kleinerbücherstapel

Foto , CC by 2.0 , by Rebecca Krebs

Hurra! Ende April hat uns Onyx ein Blogstöckchen zugeworfen, und das fühlt sich ein bisschen so an wie in den ‚guten alten Zeiten‘. Vor Onyx haben schon einige andere das Stöckchen gefangen und daraufhin zusammengetragen, welche Bücher sie dieses Jahr unbedingt lesen möchten. Ein paar Links dazu gibt es am Ende des Artikels, denn hier sind erst einmal unsere guten Buchvorsätze.

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Lena

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The Horologicon, Marc Forsythe

Oh, ich liebe Sprache. Ich liebe Sprache ganz besonders, weil sie sich stetig verändert, und ich mag es, dieser Veränderung zuzuschauen – in die Vergangenheit zu sehen und herauszufinden, wie bestimmte Ausdrücke entstanden, und in der Gegenwart zu verfolgen, wie neue Begriffe Einzug halten. Vor ein paar Wochen habe ich in einem Blogpost eine Liste mit 15 vergessenen Wörtern im Englischen entdeckt. Da stehen dann so Schätzchen wie:

pedeconference (noun): to hold a meeting while walking.“

Diese Dynamik! Diese Bewegung! Ein Meeting, das im Laufen abgehalten wird! Als nächstes möchte ich dann herausfinden, ob es auch einen Begriff gibt für Meetings, die im Swimming Pool abgehalten werden.

uhtceare (n.): lying awake before dawn and worrying.“

Das Wort setzt sich zusammen aus uht, einem Wort für die ruhelose Stunde vor der Dämmerung, und ceare, einem Alt-Englischen Begriff für Kummer und Sorge. Und ausgesprochen wird es „oot-key-are-a“. Endlich kenne ich ein Wort fürs Wachliegen, im Bett Herumwälzen in der Zeit zwischen später Nacht und frühem Morgen. Auch wenn ich wahrscheinlich noch ein bisschen brauche, bis ich die Aussprache draufhabe.

Was ich besonders daran mag, ist, dass das Wörter sind, die auszudrücken vermögen, wozu sonst nur Umschreibungen oder ganze Sätze in der Lage sind. Und weil die Beispiele im verlinkten Blogpost längst nicht alles sind, was die englische Sprache an in Vergessenheit geratenen Begriffen zu bieten hat, möchte ich gerne endlich einmal das Buch lesen, in dem Mark Forsyth ganz viele solcher Wörter gesammelt hat. Wer neugierig geworden ist und wissen möchte, was die 10 Lieblings-vergessenen-Wörter des Autors sind, schaue doch mal hier rein. Ich mache derweil schonmal ein bisschen Platz im Bücherregal.

Daniel

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Das Sanatorium zur Sanduhr, Bruno Schulz

Bruno Schulz war polnisch-jüdischer Schriftsteller und Zeichner, wuchs in Galizien auf und starb 1942 unter tragischen Umständen im Ghetto seiner Heimatstadt Drohobycz: Ein SS-Mann zwang Schulz seine Villa mit Fresken zu bemalen und ,beschützte‘ ihn dafür im Ghetto. Als ein Gestapo-Mitglied jedoch eine persönliche Fehde mit besagtem SS-Mann austragen wollte, erschoss es Bruno Schulz kurzerhand auf offener Straße kurz vor dessen geplanter Flucht. Viele von Schulz’ Werken gingen verloren und sind bis heute verschollen, darunter unzählige Zeichnungen und sein unvollendet gebliebener, einziger Roman „Der Messias“.

Schulz schrieb hauptsächlich Erzählungen, die einen losen Bezug zueinander haben. Sie sind teilweise autobiographisch, jedoch durch eine sehr starke Bild- und Metaphernsprache geprägt, die einerseits an solche Strömungen wie den Expressionismus, den Symbolismus oder den Surrealismus, andererseits an solche Autor_innen wie Franz Kafka erinnert. Leider kann ich kein Polnisch, aber die Besonderheit seines Stils ist so stark, dass sie sowohl durch die deutschen, als auch die englischen Übersetzungen seiner Werke scheint.

In Polen ist Bruno Schulz (zumindest soweit ich weiß) recht bekannt, in Deutschland leider noch immer viel zu wenig – und das obwohl sein Werk definitiv zu den großen der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehört. Ich wurde auf ihn durch Jonathan Safran Foer aufmerksam, der 2010 sein Buch „Tree of Codes“ veröffentlichte, in dem er wortwörtlich in die Seiten von Schulz’ Erzählungsband „Street of Crocodiles“ (englische Übersetzung des Bandes „Die Zimtläden“) schnitt und so aus den verbliebenen Wörtern eine ganz neue Erzählung schuf. Das fand ich so faszinierend, dass ich anfing Bruno Schulz zu lesen und über ihn wissenschaftlich zu arbeiten.

Das Buch „Das Sanatorium zur Sanduhr“ bekam ich vor einiger Zeit von meinen Eltern zu Weihnachten geschenkt, bisher kamen mir jedoch immer wieder andere Bücher dazwischen. Es ist der zweite Band seiner Erzählungen und schon diese wenigen Zeilen hier über ihn zu schreiben, macht mir unheimliche Lust, ihn endlich zu verschlingen. Ob es nun aber dieser Band oder die „Zimtläden“ sind: Bruno Schulz ist uneingeschränkt empfehlenswert für alle, die auch gerne mal etwas sprachlich Anspruchsvolles lesen und sich gleichzeitig in phantastisch-unheimliche Parallelwelten ziehen lassen wollen.

Lucie

from_counterculture_to_cyberculture

From Counterculture to Cyberculture, Fred Turner

Seit einiger Zeit pflege ich ein hobbyhistorisches Interesse an der Geschichte der „digitalen Revolution“. Ich denke, das kann dabei helfen, vieles von dem zu verstehen, was wir heute in der Techbranche, in der Netzöffentlichkeit und den digitalen Kulturen generell beobachten. In den USA lief die Entwicklung in den 60er und 70er Jahren etwas anders ab als bei uns: während hier alternative Bewegungen (68er und Co.) eher technikkritisch waren, gab es in Kalifornien spannende Schnittpunkte zwischen Hippies und Computer-Pionier_innen. Dies (und mehr) beschreibt Fred Turner in „From Counterculture und Cyberculture“ – und ich bin schon sehr gespannt darauf, mit dem Buch einen Abstecher ins San Francisco der 60er Jahre zu machen.

Nicole

26valenti ///"Why Have Kids?" by Jessica Valenti   ///

Why Have Kids, Jessica Valenti

Seit 2006 schreibe ich auf verschiedenen Blogs Dinge ins Internet. In all der Zeit hat mich noch nie ein Stöckchen erreicht. Charlott hat das neulich geändert und mir dieses zugeworfen. Ich so: Heulipopeuli. Vor Rührung. Und weil ich ein Geständnis machen muss: Ich lese nicht mehr. Oder nicht mehr so wie früher. Während ich früher Bücher verschlang wie das Krümelmonster Chocolate Chip Cookies, lese ich jetzt zwar den ganzen Tag Artikel im Netz, aber Bücher nur in der Viertelstunde am Tag, in der ich mit einem Teller am Esstisch sitze. An “This Book Will Save Your Life” von A.M. Homes sitze ich so schon seit Monaten. Unitexte lese ich in Readern und muss ab und zu von Schreibtisch wegtreten und „Ohmygodohmygodohmygod!“ rufen, weil mir eine Erkenntnis oder ein Zusammenhang ins Gesicht schlägt. Oder wie Heng schreibt:
 

 
Das ist so superfantastisch, davon will ich mehr. Weiterführende Literatur, Ausschnitte in ihren Originalzusammenhängen, mehr Theorie. Mehr lesen, um zu wissen, wovon ich spreche. Aber immer gechillt mit den jungen Pferden, ein Buch nach dem anderen. Meine Wunschliste, voll mit feminist nonfiction, funktioniert zurzeit eher als unvollständige Merkliste für irgendwannmal. Bücher, die ich lesen will, müsste ich erst mal kaufen. Also, was soll es werden? Ich will anfangen mit “Why Have Kids” von Jessica Valenti, denn ich habe grundsätzliche Fragen zu Elternschaft, halte Mutterliebe als Standardeinstellung für einen größeren Mythos als den vom vaginalen Orgasmus und will auf leichte Weise mehr darüber lesen. Bring on the bookmarklets!

Maike

read_real_japanese

Read Real Japanese, Janet Ashby (Hrsg.)

Wer meinen Text von neulich gelesen hat, weiß, dass ich erst vor kurzem angefangen habe, Japanisch zu lernen. Da ist es schon etwas größenwahnsinnig, so ein Buch zu lesen, in dem sich Essays von Autoren und Autorinnen wie Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto befinden. Aber lebte ich jetzt in Japan – was ich mir sehr wünsche – wäre ich jeden Tag ununterbrochen sprachlichen Schwierigkeiten ausgesetzt.

Die Texte sind mit japanischen Schriftzeichen verfasst, die selbstverständlich von oben nach unten verlaufen, und alles wird ‚von hinten nach vorne‘ gelesen. Auf der rechten Buchseite befindet sich der Originaltext, auf der linken so etwas wie die englische Übersetzung einzelner Fragmente. Vorne gibt es außerdem Vokabellisten und ausführlichere Erläuterungen zu einigen Ausdrücken.

Für die Überschrift des ersten Essays und fünf weitere Worte habe ich etwa eine Viertelstunde benötigt. Das lag vor allem daran, dass das erste Wort angeblich ich bedeutete und dort 僕 boku stand. Ich kannte dafür bisher aber nur 私 watashi.

Schnell stellte sich heraus, dass boku eine männliche ich-Form ist, die aber manchmal dennoch von Frauen verwendet wird. Das ist insofern interessant, weil zum Beispiel die Substantive im Japanischen gar kein Geschlecht haben. Ich fand zum Glück ein Forum, in dem ein Japaner erklärt, dass der Unterschied zwischen den beiden Worten für ich ’sehr geistig und nicht logisch‘ sei:

—Normalerweise—
Nicht nur Männer, sondern auch Frauen können BOKU sagen als WATASHI. Aber wenn ein Mädchen „BOKU“ sagt, findet es(sie) man „kindlich“, und wenn eine erwachsene Frau „BOKU“ sagt, findet es(sie) man „kindisch“.
—oft—-
Das Mädchen, das sehr jung, lebhaft und aktiv ist, kann „BOKU“ sagen. Denn der Eindruck von „BOKU“ ist lebhafter, aktiver, und stärker als dasjenige von „WATASHI“.
—deshalb möglich—–
Die Frau, die traurig oder arm ist, will stark sein, und dafür sagt sie „BOKU“, als ob sie ein starker Mann wäre.

Eingelullt von Poesie und Komplexität, fand ich die Erklärung zuerst sehr hübsch – bis ich merkte, was sie über die Geschlechterzuschreibungen aussagt.
Weil ich solche Dinge nicht in meinem Sprachkurs lerne, ist es mir wichtig, dieses Buch im Laufe des Jahres ganz langsam durchzuarbeiten. Ich will noch viel mehr solcher Geschichten.

Ob es wohl auch eine weibliche ich-Form gibt bzw. geben wird, die für Stärke steht?

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Fangt! Wir werfen das Stöckchen diesen <3-Blogs zu und freuen uns auf die Bücher und Geschichten: Der k_eine Unterschied, umstandslos, herzteile, Mädchenblog.

Noch mehr davon gibt es zum Beispiel bei Ninia, Helga, Heng, Johanna, Kathrin oder hier. Von dort aus kann man sich prima durch weitere Listen hangeln. Viel Spaß.