Was Wein mit Wikipedia und Frauen zu tun hat

Foto , CC BY 2.0 , by Mike Licht, NotionsCapital.com

Kann Social Media dabei helfen, Wikipedia zu retten? Der Titel, den Sarah Stierch für ihre Keynote bei der Social Media Week Hamburg vergangene Woche wählte, klingt beim ersten Hören ziemlich dramatisch. Er wirkt weniger reißerisch, wenn man sich die Datenbasis anschaut, die sie in ihrer Rede präsentierte.

Sarah war 2012 Stipendiation der Wikimedia Stiftung. Das ist die Organisation, die hinter Wikipedia steht. Zwölf Monate war es ihre Aufgabe, Wege zu finden. Wikipedia besser zu machen. Einer, der sich ihr aufdrängte, war, das zu fördern, was der nutzereditierten Enzyklopädie fehlte: Eine signifikante Zahl von Nutzerinnen, die am gesammelten Weltwissen mitschreiben.

Nur Neun Prozent der Wikipedia-Beitragenden sind Frauen, eine Zahl die Wikipedia in einer Umfrage unter seinen Nutzern erhoben hat. Selbst wenn man davon ausgeht, dass daran nur ein Teil der Befragten teilnimmt, bleibt die Vermutung, dass es auf der Seite ein gelinde gesagt unausgeglichenes Geschlechterverhältnis gibt. „Gilt doch für Vieles im Internet“, höre ich die Skeptiker murmeln. Doch bevor sie auch nur die Wörter „Google Plus“  und „Heise Forum“ formen können, kontere ich: Wikipedia ist anders, weil es viel größer ist. Welche Seite rufen wir auf, wenn wir uns das erste Mal über irgendetwas informieren wollen- die Anzahl der indischen Bevölkerung oder Silvio Berlusconi?  Nicht das Heise Forum, nicht ein soziales Netzwerk, sondern  Wikipedia.  Wenn die laut Google sechsgrößte Website der Welt in entschiedener Mehrheit von Männern geschrieben und editiert wird, dann hat das Folgen. Zum Beispiel für die Repräsentation von Wissen, den Umfang und die Art dessen, was dort über die Welt zu erfahren ist.

Habe Mut, dich deiner Geekiness zu bedienen

Sarahs Weg, das zu ändern, führte über die Ursachenforschung. Warum interessieren sich so wenige Frauen dafür, an Wikipedia mitzuschreiben? In Kurzform: Weil sie noch andere Sachen zu tun haben. Lohnarbeit, Familienarbeit, Freunde treffen. Die Sache ist aber: Das haben Männer auch auf dem Zettel, wenn auch in anderer Gewichtung.

Eine große Rolle der Editierfreudigkeit spielt eine gewisse Geekiness – ein überdurchschnittliches Detailwissen in einem beliebigen Wissensfeld – und Ja, Dr. Who zählt – sowie das Sendungsbewusstsein, es unter die Menschheit zu finden. Geekiness hat eigentlich jeder, nur ist es manchem nicht klar. Wer glaubt schon, dass sein oder ihr Wissen über Steuerformular 53 irgendwen anders interessieren könnte, als einen selbst? Doch ein Blick in die Auto Complete-Funktion von Google zeigt: Es gibt wenig, wofür sich nur eine Person auf der Welt interessiert. Und das Internet hilft uns, genau das in eine Form zu gießen und nutzbar zu machen als riesige Sammelstelle vermeintlich unnützen Wissens, das irgendwem irgendwann doch mal nützlich sein kann.

Um den inneren Geek zu fördern, braucht man einen kleinen Anschub. Und man braucht ein Umfeld, das Fehler verzeiht. Genau dies sah Sarah bei Wikipedia aber nicht.

Zum Beispiel ist es keine Seltenheit, dass der Eintrag von einem Wikipedia-Neuling gelöscht wird. Nicht, weil er falsch ist, sondern weil er bestimmte formale Kriterien nicht erfüllt. Die wurden vorher aber gar nicht oder zu unübersichtlich kommuniziert. Ein Umstand, auf den zwar Männer wie Frauen treffen, der Frauen aber sozialisationsbedingt eher entmutigt als Männer.

„Muss wohl an mir liegen.“ denkt sie sich. „Den Korinthenkackern werd ich´s zeigen“, denkt er sich.

 Willkommen im Teehaus

Um zu verhindern, dass es zu diesem schulterzuckenden Abgang der Frauen kommt, kreierte Sarah das Teahouse, eine Art Forum in Wikipedia, auf der neue Nutzer mit alten Nutzern in Kontakt kommen und Fragen stellen können, ohne für ihre Ahnungslosigkeit verachtet zu werden.  Die Ergebnisse des Projekts sind hier zusammengefasst.

Während noch unklar ist, wieviel mehr Frauen Wikipedia nach dem Start des Teahouses editieren, kann als Erfolg gesehen werden, dass die bestehende Wikipedia-Community den Ort angenommen hat, um ein freundlicheres Willkommen zu bieten. Das kann Frauen helfen, im Editieren Fuß zu fassen.

Eine weitere Maßnahme, um Frauen zum Mitmachen zu bringen, waren die Editier-Parties, die Sarah startete. Diese Übersetzung einer Online-Aktivität in eine soziale Aktivität, kann aus verschiedenen Gründen als klug gesehen werden. Es hilft Interessierten dabei 1. Wein zu trinken, 2. Nette Leute zu treffen, 3. Nette Leute  zu treffen, die Fragen beantworten können.

Wo aber all die Frauen finden, die an diesen Parties teilnehmen sollen oder im Teahouse Fragen stellen sollen, um dann zu fleißigen Wikipedia-Beitragenden zu werden? Sarah dachte sich, es sei geschickt, dort nach ihnen zu suchen, wo Frauen schon online sind. Und das ist Social Media. Laut Sarah sind z.B. 60 Prozent der Facebook-Nutzer weltweit Frauen. Für Deutschland ist diese Zahl gemäß meiner Prüfung im Facebook Ad Planner etwas ausgeglichener. Dort  zählt das Netzwerk derzeit 12.038.280 Frauen und 12.937.700 Männer, also ein 50:50 Verhältnis. In den USA beträgt das Verhältnis ca. 45 Prozent Männer zu 55 Prozent Frauen, in absoluten Zahlen  sind das laut Ad Planner 72.186.600 Männer und 87.366.700 Frauen (Stand:  24.02.13).

Der „Hey, ich bin nicht alleine!“-Effekt

Sarah startete eine eigene Facebook-Seite und einen Twitter-Account, um die Frauen, die ohnehin auf diesen Netzwerken sind, für Wikipedia zu interessieren und Vernetzung der Frauen voran zu treiben. Dafür ist Social Media deswegen so gut geeignet, weil es hilft, denen eine Stimme zu geben, mit denen wir uns identifizieren können. Zu beobachten war das bei #aufschrei: Es hilft, Hemmungen der Teilnahme oder des Sprechens abzubauen, wenn man feststellt, dass man nicht alleine ist. Social Media kann das leisten, weil es ermöglicht, diese Geschichten unter einem Hashtag oder eben ein eigener Twitter-Account zu sammeln und Nutzern bei Bedarf zur Verfügung zu stellen, fern eines großen organisatorischen Overheads. Ist das erfolgreich, tritt der„Hey, ich bin nicht alleine!“-Effekt ein, Geschichten werden erzählt, Erfahrungen geteilt, latente Motivationen, bei denen, die bisher zögern, teilzunehmen, gestärkt.

Das alleine kann bereits als Erfolg angesehen werden.  Richtig messbar wäre er dann, wenn bei der Umfrage, die Wikipedia unter seinen Nutzern durchführt, auch gefragt werden würde, wer über wikiwomen zum Projekt gestoßen ist. Das ist derzeit nicht der Fall.

Sagen können, wer man ist

Darüber hinaus kann natürlich auch die Zustimmung in den sozialen Netzwerken als ein Erfolgsmaßstab gesehen werden. Im Fall der wikiwomen sind das 570 Facebook-Likes und 715 Twitter-Follower. Was auf den ersten Blick gering aussieht, relativiert sich, wenn man sich ein großes Hindernis vor Augen führt, auf das Sarah mit ihrer Kampagne stieß: Die Tatsache, dass Wikipedia per se keine soziodemographischen Merkmale seiner Nutzer erhebt und Frauen, die auf Widerstand stoßen, z.B. wenn sie einen als weiblich erkennbaren Nutzernamen wählen, eher den Nutzernamen wechseln als gegen Diskriminierung anzukämpfen. Das war zumindest die Aussage einer Nutzerin, die mit mir auf Twitter ins Gespräch kam, nachdem ich dort Sarahs Keynote zitierte.

Sarah kann solche Reaktionen nicht verstehen. Sie selbst hat nur wenig Erfahrungen mit Sexismus auf Wikipedia gemacht, z.B. mit E-Mails von Männern, die ihr „heißes Aussehen“ bescheinigen, nachdem sie ihre Wikipedia-Nutzerseite angeklickt haben. Sie hält es für gefährlich, Frauen, denen so etwas passiert oder die aufgrund eines als weiblich zu erkennenden Nutzernamens diskriminiert werden, eher zum Verstecken zu raten, als zu Offenheit. „Eine Frau zu sein ist nichts Schlechtes. Welchen Sinn soll es haben, meine Identität verschleiern zu müssen, um das zu machen, was ich machen will, nur weil ich bin, wer ich in? Wenn Frauen auf einer Website wie Wikipedia nicht sein können, wer sie sind, dann hat diese Website ein ernstes Problem.“

Und obwohl es in Sarahs Augen nicht die Norm bei Wikipedia ist, dass Frauen Sexismus begegnet, hält sie es für richtig, eine Umgebung zu schaffen, in der das minimiert wird. Eine Argumentation, die Sinn ergibt: Die, die bisher kein Problem sahen – Männer und Frauen – können weiter machen wie bisher. Für andere gibt es mit dem Teahouse und den Editier-Parties einen alternativen Zugang.

Der gerät durch das Ende von Sarahs Zeit als Wikipedia Fellow nicht in Gefahr, da sich diese Projekte inzwischen selbst organisieren. Das ist auch der Weg, den die Website Wikipedia wählt, um zukünftig mehr Diversität der Beitragenden zu schaffen. Die Community selbst soll ermutigt werden, Ideen vorzutragen, mit denen sie wachsen und diverser werden kann. Fellows wie Sarah soll es nicht mehr geben. Was wünscht sie sich am Ende ihrer Projektzeit? Vor allem mehr Aktivität auf den Social Media-Accounts, die sie kreiert hat. Die sind ihr noch zu abhängig davon, ob sie selbst Postings schreibt. Wichtiger erscheint mir aber, dass die Accounts und die Tatsache, dass Wikipedia mehr editierende Frauen braucht, bekannter werden. Ich selbst bin genau eine Editier-Party weg davon, dazu zu werden. Die Flasche Wein dazu steht schon bereit.