Warum Männer nicht über Frauen lachen wollen

Foto , CC BY 2.0 , by kevin dooley

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Carline.

Carline Mohr lebt und schreibt seit zwei Jahren in Berlin. Sie mag Menschen, Anekdoten und die Nahaufnahme.

Blog von Carline @mohrenpost

Frauen suchen Männer mit Humor, und Männer suchen Frauen mit schlanken Beinen. Dieses Klischee ist so verstaubt, wie der Scotch in Don Drapers Minibar. Trotzdem prägt es uns bis heute. Vor allem, wenn es ums Flirten geht. Ich glaube, dass sich eine lustige Frau für einen Mann genauso anfühlt, wie eine Frau, die mehr verdient als er. Eigentlich müssten langsam alle damit klar kommen. Und doch bleibt häufig ein fader Beigeschmack.

Männer wollen nämlich eigentlich gar nicht über Frauen lachen. Männer wollen Frauen zum Lachen bringen. Es gilt das Prinzip des Jagens und Eroberns. Und wer witzig ist, der jagt.

Schuld an dieser Situation sind sicher nicht nur die Männer. Denn viele Frauen bemühen sich oft gar nicht erst, besonders witzig zu sein. Jahrzehntelang gehörte das eben zum guten gesellschaftlichen Ton.

Es geht um immer dieselben Machtspielchen

In den Benimmanleitungen der 60er Jahre kann man nachlesen: „Die Dame halte sich bei Tisch mit der Darbietung von Scherzen zurück“. Und Oscar Wilde formulierte es noch deutlicher: „Wit in a woman is the end of any romance“ – Frauen mit Humor sind das Ende aller Romantik.

Das klingt zwar veraltet, aber ganz ehrlich: Seit den großen Zeiten von Wilde und Knigge hat sich offenbar nicht allzu viel verändert. Selbst die Forschung ist sich einig, dass Lachen etwas mit Status zu tun hat. Und mit Macht. Genau hier liegt vielleicht das Problem.

Macht: Bei einem ehrlichen und unverstellten Lachen geben wir Kontrolle ab. Es ist wie Niesen oder Gähnen: Eine körperliche Reaktion, die wir nicht unterdrücken können. Und es bedeutet im Umkehrschluss: Wenn ich jemanden zum Lachen bringe, habe ich für einen kurzen Moment Macht über ihn.

Status: Humor ist ein Indikator für Intelligenz. Gerade der feinsinnige Humor erfordert ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen und Bildung. Ist jemand witzig, ist er wahrscheinlich auch schlau. Und schlaue Menschen haben meist einen gesellschaftlich hohen Status.

Männliche Comedians haben es in Deutschland leichter

Sieht man Humor als Ausdruck von Macht, untergräbt eine offensiv lustige Frau den Mann in seiner Rolle als „starkes Geschlecht“. Noch dazu demontiert sie seinen Status, weil sie nicht nur lustiger, sondern vermeintlich auch schlauer ist. Damit trifft sie den Mann im Kern dessen, was ihm seit Generationen das Gefühl von Überlegenheit vermittelte.

Denn lange Zeit galt in vielen gesellschaftlichen Bereichen: Der Mann braucht einen hohen Status, Macht und Geld, um respektiert zu werden. Die Frau sollte vor allem gut aussehen. Die Emanzipation der vergangenen Jahrzehnte hat erfreulicherweise vieles verändert.

Doch erfolgreiche deutsche Comedians und Satiriker zeigen, dass im Bereich des Humors vor allem die alten, patriarchalen Strukturen funktionieren: Männliche Comedians spielen mit dem, was Männer ausmacht – mit ihrem Status. Weibliche Comedians hingegen müssen irgendwie ihr Aussehen einbeziehen, damit sie kommerziell erfolgreich sind. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum es in Deutschland deutlich mehr bekannte männliche als weibliche Comedians gibt.

Schmidt der Überlegene, Cindy das Dickerchen

Einen Status zu brechen oder zu überhöhen, ist nämlich relativ einfach. Viele männliche Comedians bauen ihre Rollen darauf auf. Harald Schmidt spielt mit der Perfektionierung des Status. Mit feinen Anzügen und feiner Brille lässt Schmidt den intellektuellen Zyniker raushängen. Er bestätigt mit jedem Spruch seine Intelligenz, seine Bildung, seine Überlegenheit.

Umgekehrt funktioniert aber auch der Bruch mit einer Männlichkeitsrolle: Das Witzige an Bernd Stromberg ist, dass er sich als großer Macker aufspielt, aber eigentlich ein profilneurotisches Würstchen ist. Olli Schulz säuft sich als Charles Schulzkowski die Hucke zu und verliert die Kontrolle. Atze Schröder setzt sich peinliche Haare auf und macht sich zum Proll, Olaf Schubert gibt den neurotisch-verstörten Lebensverlierer.

Weibliche Comedians in Deutschland kokettieren dagegen oft mit ihrem Aussehen. Cindy aus Marzahn ist momentan wahnsinnig erfolgreich. Sie hat einen Weg gefunden, mit ihrem Aussehen und dem Klischee von Weiblichkeit Komik zu schaffen. Eine Ausnahme. Weil Aussehen nicht die gleichen Variationsmöglichkeiten und humoristischen Fallhöhen bietet wie Status.

Die bekannteste Comedy-Frau in Deutschland: Anke Engelke. Sie moderiert, schauspielert, singt, spielt Sketche. Meistens erfolgreich. Womit sie komplett scheiterte: „Die Anke-Late-Night-Show“. Das simple Grundkonzept einer Late-Night-Show: Ein Mann sitzt hinter einem großen Schreibtisch und spottet über aktuelle Themen. Nun saß plötzlich eine Frau, Anke Engelke, hinter diesem Schreibtisch – und wurde wegen mieser Quoten nach kurzer Zeit abgesetzt. Obwohl ihre Witze nicht schlechter waren, als die der männlichen Kollegen.

Trockene Zyniker und schmutzige Pöbelprinzessinnen

Auch ich stehe auf Männer mit Humor. Auf sprühende Charmeure, die mich mit ihrem Witz um den Finger wickeln können. Auf trockene Zyniker, die immer ins Schwarze treffen. Humor ist für mich sein Dekolleté.

Ich mag aber auch lustige Frauen. Schmutzige Pöbelprinzessinnen mit rauer Stimme und elegante Pointenjägerinnen mit subtiler Finesse. Die mich überraschen und inspirieren.

Das hilft aber alles nichts, wenn ich an die Theorien von Macht und Status denke. Denn in der Konsequenz bedeuten sie, dass Frauen und Männer erst dann auf derselben Ebene lustig sein können, wenn es eine gesamtgesellschaftliche Gleichberechtigung gibt. Wenn Frauen keine Lust mehr haben, gejagt zu werden, sondern selber die Flinte zücken. Wenn Männer gerne zu Frauen aufschauen und Frauen das ertragen können. Ich habe, ehrlich gesagt, keine Lust, so lange zu warten.

Ich mag es, wenn man gemeinsam über dasselbe lacht. Ich mag es, wenn man sich gegenseitig die Pointen abjagt und um das letzte Wort kabbelt. Ich mag es, Menschen zum Schmunzeln zu bringen, die gerade eigentlich ernst sein wollten.

Mein Appell: gleichberechtigtes Lustigsein

Für mich ist Lustigsein eine besondere Art, auf die Welt zu blicken. Die Kleinigkeiten zu sehen. Nie den Glauben an den Zauber zu verlieren. Sich der wohl größten Herausforderung des Lebens zu stellen: nicht zu verbittern.

Für mich ist jeder, der sich dieser Herausforderung stellt, sexy. Deshalb wünsche ich mir, dass sich mehr Frauen trauen, witzig zu sein; dass sie sich wie in so vielen anderen Bereichen bewusst dafür entscheiden, in eine Männerdomäne einzudringen und sich nicht nur bespaßen zu lassen und mit ihren schlanken Beinen zu wippen. Und ich wünsche mir mehr Männer, die solche Frauen toll finden.

Nachtrag: Inspiriert zu diesem Text hat mich ein Interview mit dem professionellen Gag-Schreiber Christian Eisert. Er war sich übrigens nicht zu schade, über mich zu lachen.

  • Psychopapst

    Zu dem Thema gab es auch mal einen Text von Tine Plesch (RIP), der teilweise in eine ähnliche Richtung ging: FRAUEN? HUMOR? POPMUSIK? (online unter http://www.distler-tontechnik.de/tine-plesch/testcard.html)

    • http://www.facebook.com/carlinemohr Carline Mohr

      Hhm. Der linkt klickt nicht. Was mache ich falsch?

      • http://www.annewizorek.de/ Anne Wizorek

        Nix, da war aus Versehen die Klammer mit drin. Jetzt sollte er direkt gehen. :)

  • else

    Sehr interessanter Ansatz. Eine „weibliche Harald Schmidt“ ist tatsächlich weit und breit nicht auszumachen. Wie sähe die aus? Wer könnte das sein? Lachen über Cindy aus Marzahn ist tatsächlich Lachen über (hässliche, dicke) Frauen, also ein Akt des Machtausübens über Frauen. Da werd ich länger drüber nachdenken.

    Eins von Oscar Wildes markantesten Stilmitteln ist allerdings seine ständige Ironie. Ihn so wie hier zu zitieren, könnte ihm Unrecht tun.

    • http://www.facebook.com/carlinemohr Carline Mohr

      Bei Wilde könntest du mich in der Tat erwischt haben. Habe das Zitat nämlich nicht aus dem Zusammenhang. Aber ich werde mich bei Gelegenheit mal auf die Suche machen. Für mich klang es ziemlich ernsthaft…

      • http://www.scienceblogs.de/zoonpolitikon ali

        Das Zitat hat meine Neugierde geweckt. Hast du eine Quelle? Es
        scheint so im Internet nicht zu finden zu sein. Das nächste was ich
        gefunden habe war dieses:

        „Lord Illingworth: Women have become too brilliant. Nothing spoils a romance so much as a sense of humour in the woman.
        Mrs. Allonby: Or the want of it in the man.“

        (Aus „A Woman of no Importance“)

        Es
        ist also ein Satz, der einem Charakter in einem Theaterstück in den
        Mund gelegt wird. Es scheint hier vor allem als Vorlage für die
        stechende Replik von Mrs. Allonby zu dienen. Aber vielleicht ist dies
        nicht der Ursprung des Zitats.

  • http://www.facebook.com/carlinemohr Carline Mohr

    Das finde ich gut. Das mit dem Abgewöhnen, meine ich. Emanzipation hat ja irgendwie immer was mit Umstellung zu tun. Wir arbeiten dran!

  • Pingback: Typ liest Kommentare unter Justin Biebers Instagram-Fotos und verschickt gern Tier-Sex-Fotos an vermutlich minderjährige Mädchen.()

  • http://twitter.com/alta8 Torsten

    Ob schwarz/weis-Mahlerei einer Diskusion gut tut, sie in Gang bringt bezweifel ich. Polemisierungen, wie Du es nennst sind eher ein Mittel für Streit-Gespräche, meiner Meinung nach. Zum Überzeugen taugen sie eher wenig.

    Ansonsten belaß ich es mit einem Zitat aus dem Aufschei-FAQ:
    „fortwährende Bagatellisierung sexistischer Handlungen, die Frauen entgegenschlägt, sobald sie sich beschweren (wählt euren Favoriten aus dem bunten Strauß von „Hab’ dich doch nicht so!“, „Findest du das nicht übertrieben?“ und „War doch nur ’n Witz!“).“