„Entweder volles Herz oder gar nicht“ – Interview mit Sookee

Foto , CC 2.0 , by Joao Xavi

Sookee ist die „Quing of Berlin“ – so nennt sie sich selbst. Allein der Name reicht aus, um ihre Position als Rapperin zu beschreiben. Klarerweise ist da das Qu wie in Queer. Dazu kommt der Rest, das Dasein als King einer Stadt. Kingsein ist Rapslang dafür, etwas zu können, zu haben und auszustrahlen. Der selbstgewählte Titel von Sookee ist also gleichermaßen Politik und Musik.

Ihr sechstes Album heißt „Lila Samt“ und ist gerade erschienen. Ich habe mit ihr geredet, per Skype. Das ist zwar schon ein Weilchen her, in den Fragen geht es also nicht um das Album. Aber vom Timing her passt das trotzdem ganz gut. Am Ende gibt es dann noch fünf Empfehlungen von ihr in Sachen Raptracks.

kleinerdrei: Wie macht man das als Mensch, der sich extrem politisch positioniert mit seiner Musik, in Sachen Kompromisse eingehen? Was ist machbar, was nicht?

Sookee: Das ist schwierig, ich habe keine Schablone für alle Personen und entweder sie passt oder nicht – das ist Quatsch. Bei jeder Person sind die Kontexte unterschiedlich gestaltet. Wenn ich sehe, dass da eine coole Entwicklung ist, dann will ich das gerne pushen und bin tendenziell versöhnlich.

kleinerdrei: Das heißt?

Sookee: Ich habe Interesse daran, mit allen zu reden, zum Beispiel war da ein großes Interview mit Megaloh und mir in der „Zeit“. Ich nutze die Gelegenheiten, um meine Position klarzumachen und zu zeigen, dass es auch so eine Haltung gibt. Und Megaloh hat sich positiv entwickelt – und ich meine das jetzt nicht auf die blöde pädagogische Art, dass ich von oben draufschaue und sage: „Oh, jetzt entwickelt er sich, der kriegt einen Keks!“ – ich finde es cool, wenn sich Leute von Scheiße distanzieren und man da nicht ewig danach suchen muss. Das macht er zum Beispiel relativ breit und zeigt da seine Verantwortung. Da hab ich Verständnis, weil ich früher auch scheiße verzapft habe.

kleinerdrei: Du hast das „Spiel mitgespielt“, um dich selbst zu zitieren.

Sookee: Ja, ich habe die ersten Jahre versucht, Anerkennung zu bekommen in den Kreisen, in denen ich unterwegs gewesen bin. Ich hab‘ geschrieben, was alle geschrieben haben: Representer und Partykram.

(Anm. Hakan: Texte, in denen der/die MC versucht, sich selbst – und in vielen Fällen die Crew und das Viertel – abzufeiern.)

Sookee: Da waren dann auch Zeilen dabei, wo ich versucht habe, mich als machtvoll darzustellen. Wo ich beschreibe, wie ich Mädels kläre zum Beispiel. Bei anderen fand ich das dann auch nicht problematisch. Erst durch verschiedene Entwicklungen in meiner Biografie, mein Studium und die Politisierung habe ich vermerkt, dass das Quatsch ist. Dass es mir nicht gut tut und ich es ätzend finde, die einzige Frau zu sein. Das ist keine Ehre, keine Auszeichnung und keine Besonderheit, sondern einfach nur anstrengend.

kleinerdrei: Wann genau hat sich das gewandelt?

Sookee: 2008 gab es einen Bruch, wo ich gemerkt habe, das ist mir zu viel, ich habe da keine Lust mehr drauf. Ich finde es nicht geil, andere Frauen zu kommentieren und zu bewerten und habe mich von ganz vielen Leuten distanziert. Ich habe gemerkt, dass ich Lust habe, mich lieber mit anderen Frauen in Verbindung zu setzen. Darüber bin ich in einen anderen Rahmen gekommen.

kleinerdrei: In welchen?

Sookee: Auf dem “We B* Girls”-Festival beispielsweise habe ich die „Schlagzeiln“ kennengelernt, mit denen ich bis heute Musik mache. Das Publikum hat sich geändert und der Rahmen auch.

kleinerdrei: Unterscheidet sich die Rapszene von der Szene, in der du jetzt bist? Rap funktioniert ja, als Kulturding zumindest, sehr stark über die Community und dem „Each one, teach one„-Prinzip.

Sookee: Also ich sehe nicht, dass gerade „each one, teach one“ in der regulären Rapszene eine Rolle spielen würde. Da geht es eher um Klicks, ökonomisches und symbolisches Kapital. Diese gründungsromantische Idee, mit Rucksack von Gig zu Gig zu fahren, das findest du eher in der linken Rapszene, das ist näher an dem, was es war. Also, wenn man nostalgisch draufschauen will.

kleinerdrei: Die linke Szene hat ja sehr viele Codes. Das sieht man an den Parolen: „Köpi/Liebig 14/Rote Flora bleibt etc.“, „no pasaran“, „alerta, alerta“. Aber auch äußerlich, an Dresscodes. Wie gehst du damit um?

Sookee: Also wir im “Tick Tick Boom”-Kollektiv reflektieren auf jeden Fall stark und schauen, ob und wo wir andere ausschließen. Wenn wir Interesse daran haben, einen Platz zu bekommen in der großen Rapszene, als eine Gruppe neben den anderen, dann müssen wir zusehen, dass wir verständlich bleiben. Aber trotzdem wollen wir die Leute mit Inhalten ansprechen, aus deren Reihen wir kommen.

kleinerdrei: Woran merkst du, dass du andere draußen hältst?

Sookee: Ich kriege das schon mit an den Mails, wenn ich beispielsweise gefragt werde, wer denn Olympe de Gouges ist. Aber deswegen stelle ich ja die Texte ins Netz, damit man bislang unbekannte Begriffe googlen kann, wenn man will. Ich finde es aber schon wichtig, auch verständlich zu bleiben und Leuten dann auch Sachen zu erklären.

kleinerdrei: Du bist nonstop aktiv. Wie ist das mit dem Sich-Zerreiben? Wann ist der Punkt erreicht, an dem du sagst: „Puh, grade ist es zu viel?“

Sookee: Ich bin seit fünf Jahren aktiv. Also quasi jedes Wochenende auf Bühnen, Podien, in Workshops, stehe für Interviews zur Verfügung. Das ist sehr luxuriös, weil ich davon leben kann und das ist toll. Aber trotzdem erfordert das viel Leidenschaft. Ohne das jetzt gewichten zu wollen: Es ist was anderes, von neun bis fünf zu arbeiten und dann heimzukommen in eine ruhige Welt. Bei mir hört das nie auf.

kleinerdrei: Das hat ja weniger mit Arbeit zu tun, sondern eher damit, dass du Politik machst.

Sookee: Ja, die Themen sind bedeutsam und groß, es geht streckenweise ums Überleben. Du kannst dich auch einfach nicht nebenbei an einem Thema wie Asylpolitik abarbeiten. Entweder volles Herz oder gar nicht. Das zehrt enorm an meinen Kräften.

kleinerdrei: Deine Arbeit, fünf Jahre, was macht das mit dir und den Leuten?

Sookee: Die Leute haben auf jeden Fall eine Erwartungshaltung, der man nie gerecht werden kann. Ich muss mich damit arrangieren, extrem abgefeiert und extrem abgelehnt zu werden. Das sind Sachen, die nicht sichtbar sind, aber Energien ziehen. Ab dem Herbst diesen Jahres werde ich auch eine Pause einlegen.

kleinerdrei: Was ich an deiner Musik merke: Du betonst gerne, dass du auch Skills hast, zum Beispiel in „Zeckenrap bleibt.“ Wie wichtig ist dir die Technik?

Sookee: Eine gut geflowte Vergewaltigungsfantasie bleibt eine Vergewaltigungsfantasie und das will ich nicht hören. Es ist okay, wenn die Leute nicht zu 100 Prozent den Takt treffen, aber gute Sachen sagen. Denn es ist leichter technisch besser zu werden, als politisch umzudenken.

kleinerdrei: Das heißt, du triffst 100 Prozent den Takt?

Sookee: Sagen wir so: Ich bin live ziemlich gut geworden. Ich sitze aber nicht zu Hause und trainiere dann, wie man Doubletime rappt. Ich mache das auf der Bühne. Ich habe ein Interesse daran, das ästhetische Empfinden zu bedienen, was ich mag, aber ich muss mich dabei wohl fühlen. Ich will nicht die Maßstäbe von anderen erfüllen.

kleinerdrei: Ein paar deiner Videos, „Pro Homo“ und „D.R.A.G.„, wurden kritisiert. Ein Vorwurf war zum Beispiel, dass du trans* nicht erwähnst. Wie gehst du damit um?

Sookee: Also 2012 ging tierisch ab. Wie gesagt, ich wurde erst gefeiert und idealisiert, bevor die Leute gemerkt haben, sie können mich ja nicht nur uneingeschränkt feiern. Und die Sache ist auch, wenn du ein Menü hast, dass nur eine Person kocht, dann ist es klar: Es wird nicht allen schmecken. Wenn aber viele Leute viele Speisen aufbereiten, wird das Büffet jedem schmecken.

kleinerdrei: Bleiben wir bei der Kritik an Pro Homo. Wie gehst du damit um?

Sookee: Pro Homo als Song ist nicht dafür gemacht, alle Formen von geschlechtlicher Diskriminierung abzudecken, da geht es explizit um die Homophobie in der Gesamtgesellschaft, verknüpft mit der im HipHop. Das ist das Konzept. Mir im Nachhinein zu sagen, ich hätte das Konzept anders schreiben sollen, ist natürlich leicht. Außerdem: Gebe es mehr Leute, die Sachen machen wie ich, würde die Sichtbarkeit von trans* allein über die Masse der Songs sichtbar werden, dann müsste das nicht auf wenigen Schultern stattfinden.

kleinerdrei: Ich könnte mir vorstellen, dass es innerhalb der linken Szene krasser ist mit der Kritik. Stimmt das?

Sookee: Ja, klar. Aber um das zu sagen: Ich halte mich immer auf dem Laufenden, lese viele, viele Blogs, schaue, was gerade thematisiert und diskutiert wird, um nicht hinter der Zeit zu sein. Ich schaue, was es für sprachpolitische Erkenntnisse gibt. Aber trotzdem habe ich auch hier keine Lust, die Maßstäbe von anderen zu erfüllen. Es müssen einfach mehr politisch motivierte Rapper*innen her und gut ist.

kleinerdrei: Das ist die Lösung?

Sookee: Ja (lacht), ganz einfach. Ich mache Workshops für Frauen/Lesben/Trans*, ich versuche, mein Wissen zu teilen und da zu unterstützen, dass Leute nachwachsen und Bock haben, sich auf die Bühne zu stellen. Ich fand‘ es ja schon in der Rapszene unangenehm, eine von wenigen Frauen zu sein. Das hier ist ja die gleiche Situation und auch hier finde ich es unangenehm. Ich fände es cool, wenn es hier so wäre wie in Großbritannien.

kleinerdrei: Wie ist es dort?

Sookee: Na, da sind viele Frauen am Start. Die graben sich nicht das Wasser ab, jede macht ihr Ding und alles ist cool.

Fünf Empfehlungen von Sookee in Sachen Raptracks:

Amewu – Wenn
Megaloh – Endlich unendlich / Programmier‘ dich neu
Pyro One – ttb
Game Over – Female Takeover
RoxXxan – Too Fucking Facety

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