Für mehr Self(ie)-Love

Foto

Meine erste Digitalkamera habe ich mit 15 bekommen. Und natürlich habe ich Fotos von mir geknipst, aber hallo, sogar von schräg oben. Wie cool ist das denn auch, wenn man gleichzeitig Model und Fotografin sein und ganz ‚unter sich’ herumprobieren kann? Trotzdem wusste ich damals, dass ich die so entstandenen Fotos besser für mich behielt. Denn egal, wie viel Spaß es mir machte – eigentlich war das natürlich total peinlich. Als es dann mit den sozialen Netzwerken los- und tatsächlich darum ging, fleißig Profilfotos hochzuladen, verschlimmerte sich dieser Zustand. Über Mädchen, die jeden Tag neue Fotos von sich teilten, wurde abfällig gesprochen, weil die es „ja wohl total nötig“ haben mussten. Gewundert hat mich das nicht, denn immerhin galt es in meiner Jugend schon als uncool und arrogant, zuzugeben, dass man den eigenen Körper oder auch bloß die neue Frisur eigentlich ganz in Ordnung fand – erst recht, wenn selbige nicht der vermeintlichen Norm entsprachen. Ein gesundes Selbstwertgefühl wurde damit jetzt nicht unbedingt gefördert.

In letzter Zeit habe ich in Gesprächen häufiger gehört, dass es doch wohl furchtbar narzisstisch sei, Selfies zu knipsen. Selfiestangen werden dementsprechend als Gipfel aller Selbstverliebtheit verachtet oder mindestens als peinlich abgestempelt. Für mich als stolze Selfiestangen-Besitzerin ist das Grund genug für einen Aufruf zu mehr Selfie-Liebe – in Addition zu den klugen Dingen, die Hengameh Yaghoobifarah bereits zu diesem Thema aufgeschrieben hat.

Selbstbestimmung und Macht

Es gilt generell: Ach, wenn doch bloß alle Menschen dieses Ding mit der Selbstbestimmung verstehen und respektieren würden. Wir könnten ja gleich mehrere gesellschaftlich relevante Debatten einfach abhaken. Und es ist doch auch eigentlich einfach: Jede Person sollte schlicht selbst über den eigenen Körper und alles, was damit zusammenhängt, bestimmen dürfen. Darüber, welche Kleidungsstücke getragen oder nicht getragen werden. Darüber, was gezeigt und was bedeckt werden soll, egal ob auf Fotos, beim Joggen oder beim Ausgehen, und natürlich auch genauso über alles, was mit ebenjenem Körper angestellt wird.

Und ja, es gibt einen Unterschied zwischen einem selbst(bestimmt) in sozialen Netzwerken geteilten Brüstefoto und Plakatwerbung für Umzugsunternehmen oder Bockwurst, auf denen beliebige Frauenkörperteile derart degradiert und objektifiziert werden, als seien sie bloß eine fancy Schriftart. Das hat nichts damit zu tun, dass etwa Models gezwungen werden würden, sich für derlei Werbekampagnen fotografieren zu lassen – sondern damit, dass sie schlicht nicht mehr als Individuen, als Subjekte wahrgenommen werden; etwa wenn nackte und anonyme Frauenbeine bloß als sexualisiertes Accessoire in der Deodorant-Werbung zu sehen sind.

Möchte eine Frau nun aber ein Foto von sich in oder ohne Unterwäsche auf ihrem Instagram-Kanal teilen, einfach weil sie’s schön findet – so be it! Sie zeigt sich so, wie sie selbst gesehen werden will. Außerdem hat sie in diesem Fall die Kontrolle und die Entscheidungsmacht inne und könnte das Bild jederzeit wieder löschen. Selbiges gilt natürlich auch für Fotos mit mehr Kleidung – wie auch immer die jeweilige Frau gesehen werden möchte, denn:


Der Unterschied zwischen Objektifizierung und Empowerment ist auch sehr schön in diesem (englischsprachigen) Comic erklärt.

Empowerment

Fotos von sich selbst zu knipsen macht meistens Spaß und steigert im Idealfall das Selbstwertgefühl. Und Ermächtigung kann besonders dann aus Selfies gezogen werden, wenn sie nicht der herrschenden ‚Norm’ für Bilder von Frauen entsprechen – und wenn man nicht weiß, schlank, cisgender, heterosexuell und ohne sichtbare Behinderung ist. Denn traurigerweise gilt es momentan noch oft genug als ‚skandalös’, mindestens aber als ‚krass’, wenn etwa Frauen mit Beinbehaarung, dicke Personen oder solche mit einer sichtbaren Behinderung einfach Fotos von sich auf diversen Social Media-Plattformen präsentieren.

Das liegt daran, dass der Mainstream eben nach wie vor von den vermeintlich Normschönen dominiert wird. Die besagten Frauenbeine in der Deo-Werbung sind stets weiß, lang, schlank, gesund und perfekt enthaart. Das ist zum einen extrem langweilig und spiegelt zum anderen absolut nicht die Realität wieder.

Wenn also Menschen, die dieser ollen Norm nicht entsprechen, Fotos von sich posten, dann empowern sie damit nicht nur sich selbst und nehmen den Raum ein, den sie sich wünschen (und der ihnen zusteht), sondern sie ermutigen und inspirieren gleichzeitig auch noch andere Personen, sich und ihre Körper zu zelebrieren. Und auch die im Mainstream zu Genüge repräsentierten weißen, schlanken und normschönen Cis-Frauen haben ein Recht darauf, sich via Selfie genau so zu zeigen, wie sie gesehen werden möchten – ganz ohne den Male Gaze.

Kampf dem Kapitalismus

Ich weiß, ich weiß, das klingt etwas hochtrabend. Immerhin werden Selfies ja oft genug mit teuren Smartphones geschossen oder es werden diverse Konsumgüter darauf präsentiert. Letztlich sind die Sozialen Medien an sich schon nicht unbedingt als antikapitalistischer Raum zu betrachten.

Wenn ich aber ein Selfie hochlade, dann präsentiere ich, mit anderen Worten, ganz selbstbewusst ein Bild von mir, mit dem ich zufrieden bin. Die Aussage oder das Statement lautet: Hier, schaut her. Das bin ich. Ich finde mich auf diesem Foto schön/heiß/süß/witzig/großartig/etc. Und ja, das ist dann womöglich etwas selbstverliebt. Aber genau diese Selbstverliebtheit – also sich selbst lieb zu haben – diese Zufriedenheit mit sich und dem eigenen Körper, die ist doch eine Gefahr für das kapitalistische System – bedenkt man den Punkt, dass es sofort zusammenbrechen würde, stünden alle Frauen dieser Welt morgens auf und wären mit sich und ihren Körpern schlicht und ergreifend: zufrieden.

Revolution!

Okay, wenn schon von Kapitalismuskritik die Rede ist, dann darf auch das Stichwort Revolution nicht fehlen. Außerdem ist das hier eigentlich nur der weitergedachte Punkt 2.

Das Ziel dieser Revolution: mehr Diversität im Mainstream! Ich werde ganz kribbelig bei der Vorstellung, dass Kinoleinwände, Modestrecken und Co. irgendwann nicht mehr von der bereits beschriebenen ‚Norm’ dominiert werden. Wenn wir also weiterhin uns und unsere Körper feiern, fotografieren und ins Netz stellen, dann unterwandern wir damit allmählich das System der Unsichtbarmachung all jener, die nicht der Norm entsprechen, und sorgen zeitgleich dafür, dass jüngere Generationen mit mehr Body-Positivity aufwachsen. Wo wir gerade bei dem Stichwort sind: Ein positives Selbstbild und den eigenen Körper zu lieben macht übrigens längst noch keinen Narzissmus im psychologisch-klinischen Sinne.

Kommunikation

Von der Revolution zurück zu einem Thema, das ein bisschen mehr ‚down to earth’ erscheint: Viele meiner Freund_innen wohnen nicht in derselben Stadt wie ich. Daher bin ich sowieso höchst erfreut ob der vielen Kommunikationswege, die das Internet so ermöglicht. Selfies machen da aber nochmal eine Besonderheit aus, denn sie schaffen, mehr als Textnachrichten und Emojis, Nähe über die Distanz. Ganz egal, ob ein Foto der neuen Frisur, des gut gelungenen Make-ups, der riesigen Augenringe oder eine Grimasse zu Aufheiterungszwecken verschickt wird.

Besonders unter Jugendlichen sind solche Fotos – oder alternativ auch Videos, zum Beispiel bei Snapchat – ein ganz selbstverständlicher Teil der digitalen Kommunikation, weil sie eben auch Defizite einer Kommunikation, die allein über Text läuft, ausgleichen können.  

Das Ich im Digitalen

Kommen wir kurz zum philosophischen Teil. Wir sind uns einig darüber, dass das Internet kein Neuland, sondern Teil unseres Privat- und Berufslebens ist. Es spielt sich ja beinahe alles online ab – wenn nicht ausschließlich, dann wenigstens zusätzlich. Und mit Selfies, die wir in soziale Netzwerke laden, bringen wir schließlich auch uns selbst in dieses Internet hinein. Wir existieren off- und online gleichzeitig, und als Abbild unseres ‚Offline-Ichs’ bieten sich Selfies nun mal ganz schön gut an. Sie begleiten uns beim (Auf-)Wachsen im Internet, und von all dem abgesehen wird es immer ungeheuer witzig sein, sich zehn Jahre alte Selfies anzuschauen. Versprochen.