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	<title>Kleinerdrei</title>
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	<description>Was uns am Herzen liegt</description>
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		<title>Wann sind wir erwachsen, warum eigentlich nicht und was hat das mit Adultismus zu tun?</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Jun 2013 12:25:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kleinergast</dc:creator>
				<category><![CDATA[kleinergast]]></category>
		<category><![CDATA[Muss ja]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Zwischenmenschliches]]></category>

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		<description><![CDATA[Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Communeva. @communeva twittert und bloggt seit neuestem auch. Ihre Lieblingsthemen: Beziehungen in all ihren Rormen, Regeln und Normen, Liebe, Zusammenleben, Psycho-Kram, Sozialisation, Sexuelles, Wissenschaft, Technisches. &#8212; Ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber in [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p dir="ltr" style="text-align: center;"><em>Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik <a href="http://kleinerdrei.org/category/kleinergast/">kleinergast</a>, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Communeva.</em></p>
<p dir="ltr" style="text-align: center;"><em>@communeva<a href="https://twitter.com/communeva"> twittert</a> und<a href="http://communeva.wordpress.com/"> bloggt</a> seit neuestem auch. Ihre Lieblingsthemen: Beziehungen in all ihren Rormen, Regeln und Normen, Liebe, Zusammenleben, Psycho-Kram, Sozialisation, Sexuelles, Wissenschaft, Technisches.</em></p>
<p class="separator" style="color: transparent; text-align: center; width: 10%; margin: 2em auto;">&#8212;</p>
<p dir="ltr">Ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber in meiner Peergroup sagen wirklich wenige Menschen, dass sie sich als erwachsen betrachten. Manchmal wirkt dieses Etikett irgendwie uncool, für uns unpassend. Manchmal wird es eher als Problem, wie ein Defizit wahrgenommen, nicht erwachsen (genug) zu sein. Zum Teil ist das wohl ein eher privilegiertes Phänomen, allerdings nicht nur. Aber daher diese Vorbemerkung: Letztendlich kann ich hier nur von meinen eigenen Beobachtungen berichten und würde mich freuen zu hören, wie ihr das seht.</p>
<p dir="ltr">Kürzlich saß ich mit Freund in einem Pub und wir sprachen (mal wieder) über das Thema. Er bezeichnete uns als die <em>degeneration</em> &#8211; Erwachsene, die viel zu spät oder überhaupt noch nicht so richtig gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen. Die mit der ewig verlängerten Kindheit bzw. Adoleszenz. Die mit 30 nach abgeschlossenem Studium in sogenannten Nebenjobs arbeiten, sich im eigenen Haushalt noch immer so verhalten, als hätte Mama sie zum Abwasch verdonnert oder <a href="http://communeva.wordpress.com/2013/06/01/von-mir-gibts-keine-kinder-fur-deutschland/">unter anderem</a> deswegen keine Kinder bekommen, weil spätestens dann Verpflichtungen auftreten würden, die nicht mehr mit diesem Lebensstil vereinbar sind.</p>
<p dir="ltr">In den Medien wird von verschiedenen “Generationen” gesprochen, von der technikaffinen “<a href="http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/generation-y/generationy-freizeit-als-statussymbol-12212620.html">Generation Y</a>” , der akademisch-prekären “<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Generation_Praktikum">Generation Praktikum</a>”, der spießigen und leistungsorientierten “<a href="http://www.fr-online.de/politik/jugend-im-jahr-2010-generation-biedermeier,1472596,4638752.html">Generation Biedermeier</a>” oder der orientierungslosen “<a href="http://www.sueddeutsche.de/leben/generation-facebook-im-wartezimmer-zum-erwachsenwerden-1.1181208">Generation Facebook</a>”. Inzwischen ist man auch in der öffentlichen Wahrnehmung nach dem Jugendalter noch nicht so richtig erwachsen, sondern zählt zu den sogenannten “jungen Erwachsenen”. Ein unangenehmer Begriff, wie ich finde, der es ermöglicht, über selbstständige, eigentlich volljährige und vollwertige Erwachsene weiter so zu sprechen, als wären sie eben doch noch nicht so richtig zurechnungsfähig.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Ist es wirklich so schlimm?</h2>
<p dir="ltr">Nein, denn hier wird etwas überspitzt dargestellt, was vor allem als Unterschied zu früheren Generationen wahrgenommen wird. Aber ich würde schon sagen, dass das Erwachsenwerden bei uns später angefangen bzw. länger gedauert hat und andererseits das Bild vom Erwachsensein anders geworden ist, als es unsere Eltern oder Großeltern gelebt haben. Das ist auch nicht so erstrebenswert, denn dieses Erwachsensein, das wir in der Kindheit kennen gelernt haben, ist hart und nicht besonders lustig oder lustvoll.</p>
<p>Trotzdem gibt es das Gefühl, dem entsprechen zu müssen. Und gleichzeitig das dringende Bedürfnis, sich einfach selbst so viel Eis/Chips/Schoki/Pizza zu kaufen, wie man will, und den ganzen Tag im Bett zu bleiben und Serien zu gucken oder Computer zu spielen. Und so tun, als müsste man nicht erwachsen sein. Kennt ihr?</p>
<p><center><a href="https://twitter.com/amber_benson/status/339513930210754560" rel="https://twitter.com/amber_benson/status/339513930210754560"><img class="aligncenter" alt="" src="https://lh5.googleusercontent.com/iEHh0Ge68ztzaUgrI0m68BnU4DV5NyKmU-Pv7L9c9o5V2sgra3mjGcD8cihxopvPCUV2_GTkkpS_ir_ZFm-ePt8MrC46EbNbBMiXqarc-yzGXou4BGv_r7HWhA" width="444" height="588" /></a></center><center><a href="https://twitter.com/communeva/status/336908155151851520" rel="https://twitter.com/communeva/status/336908155151851520"><img class="aligncenter" alt="" src="https://lh5.googleusercontent.com/5vMLncEuYm5fSUc_Jt4i-d5cCMrouFO1D30QIhI3BSMjIZfq0PN2FJzLImqQEn5wGNWscllQYal9LrWVnExVCG-EhiLFf2ejcUxj7_o-hZjxYkGMCSRiTH7m-Q" width="567" height="267" /></a></center>&nbsp;</p>
<p>Ich denke, das als verspätet wahrgenommene Erwachsenwerden hat unter anderem stark damit zu tun, dass Verantwortung bzw. ein guter Umgang damit erst dann gelernt werden kann, wenn man auch welche hat. Tatsächlich hatten die meisten von uns recht spät eigene Verantwortung. Ich zumindest bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem wir “nur” Kinder waren und deswegen unsere Meinungen und Leistungen “natürlich” weniger zählten, als die von Erwachsenen, häufig auch gar nicht. Das sind Kennzeichen von einem Phänomen, das <a href="http://www.genderinstitut-bremen.de/glossar/adultismus.html">Adultismus</a> genannt wird und zumindest im Netz als Idee noch nicht sehr weit verbreitet ist. In Analogie zu <a href="http://missy-magazine.de/2013/03/06/sexismus-dossier-teil-1-ist-das-noch-erlaubt-sexismus-fur-anfanger/">Sexismus</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus">Rassismus</a> und anderen -ismen bezeichnet Adultismus ein Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern aus dem Diskriminierungen, Grenzüberschreitungen und auch Gewalt entstehen. Er zeigt sich darin, dass unsere Welt größtenteils nach den Bedürfnissen von Erwachsenen gemacht ist und damit Kinder ausschließt. Das soll nicht als einzige Erklärung für das Phänomen vom Erwachsen-nicht-richtig-erwachsen-sein dienen, aber ich möchte es hier herausstellen. Zum einen, weil es ein Thema ist, über das es sich lohnt nachzudenken, und über das ich mir mehr öffentlich sichtbare Diskussion wünsche, zum anderen, weil die Welt, in der wir aufwachsen und ihre Regeln uns als Menschen prägen.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Was heißt das konkret?</h2>
<p>Ein paar Gedanken zum Aufwachsen sollen das Phänomen verdeutlichen: In allen Haushalten, die ich als Kind/Jugendliche kennen gelernt habe (das waren einige bildungsbürgerliche, meist aber eher weniger privilegierte), waren die Kinder ganz klar keine gleichberechtigten Mitbewohner_innen, die den Haushalt selbst (nach ihren Möglichkeiten) mitgestalten konnten und dort Verantwortung trugen. Die Wohnung gehörte den Eltern, Kinder bekamen kleine Aufgaben (das Bad putzen, Staub wischen etc.), die aber von den Eltern an sie delegiert wurden und mit einem System von Belohnungen und Strafen irgendwie durchgesetzt werden mussten. Nicht mal das &#8220;eigene&#8221; Zimmer durfte frei gestaltet werden, Wände bemalen ohne elterliche Kontrolle war zum Beispiel verboten. Auch die eigene Frisur- und Kleidungswahl lag im Entscheidungsbereich der Eltern.</p>
<p>Arbeiten in den meisten Formen wird heute nach dem (notwendigen) Verbot von Kinderarbeit nicht als passende Beschäftigung von Kindern wahrgenommen, sie sollen stattdessen spielen und lernen. Dabei wird das Spielen als der Bereich für Kinder angesehen, in dem sie eigenständig handeln und sich frei entfalten können. Es trägt aber auch dazu bei, einen kleinen, abgeschotteten Bereich für Kinder zu kreieren und sie gleichzeitig aus der Welt der Erwachsenen auszuschließen. Spielen ist in unserer Gesellschaft nämlich auch nicht besonders frei, sondern findet in einem ziemlich eng abgesteckten und durchkommerzialisierten Rahmen statt. Was als Spielzeug für die Kinderzimmerausstattung gekauft wird, sind bunte Plastik- oder auch “pädagogisch wertvolle” Holzsachen, die meistens etwas darstellen, das es auch für Erwachsene gibt, allerdings genau für diese Sache nicht zu gebrauchen ist.</p>
<p><center><img class="aligncenter" alt="" src="https://lh5.googleusercontent.com/7UiTLyTvU2ow71wE_2XFHz4GyS3PbN_z27Xi1O80YwcaBklr75ffDavz-zA57z0aNXFId7HOfm53BqTc21mvfUbEbeYtYFLxEGIQ9zwFvyt7Ek0zMKN_7aZ48Q" width="479" height="253" /></center></p>
<p dir="ltr" id="docs-internal-guid--52adc59-5643-a3bd-229b-9c9012842526">Die Spielzeugkataloge umfassen auf Miniaturgröße geschrumpfte Haushaltsgerätschaften, Werkzeug, Tiere, Essen oder auch Waffen. Mittels dieser Dinge können sich Kinder aber nicht mit Essenszubereitung, Haushaltsführung, der Benutzung von z.B. Messern oder der Pflege von Tieren auseinandersetzen. Was sie beim Rollenspiel damit lernen, bleibt im Bereich des Sozialen und hat wenig Auswirkungen auf praktische Handlungsfähigkeiten.</p>
<p dir="ltr">Während in früheren Generationen Kinder häufig eher zu viel Verantwortung und eine “Freiheit” hatten, die oft genug eher als Alleingelassen-Werden ankam, ist heute teilweise eher das Gegenteil der Fall. Ich möchte jetzt nicht dafür plädieren, dass schon kleine Kinder Geld verdienen und den Haushalt schmeißen müssen. Aber einen eigenen ihren Möglichkeiten entsprechenden Beitrag leisten könn(t)en sie. In der Psychologie und Pädagogik wird das <a href="http://www.kindergarten-heute.de/artikel/fachbegriffe/fachbegriffe_detail.html?k_beitrag=2886806">Selbstwirksamkeit</a> genannt: Positive Erfahrungen davon, selbst etwas tun, bewältigen und bewirken zu können, führen dazu, sich selbst auch in Zukunft etwas zuzutrauen. Selbstwirksamkeit gilt wiederum als schützender Faktor, um im Leben auch durch schwierige Erfahrungen durchzukommen, ohne Schaden an der Person zu nehmen. Wenn es dagegen immer einen “Schutzraum” gibt, in dem sich Kinder bewegen, können sie weniger am “normalen” Leben teilhaben, und das wirkt sich auch auf sie aus. Menschen, für die es schon früh dazu gehörte, sich mit echtem Essen und dessen Zubereitung zu beschäftigen, werden später nämlich auch wissen, wie sie sich selbst ernähren können und es nicht erst dann lernen müssen, wenn sie aus der Wohnung ihrer Familie ausgezogen sind.</p>
<p dir="ltr">Auch auf andere Weise werden kleine Kinder aus dem Alltag der älteren Menschen ausgeschlossen. Häufiger fallen mir 3-/4-jährige auf, die von ihren Eltern im Kinderwagen herum geschoben werden, obwohl sie doch schon lange selbst laufen könnten. Oder weniger verbreitet und ziemlich erschreckend: <a href="http://www.amazon.de/Dreambaby-G202-Sicherheitsband/dp/B000SO6FIE/ref=pd_sim_by_2">Kinderleinen</a>! Vielleicht sind solche Lösungen für den Moment für Eltern bequemer, aber würdiger Umgang mit einem kleinen Menschen ist das nicht. Welche Botschaft wird dem Kind dabei vermittelt?</p>
<p dir="ltr">Einwenden könnte man, dass Kinder und Jugendliche heute eine andere Verantwortung haben, nämlich sich zu bilden. In der heutigen Welt würden eben andere Kompetenzen gefordert, die besser in der Schule, als im Haushalt oder auf der Straße erworben werden könnten. Das ist zwar auch richtig, nur ist diese Verantwortung für Kinder und auch für Jugendliche zu abstrakt, um wirklich als eigene Verantwortung verstanden zu werden. Sie kommt vor allem an als Druck von Eltern und Lehrern und lässt auch nur sehr wenig persönlichen Gestaltungsspielraum. Tatsächlicher GestaltungsFREIraum für Jugendliche und Kinder besteht eher in virtuellen Räumen, in verschiedenen Möglichkeiten von <a href="http://kleinerdrei.org/2013/03/es-gibt-kein-virtuelles-leben-im-realen/">Internet</a>-Nutzung oder in Computerspielen, weniger aber im “real life”.</p>
<p dir="ltr">Es wundert mich angesichts dieser Beobachtungen nicht, dass das Erwachsenwerden mit der Volljährigkeit noch nicht abgeschlossen ist. Wie sollten, wenn das eigene Urteil lange nicht ausschlaggebend war, auf einmal gut begründete, abgewogene Entscheidungen getroffen werden? Menschen, die lange wenig eigene Verantwortungsbereiche hatten und immer wieder bestätigt bekommen, dass sie selbst nicht so viel ausrichten können und Fähigkeiten (noch) nicht einsetzen dürfen, brauchen nach dem offiziellen Ende der Abhängigkeit von der Familie mit 18 Jahren noch Zeit, um zu einer reifen, verantwortungsbewussten Persönlichkeit zu werden.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Erwachsen fühlen und Erwachsen sein</h2>
<p dir="ltr">Auch Jugendlichen werden Eigenständigkeiten erst spät zugetraut . Warum gibt es kaum Modelle für alternatives Wohnen von Jugendlichen, ohne so viel direkten elterlichen Einfluss? Die Norm ist, dass Jugendliche mindestens bis zur Volljährigkeit, zum Abschluss der Schullaufbahn, häufig aber auch bis zur eigenen Erwerbstätigkeit oder bis zur Hochzeit bei den Eltern bzw. der Familie leben.</p>
<p dir="ltr">In dem Gespräch mit dem Freund haben wir über unsere eigene Kindheit nachgedacht &#8211; und das Alter, in dem wir uns in der Lage fühlten und Lust hatten, für uns selbst Verantwortung zu übernehmen. Ich sagte 13/14, er sagte 16/17. Das ist deutlich früher, als von den Eltern und dem Gesetzgeber erwünscht.</p>
<p><center><a href="https://twitter.com/communeva/status/336905762129444865" rel="https://twitter.com/communeva/status/336905762129444865"><img class="aligncenter" alt="" src="https://lh4.googleusercontent.com/3_fO2ZKHGwMoJaxwamXDCjRzEO_kuTeMtNBsqQM3Q6hbD2taV3YCQbtqWZYF68EhE__j_dssO-D-mdvc6XpQPHZyORhzQDJzykkYHlqGD8RwxOSSvQGVQJa5Kw" width="568" height="520" /></a></center></p>
<p dir="ltr" id="docs-internal-guid--52adc59-564c-33d4-fa56-306980a724c5">In meinem Umfeld gab es wenige Ausnahmen von der Norm: Eine gute Freundin von mir hatte ziemlich progressive Eltern, die ihr mit 15 vorgeschlagen haben, in eine Jugend-WG zu ziehen. Daraus ist nichts geworden, aber die Idee hat mich sehr fasziniert. Eine andere hatte ungefähr im selben Alter eine abgeschlossene eigene Wohnung im Haus der Eltern. Meine Eltern waren weder progressiv noch reich, und so habe ich weitere lange Jahre davon geträumt, ehe ich endlich sofort nach dem Schulabschluss in eine WG gezogen bin. Gut getan hätte es mir, wenn ich das viel früher hätte machen können. Denn ich musste mir dann echt mühsam Strategien aneignen, um überhaupt herauszufinden, was ich so mit meinem Leben anstellen will. Geklappt hat das aber scheinbar trotzdem &#8211; ich bin zumindest mit dem bisherigen Ergebnis ganz zufrieden.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Was ist jetzt also mit der <em>degeneration</em>,<br />
den nicht-erwachsenen Erwachsenen?</h2>
<p dir="ltr">Überraschung: Irgendwie kriegen sie ihr Leben auf die Reihe und sind somit offiziell erwachsen. Nur eben anders, als wir die Norm aus der Kindheit in Erinnerung haben &#8211; nicht besser oder schlechter, sondern anders. Ich glaube, dass Viele sich deshalb mit dem Begriff “erwachsen” nicht richtig identifizieren können: Sie leben zwar ein eigenständiges Leben, das aber nicht den Vorstellungen entspricht, die sie früher vom Erwachsensein geprägt haben.</p>
<p dir="ltr">Vielleicht muss daher die Aufgabe beim Erwachsenwerden neben der Eigenständigkeit sein, eine eigene Version von Erwachsensein zu definieren.</p>
<p dir="ltr">Was dabei hilft: Adultistische Stereotype in den Vorstellungen von und aus der Kindheit erkennen und über Bord werfen: Kinder werden z.B. häufig als einseitig emotional, naiv, unselbständig, verspielt, unbeherrscht beschrieben, Erwachsene dagegen als spiessig, langweilig, ernst und rational. Diese Stereotype sind interessanterweise nahe an den gängigen <a href="http://www.zeit.de/zeit-wissen/2007/01/Titel-Frauen-Maenner">Geschlechterstereotypen</a>, wobei das Kindliche der Frau und das Erwachsene dem Mann entspricht.</p>
<p dir="ltr">Die Erfahrung zeigt bei den Klischees von Kindern und Erwachsenen wie bei den Geschlechterstereotypen : Menschen sind komplexer als diese eindimensionalen Bilder von ihnen und zu einer ganzen Person gehört etwas von beiden Polen dazu. Die Merkmale können jeweils auch viel positiver umgedeutet werden. Begeisterungsfähigkeit etwa ist auch für Erwachsene eine sehr nützliche und noch dazu beglückende Eigenschaft.</p>
<p dir="ltr">Solche Vorstellungen loszuwerden ist nicht so ganz einfach, denn adultistische Klischees werden in der Regel viel weniger wahrgenommen bzw. für normal gehalten, schon allein weil sie (im Gegensatz z.B. von sexistischen) alle Menschen betreffen, die ja alle mal Kinder waren. (Eine unschöne Sammlung von Erwachsenen-Sprüchen, die zur Verinnerlichung von solchen Vorstellungen beitragen, gibt es <a href="http://kraetzae.de/_de/inhalt.dl/erzieh_sprueche.htm">hier</a>.) Zudem hört die Wirkung auch mit der Volljährigkeit nicht auf. Auch am Arbeitsplatz, wo es selten Kinder gibt, sind Sätze zu hören wie “Wir sind doch hier nicht im Kindergarten”. Adultistische Abwertung funktioniert dadurch auch noch bei Erwachsenen.</p>
<p dir="ltr">Ich glaube, dass wir solche Vorstellungen erkennen und neu bewerten müssen, um und auch mit unseren vermeintlich “kindlichen” Gefühlen (Überschwang, Angst, Neugier, …) sowie mit vermeintlich “erwachsenen” (Verantwortung, Respekt, Liebe,…) und den entsprechenden Verhaltensweisen als vollständige, lebendige Erwachsene zu begreifen. Vielleicht gelingt uns das dann sogar besser als den Erwachsenen in unserer Eltern- und Großelterngeneration.</p>
<p><center><img class="aligncenter" alt="" src="https://lh5.googleusercontent.com/wZYEeQiojdznmIkuhEnhYqSk8erqyDVCpwAiuyZb3Z9hYnYePzfJ8656DO-4uYUx-a8yd2XPb8uHtLt5Jiiep3Nu9zPwMuup5A9Vq9yM2506_XiPgEES91EDVA" width="429" height="298" /></center></p>
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		<title>Nach dem #waagnis</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Jun 2013 19:09:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Körper & Kopf]]></category>
		<category><![CDATA[Muss ja]]></category>

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		<description><![CDATA[Letzte Woche hatten Ninia, Kathrin, Leelah, Johanna und ich dazu aufgerufen, die unnötigen Körperwaagen wegzuwerfen, um freier zu sein. Die Resonanz auf unsere zu kurz gedachte Aktion war nicht nur positiv, sondern rief auch berechtigte Kritik hervor. Beispielsweise, weil es mit dem Aussetzen der Waage natürlich nicht getan ist, wenn sich nicht an unseren Haltungen, [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Letzte Woche hatten <a href="http://ninialagrande.blogspot.de/2013/06/zehn-jahre-ohne-und-im-kopf-immer-da.html" target="_blank">Ninia</a>, <a href="http://kommander.wordpress.com/2013/06/12/weg-mit-der-waage-her-mit-dem-korpergefuhl-ein-waagnis/" target="_blank">Kathrin</a>, <a href="http://buchstabensuechtig.wordpress.com/2013/06/12/vom-wiegen-und-korperwaagen-ein-waagnis/" target="_blank">Leelah</a>, <a href="http://lesflaneurs.de/2013/06/12/waagnis/" target="_blank">Johanna</a> und <a href="http://kleinerdrei.org/2013/06/lebe-wohl/" target="_blank">ich</a> dazu aufgerufen, die unnötigen Körperwaagen wegzuwerfen, um freier zu sein. Die Resonanz auf unsere zu kurz gedachte Aktion war nicht nur positiv, sondern rief auch berechtigte Kritik hervor. Beispielsweise, weil es mit dem Aussetzen der Waage natürlich nicht getan ist, wenn sich nicht an unseren Haltungen, unserem Verhalten und vor allem an der Gesellschaft, die dies alles beeinflusst, etwas ändert. Ein Punkt, der in unseren Beiträgen zu sehr außen vor blieb. Für viele Menschen ist unsere Aktion zudem völlig irrelevant oder gar ausschließend, da sie aufgrund ihres Gewichts auch mit weggeworfener Waage täglich diskriminiert werden und sich von uns vor den Kopf gestoßen fühlten. Zumal wir mit keinem Wort Texte oder Blogs erwähnten, die sich schon seit langem mit Themen wie Body Acceptance oder Fat Acceptance beschäftigten. Das tut mir sehr leid. (Ninia <a href="http://ninialagrande.blogspot.de/2013/06/die-reaktionen-auf-waagnis-und-mein.html" target="_blank">hat sich bereits vor ein paar Tagen dazu geäußert</a>.)</p>
<p>Ich bin dennoch froh, dass wir die Aktion ins Leben gerufen haben, denn es wurden seither gute Gespräche geführt, es wurde diskutiert und es wurden vor allem sehr viele Texte zum Thema geschrieben, von denen ich einige hier zusammengestellt habe. Ich freue mich zudem über Hinweise auf weitere Beiträge oder Links zum Thema in den Kommentaren. Dankeschön!</p>
<p style="text-align: center;">&#8212;</p>
<p>Journelle schreibt darüber, dass <a href="http://www.journelle.de/3426/make-self-love-not-diet-oder-waagnis-ist-ein-anfang/" target="_blank">die Aktion immerhin ein Anfang sein kann,</a> und Happy Schnitzel <a href="http://happyschnitzel.com/?p=8250" target="_blank">hebt hervor, wie wichtig es ist, wie wir miteinander umgehen</a>. <a href="http://www.claudiakilian.de/waagnis" target="_blank">Claudia Kilian</a> und <a href="http://www.frau-mutti.de/eintrag/17651.html" target="_blank">Frau Mutti</a> wollen sich nicht von ihren Waagen trennen, letztere aber nun endlich mal von ein paar schon lange nicht mehr passenden Kleidungsstücken.</p>
<p>Onyx <a href="http://onyxgedankensalat.wordpress.com/2013/06/13/gefuhlsecht-ohne-ist-es-einfach-viel-schoner-mein-leben-mit-dem-waagnis/" target="_blank">beschreibt, dass sie schon sehr lange gar keine Waage mehr hat</a>. Pjotrpetka hat auch keine Waage mehr, <a href="http://pjotrpetka.wordpress.com/2013/06/12/warum-eigentlich-wiegen-2/" target="_blank">er wollte sich ständig wiegen, weil ihm alle sagten, er sei zu dünn</a>.</p>
<p>Auch in der Crafting-Szene sind Körpernormen schon länger ein Thema. Im Rahmen der Aktion haben sich hier die <a href="http://quartalsstrickerin.blogspot.de/2013/06/mein-waagnis-nicht.html" target="_blank">Quartalsstrickerein</a>, <a href="http://drehumdiebolzeningenieur.wordpress.com/2013/06/14/was-der-me-made-mittwoch-fur-mich-mit-waagnis-zu-tun-hat/" target="_blank">drehmumdiebolzeningenieur</a>, <a href="http://allures-und-couture.blogspot.de/2013/06/meine-gedanken-zu-waagnis.html" target="_blank">Allures und Couture</a>, <a href="http://die-linkshaenderin.blogspot.de/2013/06/meine-gedanken-zum-waagnis.html" target="_blank">die Linkshänderin </a>und <a href="http://www.crafteln.de/2013/06/auch-ein-waagnis-kleidung-nahen-und.html" target="_blank">Crafteln</a> geäußert.</p>
<p>Natalie <a href="http://natalie.springhart.de/wp/blog/2013/06/12/uber-wagnisse-abwagungen-und-andere-gewichtige-themen/" target="_blank">zeigt die Kernpunkte der Kritik an unserer Aktion auf</a> und riotmango <a href="http://riotmango.de/wanted-fat-positive-debatten/" target="_blank">beleuchtet ausführlicher die von uns nicht berücksichtigten Perspektiven und fordert Fat-Positive-Debatten ein</a>. Artnouveau <a href="http://thesexistmeme.wordpress.com/2013/06/14/eure-blicke-sind-meine-waage/" target="_blank">antwortet darauf und erzählt von ihren Erfahrungen</a> und Lippy Answer <a href="http://lippyanswer.blogspot.de/2013/06/bodyacceptance-linkliste-waagnis.html" target="_blank">hat eine Linkliste zu Body Acceptance zusammengestellt</a>.</p>
<p>Antje Schrupp schreibt, sie fände sich zu dick, aber das sei ihr egal <a href="http://antjeschrupp.com/2013/06/13/ich-finde-mich-auch-zu-dick-aber-das-ist-mir-egal/" target="_blank">und bringt die politische Arbeit mit ins Spiel, die sie dahingehend geprägt haben könnte</a> (TW: in der Debatte in den Kommentaren findet inzwischen auch Fat-Shaming statt)<em>,</em> worauf Nele Tabler <a href="http://www.karnele.de/ueber-die-symbiose-gewicht-und-politik/ " target="_blank">einen konträren Text über die Symbiose von Gewicht und Politik schrieb</a>.</p>
<p>Rumbaumeln bemängelt, dass <a href="http://rumbaumeln.blogsport.eu/2013/06/13/kurz-zu-waagnis/" target="_blank">selbst in den gängigen Fat-/Body-Acceptance-Debatten class und race meist außer Acht gelassen wird</a> und verweist in diesem Zusammenhang auch auf <a href="http://schizoanalyse.wordpress.com/2013/06/01/das-grose-fressen/" target="_blank">einen Text von schizoanalyse</a>, die darüber hinaus noch weitere Punkte in Bezug aufs Essen berantet. Distelfliege <a href="http://distels.wordpress.com/2013/06/13/auch-kurz-zu-waagnis/" target="_blank">bezieht sich auf diesen Text und erläutert ebenfalls die Verschränkung von class und race</a>.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und dann ist da noch das wundervolle Tumblr von <a href="https://twitter.com/HannaRosenblatt" target="_blank">@HannaRosenblatt</a> und <a href="https://twitter.com/bergdame" target="_blank">@bergdame</a> entstanden, <a href="http://essendefrauen.tumblr.com/" target="_blank">in dem Bilder von essenden Frauen gesammelt werden</a>.</p>
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		<title>Personal Democracy Forum – #pdf13</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Jun 2013 09:00:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kleinerdrei</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus(s)]]></category>
		<category><![CDATA[Heldinnen & Helden]]></category>
		<category><![CDATA[Interwebs]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tech]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor einer Woche waren Teile der kleinerdrei-Redaktion beim <a href="http://personaldemocracy.com/">Personal Democracy Forum</a> in New York zu Gast, von dem wir nun ein persönliches <em>Best Of</em> der dortigen Talks mitgebracht haben.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p dir="ltr">Vor einer Woche waren Teile der kleinerdrei-Redaktion beim <a href="http://personaldemocracy.com/">Personal Democracy Forum</a> in New York zu Gast, von dem wir nun ein persönliches <em>Best Of</em> der dortigen Talks mitgebracht haben.</p>
<p dir="ltr">Das <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Personal_Democracy_Forum">Personal Democracy Forum</a> ist eine jährliche Konferenz, die sich thematisch zwischen neuen technologischen Möglichkeiten, staatlichen Strukturen und gesellschaftlichem Wandel bewegt bzw. all diese Themen an einem Ort vereint. Hier treffen Angestellte der Regierung, Blogger_innen, Aktivist_innen, NGO-Menschen und schlicht Nerds diverser Berufsschichten aufeinander, um einander zu inspirieren und über den Tellerrand zu schubsen, den Status Quo aber nicht nur zu beschreiben, sondern auch kräftig an ihm zu rütteln. Das vorherrschende Gefühl ist, dass wir gemeinsam Veränderungen bewirken können – ein Gefühl, das sehr gut tut, da es bei entsprechenden deutschen Konferenzen immer noch zu wenig bis gar nicht auftaucht und vor allem zeigte, dass wir ein Äquivalent zum Personal Democracy Forum im deutschsprachigen Raum bislang nicht vorweisen können – zumindest nicht in dieser Größenordnung und Reichweite.</p>
<p dir="ltr">Anders als auf anderen Tech-Konferenzen geht es hier weniger darum, das tollste Start-Up zu präsentieren oder – wie im deutschsprachigen Raum – wie man mit dem eigenen Blog Geld verdienen kann (Spoiler Alert: Google Anzeigen, Flattr und <em>Don’t quit your day job</em> helfen den meisten) oder warum Verlage böse sind und Blogger_innen toll. Was das Personal Democracy Forum stattdessen mit seinen Besucher_innen macht, ist, ihnen ihre Privilegiertheit vor Augen zu führen und sie zu motivieren, etwas davon an die Gesellschaft zurückzugeben. Die Bedeutung von Emotionen für das Knüpfen von Netzwerken und das Erreichen von Zielen wird dabei wohl eine der stärksten Lektionen sein, die sie dieses Mal mit nach Hause nahmen.</p>
<p dir="ltr">Unter dem Motto &#8220;Think bigger&#8221; bot die auch als PDF abgekürzte und bereits zum 10. Mal stattfindende Konferenz jedenfalls genug Nerdery (Wie könnte man eine Konferenz nicht mögen, bei der Vortragende <a href="http://knowyourmeme.com/memes/prancercise">Prancercising</a> und <a href="http://knowyourmeme.com/memes/grumpy-cat">Grumpy Cat</a> in ihre Präsentationsfolien einbauen?), frische Fakten, Motivation und neue Erkenntnisse, um sich direkt wohl zu fühlen. Allein unter den Gästen befanden sich so schlaue Köpfe wie <a href="http://www.shirky.com/">Clay Shirky</a>, <a href="http://dashes.com/anil/">Anil Dash</a> oder <a href="http://www.danah.org/">Danah Boyd</a> und boten damit Anlass für diverse &#8220;OMG, guck mal wer da steht!&#8221;-Fan-Momente. Äußerst angenehm war es auch, endlich mal eine Konferenz zu erleben bei der das Geschlechterverhältnis der Vortragenden fast 50/50 betrug, Frauen schlicht als Expertinnen eingeladen waren und die Konferenz sogar eröffneten. Hier hatten sich die Organisator_innen ernsthaft um Ausgeglichenheit bemüht und das exzellente Resultat gab ihnen mehr als recht.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">What Techies Need to Know About Politics</h2>
<p dir="ltr">Das erste Highlight war <a href="https://twitter.com/cbracy">Catherine Bracy</a> mit ihrem Vortrag &#8220;What Techies Need to Know About Politics&#8221;. Sie leitet <a href="http://codeforamerica.org/"><em>Code for All</em></a>, die internationale Abteilung der Organisation <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Code_for_America"><em>Code for America</em></a>, die sich darum kümmert, die Arbeit von Gemeinderäten und Stadtregierungen mittels Software-Lösungen zu erleichtern.</p>
<p dir="ltr">Ihr Vortrag beschrieb wie die derzeitige Start-Up- und Tech-Szene im <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Silicon_Valley">Silicon Valley</a> trotz zunehmender Investitionen und Wachstums nunmehr zu einer noch größeren Schere zwischen Arm und Reich führt. So steht San Francisco mittlerweile an fünfter Stelle, was die Millionär_innendichte in den Staaten angeht und ein 1-Zimmer-Apartment kostet 2700 $ Miete – landesweit der höchste Mietpreis. Die Mittelschicht schrumpft derweil dramatisch und bereits am Rand befindliche Bevölkerungsgruppen, werden noch stärker abgedrängt: Aktuell sind es vor allem weiße Männer, die von den Entwicklungen des Valleys profitieren.</p>
<p dir="ltr">Die Hoffnung auf Besserung hat Catherine Bracy dennoch nicht aufgegeben, sondern appelliert mit dem schönen Fazit &#8220;Don’t count out the geeks&#8221; (&#8220;Schreibt die Geeks nicht ab&#8221;) wiederum an Eigeninitiative und simples Händereichen:</p>
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<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">How Texting Might Save More Lives Than Penicillin</h2>
<p><a href="https://twitter.com/nancylublin">Nancy Lublin</a> ist CEO und selbsternannte <em>Chief Old Person</em> von <a href="http://www.dosomething.org/">&#8220;Do Something&#8221;</a>, einer Organisation die Jugendliche an Aktivismus und Freiwilligenarbeit heranführt und sie auch langfristig mit Stipendien dabei unterstützt.</p>
<p dir="ltr">In ihrem Talk, &#8220;How Texting Might Save More Lives Than Penicillin&#8221;, berichtete sie davon, welche verschiedenen Kampagnen sie bei &#8220;Do something&#8221; bisher erfolgreich durchführte, dass Tiere und Jugendobdachlosigkeit quasi als &#8220;Einstiegsdroge&#8221; funktionieren, um Jugendliche für gesellschaftliches Engagement zu sensibilisieren und sie erzählte von der Idee einer <em>Crisis Text Line</em>.</p>
<p dir="ltr">Dabei handelt es sich um ein simples Notrufsystem, nur eben per SMS – ein Schritt, der mehr als logisch erscheint wenn man an die Zielgruppe von Teenager_innen denkt. Per SMS sollen sie also in der Lage sein, einen Hilferuf abzusetzen (die Idee dahinter erinnerte auch an <a href="http://kleinerdrei.org/2013/02/where-is-your-line-interview-mit-der-aktivistin-nancy-schwartzman/">die App &#8220;Circle of Six&#8221;</a>), der wiederum über Schlüsselwörter nach Dringlichkeit sortiert und dann entsprechend beantwortet wird. Eine großartige Idee, die vor 2 Jahren entstand und allerdings erst in diesem Jahr vollständig umgesetzt wird, weswegen Nancy Lublin sich berechtigterweise die Frage stellte: Warum muss es eigentlich so verdammt lange dauern, bis solche Notwendigkeiten realisiert werden? Ihr anschließender Rant berührte jedenfalls das gesamte Publikum und sprach besonders den Aktivist_innen aus dem Herzen:</p>
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<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Breaking Out of the Tech Desert</h2>
<p dir="ltr"><a href="https://twitter.com/ShakaSenghor">Shaka Senghor</a> ist Stipendiat des <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/MIT_Media_Lab">MIT Media Lab</a> und Autor des Buchs <a href="http://www.shakasenghor.com/#!books/cnec">&#8220;Live in Peace: A Youth Guide to Turning Hurt into Hope&#8221;</a>, das ebenfalls als Grundlage für sein Mentoring-Programm dient, welches Jugendliche vor der Kriminalität bewahren soll. Er spricht aus eigener Erfahrung, denn als Shaka Senghor 19 Jahre alt war, erschoss er einen Mann, woraufhin er zu 19 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.</p>
<p dir="ltr">In seinem Vortrag &#8220;Breaking Out of the Tech Desert&#8221; beschreibt er seinen Weg ins Gefängnis, seine Wandlung sowie die dort entdeckte Liebe zum Schreiben, wie es sich anfühlte, wieder aus dem Gefängnis zu kommen als sich die ganze Welt um ihn herum plötzlich mit Dingen wie Smartphones und Facebook beschäftigte und er quasi aus einer erzwungenen &#8220;Technologiewüste&#8221; kam:</p>
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<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Weapons of the Geek</h2>
<p dir="ltr">Biella Coleman ist Professorin and der McGill University und Autorin von <a href="http://codingfreedom.com/">&#8220;Coding Freedom&#8221;</a>, einem Buch, das sich mit der Ethik des <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hacker">Hacking</a> auseinandersetzt. Sie forscht generell zu digitalem Aktivismus, setzt sich dabei aber insbesondere mit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Anonymous_(Kollektiv)">Anonymous</a> auseinander.</p>
<p dir="ltr">So stellte sie auch in ihrem PDF13-Vortrag &#8220;Weapons of the Geek&#8221; die Frage, wie man <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Anonymous_(Kollektiv)">Anonymous</a> am besten beschreiben könnte und kommt unter anderem zum großartigen Schluss, dass sie die <a href="http://youtu.be/4r7wHMg5Yjg">&#8220;honey badgers of activism&#8221;</a> (die Honigdachse des Aktivismus’) sind. Sie analysiert ihre Vorgehensweisen, erklärt Zusammenhänge der Gruppierung und zeigt außerdem auf, dass sie sich weiterentwickelt haben:</p>
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<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">GIRLS OF COLOR + CODING = A RADICAL ACT</h2>
<p dir="ltr"><a href="https://twitter.com/6Gems">Kimberly Bryant</a> ist die Gründerin und Geschäftsführerin von <a href="http://www.blackgirlscode.com/">Black Girls CODE</a>, einer gemeinnützigen Organisation, die Mädchen <em>of color</em> im Alter von 7 bis 17 Jahren an Technologie und Programmieren heranführt sowie sie in ihrer unternehmerischen Entwicklung unterstützt.</p>
<p dir="ltr">In ihrem Talk stellte Kimberly Bryant ihre Arbeit vor und betonte, was für ein radikaler Schritt es ist, Mädchen <em>of color</em> diese Fähigkeiten beizubringen und sie zu fördern. Denn obwohl sie auf Konsumentinnenseite bereits einen überwältigenden Anteil ausmachen, so dominiert doch das Bild des weißen männlichen Geeks weiterhin wenn es darum geht, wer all die Tools, Webseiten und Devices bastelt – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wenn dieses Narrativ nicht geändert wird. Black Girls CODE hat es sich daher zum Ziel gesetzt, dieses Bild zu ändern und quasi die Pfadfinderinnen-Organisation im Technologiebereich zu werden. Kimberlys Ziel ist es, schwarzen Frauen Jobs in der Wachstumsindustrie der Computertechnologie zu sichern und die Industrie offener und diverser zu machen, in der momentan 97 % der Angestellten männlich und nicht-schwarz sind. Ein Meilenstein darunter: Bis zum Jahr 2040 einer Million Mädchen <em>of color</em> Coden beizubringen. Bryants Talk war damit definitiv einer der bewegendsten des Personal Democracy Forums:</p>
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<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">The Woman Solution: Diversity As Your Secret Weapon</h2>
<p dir="ltr"><a href="https://twitter.com/jaclynf">Jaclyn Friedman</a>, Geschäftsführerin von WAM! (<a href="http://www.womenactionmedia.org/">Women, Action and the Media</a>), Autorin und Aktivistin trat mit dem Vortrag &#8220;The Woman Solution: Diversity As Your Secret Weapon&#8221; an, um ebenfalls ein Plädoyer für Vielfalt abseits des weißen männlichen Geeks auszusprechen. Besonders schön war ihre Metapher für ein homogenes Arbeitsumfeld, was einem Puzzle entspricht, in dem alle ihre Rollen kennen und sie einnehmen, sich aber darüber hinaus auch nichts Neues ergeben kann. Im Gegensatz zu einem vielfältigen Arbeitsumfeld, das eher wie Lego-Bausteine funktioniert und somit viel mehr Ideen und Kreativität zulässt. &#8220;The solution to the woman problem is to start treating women like a solution.&#8221; (&#8220;Die Lösung des Frauenproblems beginnt damit, Frauen als Lösung anzusehen.&#8221;) Hell yeah, Ms. Friedman:</p>
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<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">The Big Data Secret That No One’s Talking About &#8211; Yet</h2>
<p dir="ltr">Nur was berührt, wird viral – buchstäblich. Diese Botschaft zog sich durch den Talk &#8220;The Big Data Secret That No One’s Talking About &#8211; Yet&#8221; von <a href="http://twitter.com/saracritchfield">Sara Critchfield</a> von <a href="http://www.upworthy.com/">Upworthy</a>, einem Online-Portal, das sich der viralen Verbreitung von Informationen und Unterhaltung verschrieben hat. Um einzuschätzen, wie stark ein Inhalt geteilt werden wird, setzt Upworthy auch auf das Beobachten und Messen der Emotionen, die er auslöst. Critchfield beschreibt diesen Prozess als iterativ und als neu, weil in ihrer Erfahrung Emotionen jahrelang als “weiblich” und daher weniger wertvoll sowie der Logik entgegengesetzt angesehen wurden. Ihrer Erfahrung nach sind die emotionalen Reaktionen von Testgruppen aber sehr wichtiges und wertvolles Datenmaterial, wenn herausgefunden werden soll, was das Produkt in Sachen “Teilen wollen!” noch erfolgreicher machen kann. Das passt zu <a href="http://www.niemanlab.org/2011/03/lessons-of-the-like-log-the-big-story-and-the-nuances-of-shareability/">Daten einer 2011 veröffentlichten Studie einer von Yahoo finanzierten Forschungseinrichtung</a>, die herausfand, dass vor allem Inhalte geteilt werden, die die Teilenden dazu ermutigen, eigene Kommentare oder Bezüge zum Inhalt loszuwerden:</p>
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<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Why Our Webs are Rarely World Wide,<br />
and What We Can Do About It</h2>
<p dir="ltr"><a href="https://twitter.com/ethanz">Ethan Zuckerman</a> ist Leiter des <a href="http://civic.mit.edu/">MIT Center for Civic Media</a>, Autor des jüngst erschienenen Buchs <a href="http://www.ethanzuckerman.com/blog/rewire-digital-cosmopolitans-in-the-age-of-connection/">&#8220;Rewire: Digital Cosmopolitans in the Age of Connection&#8221;</a> und hat die internationale Blog-Community <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Global_Voices_Online">Global Voices Online</a> mitgegründet.</p>
<p dir="ltr">In seinem Vortrag &#8220;Why Our Webs are Rarely World Wide, and What We Can Do About It&#8221; betonte Zuckerman, dass Emotionen uns dazu bringen, nur einen Teil der Welt wahrnehmen zu wollen, nämlich das, was uns nicht überrascht oder aus unserem persönlichen Wohlfühlbereich herausbringe. Statt Diversität von Informationen und Sichtweisen zu suchen, blieben wir bei dem, was unsere Meinung bestätige. Diesen Effekt verstärkt Technologie, da sie nicht wertfrei sei und Algorithmen nie neutral, wie die Entstehung von Google-Suchvorschlägen aus dem Berechnen anderer Suchvorschläge zeige.</p>
<p dir="ltr">Abgeleitet heißt das: Google zeigt eben nicht an, was wir denken, sondern das, was andere wie wir – z.B. weil sie die gleiche Sprache sprechen – denken. Dies wiederum wirkt ein auf das, was wir von gesamtgesellschaftlichen Übereinkünften und Kenntnissen zu wissen glauben. Mit anderen Worten: In manchen Ländern kann man Bettina Wulff googlen und es kommen keine justiziablen Vorschläge. Die Folgen einer Selbstverstärkung von Annahmen und dem Nichtverlassen der Meinungs-Komfortzone sind laut Zuckerman so einfach wie fatal: Dummheit und fehlende Kreativität. Kriegen wir auf diese Weise überhaupt das, was wir wollen und brauchen? Sein Aufruf galt am Ende den schlaueren Tools und solange es diese nicht gibt, den bewussten Blick über den eigenen Tellerrand zu wagen, zum Beispiel im Fall von Twitter (womit er einen Punkt aufgriff, den unter anderem auch schon Sarah Milstein <a href="http://www.dogsandshoes.com/2013/02/can-twitter-make-white-people-less-racist.html">in ihrem Text &#8220;Can Twitter make white people less racist?&#8221;</a> gut beschrieb), indem man einfach mal das Geschlechterverhältnis der verfolgten Accounts überprüft:</p>
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<p dir="ltr">Wenn ihr nun auf den Geschmack gekommen seid, gibt es <a href="http://personaldemocracy.com/video?year=2013">hier eine Liste aller PDF13-Talks</a> und hier <a href="http://www.youtube.com/user/personaldemocracy?feature=watch">den YouTube-Kanal des Personal Democracy Forums</a>, wo natürlich auch sämtliche Vorträge der vergangenen Konferenzen zu sehen sind und mit Sicherheit das Eintauchen ins Archiv lohnen.</p>
<p dir="ltr">Unter welchem Aspekt wir auch immer Emotionen in der Online-Kommunikation betrachten, das PDF 2013 machte zumindest uns mehr als zuvor deutlich und bestätigte, dass sie daraus nicht wegzudenken sind sowie für unser Verständnis für das erfolgreiche Funktionieren von Netzwerken unerlässlich. Außerdem wurde der angestrebte und dringend notwendige gesellschaftliche Wandel in Sachen Diversität nicht nur auf der Bühne besprochen, sondern von vielen bereits aktiv vorangetrieben und gelebt. Passend dazu strahlte dann auch zum Abschluss des zweitägigen Treffens die “Space Oddity”-Version des kanadischen Astronauten Chris Hadfield als Abschiedsgruß von der Leinwand. Das von Micah Sifry, dem Mitbegründer des PDF beabsichtigte Gleichnis dahinter: Geht aus der Raumstation der Konferenz heraus und werdet Botschafter_innen dessen, was ihr hier erlebt habt.</p>
<p dir="ltr">Diese Mission haben wir hiermit hoffentlich schon ein bisschen erfüllt.</p>
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		<title>Lebe wohl!</title>
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		<pubDate>Wed, 12 Jun 2013 09:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Körper & Kopf]]></category>
		<category><![CDATA[Muss ja]]></category>

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		<description><![CDATA[ Alles fing damit an, dass eine Waage kaputt ging und endet mit einem Aufruf zu einer Revolution. Setzt Eure Waagen aus!]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Alles fing damit an, dass eine Waage kaputt ging und endet mit einem Aufruf zu einer Revolution.<br />
<em>(TW: Dieser Beitrag berichtet unter anderem auch von einer Ess-Störung und erwähnt Gewichtszahlen)</em></p>
<p style="text-align: center'">
<span class="separator" style="width:10%;margin: 2em auto" /></span>
</p>
<p><a href="https://twitter.com/ruhepuls/status/333942418426703874" target="_blank">Ich twitterte, ich wolle mir keine neue Waage mehr kaufen</a>. Andere Twitterinnen fanden meinen Schritt sehr mutig. <a href="http://storify.com/ruhepuls/waagnis" target="_blank">Sie berichteten von eigenen Erfahrungen mit der Waage</a> und weil wir schnell merkten, dass das ein emotionales Thema ist &#8211; die Sache mit dem Wiegen und dem Gewicht &#8211; beschlossen wir, eine Aktion ins Leben zu rufen: <strong>Wir erzählen von unserem <strong>#waagnis</strong> und setzen unsere Waagen in die Wildnis aus! </strong></p>
<p>Macht mit! Bloggt, fotografiert eure ausgesetzten Waagen und erzählt uns davon. Wir fangen an und berichten euch von unserem <strong>#waagnis</strong>, keiner von uns ist das leicht gefallen und deshalb freuen wir uns umso mehr, wenn ihr mitmacht: auf eurem Blog, <a href="mailto:waagnis@gmail.com" target="_blank">per Mail</a> oder auf Twitter mit dem Hashtag <strong>#waagnis</strong>.<br />
<a href="http://waagnis.tumblr.com/" target="_blank">Wir sammeln eure Fotos</a> und hoffen auf eine große Galerie der ausgesetzten Waagen. Unter allen, die dort bis zum 31. Juni dieses Jahres mitmachen, <a href="http://waagnis.tumblr.com/post/52736042707/unter-allen-die-hier-bis-zum-31-juni-dieses" target="_blank">verlosen wir dieses wundervolle Bild</a>, das <a href="http://kleinerdrei.org/author/nicole/" target="_blank">Nicole</a> extra für uns gestickt hat. Denn die einzige Waage, die man für ein gutes Leben braucht, ist eine Küchenwaage.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Mein #waagnis</h2>
<p>Als ich mich am 13. Mai wiegen wollte, erschienen auf dem Display meiner Digitalwaage lediglich kryptische Zeichen, die kurz darauf erloschen. Da ich die Batterie erst vor ein paar Tagen gewechselt hatte, ging ich davon aus, dass die Waage kaputt sei und entschied, erst einmal keine neue zu kaufen, um herauszufinden, ob dies mein Körper- und Lebensgefühl positiv verändern würde. Bereits ein paar Stunden später wurde mir das Ausmaß dieser Entscheidung bewusst: Ständig huschte mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich mich ja noch wiegen müsse und je länger der Tag sich hinzog, desto schlimmer wurde es damit. Ich war abhängig von meiner Waage.</p>
<p>Seit ich denken kann, wiege ich mich regelmäßig. Dabei hatte ich in meiner Jugend nie Probleme damit, dick zu sein. Ich konnte essen, was ich wollte, ich blieb immer schlank. Aber ich wuchs in einer Welt auf, in der schlecht über dicke Menschen gesprochen wurde und so wollte ich deshalb auf keinen Fall werden. Also musste ich mich täglich kontrollieren, es gab schließlich schon genügend andere körperliche Nachteile, die ich laut meiner Mutter mit mir herumtrug. Meine hässlichen Beine zum Beispiel, die ich mit meiner unmöglichen Schuhauswahl auch noch unterstrich und meine fehlende Taille, die in den Röcken, die ich trug, noch mehr zur Geltung kam. Ohnehin war meine ganze Erscheinung schrecklich und veranlasste die Menschen im Ort angeblich bereits zu Getuschel. (Mein großes Vorbild war <a href="http://www.youtube.com/watch?v=s8oJV81jq6A" target="_blank">seinerzeit Madonna</a>.)</p>
<p>Mit zwanzig war ich als Au-Pair in Rom, kompensierte Heimweh und Unzufriedenheit mit Essen, nahm in dieser Zeit zehn Kilo zu und kam als &#8216;die Fette&#8217; wieder zurück nach Deutschland. Ich fühlte mich furchtbar, obwohl ich mit 1,74m Köpergröße gerade mal 70 Kilogramm wog. Mein Gewicht wurde natürlich überall kommentiert und so nahm ich – es war ja meine erste Diät – ziemlich schnell wieder ab und schwor mir, nie wieder &#8216;dick&#8217; zu werden.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Störung</h2>
<p>Mitte der Neunziger Jahre ging ich fast jedes Wochenende auf Technopartys. Wir tanzten stundenlang und ich wog nur noch 55 Kilogramm. Meine Mutter sorgte sich bei unseren seltenen Begegnungen, ich könnte magersüchtig sein und Arbeitskolleginnen sagten mir oft, ich sei viel zu dünn. Ich mochte meine Silhouette, wenn ich mich von der Seite im Spiegel betrachtete, mochte es, auf dem Rücken zu liegen und mit den Händen die hervorstehenden Beckenknochen zu spüren und wog mich ständig, um mich dieses Dünnseins zu vergewissern.<br />
Männer machten mir beim Sex Komplimente für meinen Körper und später, als ich ein paar Kilo zunahm, legte mir mein Freund dringend nahe, eine Diät zu machen – ich wog damals gerade einmal 60 Kilogramm.</p>
<p>Als ich diesem hedonistischen, oberflächlichen Leben den Rücken zukehrte, trafen mich meine bis dahin mit Spaß und Musik verdrängten Probleme mit voller Wucht und ich begann, wie schon damals in Rom, meine Unzufriedenheit mit Essen zu kompensieren und nahm zu. Ich hasste meinen Körper, weil ich nach wie vor der Meinung war, dass Menschen mit Übergewicht gesellschaftlich nicht akzeptiert seien und ich so vor allem nie wieder begehrt würde.</p>
<p>Hier begann jenes Leben in ständiger Diät – oder ich brach gerade eine und aß umso mehr und immer mit schlechtem Gewissen. Ich war nie bulimisch, ich habe immer nur gegessen und den Zustand danach ertragen und diesen im schlimmsten Fall versucht mit noch mehr Essen zu kompensieren. Aber irgendwann habe ich dennoch für mich festgestellt, dass ich eine Ess-Störung hatte. Ich wog mich morgens und abends oder hatte Angst vor der Waage und mied sie tagelang wie eine Feindin. Ich dachte ständig übers Essen nach, anstatt herauszufinden, warum ich das tat und warum ich es nach wie vor verurteilte, dick zu sein. Niemand signalisierte mir, dass ich okay sei, so wie ich war. Stattdessen erhielt ich schon mal Ratschläge wie, das Essen vor dem Runterschlucken wieder auszuspucken, wenn ich nicht davon lassen könne. Ich aß Kohlsuppen, verzichtete auf Dinge, die ich gerne aß, fastete und einmal gelang es mir mit Hilfe von viel Sport wieder dünn zu werden. Der Preis dafür war, dass ich mindestens drei Mal in der Woche ins Fitness-Studio gehen musste. Aber ich wurde gelobt für meinen durchtrainierten Körper. Glücklich war ich nicht. Ich stellte mich nach wie vor jeden Tag auf die Waage und als ich mit dem Sport aufhörte, ging alles wieder von vorne los.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Sei gut zu dir</h2>
<p>Vor drei Jahren wog ich mit 80 Kilogramm so viel wie nie zuvor und beschloss, eine Hypnosetherapie zu machen, um abzunehmen. Es fing auf meinen Wunsch hin tatsächlich damit an, Bedürfnisse nach Lebensmitteln, die ich kopflos aß, wenn ich besonders schlecht gelaunt oder traurig war, zu löschen. Erst vor kurzem habe ich es deshalb geschafft, mir nach langer Abstinenz und einem zehnminütigen Kampf vor dem Regal wider diese Umprogrammierung eine 300-Gramm-Tafel Milka Noisette zu kaufen.<br />
Doch die Therapie schlug Dank der großartigen Therapeutin zum Glück schon bald eine ganz andere Richtung ein: Es ging darum, mich bewusst zu ernähren, Freude am Essen zu haben und mir auch darüber hinaus Gutes zu tun. Dass ich dabei abnahm, war eher eine Begleiterscheinung und geschah ohne Anstrengung. Rückblickend kann ich sagen, dass ich in dieser Zeit so zufrieden mit mir war, wie nie zuvor. Ich habe mich nur noch selten gewogen, ich mochte meinen Körper so wie er war, und ich kümmerte mich vor allem nicht mehr darum, wie andere Menschen ihn beurteilten.</p>
<p>Ich habe nach wie vor nicht mein &#8216;Wohlfühlgewicht&#8217;, aber ich bin mit mir ziemlich okay, solange ich einen bestimmten Wert auf der Waage nicht überschreite. Und genau hier liegt mein Problem: In den letzten Monaten passierte dies ständig. Und um dies zu kontrollieren, wog ich mich mittlerweile wieder jeden Tag. Erst nachdem am 13. Mai die Waage kaputt ging, fiel mir auf, dass ich dies oft sogar morgens und abends machte. Eine schrecklicher Zustand, von dem ich mich gerne befreien möchte. Ebenso wie von dem Druck, schlank sein zu müssen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden und begehrenswert zu sein. Mehrere Jahrzehnte falsche Sozialisation können mit Hilfe einer intellektuellen Herangehensweise leider nicht einfach so umgeschrieben werden. Stattdessen bedarf es eines liebevollen Blicks nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst und neuer positiver Erfahrungen in einem Leben ohne oberflächliche Urteile – und ohne Waage.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Rückfall</h2>
<p>Als ich vor über einer Woche meine kaputte Waage bis zum Beginn der Aktion wenigstens aus meinem Blickfeld schaffen wollte, habe ich &#8216;spaßeshalber mal kurz&#8217; eine andere Batterie ausprobiert. Um festzustellen, dass die Waage gar nicht kaputt war. Dabei hatte ich ohne sie begonnen, mich endlich wieder häufiger und wohlwollender im Spiegel zu betrachten. Das Gewicht, das die Waage mir nun anzeigte, passte jedoch überhaupt nicht zu dem guten Körpergefühl, das ich hatte. Anstatt die Waage nun erst recht fortwerfen zu wollen, fällt es mir nach diesem Rückfall nun besonders schwer, sie auszusetzen. Mir ist aufgefallen, dass ich insgeheim immer noch davon träume, wieder meine Beckenknochen spüren zu können. Ich hatte einst einen Kollegen, der fast 200 Kilogramm wog und irgendwann sagte er zu mir: &#8220;Ich war ja nicht immer so. In mir gibt es nach wie vor eine dünne Version von mir. Ich schaffe es nur nicht, sie wieder zum Vorschein zu bringen.&#8221; </p>
<p>Ich möchte mich von meiner dünnen Version in mir verabschieden. Die gibt es nicht mehr, ich bin längst eine andere. In meinem Schrank befanden sich bis vor kurzem immer noch Kleider, die mir seit Jahren nicht mehr passen. Zwei davon habe an liebe Freundinnen verschenkt. <a href="http://waagnis.tumblr.com/post/52776665402/in-berlin-stellen-die-menschen-dinge-die-sie" target="_blank">Ciao, Waage!</a></p>
<p style="text-align: center'">
<span class="separator" style="width:10%;margin: 2em auto" /></span>
</p>
<p>Die Beiträge meiner Gefährtinnen:<br />
<a href="http://kommander.wordpress.com/2013/06/12/weg-mit-der-waage-her-mit-dem-korpergefuhl-ein-waagnis/" target="_blank">Weg mit der Waage, her mit dem Körpergefühl</a><br />
<a href="http://lesflaneurs.de/2013/06/12/waagnis/" target="_blank">Die räudige Straßenwaage – bitte nicht mitnehmen</a><br />
<a href="http://ninialagrande.blogspot.de/2013/06/zehn-jahre-ohne-und-im-kopf-immer-da.html" target="_blank">Zehn Jahre ohne&#8230; und im Kopf immer da </a><br />
<a href="http://buchstabensuechtig.wordpress.com/2013/06/12/vom-wiegen-und-korperwaagen-ein-waagnis/" target="_blank">Vom Wiegen und Körperwaagen</a></p>
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		<item>
		<title>Ganz einfach degradiert</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Jun 2013 09:32:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hakan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich wollte mir eigentlich nur Rapmusik anhören, aber wie es dann so ist, am Ende denkt man dann ja doch über mehr nach als nur Musik.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ich habe mir letztens wieder einen Song angehört. Es ist ein Rapsong, er heißt &#8220;<a href="http://www.youtube.com/watch?v=gVfiquHoIQQ">Nur die Starken überleben</a>&#8220;, Nate57 &amp; Telly Telz heißen die Rapper. Sie leben in Hamburg, Kiez ist ihr Lieblingswort, das Lied ist straight up Gangsterrap. Viel Attitüde, viel Macho und viel Gewaltandrohung. Alles in allem wohl eher ungemütlich, der Typ. Niemand, mit dem man sich auf einen Kaffee trifft. Allein die Vorstellung ist absurd, ich glaube, Nate57 gibt sein Geld nicht für Kaffee und Kuchen aus.</p>
<p><em>&#8220;Guck, Kunststudenten fragen mich immer nach Ot (Slang für Gras)</em><br />
<em> ich bin lieber misstrauisch: Vielleicht ist er ja ein Cop.</em><br />
<em> Der Stoff von deiner Jacke gefällt mir &#8211; lass mal anprobier&#8217;n!</em><br />
<em> jetzt ist es meine, hast du kapiert?</em><br />
<em> Ich bin arm wie&#8217;n Schwein, wie soll man da nicht aggressiv sein?</em><br />
<em> Versetz&#8217; dich doch mal in mich rein!&#8221;</em></p>
<p><em>Klar, kein Ding, reinversetzen ist simpel.</em></p>
<p>Hätte ich den Song vor zehn-zwölf Jahren gehört, hätte ich ihn kompromisslos gefeiert. Nicht, weil ich aus schwierigen Verhältnissen komme, aber ich hatte viel mehr Zugang zu dem, was Nate57 da rappt. Dieses Gefühl, dass so viele Migranten/Kanaken hatten in meinem Umfeld (ich weiß nicht, wie das heute ist), zum Beispiel an Weihnachten, wenn anderen Kindern der Klasse die halbe Welt unter den Baum gelegt wurde. Wie man (lies: ich, mein Umfeld) manchmal dasaß und dachte: Andere Eltern wären vielleicht doch ganz cool gewesen.</p>
<p>Schon klar, sie sparen das Geld, sie schicken es in die Türkei, die Verwandten brauchen es mehr, aber die Playstation 2 und Metal Gear Solid ist eigentlich das, was mich gerade beschäftigen sollte anstelle von kaltkalkulierten Abwägungen.</p>
<p>Bayram schön und gut, Händeküssen, Geld kriegen, 100 Euro Pi mal Daumen, aber das ist keine halbe Welt, das ist ein Kinobesuch, danach Hamburger plus 20er-ChickenMcNuggets und das Geld ist eh&#8217; fast schon rausgepulvert.</p>
<p>Also ja, reinversetzen ist simpel, ich verstehe, was er rappt. Geld macht nicht glücklich, meinetwegen, aber kein Geld macht Hass.</p>
<p>Das Ding ist: Ich kann mich nur noch in der Vergangenheitsform reinversetzen. All das, wovon Nate57 rappt, liegt bei mir so weit zurück, dass ich von den &#8220;guten alten Tagen&#8221; reden könnte. Genau genommen mache ich das schon, aber dazu gleich mehr.</p>
<p>Nate57 hat einen anderen Song, den ich sehr oft höre: Er heißt &#8220;<a href="http://www.youtube.com/watch?v=4uVO3wXR2rM">Immigranten</a>&#8220;.</p>
<p><em>&#8220;Egal in welches Restaurant man geht, sie rücken weg</em><br />
<em> der Kioskbesitzer denkt, dass ein Messer im Gürtel steckt</em><br />
<em> […]</em><br />
<em> guck, zu viele koksen, viele kiffen,</em><br />
<em> manche versuchen den graden Weg, aber werden in einen Topf geschmissen</em><br />
<em> Verschissen! der Ausbildungsplatz wurd&#8217; geschnappt</em><br />
<em> von einem Typen mit einem besseren Namen auf dem Pass&#8221;</em></p>
<p>Ich weiß nicht, wieso, aber ich hab irgendwas in der Richtung &#8220;Mei, selbst schuld!&#8221; gedacht. Nicht so offensiv, ich übertreibe hier, damit meine Position und mein Problem deutlich wird, aber grundsätzlich habe ich die Art, wie er lebt, samt all seiner Probleme degradiert.</p>
<p>Dabei weiß ich es besser. Ich kann aus dem Stand, wenn ich in mein Umfeld schaue, zwanzig Fälle nennen, wo ich ganz offen gelebten Rassismus als Grund angeben würde dafür, dass die Person in ihrer Weiterbildung gestoppt wurde. So vielen türkischen Frauen in meinem Umfeld wurde geraten, doch Arzthelferin zu werden. Fast allen (wie gesagt, zehn-zwölf Jahre). Bevor es heißt, das sei ja nicht schlimm und Arzthelferin sei ein guter Job: Ach was.</p>
<p>Wenn aber allen anderen kommuniziert wird, unbedingt den Ausbildungsweg weiterzugehen, sonst würde es schwer mit Jobs, auch Arzthelferin, wenn dann keine Eltern hinter einem stehen und dem Lehrer mit einem &#8220;Fick dich&#8221; klar zu verstehen geben, was los ist, knickst du ein, dann übernimmst du die Sicht deines Lehrers und traust dir selbst auch nicht mehr zu.</p>
<p>Oder Freunde, die aktiv mit einer besseren Abschlussnote in Deutsch geködert wurden, wenn sie im Gegenzug keinen Quali (Qualifizierender Hauptschulabschluss) machen. Weil das &#8220;wichtiger&#8221; sei, lieber gute Abschlussnote in Deutsch. Die Freunde, die dann ein Ego haben wie ein Streichholz, obwohl sie de facto krass intelligent sind und zehn-zwölf Jahre brauchen, um sich einzugestehen, dass sie mehr wollen vom Leben und was es so zu bieten hat und aus Jux (!) anfangen, Drehbücher zu schreiben.</p>
<p>Also ja, ich weiß es besser. Ich weiß, dass ein Großteil von dem, was Nate57 rappt, so banal es klingt, weil es zu einem Klischee gemacht wurde, einfach stimmt. Dass es eben keine Opferrolle ist, in die er sich einfügt (&#8220;ich darf an der Gesellschaft nicht partizipieren&#8221;), sondern eine aktive Rolle, weil er das anprangert. Weil diese &#8220;Mai, selbst schuld&#8221;-Haltung von mir ein aktiver Kampf dagegen ist, sich damit auseinanderzusetzen, was eigentlich los ist. Weil es sehr simpel ist, Schwachstellen zu finden (ansonsten eventuell problematischer Typ, weil Gewaltandrohungen etc.), um das Argument ausklammern zu können.</p>
<p>Ich will hier nicht den Typen feiern. Kann sein, dass er aggressiv ist und sich grundlos durch die Gegend boxt, zumindest rappt er ja auch recht authentisch davon. Kann sein, dass er der ungemütliche Typ ist, der keine Lust auf Kaffee und Kuchen hat.</p>
<p>Ich kann und muss aber auch sagen, dass es diese Tendenz gibt, unter Migranten/Kanaken, die es &#8216;geschafft&#8217; haben, sich zu distanzieren von diesen Leuten. Als ob sie, wir, ich etwas besseres wären, als ob wir diese Probleme nicht kennen würden. Vermutlich kennen das nicht alle, ja, aber wie auch weiter oben rede ich von meinem Umfeld. Das sind dann die Türken, die plötzlich pro-Türsteher argumentieren und Sachen sagen wie &#8220;Ja, aber hey, ich kann das schon verstehen, unsere&#8221; &#8211; es sind immer &#8220;unsere&#8221; &#8211; &#8220;Türken machen halt auch einfach viel Stress.&#8221; Eine saudämliche Argumentation, aber man ist stolz, dass man es selbst geschafft hat. (Ich habe nie so argumentiert, aber es oft gehört und dann entnervtes Kontra gegeben.)</p>
<p>Und ich ganz persönlich bin in einer glücklichen Position, ich bin nicht mehr auf 100 Euro Bayramgeld angewiesen. Ich habe irgendwann angefangen, Politik zu studieren, Journalist zu werden, diesdas, schönes Leben, ich habe immer mehr den Zugang zu Religion verloren, weil ich nicht mehr darüber reden wollte, wie das Leben vor 1400 Jahren aussah (auch hier: keine Verallgemeinerung, nur mein Umfeld, gibt genügend islamische Communitys, die schauen, wie sie den Islam hier und jetzt leben können). Darüber sind die türkischen Leute aus meinem Leben gefallen, ohne, dass ich das wollte. Einfach, weil man diese Menschen in der Moschee getroffen hat, so wie auch Arbeitskollegen oft nie Freunde sind, sondern Leute, mit denen man sich zum Mittagessen verabredet. Was ich habe an türkischen Menschen um mich rum, das ist Familie. Sonst ist das so gut wie niemand, der regelmäßig da wäre. Das meine ich, wenn ich weiter oben schreibe, dass ich den Zugang verloren.</p>
<p>In meiner Welt ist alles möglich. &#8220;Man&#8221; kann es schaffen. Für viele andere Welten ist es unmöglich, sich zu behaupten. Ganz einfach, weil mit komplett anderen Maßstäben gemessen wird. Ich muss nur auf meine Playlist hören, um das zu merken.</p>
<p>Denn direkt nach Nate57 ist &#8220;<a href="http://www.youtube.com/watch?v=pu1ZU4Nlx9k">Unperfekt</a>&#8221; gekommen. Ebenfalls Rap, der Rapper heißt Maeckes, gehört zu den Orsons, genauer gesagt ist das sogar ein Titel vom aktuellen Album. Es geht um Liebe, darum, dass Maeckes sich fragt, warum es jemanden gibt, der dazu fähig ist, ihn zu lieben. Ihm fallen lauter gute Gründe dagegen ein.</p>
<p><em>&#8220;ich zeig&#8217; nicht gern Gefühle,</em><br />
<em> nicht mal, wenn ich betrunken bin, da schmeiß&#8217; ich gerne Stühle&#8221;</em></p>
<p>Das ist konkrete Gewalt. Ein besoffener Typ, der im Club randaliert.(Nichts für Ungut, Maeckes, bin trotzdem großer Fan, hey!). Aber ich will auch nur eine Person sehen, die diese Zeile gehört hat und jemals aktiv Angst davor hatte, Maeckes zu begegnen. Eine Angst, oder ablehnende Haltung meinetwegen, die man hat/hätte, würde diese Zeile von Nate57 kommen. Da wäre diese Zeile, das ist jetzt meine Unterstellung, ja, dann wäre der Kontext, die Art, wie du, ich, wir das wahrnehmen, viel krasser durchdrungen von dem konkreten Anteil an Gewalt, der da mitschwingt. Weil es gut passt. Ein &#8216;Ausländer&#8217; mehr, der ausflippt. Haben wir ja schon immer gewusst. Rappt Maeckes die Zeile, dann, na ja, dann ist er halt nicht fähig, seine Emotionen klar auszudrücken.</p>
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		<title>Frühlingsgefühle</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Jun 2013 13:01:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kleinergast</dc:creator>
				<category><![CDATA[kleinergast]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Vom arabischen zum türkischen Frühling – wie europäische Revolutionsromantik neue Metaphern sucht und alte Orientalismen findet.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div title="Page 4">
<div>
<div>
<p style="text-align: center;"><em>Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik <a href="http://kleinerdrei.org/category/kleinergast/">kleinergast</a>, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Sammy Khamis.</em></p>
<p style="text-align: center;"><em>Sammy hat seine Magisterarbeit zum Thema ägyptische Revolution und orientalistische Repräsentationsmuster in der medialen Repräsentation geschrieben und letztes Jahr auch abgegeben. Hört sich schlimmer an als es ist: Medienanalysen und Metaphern interessieren Sammy, seitdem er während der ägyptischen Revolution in Kairo war und für den Bayerischen Rundfunk arbeitet.</em></p>
<p style="text-align: center;"><em><a href="http://smsmkhamis.blogspot.de/">Sammys Blog</a> • <a href="https://twitter.com/Sammysmsm">@Sammysmsm</a></em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: center'">
<span class="separator" style="width:10%;margin: 2em auto" /></span>
</p>
<p>&#8220;Zu früh sei aber von einem arabischen Frühling zu sprechen.&#8221; So endet ein Seite-Drei Artikel in der FAZ. Erschienen ist der Artikel nicht im allgemeinen Abgesang an die arabischen Revolutionen ab Ende 2011, sondern bereits 2005. Der ägyptische Langzeitpräsident Husni Mubarak hatte damals einen Gegenkandidaten. Dieser vereinte ganze acht Prozent der Stimmen auf sich. Eine innenpolitische Revolution? Für einen arabischen Frühling reichte das damals jedenfalls noch nicht.</p>
<p>Heute, 2013, ist der arabische Frühling ein gebräuchlicher und mittlerweile wohl auch nostalgischer Begriff. Er fiel ab 2011, quer durch das deutsche Feuilleton, und ist heute ein geflügeltes Wort. 2011 standen die Chancen noch gut in allen arabischen Ländern.  Tunesien, Ägypten und Libyen und natürlich die Aufstände in Bahrein und im Jemen: Der arabische Frühling ist ein <a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/arabellion-golfstaaten-schicken-offenbar-soldaten-nach-bahrein-1605746.html">Sammelbegriff, ähnlich wie &#8220;Arabellion&#8221;</a>. Arabischer Frühling – das ist die Forderung nach Freiheit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Arabischer Frühling – das soll die Erhebung eines Volkes beschreiben, gegen einen in der Regel <a href="http://lynch.foreignpolicy.com/posts/2012/06/18/calvinball_in_cairo">autokratischen Präsidenten samt Unrechtsstaat</a>. Der Begriff dient als Geburtsstunde, als Startpunkt einer arabischen Zivilgesellschaft.</p>
<p>Das alles mag schon sein. Aber „arabischer Frühling“ &#8211; das ist der falsche Begriff. Genauer: Es ist der europäische Begriff.</p>
<p>In Ägypten und Tunesien (sowie allen weiteren Ländern im arabischen Raum, die großzügig dem &#8220;arabischen Frühling&#8221; zugerechnet werden) übersetzt man ihn. Er heißt dann Rabih al Arabi – verwendet wird er kaum. Er ist ein Sprachimport, erst aus dem Englischen wurde er ins Arabische übersetzt.</p>
<p>Nach den ersten großen Demonstrationen in Ägypten ab dem 25. Januar 2011, sowie dem erfolgreichen Umsturz in Tunesien, verwendet das Handelsblatt am 28. Januar als erste deutschsprachige Zeitung den Ausdruck „arabischer Frühling“ (ohne Anführungszeichen und in der Überschrift). In den darauf folgenden Wochen ziehen alle führenden deutschen Tages- und Wochenzeitungen, sowie Radio und Fernsehen nach.</p>
<p>Am 25. Januar 2011 ist es der ägyptische Friedensnobelpreisträger Mohamed el Baradei, der nach langen Jahren in Europa den Begriff „arab spring“ verwendet. <a href="http://www.spiegel.de/international/world/elbaradei-on-democracy-s-chances-in-egypt-we-could-experience-an-arab-spring-a-743825.html">Der internationalen (englischsprachigen) Redaktion von Spiegel Online</a> gibt er ein Interview, in dem er sagt: &#8220;Perhaps we are currently experiencing the first signs of an Arab Spring&#8221;. An das Zitat hängt die Redaktion des Spiegels in Klammern folgende Information: „e.g. similar to the so-called Prague Spring of political liberalization in Czechoslovakia in 1968.“ Der arabische Frühling hat damit einen Vorgänger, den Prager Frühling von 1968.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">’S ist wieder März geworden &#8211; vom Frühling keine Spur!</h2>
<p>Der arabische Frühling ist also die kleine Schwester des Prager Frühlings von 1968 und der Märzrevolution bzw. des Völkerfrühlings von 1848. Nur eben anderthalb, bzw. ein halbes Jahrhundert später.</p>
<p>Nicht nur bekommen die Aufstände und Revolutionen in der arabischen Welt einen europäischen Begriff verpasst (der &#8211; nur zur Wiederholung &#8211; im arabischen kaum verwendet wird), sie hecheln damit der europäischen Geschichte natürlich auch hinterher. Was Europa schon durchgemacht hat, hat der arabische Raum noch vor sich. Simpelste Orientalismen also.</p>
<p>Natürlich weisen die Umbrüche und Umstürze in Ägypten und Tunesien Ähnlichkeiten untereinander auf. Und allzu weit sind sie nicht von den Volksbewegungen in der Tschechoslowakei 1968 entfernt. Aber in Ägypten verweist man auf die Revolution entweder indem man sie als solche benennt: thawra (ثورة), oder indem man einfach den Tag der ersten großen Demonstrationen, den 25. Januar (2011) – <a href="http://www.usip.org/publications/blogs-and-bullets-ii-new-media-and-conflict-after-the-arab-spring">Hashtag #jan25</a> – als Synonym verwendet. Frühling? Den findet man im ägyptischen Klima ebenso wenig, wie im politischen Revolutionswortschatz.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Drop the Orientalist term</h2>
<p>Folgerichtig schreibt der libanesische Journalist Rami Khouri „<a href="http://www.dailystar.com.lb/Opinion/Columnist/2011/Aug-17/Drop-the-Orientalist-term-Arab-Spring.ashx#axzz2VC8nItWz">I find this [term "arab spring"] totally inappropriate, and have banished it from my own writing and speaking.</a>“ Khouri fängt bei sich selbst an. Kein Arab-Spring in seinen Artikeln. Und er fordert von westlichen Medien: Verwendet den Begriff „arabischer Frühling“ einfach nicht mehr.</p>
<p>Nun lassen sich Journalisten von Berufs wegen her wenig vorschreiben, vor allem, wenn es ihnen um Herzenssachen geht. Die arabischen Revolutionen und Aufstände waren und sind ein Thema, dem sich ganz grundsätzlich mit größter Empathie und inhaltlicher Trennschärfe genähert wurde. Die Berichterstattung aus Kairo, Tunis und Damaskus beschrieb eine Zeitenwende: Ein politischer Aktivist aus dem arabischen Raum, noch dazu ein Muslim, war nicht mehr ein barttragender Religionskämpfer – sondern ein jugendlicher, gebildeter, onlineaffiner Bürger, der legitime Forderungen nach Freiheit und Gerechtigkeit stellte.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Europäisches Qualitätssiegel „Arabischer Frühling“</h2>
<p>Der Ausdruck „arabischer Frühling“ ist aber von einem wohlgemeinten und empathischen Begriff zu einem selektiv verwendetem europäischem Gütesiegel geworden: Wer „Frühling“ gebraucht, der umgeht die (dummerweise) politologisch überformte Definition von Revolution – in Anbetracht der Kontinuität autoritärer Strukturen in den entsprechenden Ländern vielleicht nicht zu Unrecht, aber ignorant gegenüber der Tatsache, dass die Innenansicht zahlreicher Ägypter „Revolution“ als Begriff zu Hand legt.</p>
<p>Darüber hinaus braucht es für das westliche Qualitätssiegel „Frühling“: Einen von der linken westlichen Öffentlichkeit kritisch beäugten (bestenfalls autokratischen) Präsidenten, und/oder eine unterdrückte intellektuelle Mittelschicht und/oder einen globalisierungskritischen internationalen Bezugspunkt. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, dann kann „Frühling“ mit landes-, regions- oder religionsspezifischem Präfix vergeben werden. Die Unabhängigkeitsbestrebungen Palästinas, aber auch der koloniale Freiheitskampf gegen europäische Besatzungsmächte – <a href="http://www.aljazeera.com/indepth/opinion/2011/11/2011111810259215940.html">das war kein „Frühling“, sondern bestenfalls Rebellion</a>. Über Definition streitet, wer darüber entscheidet. Im Fall des „Frühlings“ ist es ein Teil des Westens. Heute geschieht dies unter wohlgemeinten Vorzeichen; dreht bekannte Orientalismen aber nur um, anstatt sie aufzuheben.</p>
<blockquote><p>Hinter wohlmeinender und empathischer Berichterstattung versteckt sich oftmals eine europäische Revolutionsromantik und ein zweiter Orientalismus: die des Sehnsuchtsortes Orient</p></blockquote>
<p>Im 19 Jahrhundert bauchtanzten die arabischen Frauen die vom viktorianischen Puritanismus gemarterten europäischen Männer aus ihrer sexuellen Agonie – in Orientreisen oder Orientliteratur. Heute verschwimmen Tahrir Platz oder Jasmin-Revolution zum manifesten oder imaginierten und tränengasverhangenen Sehnsuchtsplatz revolutionsabstinenter Bundesbürger. Cool, gewagt und ein re-run der eigenen Geschichte sind die Proteste. Seit vergangener Woche auch in Istanbul. Bäume retten vor den Baggern des Kapitalismus, auf die Straße gehen gegen staatlichen Ökonomismus, protestieren gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan samt seines Islamismus. Ein türkischer Frühling? Gleich ein türkischer Sommer? Es sei &#8220;noch zu früh […] von einem türkischen Frühling zu sprechen&#8221;. <a href="http://www.liberation.fr/monde/2013/06/02/illusion_907675">schreibt Liberation</a>. Man könnte aber auch einfach aufhören, den Begriff zu verwenden. Dafür wäre es höchste Zeit.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Warum ich will</title>
		<link>http://kleinerdrei.org/2013/06/warum-ich-will/?utm_source=rss&#038;utm_medium=rss&#038;utm_campaign=warum-ich-will</link>
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		<pubDate>Mon, 03 Jun 2013 09:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus(s)]]></category>
		<category><![CDATA[Zwischenmenschliches]]></category>

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		<description><![CDATA[Nicole fand Heiraten schon immer doof. Warum und wie sich das veränderte.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p dir="ltr" id="docs-internal-guid--3390aab-0617-03a9-d2c6-c744e3711b5c">Ich wollte nie heiraten.</p>
<p dir="ltr">Nienienie. Nicht nur, weil ich heiraten kacke fand. Es hat mich einfach nicht interessiert. Als ich klein war nicht, später noch weniger. Manchmal dachte ich an ein Fest und ein Kleid, doch da ging es nicht um romantische Liebe, Feste und Kleider hatten auch an Geburtstagen Platz. Wenn ich als Kind Familie spielte, dann am liebsten als alleinerziehende Mutter &#8211; superberühmte und jetsettende alleinerziehende Detektivmutter. Ich war bombe!</p>
<p dir="ltr">Wenn ich daran denke, nicht heiraten zu wollen, erinnere ich mich vor allem an Fräulein Rottenmeier. Keine Ahnung, wann das Klick gemacht hatte, jedenfalls verstand ich, dass das Prinzip “Alte Jungfer” nicht deshalb abgelehnt wird, weil alte Jungfern doof sind, sondern das eine Strategie ist, um unverheiratete Frauen zu dissen. Da beschloss ich, selbst eine alte Jungfer zu werden. Ich wollte aus Prinzip nicht heiraten. Niemals. Ein Beispiel dafür sein, dass es auch ohne geht. <a href="http://youtu.be/WZDass5LcGo"><em>All the women who are independent/ Throw your hands up at me.</em></a> Als alte Jungfer sterben und stolz darauf. BÄM!</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Tale As Old As Time</h2>
<p dir="ltr">Meine Eltern lernten sich über eine Ehevermittlung kennen, vielleicht das Onlinedating der Achtziger Jahre. Sie verliebten sich, heirateten und setzten zwei Kinder in die Welt. Classic Tale? Na, fast. Sie trennten sich, wie viele andere auch. Und blieben verheiratet. Bis dass der Tod sie schied. In den letzten Jahren war das, wenn auch ziemlich inoffziell, eine sogenannte “Homoehe”, ich habe zwei Mütter. Weil die eine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Transidentit%C3%A4t" target="_blank">transidentisch</a>, die andere <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Cisgender" target="_blank">cis</a> ist, wäre die Ehe damals zwangsgeschieden worden, hätte die eine ihr Geschlecht auch urkundlich anpassen lassen. Zwischendurch lebten sie mal polyamor, ohne das so zu nennen, aber das Verhalten meiner Eltern hat mit meinem Bild von Ehe wahrscheinlich eher wenig zu tun. Ehe fühlte sich als Idee einfach komisch an. Zum von den Fingern schütteln.</p>
<p dir="ltr">Meine Cis-Mutter belächelte mich, nahm meinen Vorsatz, nicht heiraten zu wollen nicht ernst. “Irgendwann wird der Moment kommen, an dem du weißt, dass du heiraten willst, irgendwann wirst du wissen, dass du die Person, mit der du zusammen bist, heiraten willst. Das ist halt so.” Und ich so: “Nö, ich nicht, niemals. Versprochen.” Ich wusste in der Zwischenzeit mehr darüber, wie Heteroehepaare ihren Arbeitsalltag organisieren, wie Ehefrauen an Mehrarbeit hängen bleiben, wie Männer eher davon profitierten, verheiratet zu sein, hatte ein glibberiges Bild davon im Kopf, was es bedeutet, Ehefrau zu sein. Üsch wollte das nüscht. Nicht zuletzt störte mich der Gedanke daran, wie die Ehe als Sache, als Konstrukt diskriminiert, was sie konstituiert, wer alles von ihr ausgeschlossen ist. <a href="http://kleinerdrei.org/2013/04/aber-ich-will-doch-gar-nicht-heiraten/">Daniel schrieb hier bereits einen klugen Text dazu</a>, bei dem ich jeden Satz highfive.</p>
<p dir="ltr">Eines Tages, wie once upon a time, nahm ein Mann namens Hans meine Hand. (Der Witz, dass ich von Gleichaltrigen Hans genannt wurde, als ich mich als 12-jährige wie ein Junge anzog.) Ich hatte sie ihm hingehalten, wir wurden ein Paar. Nach vielen schüchternen Verliebtheiten in viele unterschiedliche Mädchen und Jungs meine erste Beziehung. Es war ein verwirrendes Ding. Ich wollte nichts fordern, hatte Ideen davon, dass man, um Zeit miteinander zu verbringen und gut zueinander zu sein, keinen Namen und keine Form dafür braucht. Er schenkte mir den Schlüssel zu seiner Wohnung. Ehe wir das erste Mal miteinander schliefen, hatte ich erkannt, dass er ein guter Vater sein könnte, fragte ihn, wie es komme, dass er das noch nicht sei. Kurz nachdem wir das erste Mal miteinander schliefen, fragte er im Scherz, wie unsere Kinder heißen sollten. Ich ging darauf ein, er schlug geschlechtsoffene Namen vor, wir redeten über Taufen und den Tod, steckten ab, was wir uns für Kinder wünschen. (Nicht: was für Kinder wir uns wünschen.) Wie viel es wog, als ich akzeptierte wirklich richtig verliebt zu sein. Wie reingefallen in etwas. Ich begriff, dass ich mich jetzt wirklich auf ihn verlassen müsse, mir gleichzeitig nicht einreden wollte, dass es Beziehungssicherheit gibt. Da wollte ich nie hin. Da war ich nun und wollte bleiben. Weird. Es wurde offiziell, als er mich fragte, ob er mir eine Facebookbeziehungsanfrage stellen dürfe.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Willst du mich heiraten? Nö.</h2>
<p dir="ltr">Ein paar Wochen später fragte er mich, ob ich mir vorstellen könne, mein Leben mit ihm zu verbringen, ihn zu heiraten. Wir lagen im Bett herum, das war kein Antrag, eher eine ernste Frage zum Maldrüberreden. Ich dachte viel nach über Freiheit in Beziehungen. Das war alles neu, ich musste sortieren. Wie er betonte, dass ich frei sein sollte, er mich nicht einengen wollte. Nein, eng war es nicht, ich bekam keine Überdosis Hans hin. Ich konnte mit ihm sein, als wäre ich alleine; langweilig, unleidlich, komisch. Er forderte nichts ein. Und trotzdem. Paar sein. Seltsam. Ich hatte das Gefühl mit meinen Sätzen Geschlechterrollen zu konstruieren wie selten vorher, in diesem Paarsein. Da war die wunderliche Exklusivität einer romantischen Zweierbeziehung und ihre Erfüllung, die ich vorauseilend bestätigte, über die ich immer wieder stolperte. Sah, wie ich als Teil eines Beziehungsgetriebes Heteronormativität reproduzierte und reproduziere und verstand, dass Freiheit nichts sein kann, das er mir lässt, sondern aus mir selbst kommen muss. Wie würde das denn verheiratet aussehen? Wieso denn heiraten, wenn man auch so zusammen sein kann? Man muss ja nicht gleich übertreiben.</p>
<p dir="ltr">Meine Eltern heirateten jung, sehr verliebt und im Kleinen, mit naher Familie und wenigen Freund_innen, ich bereits unterwegs. Meine Cismutter trug dazu kein Kleid, nur Kostüm und Hut. Das fand ich als Kind enttäuschend, wenn eine Hochzeit für etwas gut ist, dann doch für ein Prinzessinnenkleid. Das hätte sie mir zum Spielen schenken können. Als ich Abitur machte, hatte ich eine Knalleridee: ich würde ein Brautkleid zum Abiball tragen. Damit das abgehakt wäre und ich nicht wegen der Sehnsucht nach einem Kleid doch heiraten müsse. Statt mit Panik-Atem für Mathe zu lernen, recherchierte ich nachts Kleider auf ebay, mit großen Augen darüber, dass man für abgefahren hässliche Kleider einen vierstelligen Betrag zahlen muss, und fand eins, Vintage, reifrockgeeignet, dunkelweiße Spitze und grobe Seide, für ca. 90 $. Das schönste Kleid der Welt. Standesgemäße Gelegenheit. Zum Ball wurde ich von beanzugten Freund_innen begleitet. It was all so fancy. Kein Grund, je heiraten zu müssen. Ich war meine eigene Braut, <a href="http://schoenekoeniginnen.wordpress.com/">eine schöne Königin</a>.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Y U no marry?</h2>
<p dir="ltr">Hans meinte das mit dem Heiraten ernst. Für ihn bedeutete das was. Was am Anfang noch ein wunderliches Kompliment war (Guckt! Dieser Mensch hat mich so gern, der würde mich sogar HEIRATEN! Freiwillig! Obwohl der Prinz auf dem Pferd nie zu meinen Wunschvorstellungen gehört hatte), schob mich inhaltlich ganz schön herum. Hans machte das nicht zum Thema, ich hatte nein gesagt und er es akzeptiert, aber ich war neugierig. Warum willst du heiraten? Wie stellst du dir das vor? Warum heiraten Menschen? Beim <a href="http://www.iheartdigitallife.de/gendercamp-2012/" target="_blank">Gendercamp 2012</a> konnte ich in einer Session Fragen dazu stellen, ging meinem eigenen Unbehagen auf den Grund. Selbst wenn man jemanden liebt, heiraten und damit ein System stützen, dass man kacke findet? Heiraten und Sonderrechte in Anspruch nehmen, was machen, was andere nicht dürfen, weil man Glück hat, es zu dürfen? Och nö. Das einzige, was ich mir vorstellen konnte, war, wegen Aufenthaltsrecht zu heiraten, doch auch das hatte einen bitteren Beigeschmack. Heiraten, damit jemand nicht abgeschoben wird und damit das System stützen, das erfordert, dass man verheiratet sein müsse, um nicht abgeschoben zu werden? Zumal das oft nicht ausreicht: Obwohl in Artikel 6 des Grundgesetzes steht, dass Ehe und Familie unter besonderem staatlichen Schutz stehen, werden immer wieder Eheleute in unterschiedliche Länder abgeschoben, Familien durch Abschiebungen <a href="http://www.proasyl.de/fileadmin/proasyl/fm_redakteure/Flyer_PDF/01_05_0303_B_Familien_fly.pdf" target="_blank">getrennt</a> (pdf), sogar <a href="http://www.zeit.de/2011/52/WOS-Abschiebung" target="_blank">Schwangere</a> abgeschoben.</p>
<p dir="ltr">Es fühlte sich auf jede Weise falsch an, emotional fast noch mehr als intellektuell. Selbst wenn ich Argumente für die Ehe gehabt hätte, gegen mein Gefühl von Igittbäh hätten sie keine Chance gehabt. Ich konnte mir mich nicht als Ehefrau vorstellen. Die Worte auf der Zunge schmelzen lassen: Nicole von Horst. Ehefrau, Gattin, verheiratet mit. Uäääh.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Jetzt will ich aber doch</h2>
<p dir="ltr">Ein früher Wochenendmorgen, einen Monat nach dem Gendercamp. Ich habe die Nacht wach verbracht, es regnet und ich lege mich zu Hans ins Bett. Er schläft noch, ich streichle ihn. Ich denke nach über alles was war. Was passiert. Wie ich schwanger wurde. Wie das war, als wir die Diagnose bekamen, dass unser Kind kurz nach der Geburt sterben würde, unvermeidbar. Wie oft ich in dieser Schwangerschaft vor Angst und Verzweiflung schrie und heulte, er an meiner Seite, er immer da. (Und fast täglich den Kotzeimer für mich geleert, 9 Monate lang.) Was werden würde: eine Beerdigung planen, für ein Kind, als Eltern. Mache mir Gedanken darüber, dass sowas ja eigentlich umgekehrt gehört, aber auch umgekehrt keinen Spaß macht. Wie froh ich als Kind war, dass meine Eltern so jung Eltern geworden sind, ich würde länger was von ihnen haben. Eine von beiden nahm sich kurz nach meinem 18. Geburtstag das Leben. Hans ist älter als ich, seine Eltern fast so alt wie meine Großeltern. Während ich darüber nachdenke, was wir gemeinsam erlebt haben und erleben würden, als ich begreife, dass nach allem was war, ich bereit wäre, alles, was noch kommen würde, mit ihm gemeinsam zu sehen, mir klar wird, dass noch viel mehr Tode dazugehören werden, irgendwann, unvermeidbar, ändert sich was. Dass ich bei ihm sein will, wenn es seinen Eltern nicht gut geht. Dass er bei mir sein wird, wenn meine andere Mutter stirbt. Oder andere Menschen unerwartet. Was wenn einer oder eine von uns beiden früher stirbt als der oder die andere? You can’t opt out of death. Aber irgendjemand muss das Drumherum organisieren.</p>
<p dir="ltr">Ich weiß, dass ich mit ihm zusammensein will, in den kackigsten aller Zeiten. Wir würden zusammenhalten, uns zusammenhalten. Es würden fiese, schlimme, unhaltbare Sachen passieren, Menschenleben sind voll davon. Wir würden sie zusammen aushalten. Und ich kann mir wirklich ganz in echt vorstellen, mein ganzes Leben mit ihm zu teilen. Ein Team. Auf einmal fühlt sich die Vorstellung, zu heiraten, ihn zu heiraten, gut an. Ein Gefühl, das ich mir nicht vorstellen konnte, das aber notwendige, nicht hinreichende Bedingung war. Ich stupse ihn an.</p>
<p dir="ltr">“Du, da ist was, was ich mir überlegt hab und sagen muss, ehe es vorbei ist, und weil es sich jetzt, genau jetzt, so richtig anfühlt.” Und nach etwas Pause und den Satz für mich selber aufsagen, frage ich ihn: “Hans, willst du mich heiraten?”</p>
<p dir="ltr">Er dreht sich rum und hoch, so huch und fragt verschlafen, ob ich ihm einen Antrag mache. Ja, mache ich. Ob aus Romantik oder wegen finanzieller Überlegungen? Ich erkläre ihm, dass weder noch, zumindest nicht im Sinne einer Kai-Pflaume-Romantik mit Hubschraubern und Teelichtern, sondern weil sich ein Gefühl von das-ist-richtig-so eingestellt hat. Die Herleitung mit den Toden und anderen Garstigkeiten, vor denen ich mich fürchte, erzähle ich nicht. Das ist ja gruselig. Er sagt ja. Es war immerhin seine Idee. Und ob ich mich nicht vor einer Entscheidung habe besprechen wollen. (Das war mal eine Idee, dazu einen Podcast zu machen, u. a. mit <a href="http://antjeschrupp.com/" target="_blank">Antje Schrupp</a> übers Heiraten zu reden, bei uns im Wohnzimmer und er macht Kuchen.)</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Unsere Handlungen können nie so komplex sein wie unser Denken.<br />
Unser Denken nie so komplex wie unser Leben.</h2>
<p dir="ltr">Was ist aus meiner Angst davor geworden, Ehefrau zu werden? Wie es ist, als eine wahrgenommen zu werden, habe ich schon durch. Wenn man als Paar wegen Schwangerschaftsdingen in ein Krankenhaus geht, wird man als Ehepaar gelesen. Das erste Mal, das die Ärztin zu mir “Ihr Ehemann” sagte, hat er sich in sich hinein gefreut, ich war irritiert und amüsiert. Dann gewöhnt man sich daran, hat anderes im Kopf, statt Menschen zu korrigieren (Wehen zum Beispiel). Es kommt auch viel durcheinander. Ich glaube, er wurde häufiger mit meinem Nachnamen angesprochen, weil davon ausgegangen wurde, ich hätte diesen Namen von ihm. Well.</p>
<p dir="ltr">Und <a href="http://www.ifd-allensbach.de/uploads/tx_reportsndocs/prd_0519.pdf" target="_blank">Mehrarbeit</a> (pdf)? Ich fürchte mich nicht. In der Realität sieht es so aus, dass er (zusätzlich zu seiner Lohnarbeit), die komplette Hausarbeit macht. Einfach so. Er kocht für mich, was er selbst nicht isst, er macht die Wäsche (Die komplette Produktionskette vom Wäschekorb über die Waschmaschine zum Trockenboden bis gefaltet in den Schrank), er kümmert sich um die Spülmaschine, wischt Fenster, staubsaugt, … Ich mache Unordnung, gieße Pflanzen und befördere ab und zu mal eine Spinne ins Freie. Unsere Aufteilung ist de facto ungerecht verteilt, aber nicht so, dass einer oder eine von uns darunter leiden würde. Es ist nicht so, also wollte ich nichts machen. Er ist schneller und ordentlicher als ich. Er macht es einfach. Und ich bin neugierig, wie das wird, wenn wir auch Kinder großziehen. Ob sich diese Verteilung <a href="http://www.beziehungen-familienleben.de/ergebnisse/arbeitsteilung.html" target="_blank">verfestigt oder ausgleicht</a>.</p>
<p dir="ltr">An jenem Regenmorgen hatte ich die Idee, eine Heiratsentscheidung von politischen Entscheidungen abhängig zu machen. Und öffentlich zu machen: ich heirate nicht, so lange gleichgeschlechtliche Paare nicht die gleichen Rechte haben wie Heteropaare. Ein Ehestreik sozusagen. Um allen Säcken ins Gesicht zu sagen: Nicht die Gleichstellung der Ehe bedroht die Heteroehe, meine Heteroehe wird von homofeindlichen Gesetzen bedroht. (Bring it on, Bundestag!)</p>
<p>Ich habe bloß das Gefühl, dass das nicht reicht. Immerhin schließt diese &#8220;Gleichstellung&#8221; immer noch alle Menschen aus, die sich nicht in romantischen Zweierbeziehungen befinden. Deshalb hoffe ich, dass die Erweiterung der Ehe auf alle Zweierpaare ein Anfang ist, eine Verantwortungsgemeinschaft auch auf andere Familien- und Beziehungsmodelle auszuweiten, in denen Menschen aufeinander achtgeben. Seien es beste Freundinnen, die auch im Alter füreinander sorgen wollen oder Menschen, die sich als <a href="http://gemeinsameltern.blogsport.de/" target="_blank">Gruppe darum kümmern, ein Kind großzuziehen</a>.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Und wie ich dich will</h2>
<p dir="ltr">Mittlerweile habe ich meinem Freund noch mal einen Antrag gemacht. So richtig mit Hinknien, vor seinen Eltern und der Familie seiner Schwester. Statt einem Ring war in der Pappschatulle zwischen vielen bunten Papiersternchen eine halbe, mit grüner Wolle gefüllte Walnussschale, in der ein Glasdiamant klebt. Ich kann ihm ja nicht einfach einen Ring schenken, wenn ich gar nicht genau weiß, was ihm gefallen würde, einen Ring soll er sich selbst aussuchen können. (Pro-Tipp: Ehe ihr öffentliche Anträge macht, redet miteinander darüber, was ihr wollt, sonst setzt ihr eure Partner_innen unter Druck, ja zu sagen, weil alle es erwarten. Fragt vorher im Stillen. Und nur wenn ich euch sicher seid, dass sie wollen, wenn ihr wisst, dass sie es wollen, dann fragt öffentlich.)</p>
<p dir="ltr">Ich liebe Hans. Dafür muss ich nicht heiraten. Ich will ihn heiraten, weil ich Verantwortung für ihn übernehmen will und weiß, dass er das für mich tut. Weil ich will, dass wir, wenn etwas Schlimmes passiert, wenn alles zusammenfällt, uns an etwas festhalten können. Das Stereotyp der alten Jungfer kann ich auch anders auseinander nehmen, als eine zu sein; ich muss nicht alles repräsentieren, für das ich mich einsetze. Dass mal wer versuchte, mich für meine Kleiderwahl im Fernsehen als Fräulein Rottenmeier zu beleidigen, kann ich nur als das Kompliment nehmen, das es ist. Die Challenge jetzt: <a href="http://futblog.at/95/" target="_blank">Wie</a> geht eigentlich <a href="http://anschlaege.at/feminismus/ban-marriage-juliaugust-2012/" target="_blank">feministisch heiraten</a>?</p>
<p dir="ltr"><em>Dem Thema kann ich hier nicht komplett gerecht werden, es ist bloß ein Ausschnitt von dem, was ich so zum Heiraten rumüberlege. Und ich denke weiter, freue mich über eure Kommentare. Warum heiratet ihr nicht? Warum doch? Und wie? Warum stellt sich diese Frage für euch überhaupt (nicht)?</em></p>
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		<title>Die &#8220;heile&#8221; Welt von Janosch, Conni &amp; Co. – und warum ich sie meiner Tochter nicht zumute</title>
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		<pubDate>Thu, 30 May 2013 10:29:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kleinergast</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus(s)]]></category>
		<category><![CDATA[kleinergast]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Welt von Kinderbüchern ist nicht so heile wie man zunächst glaubt. Da gibt es übergriffige Ameisen, als Rabenmütter dargestellte Löwenmamas und stereotype Rollenbilder in Familien, die besser in dem Jahrzehnt geblieben wären, in dem die Idee zum Buch entstand. Dies ist ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit und Gegenwart von Kinderbüchern – mit dem Wunsch nach einer gesunderen Mischung aus erzählter Realität und Utopie.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div title="Page 4">
<div>
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<p style="text-align: center;"><em>Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik <a href="http://kleinerdrei.org/category/kleinergast/">kleinergast</a>, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Leitmedium.</em></p>
<p style="text-align: center;"><em>Leitmedium ist parteiloser Postprivatier. Lebt in heteronormativer Beziehung mit <a href="https://twitter.com/fraumierau">@fraumierau</a> und zwei Kindern in Berlin. Macht was mit Medien, Promotion und <a href="https://twitter.com/popcorn_piraten">@popcorn_piraten</a>.</em></p>
<p style="text-align: center;"><em><a href="http://www.leitmedium.de/">leitmedium.de</a> • <a href="https://twitter.com/leitmedium">@leitmedium</a></em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: center'">
<span class="separator" style="width:10%;margin: 2em auto" /></span>
</p>
<p>Vorlesen. Das ist eine dieser Tätigkeiten, zu denen ich als Vater einer vierjährigen Tochter eine Art Hassliebe habe. Das Ritual an sich ist schön: Jeden Abend gibt es zum Einschlafen ein Kapitel oder ein kleines Büchlein vorgelesen. Selbst mein sieben Monate alter Sohn hört auf seine Weise aufmerksam zu und schläft nicht selten dabei ein. Soweit zur Liebe. Schwierig wird es bei der Auswahl der Texte.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Frühes 20. Jahrhundert: Die Großen Abenteuer des Kleinen Ferdinand</h2>
<p>Eigentlich hatte ich aus meiner DDR-Kindheit Unmengen an Kinderbüchern aufgehoben. Wie habe ich mich darauf gefreut, endlich <a href="http://www.ameisenferdinand.de/">&#8220;Die Großen Abenteuer des Kleinen Ferdinand&#8221;</a> vorlesen zu können. Kurzweilige Geschichten einer lustigen Ameise hatte ich in Erinnerung. Bis ich mich dabei wiederfand, große Teile des Buchs zu überspringen, um nicht ein verstörtes Kind im Bett zu hinterlassen. Ich rede nicht von den wenig subtilen Anspielungen auf Zucht und Ordnung oder die vielen kleinen und großen Gewaltausbrüche. Verstörend war viel mehr die &#8220;Liebesgeschichte&#8221;: Ferdinand Ameise machte der Käferdame Fräulein Siebenpunkt Avancen. Diese erwidert sie zunächst, nutzt ihn aber angeblich durch das Einfordern von Geschenken ohne Gegenleistung aus. Als Ferdinand ihr aus Versehen unsanft auf die Schulter klopft, beginnt sie zu schreien und akzeptiert aus Erzählersicht unverständlicher Weise keine weitere &#8220;zarte&#8221; Berührung:</p>
<blockquote class="interviewee"><p><em>Einen Augenblick überlegte er, dann näherte er sich ihr leise von hinten und klatschte ihr &#8211; patsch! &#8211; kameradschaftlich auf den Rücken, daß es knackste. Na, diesen Einfall hatte ihm der Teufel selbst eingeflüstert! Siebenpunkt fing an zu schreien und zu weinen, als ob sie am Spieß stäke. Und wie sie dabei auf Ferdinand schimpfte! »Du widerwärtiger Bengel, Du Schmutzfink, ich mag Dich überhaupt nicht sehen! Mach, daß Du fortkommst!« zeterte sie so laut, daß die Mücken, Käfer, Wasserreiter und Wasserjungfern zusammenflogen. Ja sogar dem Käfer Tolpatsch verschlug es die Sprache. Als er merkte, daß Ferdinand in der Patsche saß, machte er sich flink aus dem Staube.</p>
<p>Ferdinand war ganz unglücklick. So hatte er es doch nicht gemeint! Er wollte Siebenpunkt alles erklären und berührte zart ihre Hand. Da fing sie sofort wieder zu schreien an, als hätte er ihr fürchterlich weh getan! »Hilfe! Hilfe! Rettet mich!«</em></p></blockquote>
<p><center><a href="http://kleinerdrei.org/2013/05/die-heile-welt-von-janosch-conni-co-uber-sexismus-in-kinderbuchern/ferdy2-1/" rel="attachment wp-att-2841"><img src="http://kleinerdrei.org/wp-content/uploads/2013/05/ferdy2-1.jpg" alt="ferdy2-1" width="500" height="500" class="aligncenter size-full wp-image-2841" /></a></center></p>
<p>Soll ich meiner vierjährigen Tochter wirklich vorlesen, dass sich Frauen doch nicht so haben sollen? War ja lieb gemeint – da kann man eine zarte Berührung als Entschuldigung schon mal aushalten? So, wie ich wert drauf lege, dass sie niemandem einen Kuss geben muss (&#8220;Jetzt gib dem Onkel doch mal ein Küsschen!&#8221;) und auf niemandem Schoß sitzen muss, wenn sie nicht will, möchte ich auch mit solchen zunächst harmlos wirkenden Texten nicht das Weltbild prägen. Denn das tun Kindergeschichten: Sie arbeiten mit am Bild über der Welt, das unsere Kinder vermittelt bekommen.</p>
<p>In der Folge von unsanfter und sanfter Berührung wird Ferdinand verhaftet und nach heuchlerischen Aussagen eines hinterhältig dargestellten Fräuleins Siebenkäfer zu 25 Schlägen auf einer Bank verurteilt [sic], vor denen er sich durch Flucht unter Mithilfe seiner Freunde entzieht. Die männlichen Freunde halten hier alle selbstverständlich zusammen gegen das eine weibliche Wesen.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Mitte bis Spätes 20. Jahrhundert: Janoschs Kinderbücher</h2>
<p>Nun hat <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ond%C5%99ej_Sekora">Ondřej Sekora</a> das tschechische Original &#8220;Ferda Mravenec&#8221; bereits in den 1930er Jahren veröffentlicht, das deutsche Buch erschien in den 1960ern. Anderes Jahrtausend, andere Generation, anderer Kulturkreis – mag man meinen. Doch gehen wir ein Stück weiter. Jahrzehnte nach Ferdinand Ameise gehörten die liebevoll gestalteten <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Janosch">Janosch</a>-Bücher zum <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Janosch#Werke_.28Auswahl.29">Standard der Kinderliteratur</a>. Die Bücher sind sprachlich hervorragend, die Bilder eine Freude. Und doch, wenn man wirklich genau liest, fällt einem ein merkwürdiger Umgang mit Frauen auf, der sich wie ein roter Faden durch Janoschs Geschichten zieht: Bei Janosch gibt es nur männliche Helden: kleiner Tiger, kleiner Bär, Günter Kastenfrosch, usw. – die Frauen sind stets Beiwerk.</p>
<p>Da ist zum Beispiel noch recht unverfänglich &#8220;Maja Papaya&#8221; mit rothaarigem Zopf und Minirock, die perfekt zwischen Tiger und Bär passt:</p>
<blockquote class="interviewee"><p><em>Als der kleine Tiger von so viel Arbeit müde war, legten sie sich ins Bett. Maja Papaya in die Mitte. Mädchen müssen warm liegen, sie haben noch kein Fell.</em></p></blockquote>
<p>Oder die Geschichte von Papa Löwe. Dessen Frau erscheint zunächst als überraschendes Beispiel einer arbeitenden Frau. Papa Löwe hütet die Kinder, Mama Löwe ist &#8220;Chefin Nummer Eins&#8221; im Büro. Doch letztlich wird nur betont, dass ein Vater die Mutter ersetzen kann, diese aber nur auf ihr eigenes Leben bedacht ist. Es wirkt fast wie ein anti-emanzipatorischer Text und man wundert sich, dass statt &#8220;Löwenmutter&#8221; nicht &#8220;Rabenmutter&#8221; geschrieben steht:</p>
<blockquote class="interviewee"><p><em>»Ruf mich doch mal an, Irmchen«, rief der Löwenpapa aus dem Fenster, »damit ich weiß, dass du mich liebst.«.<br />
»Keine Zeit«, rief die Löwenmutter. »Und mach du mir bloß die Kinder glücklich, so als wärst du die Mutter selber, hörst Du, Walter? Damit sie lustig und froh sind«. »Na klar«, sagte der Löwenpapa, »ein Vater ist doch genauso gut wie eine Mutter.« Da hat er Recht.</p>
<p>[…]</p>
<p>Morgen wird ein neuer Tag kommen, die Mutter wird ins Büro fahren, und der Löwenpapa wird uns alle glücklich machen. Und genau so muss das Leben sein, liebe Eltern, merkt euch das!</em></p></blockquote>
<p>Und wofür sind die Frauen in Janoschs Büchern sonst da? Zum Beispiel zum übergriffigen Küssen in Massen:</p>
<blockquote class="interviewee"><p><em>Nach der Schule aber erkannten die Mädchen den kleinen Tiger an seinem Schwanz.<br />
Eine hat ihn gefangen, eine hat ihn festgehalten, und alle haben ihn geküsst.</p>
<p>Jeder Kuss so groß wie eine Kirsche.</p>
<p>Wer kann hier die Mädchen und wer kann die heißen Küsse zählen? Hinschreiben! Zur Erinnerung an die heiße Kusszeit.</em></p></blockquote>
<p><center><a href="http://kleinerdrei.org/2013/05/die-heile-welt-von-janosch-conni-co-uber-sexismus-in-kinderbuchern/kussen-2/" rel="attachment wp-att-2847"><img src="http://kleinerdrei.org/wp-content/uploads/2013/05/küssen-2.jpg" alt="küssen-2" width="500" height="500" class="aligncenter size-full wp-image-2847" /></a></center></p>
<p>Den Gipfel bildet wohl die Geschichte &#8220;Guten Tag, kleines Schweinchen&#8221;. Das kleine weibliche rosa Schweinchen, dessen Symbolik mit dem Zaunpfahl winkt, drängt sich in die Freundschaft vom kleinen Bären und kleinen Tiger, die daran fast zerbricht. Das Schweinchen nutzt den kleinen Tiger aus, lässt sich lasziv, ja fast obszön, auf dem Bett sitzend bewirten. Später verleugnet es den kleinen Tiger, um den kleinen Bären ins Haus zu locken:</p>
<blockquote class="interviewee"><p><em>Als er beim kleinen Schweinchen vorbeigekommen war und gefragt hatte: »Hast Du den Tiger gesehen?«, sagte es: »Was für einen Tiger, welchen denn, ich kenne keinen Tiger.«<br />
War gelogen, klar. Wir wissen das. Und es rief:</p>
<p>»Ach komm doch herein, Bär, ich back Dir einen Kuchen.«</em></p></blockquote>
<p>Man kann schwer in Worte fassen, wie sehr die Geschichte in ihrem Zusammenspiel von Text und Bild wirkt. Man kommt schwer umhin, eine Anwiderung gegenüber Frauen wahrzunehmen. Die Erkenntnis, dass Janosch-Geschichten und besonders die Geschichte von kleinen Schweinchen von Sexismus durchdrungen sind, ist nicht neu. In der Buchbeschreibung zu Helena Grafs &#8220;Kritischer Blick auf eine Janosch-Kinderbuchgeschichte und auf Werbestrategien in den Medien&#8221; heißt es:</p>
<blockquote class="interviewee"><p><em>Eine Kinderbuchgeschichte von Janosch, die ihre Aufmerksamkeit gewann („Guten Tag kleines Schweinchen“), musste aber vom Unterrichtsplan gestrichen werden, weil darin zu deutlich sexistische Darstellungsweisen im Mittelpunkt standen.</em></p></blockquote>
<p><center><a href="http://kleinerdrei.org/2013/05/die-heile-welt-von-janosch-conni-co-uber-sexismus-in-kinderbuchern/tiger3-1/" rel="attachment wp-att-2844"><img src="http://kleinerdrei.org/wp-content/uploads/2013/05/tiger3-1.jpg" alt="tiger3-1" width="500" height="500" class="aligncenter size-full wp-image-2844" /></a></center></p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Unkritischer Umgang mit historischen Kinderbüchern</h2>
<p>Es stellt sich generell die Frage, inwiefern ein kritischer Umgang mit historischen Kinderbüchern wichtig ist. Gerade erst <a href="http://www.infranken.de/regional/bamberg/Zigeuner-oder-Neger-wuerde-er-nicht-verwenden;art212,441948">lief eine Debatte über den weiteren Gebrauch von problematischen Begriffen</a>. Diese Diskussion entfachte sich an klaren Kritikpunkten, da die strittigen Wörter einzeln benennbar sind. Doch wie steht es um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Kinderbüchern, wenn man vom Gebrauch einzelner Worte absieht?</p>
<p>Das kritische Hinterfragen einer Handlung ist weniger scharf zu umreißen, aufwändiger und wenn man ehrlich ist, bei Kinderbüchern nicht gerade ein attraktives Diskussionsthema. Doch es geht darum, wie wir Kindern ihre Umwelt vermitteln und man sollte sich davor hüten in retrospektiver Erinnerung zu schwelgen und über verstörende Elemente hinwegzusehen. Wenn einen das Gefühl beschleicht, eine Geschichte sei irgendwie nicht gut, sollte man sie einfach nicht vorlesen. Und das gilt sogar für <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Grimms_M%C3%A4rchen">Grimms Märchen</a>. Die gehören zwar zu unserem Kulturerbe, sind aber sicher nicht Pflichtlektüre im Kinderzimmer. Brennende Hexen, tödliche Schwiegermütter, zu neugierige und sterbende Frauen können auch später noch rezipiert werden.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Spätes 20. Jahrhundert bis heute: Conni</h2>
<p>Verlassen wir die 1960er bis 1990er Jahre. Janosch-Bücher sind zwar auch heute noch in Buchläden zu finden, viel präsenter sind jedoch andere Reihen. Quasi omnipräsent sind die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Conni">&#8220;Conni&#8221;-Geschichten</a>. Die seit zwanzig Jahren stetig erweiterte Reihe durchdringt den Markt von ersten Vorlesebüchern bis zu Pubertäts-Romanen, Hörbüchern und DVDs.</p>
<p>Die meisten Conni-Bilderbuchgeschichten sind gleich gestrickt. Das blonde Mädchen Conni &#8220;mit der Schleife im Haar&#8221; erfährt etwas Neues und möchte oder muss es meistern: ein Musikinstrument lernen, Backen, Ballettunterricht, das erste Mal zum Friseur gehen, usw. Typischerweise geht es so: Conni besucht eine Ballett-Aufführung und ist ganz verzaubert. Zu Hause versucht sie zu tanzen. Ihre Mutter schickt sie zum Ballett-Unterricht, sie bekommt ein Tutu, steht bald auf einer kleinen Bühne und landet mit einem Foto in der Zeitung.</p>
<p>Das klingt jetzt alles nicht sonderlich aufregend und aufregend ist die Reihe wirklich nicht. Zwar lässt sich schon aus der Themenauswahl ein klassisches Rollenbild ableiten, aber das wäre noch kein hinreichender Anlass für diesen Text. Viel spannender ist die Subtilität, mit der klassische Rollenbilder durch die Bücher vermittelt werden. Einen Aha-Effekt erlebt man, wenn man sich die letzte Seite der Conni-Bilderbücher ansieht. Viele Geschichten enden damit, dass Papa endlich nach Hause kommt und Conni besonders glücklich ist, dass er sie für das neu Erlernte lobt. Hier werden verschiedene Geschichten en passant erzählt. Neben den evidenten, wie der üblichen Arbeitsteilung Haushalt/Familie, wird die Bedeutsamkeit des väterlichen Lobs vor der müttlerichen Freude hervorgehoben. Heft für Heft. Nicht in jedem, aber oft genug, um ein Muster zu sein, das auffällt.</p>
<p><center><a href="http://kleinerdrei.org/2013/05/die-heile-welt-von-janosch-conni-co-uber-sexismus-in-kinderbuchern/conni2-1/" rel="attachment wp-att-2837"><img src="http://kleinerdrei.org/wp-content/uploads/2013/05/conni2-1.jpg" alt="conni2-1" width="500" height="500" class="aligncenter size-full wp-image-2837" /></a></center></p>
<p>Fragt man den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carlsen_Verlag">Carlsen-Verlag</a> nach einen pädagogischen Konzept für die Kinderbuchreihe, bekommt man – immerhin – einen <a href="http://www.carlsen.de/sites/default/files/sonstiges/Pressemappe_WirfeiernmitConni.pdf">Link auf eine Pressemappe</a> zur Feier von 20 Jahren Conni. Dort erfährt man, dass Anfang der 1990er Jahre die 1957 geborene Lehrerin Liane Schneider ein erstes Manuskript für eine Conni-Geschichte einsandte. Und diese Prägung – geboren in den 1950er Jahren – merkt man den Conni-Geschichten an. Es stießen weitere Autorinnen und Illustratorinnen zum Team hinzu. Mittlerweile wurden fleißig <a href="http://www.carlsen.de/kinder-und-jugendbuecher/marken/conni">mehr als hundert Publikationen</a> veröffentlicht. Der Altersdurchschnitt der Erzählerinnen ist aber durchaus im Rahmen geblieben.</p>
<p>Und so ist es im Gegensatz zu Ferdinand Ameise und Janosch wohl kaum ein Skandal, Conni-Geschichten zu lesen. Bis auf die teils bis zur Schmerzgrenze vereinfachte Sprache in den Texten. Es ist vielmehr die Subtilität, mit der man mit dem Vorlesen von Geschichten seinem Kind ein Rollenverständnis als selbstverständlich darstellt, zu dessen Ablehnung man nicht einmal Feminist sein muss. Ich habe versucht, die Conni-Bücher zu Hause nach und nach verschwinden zu lassen. Sie sind weder literarisch noch inhaltlich wertvoll. Kinder lieben sie, weil sie eines richtig machen: Sie erzählen Alltagsgeschichten. Aber dieser Alltag ist nicht gut.</p>
<p>Er ist nicht gut, weil er eine heimelige Welt suggeriert, in der das artige, blonde Mädchen Conni – mit der roten Schleife im Haar – sich von Erfolg zu Erfolg kämpft und insbesondere auf väterliches Lob bedacht ist. Ihre Welt hat eine Katze, später ein Geschwisterkind und einen Vorgarten und natürlich meistert die brave Tochter alle Herausforderungen vom Ballett bis zum – es darf auch mal etwas ganz Verrücktes sein! – Fußball alles. Diese bunte heile Welt fühlt sich zunächst gut an. Aber sie suggeriert einem Kind, dass es nicht nur alles schaffen kann, sondern auch muss. Conni tut es auch. Und sie vermittelt in feinster Subtilität ein abgestuftes Belobigungssystem, bei dem der weitgehende Vater das Ziel der Bemühungen ist.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Ein Wunsch</h2>
<p>Diese Kritik ist keine Forderung nach Kinderbüchern, in denen Mädchen mit blonden Haaren und roten Schleifen sich beim Ballett den Knöchel verstauchen, die Musikschule einfach wieder sein lassen und vierundzwanzig Stunden am Tag von ihrem Vater betreut werden. Aber es ist der Wunsch nach einer gesunderen Mischung aus Realität und Utopie, so paradox das klingen mag. Es wäre schön, auch in vorgelesenen Alltagsgeschichten von Fehlschlägen und dem Umgang damit zu berichten. Und auch der Vater darf ruhig mit der Tochter zum Friseur gehen und die Mutter beim Fußball mal im Tor stehen. Das tut gar nicht weh – auch nicht den älteren Frauen, die die Kinderbuchreihe pflegen. Dafür wären es ehrlichere und modernere Alltagsgeschichten.</p>
<p>Welche, bei denen man sich nicht schämen muss, wenn man sie vorliest.</p>
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		<title>„Jede so, wie sie will?“ oder: „Alles kann, nichts muss“? –  Warum ich eine offene Beziehung lebe.</title>
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		<pubDate>Wed, 29 May 2013 09:00:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kleinergast</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus(s)]]></category>
		<category><![CDATA[kleinergast]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Sex, Sex, Sex]]></category>
		<category><![CDATA[Zwischenmenschliches]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Liebe – die (sexuelle) Treue. Warum gehören die beiden eigentlich immer noch so fest zusammen? Eine Spurensuche und ein kleines Plädoyer dafür, Beziehungen zu hinterfragen.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<section class="contributor">
<p><em>Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik <a href="http://kleinerdrei.org/category/kleinergast/">kleinergast</a>, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Annika.</p>
<p>Annika lebt, liest, liebt und studiert zurzeit in Bremen, bald jedoch andernorts – wo, wird sich zeigen. Ihr Herz schlägt für Feminismus, Gegenwartsliteratur, Theaterkram und gutes vegetarisches Essen.</em></section>
<p style="text-align: center'">
<span class="separator" style="width:10%;margin: 2em auto" /></span>
</p>
<p>Die Popkultur ist voll von ihnen. Sie begleiten mich auf Schritt und Tritt; was sie eint, ist ihre Suche: Die Suche nach der_dem Richtigen und das Streben nach der einen, magischen, ewig währenden Liebe. Carrie Bradshaw will Mr. Big in <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sex_and_the_City"><em>Sex and the City</em></a>, Dr. Grey und Mc Dreamy alias Derrick Shepherd performen Seelenverwandtschaft im Krankenhaus (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Grey%E2%80%99s_Anatomy"><em>Grey&#8217;s Anatomy</em></a>), Ted Mosby sucht die Traumfrau, die die Mutter seiner Kinder werden soll (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/How_I_Met_Your_Mother"><em>How I Met Your Mother</em></a>) und auch Bette Porter und Tina Kennard sind das Traumliebespaar der Serie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/The_L_Word"><em>The L Word</em></a>. Auch im Kino und in der Literatur wird das Suchen und Finden des Liebespartners oder der Liebespartnerin in unzähligen Variationen, aber im Kern doch sich immer gleichenden Grundplot durchgespielt, der letztlich auf eines abzielt: Romeo und Julia finden doch noch zueinander, wenn auch im Tod. Bei Elizabeth Bennet und Mr. Darcy läuft es nach einigen Irrungen und Wirrungen auf eine Liebesheirat hinaus (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stolz_und_Vorurteil"><em>Pride an Prejudice</em></a> von Jane Austen). Diese willkürlich gewählten Beispiele illustrieren, wie wir im Fernsehen, Internet und im Kino mit einem Liebesideal konfrontiert werden, welches uns die Verbindung zweier Menschen (der heterosexuellen Norm folgend zumeist Mann und Frau) in Liebe als anzustrebendes Ideal anzeigt. Dieses Ideal ist eines, welches sich aus dem Liebesdiskurs der Romantik speist und diesen diskursiv weiterschreibt. </p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Der Liebesdiskurs</h2>
<p>Die Grundelemente dieses Diskurses kann man verkürzt etwa so darstellen: Der Mensch ist auf der Suche nach Liebe, weil ihn eine Sehnsucht treibt. Dies ist einer_einem mehr oder weniger bewusst, bis er oder sie auf seine_n Seelenverwandte_n trifft, in der bzw. dem sich alles Suchen und Hoffen erfüllt. Angestrebt wird eine „totale Beziehung“, die sich durch die Liebe füreinander konstituiert: Der_die Partner_in soll alles sein bzw. werden: Freund_in, Sexualpartner_in, dabei intellektuell und emotional ebenbürtig sowie alle Schwächen und schlechten Eigenschaften der_des anderen Liebenden ausgleichend, weil man sich aufs Idealste ergänzt. Diese Grundelemente finden sich auch in den heute erzählten und performten Liebesgeschichten; in der Epoche der Romantik oftmals ergänzt durch eine religiöse Verschränkung der Liebeserfahrung, die in Institution Ehe kulminiert. Die Ehe wird im 18. und 19. Jahrhundert  bürgerlicher Ausdruck und Form einer Liebes- und Sexualmoral, die innereheliche sexuelle Treue postuliert und außereheliche Sexualkontakte ablehnt bzw. sanktioniert. Dominant ist bis heute eines: die ausschließliche Aufeinanderbezogenheit der Liebenden, die man auch <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Monogamie">Monogamie</a> nennt.</p>
<p>Die Basis für monogame Beziehungen ist sexuelle Treue. Wenn diese gebrochen wird – so lehrt uns die Literatur- und Kulturgeschichte – können ganze Gesellschaften in Gefahr geraten (ein Beispiel: Paris raubt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Helena_(Mythologie)">Helena</a>, Menelaos – Griechenkönig und ihr Ehemann – will sie selbstredend zurück, also wird Krieg geführt, überliefert als <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Trojanischer_Krieg">Trojanischer Krieg</a> in <em>Ilias</em> und <em>Aeneis</em>). Die großen Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts verhandeln vor allem die sexuelle Untreue der Ehefrauen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Madame_Bovary"><em>Madame Bovary</em></a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Karenina"><em>Anna Karenina</em></a>, die ihre Ehemänner und Familien zuerst ins Unglück und dann sich selbst in den Tod stürzen.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Die Norm</h2>
<p>Monogamie ist eine Norm, die durch die oben beschriebenen Erzeugnisse der Film- und Fernsehindustrie sowie des Literaturbetriebs, durch Gesetze, Steuervorteile für Verheiratete und vielem mehr reproduziert wird; es besteht also ein gewisser gesellschaftlicher Druck, monogam zu leben. Diese Norm wirkt ähnlich wie heterosexistische, rassistische und sexistische Normen, nämlich ausschließend. Alles, was nicht der Norm entspricht, erfährt eine Abwertung, die sich darin manifestiert, aus der Gruppe der die Norm repräsentierender Menschen (verbal und_oder körperlich gewaltvoll) ausgeschlossen zu werden. Meine eigene Erfahrung ist es jedoch, dass ich durch die monogame Norm – anders als z. B. durch sexistische – selten mit diskriminierenden Aussagen oder Handlungen konfrontiert werde. Ich führe eine Beziehung, die nicht der Norm entspricht (ich spreche hier ausdrücklich nur für meine Person und möchte keinesfalls Personen, die durch diese Norm von Diskriminierung betroffen sind, ihre Erfahrungen absprechen). Wenn ich über alternative Beziehungskonzepte mit Freund_innen oder Bekannten spreche, begegnet mir eher eine leichte bis mittelschwer irritierte, aber doch interessierte Offenheit. Was oft vorkommt, sind Aussagen folgender Art: „Das ist ja sehr interessant, aber ich will_kann_wollte das nicht.“ oder „Jede_r wie er_sie will, aber komisch ist das ja schon etwas.“ – die geöffnete, freie Beziehung als Kuriosum, als seltsames Experiment, welches nicht von Dauer sein kann. Selten wird mir abgenommen, dass ich (m)ein alternatives Beziehungskonzept als stabiler wahrnehme als die monogam organisierten Beziehungen der Gesprächspartner_innen. Mich dagegen irritiert, wie sehr körperliche und sexuelle Treue als Hauptkriterium für das Fortdauern und Gelingen einer Beziehung eingesetzt werden. Je länger ich ein alternatives Beziehungskonzept lebte, desto seltsamer und teilweise grotesker erschien mir die Wichtigkeit, die der Monogamie als Organisationsprinzip einer Beziehung beigemessen wird. Als Trennungsgrund schlechthin gilt nach wie vor die körperliche bzw. sexuelle Untreue der Partner_innen – viele Beziehungen zerbrechen an Treueerwartungen, die von einer_einem oder beiden nicht eingelöst werden können; sexuelle Treue wird mit Vertrauen gleichgesetzt, welches irreparabel beschädigt ist, wenn dieses gebrochen wird. Das ehemalige Vertrauen wird durch Eifersucht und verletzte Ehre ersetzt, die ein Weiterführen der Liebesbeziehung unmöglich machen und auch eine anschließende Freundschaft der beiden nun Ex-Geliebten erschwert bzw. oft vereitelt. </p>
<p>In meinem Freund_innen- und Bekanntenkreis ist das Beziehungsmodell der seriellen Monogamie das vorherrschende, seriell in dem Sinne, das eine Trennung und anschließend eine neue Beziehung ansteht, sobald das oben beschriebene romantische Liebesideal nicht mehr auf den_die Freund_in projiziert werden kann – oder auch schon, wenn diese Projektion anfängt sich aufzulösen. Das Hintergehen, Fremdgehen und Betrügen betrachte ich dabei als normstabilisierend, denn diese Handlungen sind dem kulturellen Konzept der Monogamie quasi eingeschrieben. Der Fremdgeher oder die Betrügerin werden zwar sanktioniert; dies geschieht jedoch innerhalb der monogamen Norm. Mit dem Akt des Hintergehens wird die Norm nicht subversiert, sondern die untreue Handlung generiert innerhalb des Konzepts das Ende der Beziehung. Noch offenkundiger normstabilisierend wirkt das Hintergehen, welches unausgesprochen bleibt.</p>
<p>Ein freiheitlicheres Beziehungsmodell, welches eine andere, eigens definierte Basis für die Liebesbeziehung als die Monogamie setzt, erlebe ich daher tendenziell als stabiler. Nicht die monogame Norm bestimmt Beginn, Verlauf und Ende der Beziehung, sondern das Suchen und Finden anderer identitätsstiftender Beziehungsdefinitionen und -konstruktionen, die immer wieder neu ausgelotet werden können. Ich möchte hier keine Werbung für nicht-monogame Liebeskonzepte machen, nur dafür plädieren, Beziehungen immer neu zu hinterfragen, auch diejenigen, die normenkonform verlaufen und daher durch kulturelle Reproduktionen gemeinhin nicht hinterfragt werden. Meine Beziehung(en) werden dagegen oft von anderen hinterfragt: Immer wieder geht es am WG-Küchentisch, in der Mensa oder in der Kneipe darum, wie eine Beziehung funktioniert, die sich nicht an körperlich-sexueller Treue orientiert. Eine abschließende, gültige Antwort auf diese Frage habe ich auch noch nicht gefunden, vielmehr finde ich immer wieder neue Definitionen, die sich verändern, je älter ich werde, welche Menschen ich treffe und was ich mit ihnen teile. </p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Wie und was heißt das nun?</h2>
<p>Zeitungsartikel (z. B. <a href="http://www.zeit.de/2012/13/CH-Monogamie/seite-2">dieser</a> in der ZEIT),  <a href="http://www.polyamorie.de/">ganze</a> <a href="http://www.offenebeziehung.com/">Websites</a> und Buchpublikationen jüngeren Datums (z. B. Jönsson (2010): <em>111 Gründe, offen zu lieben</em>; Lendt/Fischbach (2011): <em>Treue ist auch keine Lösung</em>; Schott (2013): <em>Lob der offenen Beziehung</em>) widmen sich dem Thema „offene Beziehung“, welches in den letzten Jahren mehr und mehr Beachtung fand und nun, nach meiner eigenen Einschätzung, einen gewissen Diskussionsboom erlebt. Auch nicht-monogame, freiheitliche Beziehungskonzepte wurden und werden klassifiziert, es kommen auch immer neue Kategorien und Definitionen hinzu: offene Beziehung mit oder ohne <em>primary-secondary</em>-Modell, Mehrfachbeziehung, Polyamorie, Swingerbeziehungen… – einlesen und sich einen Überblick verschaffen kann man sich z. B. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Offene_Beziehung#Offene_Beziehung_versus_Polyamory">hier</a> und <a href="http://www.polyamorie.de/verschiedene-arten-von-poly.html">hier</a>.</p>
<p>Erklärungs- und Konstruktionsmodelle können identitätsstiftend wirken – für mich fruchtbarer war und ist nicht die Selbstbezeichnung mit einem dieser Modelle, sondern die fortgesetzte Reflexion des Erlebten. Wichtig war für mich beispielsweise die Erkenntnis, dass man zu allen Personen, die man kennt, eine durch Erwartungen und Normen geprägte Beziehung hat, und dass die damit einhergehenden Gefühle durch verschiedene kulturelle Codes geprägt sind. Gefühle und Gedanken jedoch, die man gegenüber Bekannten, Freunden und Familie entwickelt, können diesen Codes jedoch zuwider laufen, was zu Problemen führen kann – ein Beispiel können innige Freundschaften sein, in denen zärtliche_liebevolle_sexuelle Gefühle entwickelt werden; Einseitigkeit kann hier zu großen Problemen führen, da das Konzept „Freundschaft“ solche Gefühle nicht mit einschließt, sondern für die Liebesbeziehung reserviert. </p>
<p>Ich wünsche mir, dass mehr über Beziehungen, über Freundschaft und Liebe und die graduellen Übergänge gesprochen wird. Dass Bedürfnisse angstfrei artikuliert werden können und dabei nicht sofort die Beziehung durch Zuwiderhandeln der Erwartungen in Gefahr gerät. Dass es auch die Freiheit gibt, kein Begehren zu entwickeln oder zu haben, keine sexuelle Beziehung zu wollen – denn auch das Bedürfnis nach Sexualität als solches wird bei Jugendlichen und Erwachsenen vorausgesetzt und fungiert als Norm.</p>
<p>Dass es für als Frauen* sozialisierte und gelesene Personen etwas anderes ist, Sexualität aktiv und vielleicht auch kreativ zu gestalten als für Männer, mag ein alter Hut sein und als überwundenes Rollenklischee gelten. Ich selbst erlebe jedoch dieses Stereotyp, der alte Hut wird mir aufgesetzt: Wer als Frau* offen Sexualität lebt, gilt offenbar als sexuell verfügbar, wovon verschiedene unverschämt und offen sexistisch vorgetragene Sprüche und Anmachen auf Partys zeugen. Auch das ist Mist, kostet Kraft und frustriert. </p>
<p>Ich empfinde Liebe und Begehren nicht als etwas Statisches, was sich in monogame Liebesbeziehungen pressen lässt, ich empfinde es als verkürzend, Menschen, egal ob Frau* oder Mann* nicht auch körperlich kennenlernen zu dürfen, wenn ich sie interessant_schön_klug_begehrenswert finde. Was dann passiert, ist abhängig vom meinem und dem Wollen des Gegenübers, dem Spiel des Kennenlernens oder Neukennenlernens, dem Augenblick. Deswegen lebe ich eine nicht-monogame Beziehung. </p>
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		<title>Komisch, radikal, erfolgreich</title>
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		<pubDate>Tue, 28 May 2013 08:57:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juliane</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus(s)]]></category>
		<category><![CDATA[Film & Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit “Bossypants” hat die 30-Rock-Erfinderin Tina Fey aus Versehen eins der einleuchtendsten Karrierebücher für Frauen geschrieben. Damit lässt sie sogar “Lean In” alt aussehen, die Aufsteigeformeln der Facebook-Managerin Sheryl Sandberg.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p dir="ltr" id="docs-internal-guid-357bcba4-ea43-e638-b577-60d84195d451">Mit Karrieretipps ist es wie mit den meisten Hinweisen für das bessere Leben, die man so erhält: Sie funktionieren dann besonders gut, wenn sie etwas in uns ansprechen, was wir ohnehin vermutet haben. Da ich noch in jedem meiner Arbeitsplätze (abgesehen vom Packjob im Supermarkt mit 16) die Auslegware oder Damentoilette irgendwann durch einen Tränenschleier gesehen hatte, mich aber dennoch für keinen Hormonninja halte, ist es also kein Wunder, dass mir unlängst folgender Tipp besonders im Ohr klang: Steh dazu, dass du manchmal nicht anders kannst, als zu weinen &#8211; auch am Arbeitsplatz. Was den Tipp umso glaubwürdiger machte, war der Umstand, dass ihn zwei Frauen aus sehr unterschiedlichen Arbeitsbereichen gaben, deren Gemeinsamkeit neben der Haarfarbe die Tatsache ist, immens erfolgreich zu sein. Sowohl <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Tina_Fey">Tina Fey</a> in ihrer äußerst amüsanten Biographie <a href="http://www.nytimes.com/2011/04/04/books/bossypants-by-tina-fey-review.html">“Bossypants”</a> als auch <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Sheryl_sandberg">Sheryl Sandberg</a> in ihrem expliziten Karriereratgeber <a href="http://leanin.org/">“Lean In”</a> raten beide dazu, wenn es unbedingt sein muss, die Dämme ab und an brechen zu lassen.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Heulsusen do it better</h2>
<p dir="ltr">Für Tina Fey, die ihren Weg von der Rezeptionistin eines YMCA in Chicago zur Produzentin und Autorin des Kritiker- (und Qualitätspublikums-)Lieblings <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/30_Rock">“30 Rock”</a> beschreibt, sind die Tränen ein zulässiger Ausdruck von Wut und eine wichtige Ablenkungstaktik: “Some people say: “never let them see you cry”. I say, if you’re so mad you could just cry, then cry. It terrifies everyone.” Bei Sheryl Sandberg geht die Sache tiefer. Für sie zeigen Tränen, dass uns irgendwas an dem liegt, womit wir acht Stunden am Tag verbringen. Die emotionale Bindung führe dazu, dass wir motiviert seien, für etwas zu arbeiten und um besser zusammen zu arbeiten, hülfe es, Emotionen der Kollegen zu verstehen, statt sie unterdrücken zu wollen.</p>
<p dir="ltr">Um eins vorwegzunehmen: Tina hat das radikalere Buch mit den &#8211; aus meiner Sicht &#8211; langfristig geeigneteren Tipps für eine bessere Arbeitswelt für Frauen geschrieben. Tina will die Welt ändern. Sheryl will uns der Welt anpassen. Das zeigt sich nicht nur beim Thema Tränen, aber eben auch dort. Während in “Bossypants” Emotionalität am Arbeitsplatz zeigt, dass etwas ganz gewaltig nicht stimmt und sie einen subversiven Umgang mit diesen Störfaktoren bietet, ist sie in “Lean In” nur das Schmiermittel im Geschmeidigmachen des oder der Arbeitenden für seine oder ihre Arbeitsumgebung &#8211; egal, wie änderungswürdig sie ist. Oder, <a href="http://www.dissentmagazine.org/online_articles/feminisms-tipping-point-who-wins-from-leaning-in">wie es Kate Loose ausdrückt:</a> “Sandberg’s revolution is not asking corporations to renovate their operations to eliminate sexism. Rather, revolution in &#8216;Lean In&#8217; is a battle to restructure the self.”</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Nur tun, als ob, ändert die Welt nicht</h2>
<p dir="ltr">Die Camouflage am Ich statt die Forderung nach echter Veränderung im Denken und Handeln von Organisationen und Männern ist beispielsweise das, was Sandberg aus dem Heidi-Experiment als Lehre zieht. 2003 legte eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität New York und der Columbia Business School Studenten einen Bericht über eine beruflich immens erfolgreiche Person vor. Nur eine Gruppe liest den echten Namen der beschriebenen Person: Heidi Roizen. Für die andere Gruppe wird der Name gegen Howard ausgetauscht. Das Ergebnis nach dem Lesen: Heidi wird als kalt, berechnend und karrierebesessen bewertet, Howard als sympathisch und aufstrebend. Sandbergs schafft es, diese Ungleichbehandlung von Frauen und Männern am Arbeitsplatz mit Studienergebnissen zu illustrieren. Allerdings ist ihre Ableitung daraus, dass Frauen sich ungerechten Erwartungen anpassen sollen, um erfolgreich zu sein. Sie sollen zum Beispiel in Gehaltsverhandlungen nicht ihre Verdienste in bestimmten Unternehmensbereichen, sondern ihren Beitrag zum Wohl der Gemeinschaft herausstellen, um die gewünschte Gehaltserhöhung zu bekommen – auch wenn sie ihren monetären Wert für das Unternehmen kennen, beispielsweise gezählt an akquirierten Kunden. Sandbergs Rechnung: Frauen sollen Ehrgeiz hinter einer Fassade von als “weiblich” wahrgenommenen Eigenschaften verstecken. Was kurzfristig und im Einzelfall funktionieren mag, ändert aber kein tiefergehendes Problem: Die Tatsache, dass Frauen etwas negativ ausgelegt wird, was für Männer selbstverständlich ist.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Eure Erwartungen interessieren uns nicht</h2>
<p dir="ltr">In dieser Beziehung ist Fey kompromissloser und sympathischer, weil sie niemandem rät, zu sein, was er oder sie nicht ist. Ihr Rat an Frauen, die auf geschlechtsspezifische Diskriminierung am Arbeitsplatz treffen: Finde erstmal heraus, ob dich die Meinung deines Gegenübers kümmern muss, weil er oder sie dir deinen Weg verbauen kann. Wenn nicht: Gib keinen Deut darauf, was die Person denkt. Steck deine Energie in Nützlicheres. Wenn Ja: Finde einen Weg, an ihm oder ihr vorbeizukommen. Wenn es dein Boss ist, geh zu seinem oder ihrem Boss. Such dir einen anderen Job, mach dich unabhängig von der Erwartung deines Gegenübers. Anschaulich erzählt wird das am Beispiel der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=T7N_L_pu74k">ebenfalls großartigen Komödiantin Amy Poehler</a>, die auf den weinerlichen Einspruch eines Kollegen, während eines Sketches doch nicht so unweiblich zu sein, mit vor Wut schwarzen Augen zischte: “I don’t care what you think.” Diese Botschaft ist mächtig, weil sie den auch von Sandberg als Karrierehindernis zitierten sozialisationsbedingten frauenspezifischen Wunsch, gemocht zu werden, auf seinen Platz verweist; und der ist eben nicht hinter einem Schreibtisch eines Unternehmens. Ich zitiere an dieser Stelle gern aus dem Archetyp der Darstellung eines Friss-oder-Stirb-Karrierewegs, nämlich diversen US-Reality-Shows:<a href="https://www.youtube.com/watch?v=w536Alnon24"> “I’m not here to make friends”</a>. Ohne ein Freibrief für Arschlochverhalten zu sein, bedeutet dieser Tipp: Beliebtheit ist nicht so wichtig, wie gute Arbeitsergebnisse abzuliefern.</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Frauen fördern keine Frauen</h2>
<p dir="ltr">Ein anderer handfester Tipp von Fey zum Kontern geschlechtsspezifischer Diskriminierung ist, sich nie einreden zu lassen, es gäbe nicht genug Platz für mehr als eine Frau an der Spitze. Das korrespondiert mit einem aus der Forschung zu Frauenkarrieren bekannten Phänomen: Frauen fördern keine Frauen, aus Angst, dass “oben” nur Platz für Eine sei. Fey sagt: Der Glaube, nur besser als die anderen Frauen sein zu müssen, verengt das Sichtfeld. Jeder und jede ist im Wettstreit mit jedem und jeder. Sich darauf zu konzentrieren, die Beste zu sein, ist besser, als nachzurechnen, wie viele Frauen vor dir nach oben gekommen sind.</p>
<p dir="ltr">Wo sich Sandberg und Fey dann wieder einig sind, ist im Ratschlag, von Perfektionismus abzusehen. “Lean In” benutzt dafür die knackige Parole “Done is better than perfect”, Fey bezieht sich auf ihre Zeit bei SNL und zitiert ihren Ex-Boss Lorne Michaels: “Die Show fängt nicht an, weil sie fertig ist, sie fängt an, weil es halb zwölf ist.”</p>
<h2 style="text-align: center; margin: 6ex 0 3ex 0;">Sheryls Single-Problem</h2>
<p dir="ltr">Ein weiterer massiver Unterschied in Feys und Sandbergs Sicht auf einen erfolgreichen Karriereweg ist der Part, den Partner dabei spielen. Fey erwähnt am Rand, dass ihr Mann Erziehungsaufgaben übernimmt. Für Sandberg ist die Wahl des Partners nichts weniger als die bedeutsamste Karriereentscheidung, die eine Frau überhaupt treffen kann. Schon bei der Wortwahl runzelt sich meine Stirn, weil sie sagt, dass die Frage nach dem “ob” einer Partnerschaft die entscheidende Karrierefrage sei.</p>
<p dir="ltr">Ob?</p>
<p dir="ltr">Wirklich, Sheryl? Ob?</p>
<p dir="ltr">Das letzte Mal, als ich das mit diesem “Und sie lebten glücklich usw.” ausprobiert habe, lag es nicht wirklich nur in MEINER Hand, ob das was wird, oder nicht. Einen Partner zu finden, ist nicht, wie sich für ein T-Shirt zu entscheiden. Um in der Allegorie zu bleiben: Das T-Shirt namens Partner hat die blöde Angewohnheit, selbst ein Wörtchen beim zukünftigen Träger oder der Trägerin mitreden zu wollen. Natürlich ist es wichtig, dass, wenn man erstmal jemanden gefunden hat, der dich mag, wie man ist, er oder sie unterstützt, was man erreichen will. Aber so zu tun, als sei die Partnerwahl eine Voraussetzung für Karriere per se, ist ein Schlag ins Gesicht für all die, die Single bleiben, sei es, weil sie es wollen oder weil eine oder einer fürs Herz und den ganzen Rest nicht des Weges kommt. In Sandbergs Logik sind Singles per se karrierebenachteiligt und Partner am Ende nur ein Mittel der Selbstoptimierung im Dienst des Jobs. Ich hänge mich ja gern rein, Sheryl. Aber Partnersuche als Jobförderer und nichts anderes? Das ist einfach zu viel verlangt.</p>
<p dir="ltr">Klarer Punktsieg für Tina, also. Indem sie Frauen sagt, dass ihr Weg nicht von der Art, wie Männer sie sehen und ob sie attraktive Partnerinnen abgeben, abhängen muss, gibt sie ihnen die Freiheit, selbstbewusst voranzuschreiten. Nicht ganz unwichtiger Tipp dabei: “Stell nie die Leute ein, die dich schlecht behandelt haben.”</p>
<p dir="ltr">
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