auch bei Olympia immer noch ins Stadion einmarschiert wird.

    Als ich ihn irgendwann fragte, ob er beim Militär gewesen sei (in Alt-Preußen hieß das: „Haben Sie gedient?“), stand er stramm, strahlte und antwortete: „Jawohl, bei der Bayerisch-Königlichen Kavallerie, hoch zu Ross“.

    Ich also ein Relikt aus untergegangenen Welten.

  • Dirk

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag, kann ich ausgezeichnet nachvollziehen und nachempfinden!
    Es ging mir ebenso im Sportunterricht der alten Bundesrepublik (West). Außer, dass die Lehrer schon pädagogisch genug waren, um mich als kleinen, dicklichen Sportversager nicht persönlich zu demütigen.
    Aber der Unterricht war von seiner ganzen Zielrichtung falsch ausgerichtet. Im Gegensatz zu vielem anderen ist das, was ich da im Sportunterricht lernen sollte weit von jeder Lebenswirklichkeit entfernt.
    Es werden vielleicht nicht alle so denken, aber ich finde, dass meine Schule sehr wohl vielerlei Bildung fürs Leben vermittelt hat ( Fremdsprachen, Deutsch, Geschichte, sogar auch Mathematik und anderes mehr). Ich bin für meine Schulbildung wirklich dankbar.
    Eine der Ausnahmen bildet in meiner Sichtweise aber leider der Sportunterricht.
    Die Benotungsrichtlinien waren an irgendwelchen Olympianormen orientiert und völlig weltfremd. Wenn man trotzdem noch eine drei oder vier bekam, war das eher so ein Gnadenakt der Lehrer, die so frei waren, das außer Acht zu lassen. Da musste man dann dankbar sein.
    Außerdem war das, was man mir auf der Schule als Sport verkauft hat, einseitig. Sport bestand nur aus Leichtathletik, Turnen und Sportspielen.
    Alles Bewegungsformen, die man als Erwachsener so wohl kaum praktizieren wird. Wer geht schon zum Geräteturnen, Weitsprung oder Diskuswerfen ? Die wenigsten werden schon alleine mal aus organisatorischen Gründen wohl auch nicht in einer Mannschaft spielen. Warum wurde nicht so etwas gemacht wie Yoga oder auch Tanzen ? Ich habe auch Schwimmen häufig vermisst, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
    Der eigentliche Auftrag, den Sportunterricht haben sollte, nämlich ein gutes Körpergefühl zu vermitteln und den Sport als Fürsorge für Gesundheit begreifbar zu machen, ist total verfehlt worden. Hier ist Schule ihrem Bildungsauftrag überhaupt nicht nachgekommen.

  • kekse

    this. interessanterweise mochte ich sport in der grundschule noch. das änderte sich schlagartig in der fünften klasse. was sich änderte war, dass ich auf dem gymnasium gehänselt wurde und das vornehmlich, weil ich viel geschwitzt habe. ein umstand, der bei mir nicht mal was mit „unsportlich“ sein, zu tun hat. selbst zu zeiten, als ich einser im 3000m lauf gespurtet bin und rank & schlank war, lief das wasser, als hätte ich mir gerade eine flasche selters über dem kopf entleert. aber es ist ja nicht so, als würde das irgendwas ändern. sportunterricht, wie ich ihn erlebt habe, ist programmierte kodifizierung von selbsthass über körperbilder und ausgrenzung.
    aber natürlich habe auch ich viel freude an bewegung. ich fahre heute regelmäßig rennrad und mag das gefühl, wenn ich zwei stunden unterwegs war und merke wie sich körper und geist einmal freundlich bedanken für das ausschütteln der knochen und zufüttern von frischer luft. aber das ding ist doch: ich fahre rad, weil keiner die zeit hat mich bei 30km/h zu beurteilen. all die sportarten von denen ich weiß, dass ich an ihnen spaß habe (schwimmen, federball, …) und die, von denen ich es nicht weiß, weil sie ich sie nie ausprobiert habe, bleiben auf der strecke. weil ich immer auf die blicke anderer achte. der schulsport trägt da seinen anteil. imho wäre der sache viel geholfen, wenn sportunterricht seinem motto mal getreu wäre (kindern bewegung beibringen) und die benotung wegfiele. wenn er nicht mehr versetzungsrelevant ist. und wenn lehrer_innen endlich aufhören würden kinder zu zwingen, mit den menschen „ein team zu bilden“, von denen sie grad noch bespuckt, ausgegrenzt, geschlagen oder anderweitig menschenverachtend behandelt wurden.

  • http://trau.kainehm.de traukainehm

    Es gibt Sportarten, die sind nunmal Klassiker. Die Leistungstabellen und Beurteilungsrichtlinien dafür fallen nicht vom Himmel. Wer etwas aktiv ist, braucht sich für eine 2 kaum anzustrengen.

    Und sobald wir demokratisch über die Sportart entschieden haben (letzte Stunde vor den Ferien) kam immer Fußball raus. Das Gemobbe unter Schülern wird man weder über einen Wechsel zu Trend-/Randsportarten noch durch den Wegfall der Benotung los.

    Im Schulsport zählte ich auch eher zum unteren Mittelfeld. Die Mannschaftssportarten musste/konnte ich immer über Leichtathletik und Schwimmen ausgleichen.
    Wenn die Jugend wirklich so unsportlich ist, kann man ja mal an der Gewichtung der Disziplinen drehen.

  • lnwdr

    Guter Artikel und danke für die Verlinkung.

    Mein Name ist allerdings nicht „Leonard“ sondern nur „Leon“. Wäre nett, wenn ihr das berichtigen würdet. :)

    • http://www.annewizorek.de/ Anne Wizorek

      Fixed. :)

      • lnwdr

        Danke vielmals :)

  • Alex_a

    Auch von mir ein riesiges Danke für diesen Beitrag!! Ja, ziemlich genau so erlebt, ich war, besonders bis ich ca. 15, 16 war, immer unter den letzten beiden, die in die Mannschaft gewählt wurden. Ganz grauenvoll demütigend, gerade in der Pubertät. Ebenso das Gefühl, eben unsportlich zu sein. Ebenso (bei mir war es Sprint) einfach nicht gestartet und eine 6 eintragen lassen, weil ich wusste, wenn ich mich jetzt abmühe und lächerlich mache, reicht es höchstens für eine 5. Als es dann in der Kollegstufe endlich etwas mehr Auswahl (unter den lästigen Mannschaftssportarten) gab, stellte ich fest, dass mir Basketball eigentlich Spaß machte – eigentlich, weil ich dann leider praktisch nie zum Spielen kam, da die Mannschaften geschlechtsübergreifend gemischt waren, ich 1,58 groß bin und so 4, 5 Männer* in den Gruppen waren, die im Verein spielten und 1,80+ groß waren…die spielten eigentlich allein, während der Rest versuchte, nicht im Weg zu stehen und irgendwie engagiert auszusehen.

    Lange Jahre war der Schulsport für mich neben dem Matheunterricht die schlimmste Zeit der Woche, vor der mir immer schon vier Tage vorher grauste. Ich würde mich – v. a. in dieser Zeit – auch eher als langsamen Menschen bezeichnen, deshalb gab es nichts Schlimmeres, als diese leidigen Tabellen, die gerade beim Laufen darüber entschieden, ob meine Zeit noch für eine 3 oder 4 ausreichte, oder nicht.

    Der große Witz an der Sache ist, dass ich mich so mit 18 dann mal in einem Fitnessstudio angemeldet habe, wo ich zum ersten Mal feststellte, dass niemensch auf meine Leistung achtet, ich für mich allein trainieren konnte und folglich nicht immer diesem Vergleich mit anderen ausgesetzt war. Ich ging eine Weile dreimal die Woche hin und fing an, zu laufen. Später kam noch klettern dazu.

    Heute laufe ich 3-5 Mal/Woche, regelmäßig über 15 km, überlege, mich demnächst für einen Marathon anzumelden und bin beim Klettern in einen Leistungsbereich gekommen, den mein früheres Ich NIEMALS für möglich gehalten hätte. Ich hab‘ gelernt, mich nicht von den Leistungen anderer unter Druck setzen zu lassen und Sport ausschließlich für mich zu machen und mich zu freuen, wenn ich nach meinem eigenen Maßstab Grenzen überwinden kann. TROTZ des Schulsporttraumas…ich weiß nicht mehr, wie ich das geschafft habe. Aber Sport ist heute ein so wichtiger Teil meines Lebens und meines Körpergefühls, ich könnte niemals mehr drauf verzichten. Warum zur Hölle muss einer der Weg dahin so unfassbar schwer gemacht werden?!

  • Pingback: Der Schulsport und ich | getoutandstayout()

  • fröken von Horst

    Das schönste Schulsportfest: als ich zurückgezogen an einem Baum lehnte und „Die Klavierspielerin“ lesen konnte, ohne dazu gezwungen zu werden, Sport zu machen.

    Sport ist das einzige Fach, in dem mir ein „n. f.“ für „nicht feststellbar“ gelungen ist. Und für das es mir gelang, für ein Halbjahr befreit zu werden. (Oh, wie FREI ich mich fühlte.) Am Sportunterricht genoss ich nichts so sehr, wie als ich wusste, dass ich nie wieder dazu gezwungen werden konnte.

    Nach dem Abitur ab und zu Albträume, dass sich herausstellt, dass ich das Abi nur deshalb nicht bestanden habe, weil ich nie im Sportunterricht anwesend gewesen sei.

    Und die Ironie in meinem Auslandsschuljahr in Schweden an ein Sportgymnasium zu kommen. Was dann ganz okay war. Die Schule war gut ausgestattet, sogar Ställe in der Nähe, aber meine Klasse war lethargisch genug, dass ein paar Mal entspannt Innebandy spielen und mal Eislaufen im Winter ausreichten, um zu bestehen. Trotzdem war ich vor jeder Stunde, die tatsächlich stattfand, nervös. Und froh, wenn sie wieder rum war. Lieber bewege ich mich, wenn niemand zuguckt. Dance like no one is watching.

    Richtig gut im Sportunterricht (der Grundschule) war ich übrigens, wenn wir „Meister der Ruhe“ spielten und ich so tat, als würde ich schlafen. Das kann ich noch immer gut.

  • Andreas Safft

    Jau, ich habe meine Gedanken zu diesem Thema mal aktualisiert. Das war in den Achtzigern, aber meine Jungs erleben das heute auch nicht anders: Sportunterricht als beste Abschreckung vor dem Sport…
    http://nichtnocheinlaufblog.wordpress.com/2014/02/28/schlechtes-klima-am-sonnenberg/

  • kaika

    Ging mir genauso. Vor allem fand ich den militärischen Drill damals in der DDR furchtbar. Ist auch irgendwie keinem aufgefallen oder niemand hat was gesagt. Es waren ja alle so für den Frieden. Im Sportunterricht sollten wir Weitwurf mit Attrappen von Handgrnten üben. Warum? Wegen der andersartigen Flugeigenschaften. Das konnte ich natürlich auch wieder nicht… Bin also in allem untauglich gewesen und hab mich gefreut, wenn der Unterricht ausgefallen ist. Tanzen macht mir Spaß (das weiß ich jetzt). Was mir Spaß macht, hat nur niemanden interessiert… Ich find es gut, wenn Schüler im Unterricht mitreden. Siehe auch: http://www.stern.de/familie/kinder/kritik-am-bildungssystem-schueler-fordern-leute-wir-muessen-reden-2088168.html

  • Pingback: Schulsport: Ein paar Notizen – ryuus Hort()